AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2009

Medizin: Misshandelt im Mutterleib

Von Jörg Blech

Jedes Jahr kommen in Deutschland 4000 Babys auf die Welt, deren Gehirn durch Alkohol dauerhaft geschädigt ist. Ohne klare Diagnose werden viele von ihnen an Pflege- und Adoptiveltern vermittelt, die von den geistigen Behinderungen oft nichts wissen und an den Kindern verzweifeln.

Medizin: Misshandelt im Mutterleib Fotos
Norbert Michalke

Auf den ersten Blick gehen Heide und Lisa als Zwillinge durch. Sie tragen die braunen Haare nach hinten, haben blaugraue Augen und sind knapp 1,60 Meter groß.

Doch ansonsten haben die beiden Schwestern wenig gemein. Heide, 19, und Lisa, 20, sind nicht blutsverwandt und nur zufällig zusammen aufgewachsen. Jeweils wenige Wochen nach der Geburt wurden sie von einem Ehepaar im westfälischen Soest aufgenommen und adoptiert.

Maria, 56, und Gerhard, 58, die ihren Nachnamen lieber nicht öffentlich machen möchten, konnten keine eigenen Kinder kriegen; mit der Ankunft der beiden Adoptivbabys schien sich ein Traum zu erfüllen. "Endlich", sagt Maria, "hatten wir eine Familie." Sie führte den Haushalt im 200 Quadratmeter großen Eigenheim, er arbeitete als Professor für Maschinenbau.

Lisa, die Ältere, ist von Anfang an gediehen. Sie hat das Abitur bestanden und nimmt in diesen Tagen ein Studium der Medizin auf.

Ganz anders dagegen Heide. "Sie war ein ängstliches Baby und eckte schon im Kindergarten an", erzählt die Mutter. "Heide war unruhig und laut." Als Teenager kam sie im Unterricht kaum mit. Sie schwänzte die Schule, hing zwischenzeitlich mit Punkern am Bahnhof herum.

Heute besucht sie ein spezielles Kolleg für behinderte Menschen und rastet leicht aus, wenn ihr etwas nicht passt. "Du hast doch den Arsch auf", hat sie ihren Vater schon angebrüllt. Und ihre Mutter beschimpfte sie: "Du blöde Fotze!"

Das Verhalten brachte die Eltern zur Verzweiflung. Hatten sie Heide nicht genauso liebevoll wie Lisa aufgenommen? Zwar stammt Heide - wie auch Lisa - aus schwierigen Verhältnissen und war nur deshalb zur Adoption freigegeben worden. Zugleich aber hatten Mitarbeiter des Jugendamts beschwichtigt: Dem Säugling fehle nichts.

Doch nach einer jahrelangen Odyssee von Therapeut zu Therapeut haben die Eltern allen Grund, an den damaligen Aussagen zu zweifeln. Heide kam offenbar schwer behindert auf die Welt: Noch im Leib ihrer Mutter wurde ihr Gehirn durch Alkohol dauerhaft geschädigt. "Embryofetales Alkoholsyndrom" lautet die Diagnose, die ein Arzt vor zwei Jahren gestellt hat.

Als es darum ging, das Baby schnell zu vermitteln, haben Mitarbeiter des zuständigen Jugendamts Soest anscheinend nicht die ganze Wahrheit erzählt. Im Dezember 1989, nur einen Monat nach Heides Geburt, hatte eine Sachbearbeiterin in einer internen Aktennotiz ein heftiges Alkoholproblem vermerkt: Die Mutter habe die Schwangerschaft erst im vierten Monat festgestellt und "gab an, täglich betrunken gewesen zu sein, und deswegen erfolgte ihre Einweisung in das Landeskrankenhaus Eickelborn".

Von diesem brisanten Eintrag hätten die späteren Adoptiveltern damals kein Sterbenswörtchen zu hören bekommen, sagen Maria und Gerhard. Erst als sie nachforschten, habe man davon erfahren - da lebte Heide bereits 17 Jahre bei ihnen. Die zuständige Sachbearbeiterin wollte sich vorige Woche gegenüber dem SPIEGEL nicht zur Sache äußern.

"Wir fühlen uns betrogen", sagt Gerhard, der vollbärtige Vater, im Rückblick. Und Maria, seine zierliche Frau, fügt hinzu: "Wenn die uns damals ehrlich gesagt hätten, das Kind ist geistig behindert, dann hätten wir uns das nicht zugetraut. Wir hätten die Heide nicht adoptiert."

Es ist eine Familientragödie, wie sie sich erschreckend häufig abspielen dürfte. In Deutschland kommen jedes Jahr 4000 Babys auf die Welt, deren Gehirn durch Alkohol geschädigt ist. Und immer deutlicher erkennen Neurowissenschaftler, dass die Verwüstungen im Denkorgan dauerhaft sind - die Betroffenen bleiben für den Rest des Lebens gezeichnet.

Die meisten Säuferkinder bleiben zunächst ohne klare Diagnose und werden - weil die trunksüchtige Mutter sie nicht versorgen kann - von den Behörden rasch in Pflege- oder Adoptivfamilien gegeben, die häufig nicht wissen, worauf sie sich einlassen. Erwartungsfreudige Eltern bekommen es mit unheilbar geistig behinderten Kindern zu tun, an deren Erziehung sie oftmals zerbrechen.

Doch weder das Schicksal der im Mutterleib misshandelten Kinder, von denen viele später im Knast, in der Irrenanstalt oder in der Gosse enden, noch dasjenige der ahnungslosen Ersatzfamilien hat bisher groß interessiert. Ganz im Gegenteil: Rund 14 Prozent aller schwangeren Frauen, so eine Umfrage des Robert Koch-Instituts, genehmigen sich Wein, Bier oder Schnaps.

Allerdings drängen Experten auf ein Umdenken. Ärzte und Psychologen, Erzieher und Eltern laden Mitte September an der Berliner Charité zu einer Tagung, die sich um embryonale und fetale Alkoholstörungen dreht. Zu den Initiatoren zählt der Kinderarzt Hans-Ludwig Spohr, 69, der wie kein Zweiter vor den Gefahren warnt. In seine Sprechstunde an den DRK-Kliniken Berlin/Westend kommen verzweifelte Adoptiv- und Pflegeeltern und stellen ihr Kind vor; mehr als 500 Diagnosen hat der Professor bisher gestellt.

"Wenn bestimmte Strukturen im Gehirn zerstört sind, kommt da nichts Gescheites mehr heraus", sagt Spohr. "Ein Kind mit einem Alkoholsyndrom adoptieren? Davon rate ich ab!"

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