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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2009

Fischerei: Käpt'n Iglo auf Ökokurs

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Tausende Tonnen Kabeljau werden nutzlos in die Nordsee geworfen, Schollenfischer durchpflügen den Meeresgrund. Nur eine neue Form nachhaltiger Fischerei kann Umwelt und Fischbestand vor den deutschen Küsten schonen - der Fang mit großmaschigen, bodenfreundlichen Netzen.

Nordsee: Die Rettung des Kabeljau Fotos
DER SPIEGEL

Ein gemütlicher Ort ist es nicht, das Fischereimotorschiff FMS "Susanne", nicht für den Fisch und auch nicht für den Menschen.

Sechs Männer bilden die Crew, der Kapitän schläft fast nie, die Matrosen selten. Ihre Kajüten sind kaum größer als die Stockbetten darin. Alle vier bis fünf Stunden klingelt der Wecker, dann wird das Netz gehievt.

Der Seelachs, ein Räuber aus der Familie der Dorsche, kommt auf das Schiff von achtern - in ballonartig geblähten Netzen. Die Fische patschen aufs Deck, sausen eine Luke hinab direkt in eine Apparatur aus Schlachtmaschine, Förderband und Rutschen. Kaum gefangen, liegen sie entdarmt und nach Größe sortiert auf Eis. Gut hundert Tonnen kann "Susanne" auf einer Fangfahrt bunkern; und die kommen manchmal binnen weniger Tage zusammen.

Mit einer behördlich zugestandenen Jahresquote von 2.300 Tonnen Seelachs zählt das 40 Meter lange Schiff zu den beuteträchtigsten Frischfischfängern der Nordsee. Wichtiger aber: Es fischt obendrein erwiesenermaßen bestands- und naturschonend.

Und das ist selten in der Nordsee, einst einem der fischreichsten Meere der Erde - und einem, das besonders skrupellos ausgebeutet wird. Schollenfischer durchpflügen den Meeresgrund mit schwerem Metallgeschirr und hinterlassen submarine Mondlandschaften. Beifang, für den der Fänger keine Vermarktungslizenz hat, fliegt tonnenweise als Müll über Bord.

So wird, was früher Massenware war, zur Rarität. Der Hering stand zeitweise kurz vor der Ausrottung und erholte sich erst nach rigiden Fangverboten. Nun wird der Kabeljau knapp, einst ein Standardfisch norddeutscher Küche, heute eine teure Delikatesse.

Schwinden die Bestände, wird am Ende der Fischer zur bedrohten Art. Fangflotten aus acht Nationen, von Frankreich bis Norwegen, wetteifern um schrumpfende Bestände - eine schlechte Voraussetzung für ökologische Einsicht und freiwillige Selbstbeschränkung.

Als erster und einziger deutscher Fischfangbetrieb hat die Cuxhavener Kutterfisch-Zentrale, Eigner der "Susanne" und elf anderer Trawler, das internationale Umweltsiegel der Organisation Marine Stewardship Council (MSC) für seinen Seelachsfang erhalten. Ihre Produkte, frische und gefrorene Fischfilets, dürfen mit einer ovalen Kennzeichnung in den Handel. Sie zeigt einen Haken und ein Fischsymbol auf blauem Grund und soll den Konsumenten mit gutem Gewissen sättigen: Wer das hier isst, macht sich nicht mitschuldig am Raubbau auf den Meeren.

MSC, eine gemeinnützige Gesellschaft mit Sitz in London, wurde vor zwölf Jahren in einer Initiative der Naturschutzorganisation WWF und des Lebensmittelriesen Unilever gegründet, damals Dachkonzern des Tiefkühlkostfabrikanten Langnese-Iglo.

Der zunächst misstrauenweckende Versuch, Käpt'n Iglo auf Ökokurs zu trimmen, erwies sich als erfolgreiches Beispiel organisierten Bestandsschutzes: MSC rühmt sich inzwischen eines weltweiten Bekanntheitsgrads von über zehn Prozent, zertifiziert immerhin rund vier Prozent des globalen Seefischfangs - und das mit ausgesprochen strengen Richtlinien.

Wer das Gütesiegel tragen will, muss etlichen Anforderungen genügen: Unter anderem muss er sich von Fanggründen fernhalten, deren Bestände als überfischt oder gefährdet gelten, mit großmaschigen Netzen arbeiten, die die kleineren, noch nicht fortpflanzungsfähigen Tiere durchlassen, möglichst bodenschonende Grundschleppnetze einsetzen und sein Tun exakt dokumentieren.

Die Cuxhavener Firma Kutterfisch bewarb sich vor vier Jahren um das MSC-Siegel für Seelachs. Es schien ein eher leichtes Unterfangen. Die Flotte des Betriebs fischte schon damals mit sehr großmaschigen Netzen, da er aus verarbeitungstechnischen Gründen an großen Fischen interessiert war. Dennoch dauerte der Zertifizierungsprozess drei Jahre und kostete das Unternehmen gut 90.000 Euro.

Treibende Kraft hinter dem Ökovorstoß war Kai Arne Schmidt, mit 44 der jüngste der drei Geschäftsführer und mit 26 Jahren Betriebszugehörigkeit zugleich der dienstälteste. "Es ist der richtige Weg", sagt er ohne Pathos, "und wer soll ihn gehen, wenn nicht wir?"

Kutterfisch ist kein Unternehmen für Barfußläufer, die heimelige Ökoträume spinnen. Hinter dem urigen Firmenlogo verbirgt sich einer der größten heimischen Verarbeiter von Nordseefisch. Er fängt und verwertet 10.800 Tonnen Seelachs pro Jahr, über zwei Drittel der deutschen Quote. Für Dorsch, Hering und Flunder laufen bereits weitere MSC-Zertifizierungsprozesse.

Schmidt will beweisen, dass Fischfang im großen Stil auch bestandsschonend funktionieren kann. Und ihn treibt durchaus betriebswirtschaftliches Kalkül: "Nur Firmen, die diese Standards erfüllen, sind auf lange Sicht zukunftsfähig." Der Druck durch die Konsumenten nehme zu. So erwäge etwa der niederländische Handel, von 2012 an nur noch MSC-zertifizierte Ware aus der Nordsee zu vermarkten.

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