AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2009

Fußball: Dreieckshandel über Uruguay

Von Christoph Biermann, und

Die hohen Profite auf dem Transfermarkt locken auch windige Vermittler an. Häufig lassen sich Clubs die finanziellen Details bei den Spielerwechseln von den Beratern diktieren. Manches davon bewegt sich am Rande der Legalität - wie im Fall des Brasilianers Zé Roberto.

Spielertransfers: Teure Star-Vermittlung Fotos
DPA

Früher war sein Leben Musik, Großstadtmusik, rebellische Musik. An einer Wand seines geräumigen Büros in der Altstadt von Aix-en-Provence hängt eine DVD aus Platin, es ist eine Auszeichnung für 150.000 verkaufte Live-Mitschnitte des größten HipHop-Festivals, das Frankreich bis dahin erlebt hatte: 50.000 Menschen kamen ins Pariser Stade de France, und Karim Aklil hatte es organisiert. Sieben Jahre ist das her.

Heute ist sein Leben Fußball. Man erkennt es an der Wand im Nebenzimmer. Dort hängen, gerahmt und hinter Glas, mehr als ein Dutzend Trikots mit Namen über den Rückennummern. Sie gehören seinen Spielern.

Karim Aklil, 35, der in Frankreichs Musikszene selbst ein Star war und dessen Nähe auch junge Fußballprofis suchten, die "auf Autos, ein schönes Leben und HipHop" standen, ist jetzt Spielervermittler, und so wie er sich anhört, hat er auch hier Großes vor. "Ich bin immer sehr ehrgeizig", sagt der Mann mit dem kurzen schwarzen Haar, nachdem er am Telefon einen lästigen Konkurrenten abgebügelt hat, "ich will die Nummer eins werden."

Das dürfte schwierig werden, zumindest auf dem deutschen Markt. Aklil hat in der an diesem Montag endenden Transferperiode für den wohl größten Eklat gesorgt. In einer öffentlich inszenierten Intrige versuchte er, den Hoffenheimer Torjäger Demba Ba aus seinem bis 2011 laufenden Vertrag zu hebeln und beim VfB Stuttgart unterzubringen. Dort hätte der Stürmer rund das Vierfache verdient - und Aklil hätte eine hohe sechsstellige Provision kassiert.

Der Deal platzte. Seither gilt der Franzose als Prototyp des Abzockers, für den ein gültiger Vertrag nicht mehr wert ist als die Zeitung vom Vortag. Hoffenheims Manager Jan Schindelmeiser nennt Aklil nur noch "Ali Baba", was nach Wegelagerer klingen soll. Und Holger Hieronymus, bei der Deutschen Fußball Liga als Geschäftsführer für den Spielbetrieb zuständig, sagt: "Da zeigte sich wieder das Schmuddelimage der Branche."

Es sind enorme Summen im Spiel. In der Saison 2007/08 schoben die deutschen Proficlubs für Transfers knapp 230 Millionen Euro hin und her; die Ausgaben für Spielergehälter lagen im selben Zeitraum bei 786 Millionen Euro; und die Provisionen für Vermittler betrugen knapp 59 Millionen Euro, "Tendenz weiter steigend", wie Hieronymus sagt.

Die hohen Gewinnmargen ziehen neben zahlreichen seriösen Beratern auch viele windige Figuren an: Autohändler, gescheiterte Vereinsmanager, Kampfsportler mit und ohne Knasterfahrung oder Immobilienkönige vom Hamburger Kiez.

Das Entree bei den Clubs wird all diesen Glücksrittern ziemlich leichtgemacht. Zwar verlangt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) von jedem eine Lizenz, der bei einem Transfer als Berater auftritt und kein Anwalt ist. Doch die Vereine scheren sich nicht mehr um derartige Formalien, sobald sie für einen Spieler entflammt sind.

Vor drei Jahren versuchten die Clubs, sich auf eine Linie im Umgang mit schlecht beleumundeten oder nicht lizenzierten Vermittlern zu einigen. Doch es zeigte sich, dass es nicht weit her ist mit der Solidarität in der Liga. Bereits beim ersten Treffen, erinnert sich ein Teilnehmer, habe der Vertreter von Bayern München wissen lassen, dass er auch 20 Prozent Provision an einen Berater zahle, wenn er einen Spieler unbedingt wolle. Damit war die Debatte beendet.

Zehn Prozent sind die Regel. Das bedeutet: Kassiert ein Profi in vier Jahren ein Festgehalt in Höhe von acht Millionen Euro brutto, überweist der Club dem Berater 800.000 Euro, in der Regel zu gleichen Teilen auf die Vertragsdauer portioniert. Gängige Praxis ist auch, dass die Agenten an Einsatz-, Sieg- oder Titelprämien ihrer Spieler partizipieren. Gelegentlich beanspruchen sie auch einen Anteil der Ablösesumme für sich.

So kassierte Djair da Cunha, der Vater und Berater des brasilianischen Nationalspielers Diego, bei dessen Wechsel von Werder Bremen zu Juventus Turin im Mai neben seinem Anteil am Bruttogehalt auch 15 Prozent der Ablösesumme, die bei knapp 25 Millionen Euro lag. Vergebens hatte er noch versucht, den Preis für Diego nach oben zu treiben, indem er sich mit den Bossen des FC Bayern München traf - obwohl er sich da mit den Italienern schon geeinigt hatte.

Bei so viel Chuzpe überrascht es nicht, dass sich die Clubbosse schon immer über Spielervermittler beschwert haben, die "den Hals nicht vollkriegen". "Haie" nannte sie der frühere Schalke-Manager Rudi Aussauer, der einstige Vorstandschef des 1. FC Kaiserslautern, René Jäggi, polterte: "Blinddärme! Niemand braucht sie."

