AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2009

Fußball: Dreieckshandel über Uruguay

Von Christoph Biermann, und

2. Teil: Vermittler beweisen eine erstaunliche Kreativität, um Clubs zu schröpfen

Spielertransfers: Teure Star-Vermittlung Fotos
DPA

Als Guerrero 2006 zum HSV wechselte, machte Delgado erneut Kasse. Bei den Verhandlungen schrieb er auf einen Zettel die Zahl, die für ihn als Provision drin sein musste: 450.000 Euro. Die Rechnung an die "Señores Hamburger Sport-Verein" reichte er am 27. Oktober nach. Weitere drei Tage später verpflichtete sich Guerrero, 378.000 Euro auf Delgados Privatkonto zu zahlen. Offenbar um dem Eindruck entgegenzuwirken, er habe auch von Guerrero eine Transferprovision kassiert, setzte Delgado ein Schreiben auf, in dem er die Überweisung als "Rückzahlung eines persönlichen Darlehens" bezeichnet. Spieler und Berater unterschrieben das Papier. Kurz darauf trennte sich Guerrero von seinem langjährigen Agenten.

Nur selten gelangen derartige Dokumente in fremde Hände, Spielervermittler verstehen sich auf Diskretion. Die Akte Delgado liegt offen, weil seine Verflossene, ein früheres Unterwäsche-Model, kofferweise Beweismaterial aus seinen Beständen entwendet hatte. Nun staunt die Welt, wie locker es ein früherer Hotelangestellter aus Lima, der gern Cowboystiefel trägt, mit der Vermittlung von Fußballprofis zum vielfachen Millionär gebracht hat.

Die Staatsanwaltschaft in Lima ermittelt derzeit gegen Delgado wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und Geldwäsche. Der Agent beteuert seine Unschuld. Für die Bosse von Werder Bremen sind die Ermittlungen kein Grund, auf seine Dienste zu verzichten. So saß Delgado wieder mit am Tisch, als die Bremer in der vorvergangenen Woche Claudio Pizarro vom FC Chelsea kauften.

Wie schnell es zu unangenehmen Überraschungen kommen kann, wenn zwielichtige Agenten mit im Spiel sind, musste die Führung des Hamburger SV erleben.

Im Sommer 2004 hatten die Norddeutschen den belgischen Nationalspieler Emile Mpenza von Standard Lüttich verpflichtet. Dessen Unterhändler war eine der schillerndsten Figuren der Szene: Luciano D'Onofrio, ein Zigarillo rauchender Bonvivant, der auch mal zum engsten Kreis um Zinédine Zidane gehört hatte.

Anfang 2006 zog Mpenza weiter nach Katar, danach tauchten plötzlich Ermittler in der HSV-Geschäftsstelle auf. Sie legten ein Rechtshilfeersuchen vor und verlangten Einsicht in sämtliche Vereinbarungen des Clubs mit D'Onofrio. Der Verdacht richtete sich nicht gegen den HSV, die Fahnder nahmen sämtliche Dokumente mit. Im Oktober 2007 wurde D'Onofrio wegen Unregelmäßigkeiten bei Geschäften mit dem Club Olympique Marseille zu einer Haft- und Geldstrafe verurteilt.

Jetzt haben sich die Hamburger erneut mit einem Berater eingelassen, der kaum etwas mehr hasst als Fragen zu seinem Geschäftsmodell: Juan Figer, Spitzname "das Phantom" - ein Mann, der den Handel mit Kickern aus Südamerika dominiert, diesseits und jenseits des Atlantiks.

Figer hat dem HSV Anfang Juli den Mittelfeldspieler Zé Roberto beschert, der von Bayern München kam - ablösefrei, wie es in allen Zeitungen und Sportmagazinen heißt. Wahr ist, dass der HSV für den Brasilianer rund vier Millionen Euro Ablöse zahlte - an den Club Nacional in Montevideo, Uruguay. Vereinsboss Bernd Hoffmann bestätigte dem SPIEGEL den Vorgang, zur Höhe der Ablösesumme äußerte er sich nicht.

