AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2009

Kunsthandwerk Der Herr der Ringe

Flohkutschen und Elfenbeinreliefs in Briefmarkengröße: Im 18. Jahrhundert schufen Künstler für Fürstenhöfe Miniaturen, deren Herstellungstechnik den Forschern bis heute unerklärlich ist. Jetzt sind erneut mysteriöse Wunderkammer-Objekte aufgetaucht. Wie wurden sie geschaffen?

Tina King

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Das Inferno begann Punkt Mitternacht: Soldaten mit Teerfackeln liefen durch die Straßen Altonas und zündeten Haus für Haus an. Fischerkaten gingen in Flammen auf, Brücken, Bürgerhäuser und Kirchen.

Planmäßig wurde die prosperierende Elbstadt im Januar 1713 zerstört. Fast alle Häuser verkohlten, in den Gassen roch es nach verbranntem Fleisch. Befohlen hatte den Terror der schwedische Feldmarschall Magnus Stenbock.

Der teuflische General, der bald danach in Festungshaft geriet, hinterließ der Nachwelt allerdings auch ein ganz anderes Werk, das geradezu überirdisch zu nennen ist. Die jahrelange Muße im Kerker nutzte er, um ein Collier zu basteln, das die feinmotorische Leistungskraft eines Homo sapiens zu überschreiten scheint.

Aus dem bleichen Zahn eines arktischen Narwals ist das 96 Zentimeter lange, 17,5 Gramm schwere Kleinod gefertigt. Es besteht aus 4802 Ringlein mit Durchmessern von nur etwa drei Millimetern. Manche der Glieder sind kaum 0,25 Millimeter dick - so groß sind Hausstaubmilben. "Ein solches Band aus hartem Elfenbein zusammenzufügen ist nahezu unvorstellbar", urteilt der Wiener Kunsthistoriker Peter Hartmann.

Lange befand sich das Collier auf der britischen Insel. Es habe einer "Familie aus dem Umkreis des englischen Königshauses" gehört, heißt es in der Verkaufsannonce des Münchner Auktionshauses Ahrend und Wager.

Der Uhrmacher Herfried Eder griff zu. Für 20.000 Euro erwarb er das Geschmeide und brachte es an einen sicheren Ort in der Schweiz.

Seither wähnt sich der Mann im Besitz einer "Weltsensation". Umfänglich hat er den Schmuck untersucht, die feinen Glieder durchgezählt, Materialproben genommen und hochauflösende Bilder von dem Objekt erstellt. Jetzt legte er seine Ergebnisse Museumskuratoren im In- und Ausland vor. Die reagierten fasziniert.

Denn erst genaues Studium offenbart, wie außergewöhnlich das Stück ist: Normalerweise haben Kettenglieder kleine Nähte, um sie miteinander verbinden zu können - nicht so aber die Ringlein des Stenbock-Colliers. Zwar ist das 300 Jahre alte Material von Spannungsrissen durchsetzt. "Systematische Sägestellen aber gibt es offenbar nicht", staunt die Kuratorin Astrid Scherp vom Bayerischen Nationalmuseum.

Das bedeutet: Der grause Feldherr schälte sein Juwel in einem einzigen Stück aus dem Walzahn heraus. Seine Arbeitsweise glich der von Michelangelo, der auf die Frage, wie er seine David-Statue so meisterhaft aus dem Marmor habe schlagen können, antwortete: "Der David war immer schon da gewesen. Ich musste lediglich den überflüssigen Marmor um ihn herum entfernen."

Seit Wochen knobeln nun schwedische und deutsche Museumskuratoren gemeinsam mit Elfenbeinspezialisten: Wie nur ging Stenbock vor? Welche Arbeitstechnik wendete er an?

Bekannt ist, dass Stenbock Ölbilder malte, er drechselte und schrieb Gedichte. Nach 1703 wurde er zum Kanzler der Universität Lund gekürt. Über seine Fingerfertigkeit aber berichten die Quellen nichts.

Selbst Helmut Jäger, der an Deutschlands einziger Berufsfachschule für Holz und Elfenbein in Erbach lehrt (und als begnadeter Handwerker zwölf Jahre lang alle beinernen Schmuckstücke aus dem Dresdner Grünen Gewölbe restaurierte), weiß keinen Rat.

"Vielleicht hat Stenbock den Walzahn mit Alaun oder einer anderen Tinktur biegsam gemacht", spekuliert er. Denkbar sei auch, dass der Rekordbastler seine Wunderkette auf einer Wippdrehbank formte - "allerdings hätte ihn das unvorstellbare Mühe gekostet" (siehe Grafik).

Hinter vergitterten Fenstern, bei Wasser und Brot, eine schwere Lupenbrille auf der Nase, in der Hand Kettenglieder im Flohformat, an denen er Monat für Monat herumhobelte - so, glaubt Eder, habe man sich den Wahnfried aus Schweden vorzustellen.

Unbezweifelt ist vorerst nur das Alter der Mirabilie. Sie entstammt jener Zeit, als Europas Potentaten mit Leidenschaft ihre Wunderkammern mit Seltsamkeiten und wertvollen Raritäten vollstopften. Eigenartige Kollektionen kamen so zusammen, halb Freakshow und Krempelzirkus, halb Schautempel höchster Kunstfertigkeit.

Bereits im 16. Jahrhundert schufen geschickte Handwerker für den Adel Kabinettstücke aus den Zähnen von Haien und Pottwalen, sie formten Becher aus Nautilusschalen, Spieluhren und Automaten mit undurchschaubarem Räderwerk. Auch kleine Anatomiepuppen mit herausnehmbaren Organen wurden gefertigt und Schatzkästlein mit trickreichen Verschlussmechanismen.

Oft verblüfft die schiere Winzigkeit der Schaustücke. Schon im 16. Jahrhundert bewegte sich die Zunft im Millimeterbereich. Sie schuf "Flohkütschlein", verzierte Kirschkerne und Kegelspiele, die in ausgehöhlte Pfefferkörner passten.

Als wichtigste Hilfsmittel dienten dabei metallische Drehbänke. In schneller Rotation drehten sich die eingespannten Werkstücke, während scharfe Schaber, gebogene Fräsen und Löffelmesser im automatischen Takt Spiralen oder komplizierte Schlangenlinien ins Material frästen.



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