Seltsam nur, dass die beiden nach dem Ende ihrer Vereinskarrieren nun selbst Spieler vermitteln. Auch Christian Hochstätter, früher Manager bei Borussia Mönchengladbach und Hannover 96, hat die Seiten gewechselt, genauso wie der einstige Kaiserslauterer Vorstandsvorsitzende Jürgen Friedrich oder der ehemalige Leverkusener Manager Reiner Calmund.

Sie alle kennen die Usancen der Branche. Und da kommt es immer mal wieder vor, dass sich bei einem Transfer Berater unter der Hand von zwei Seiten entlohnen lassen - auch wenn dies ein Verstoß gegen den Fifa-Kodex ist. Kaum einer zeigt sich dabei so begabt wie der Peruaner Carlos Delgado.

Nachdem der Spielervermittler den Stürmer Claudio Pizarro im Sommer 2001 von Werder Bremen zum FC Bayern transferiert hatte, verschickte er zwei Rechnungen: eine an die "Señores FC Bayern München" in Höhe von 1,5 Millionen Dollar, Monate später eine weitere an Pizarro in Höhe von 2,25 Millionen Dollar. Delgado partizipierte auch an einem über 21 Millionen Dollar schweren Werbedeal des Profis mit Adidas. So brachte ihm Pizarros Transfer nach München in weniger als zwei Jahren exakt 6.926.702 Dollar ein.

Ein Gespür für schnelles Geld bewies Delgado auch mit Paolo Guerrero. Anfang März 2005 verlängerte er den 2006 auslaufenden Vertrag des Stürmers mit dem FC Bayern vorzeitig um zwei Jahre. Dafür erhielt Delgado von den Münchnern 300.000 Euro.

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Forum - Spielerberater vs. Clubs - Würgegriff oder nützliche Symbiose?
insgesamt 12 Beiträge
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    Seite 1    
1.
noodl 02.09.2009
Solange es sich um seriöse Berater handelt, ist doch alles okay. Wenn man allerdings Geschichten wie die von Diego beim geplatzen Bayern-Deal hört, kann man sicherlich von einem Würgegriff reden. Worin liegt der Sinn mehrere Berater zu haben?
2.
lemmiecaution 02.09.2009
Ist schon witzig. Ausgerechnet die Bayern, die international so heftig für Begrenzungen der Transfersummen eintreten, scheren aus und blockieren eine einheitliche Haltung gegenüber Abzockern aus dem "Spielerberatermilieu". Die würden - so verstehe ich deren Aussage - auch Teufels Großmutter bezahlen, um einen Spieler zu bekommen. Zitat aus dem Spiegel-Onlien-Artikel : "Vor drei Jahren versuchten die Clubs, sich auf eine Linie im Umgang mit schlecht beleumundeten oder nicht lizenzierten Vermittlern zu einigen. Doch es zeigte sich, dass es nicht weit her ist mit der Solidarität in der Liga. Bereits beim ersten Treffen, erinnert sich ein Teilnehmer, habe der Vertreter von Bayern München wissen lassen, dass er auch 20 Prozent Provision an einen Berater zahle, wenn er einen Spieler unbedingt wolle. Damit war die Debatte beendet." Aber so wird das nix mit der Solidarität (was für ein Begriff in diesem Haifischbecken...).
3.
MOUXIN 02.09.2009
Leute, die Kohle machen, ohne wirklich was dafür zu tun gehen mir immer auf den S.a.c.k. Da sind Spielerberater aber sicher bei weitem nicht die einzigen. Immobilien-Makler würden mir auch mal so spontan einfallen. Oder Bundeskanzler a.D., die sich dann ebenfalls "Berater" nennen. Ist halt so. Wenn die Spieler meinen, dass sie das brauchen... Ein Spieler, der sich selber berät könnte ja wohl auch das Berater-Geld einstreichen. Aber lustig, dass die Bayern auch in diesem Artikel wieder die Bösen sind. Da fällt mir übrigens ein Lied der Ärzte ein: "Und er lächelt, denn er weiß: Das Böse siegt immer!"
4.
lemmiecaution 02.09.2009
Zitat von MOUXINLeute, die Kohle machen, ohne wirklich was dafür zu tun gehen mir immer auf den S.a.c.k. Da sind Spielerberater aber sicher bei weitem nicht die einzigen. Immobilien-Makler würden mir auch mal so spontan einfallen. Oder Bundeskanzler a.D., die sich dann ebenfalls "Berater" nennen. Ist halt so. Wenn die Spieler meinen, dass sie das brauchen... Ein Spieler, der sich selber berät könnte ja wohl auch das Berater-Geld einstreichen. Aber lustig, dass die Bayern auch in diesem Artikel wieder die Bösen sind. Da fällt mir übrigens ein Lied der Ärzte ein: "Und er lächelt, denn er weiß: Das Böse siegt immer!"
Aber Mouxin, das steht nun mal da. So sind sie halt, die Bayern...
5.
Dylan1941 02.09.2009
Zitat von lemmiecautionAber Mouxin, das steht nun mal da. So sind sie halt, die Bayern...
Vor allen Dingen sind es doch die Bayern die jahrzehntelang in D so hasten wie Real und Co. international. Jetzt wo Ihr Konzept international nicht mehr aufgeht wollen sie nen Paragraphen weg haben . Regen sich bei real udn co. über Transfergebahren auf und mussten bei Pizza Adidas bemühen weil die eigene Patte nicht ausreichte. Verlogener geht kaum und dann noch pikiert tun wenn man sie als Beispiel heranzieht
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