Bereits im Sommer 2007, als Zé Roberto vom brasilianischen Club FC Santos zum FC Bayern wechselte, hieß es allerorten, der Spieler sei ablösefrei nach München gekommen. Nach Recherchen des SPIEGEL lief auch dieser Transfer anders. Schon damals lagen die Transferrechte an Zé Roberto bei Nacional Montevideo - einem Club, für den er nie spielte. Die Münchner einigten sich mit Berater Figer auf eine Ausleihgebühr in Höhe von einer Million Euro, die sie Nacional Montevideo überwiesen, um den Brasilianer bis zum 30. Juni 2009 verpflichten zu können. Bayern-Manager Hoeneß bestätigte dies.

Der Dreieckshandel zwischen Brasilien und Europa über Uruguay ist schon lange eine Spezialität des Spielervermittlers Juan Figer. Vor zwölf Jahren, als Zé Roberto von seinem Club Portuguesa São Paulo zu Real Madrid wechselte, lotste Figer den Spieler auch schon kurzzeitig nach Montevideo, um den Transfer über Uruguay abzuwickeln. Damals wurde Zé Roberto beim Club Central Español Montevideo zwischengeparkt.

Am 29. November 1997 tat sich Erstaunliches. Erst überwies Central Español Montevideo eine Ablösesumme in Höhe von 4,6 Millionen Dollar an Zé Robertos alten Club in São Paulo. Dann liefen auf dem Vereinskonto von Central Español 9,98 Millionen Dollar von Real Madrid ein, dem Verein, der Zé Robertos tatsächliches Ziel war. So blieb in der Kasse des Clubs in Uruguay auf einen Schlag ein Plus von über fünf Millionen Dollar. Wer von dem Geld profitierte, wurde nie geklärt.

In einem vierbändigen Abschlussbericht über den weltweiten Handel mit brasilianischen Fußballprofis, den ein Untersuchungsausschuss des Senats 2001 in der Hauptstadt Brasília vorlegte, attestieren die Parlamentarier Figer "Unregelmäßigkeiten bei Wechsel- und Finanzgeschäften". Vermutet wird, dass der mächtige Agent einige Clubs in Uruguay unter Kontrolle hält - und auf diese Weise Zugriff auf die Ausleihgebühren und Ablösesummen hat, die dort für von ihm vermittelte Profis eingehen. Figer äußerte sich dazu nicht.

Wenn es darum geht, Clubs zu schröpfen, beweisen Vermittler auch in den Niederungen des deutschen Fußballs erstaunliche Kreativität. Dies belegt ein Vertrag zwischen der Berliner Agentur FRV Sportmanagement GmbH und Eintracht Trier, der dem SPIEGEL vorliegt.

Demnach lieh FRV den Trierern im Juli 2001 "Risikokapital" in Höhe von 120 000 Mark, um dem Verein den Aufstieg in die Zweite Liga zu ermöglichen. Die Rückzahlungsmodalitäten muten an, als seien die Bosse von Eintracht Trier mit einer Schusswaffe bedroht worden, als sie unterschrieben. Denn sie zahlten nicht nur das Darlehen zurück, sondern nach dem Aufstieg weitere 500 000 Mark - als Risikoprämie. Der damalige FRV-Eigentümer René Deffke, ein Berliner, ist noch heute stolz: "Det war ein jutes Jeschäft, wa?"

Etwas mehr Transparenz könnte nicht schaden. Wie das funktionieren kann, zeigt der englische Verband. Seit Anfang Juli gelten auf der Insel strenge Regeln, die in einem 38 Seiten umfassenden Kodex zusammengefasst sind. Demnach müssen lizenzierte Berater von der Insel dem Verband spätestens fünf Tage nach einem Deal alle Zahlungsmodalitäten offenbaren.

Die Vereine wiederum sind verpflichtet, zukünftig zum 30. November jedes Jahres zu publizieren, an welchen Berater welche Summen geflossen sind. Das britische Regelwerk dient auch als Vorlage für die Fifa, die vom kommenden Jahr an für die Vereine eine weitreichende Berichtspflicht über Transferdetails einführen will.

Beim DFB laufen derweil die Vorbereitungen für die nächste Vermittlerprüfung am 24. September. Wer sie besteht, darf sich - wie derzeit 262 Männer und Frauen - als lizenzierter Berater bezeichnen.

Über 100 Kandidaten haben sich gemeldet. Es ist nicht gerade die Intelligenzija, die sich da zweimal im Jahr in Frankfurt am Main versammelt. Die Durchfallquote bei dem Test liegt bei 75 Prozent.

CHRISTOPH BIERMANN, JÖRG KRAMER,

MICHAEL WULZINGER

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Forum - Spielerberater vs. Clubs - Würgegriff oder nützliche Symbiose?
insgesamt 12 Beiträge
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    Seite 1    
1.
noodl 02.09.2009
Solange es sich um seriöse Berater handelt, ist doch alles okay. Wenn man allerdings Geschichten wie die von Diego beim geplatzen Bayern-Deal hört, kann man sicherlich von einem Würgegriff reden. Worin liegt der Sinn mehrere Berater zu haben?
2.
lemmiecaution 02.09.2009
Ist schon witzig. Ausgerechnet die Bayern, die international so heftig für Begrenzungen der Transfersummen eintreten, scheren aus und blockieren eine einheitliche Haltung gegenüber Abzockern aus dem "Spielerberatermilieu". Die würden - so verstehe ich deren Aussage - auch Teufels Großmutter bezahlen, um einen Spieler zu bekommen. Zitat aus dem Spiegel-Onlien-Artikel : "Vor drei Jahren versuchten die Clubs, sich auf eine Linie im Umgang mit schlecht beleumundeten oder nicht lizenzierten Vermittlern zu einigen. Doch es zeigte sich, dass es nicht weit her ist mit der Solidarität in der Liga. Bereits beim ersten Treffen, erinnert sich ein Teilnehmer, habe der Vertreter von Bayern München wissen lassen, dass er auch 20 Prozent Provision an einen Berater zahle, wenn er einen Spieler unbedingt wolle. Damit war die Debatte beendet." Aber so wird das nix mit der Solidarität (was für ein Begriff in diesem Haifischbecken...).
3.
MOUXIN 02.09.2009
Leute, die Kohle machen, ohne wirklich was dafür zu tun gehen mir immer auf den S.a.c.k. Da sind Spielerberater aber sicher bei weitem nicht die einzigen. Immobilien-Makler würden mir auch mal so spontan einfallen. Oder Bundeskanzler a.D., die sich dann ebenfalls "Berater" nennen. Ist halt so. Wenn die Spieler meinen, dass sie das brauchen... Ein Spieler, der sich selber berät könnte ja wohl auch das Berater-Geld einstreichen. Aber lustig, dass die Bayern auch in diesem Artikel wieder die Bösen sind. Da fällt mir übrigens ein Lied der Ärzte ein: "Und er lächelt, denn er weiß: Das Böse siegt immer!"
4.
lemmiecaution 02.09.2009
Zitat von MOUXINLeute, die Kohle machen, ohne wirklich was dafür zu tun gehen mir immer auf den S.a.c.k. Da sind Spielerberater aber sicher bei weitem nicht die einzigen. Immobilien-Makler würden mir auch mal so spontan einfallen. Oder Bundeskanzler a.D., die sich dann ebenfalls "Berater" nennen. Ist halt so. Wenn die Spieler meinen, dass sie das brauchen... Ein Spieler, der sich selber berät könnte ja wohl auch das Berater-Geld einstreichen. Aber lustig, dass die Bayern auch in diesem Artikel wieder die Bösen sind. Da fällt mir übrigens ein Lied der Ärzte ein: "Und er lächelt, denn er weiß: Das Böse siegt immer!"
Aber Mouxin, das steht nun mal da. So sind sie halt, die Bayern...
5.
Dylan1941 02.09.2009
Zitat von lemmiecautionAber Mouxin, das steht nun mal da. So sind sie halt, die Bayern...
Vor allen Dingen sind es doch die Bayern die jahrzehntelang in D so hasten wie Real und Co. international. Jetzt wo Ihr Konzept international nicht mehr aufgeht wollen sie nen Paragraphen weg haben . Regen sich bei real udn co. über Transfergebahren auf und mussten bei Pizza Adidas bemühen weil die eigene Patte nicht ausreichte. Verlogener geht kaum und dann noch pikiert tun wenn man sie als Beispiel heranzieht
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