AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2009

SPIEGEL-Gespräch "Es ist eine Tragödie"

CNN-Starreporterin Christiane Amanpour, 51, über die Probleme von Kriegsberichterstattung in Zeiten der Medienkrise, die Macht der Propaganda und neue Konkurrenz durch Twitter

AFP

Von und Thomas Schulz


SPIEGEL: Mrs. Amanpour, seit nunmehr 20 Jahren berichten Sie aus den heißesten Krisenregionen der Welt. Nun aber legen Sie die schusssichere Weste ab und gehen in ein TV-Studio in New York, wo Sie Ihr eigenes Fernsehformat moderieren. Wollen die Zuschauer die täglichen Horrorgeschichten aus Afghanistan oder dem Irak nicht mehr sehen?

Amanpour: Im Gegenteil, die Leute wollen verstehen, was dort los ist. Sie sind heutzutage nur zunehmend nachrichtenmüde, weil sie ständig bombardiert werden mit Eilmeldungen, bunten Infotafeln und Schlagzeilen, die nichts wirklich erklären. Das möchte ich ändern, indem unsere Sendung mehr Hintergründe, Erläuterungen und Perspektiven bietet - gerade auch aus solchen Ecken der Welt wie Afghanistan oder Iran. Und dazu werde ich weiter selbst in solche Regionen fliegen und vor Ort berichten.

SPIEGEL: Allerdings treffen Sie bei Ihren Reisen immer weniger Kollegen, denn viele Nachrichtenorganisationen sind durch die Medienkrise zum Sparen gezwungen. Oft wird als Erstes bei der teuren Kriegsberichterstattung gekürzt.

Amanpour: Das ist leider wahr. Und es beunruhigt mich sehr, denn ich bin der festen Meinung, dass die Vor-Ort-Berichterstattung von internationalen Krisenherden kein Luxus ist, sondern eine absolute Notwendigkeit. Informiert zu sein ist ein allgemeines Menschenrecht ...

SPIEGEL: ... das zu verteidigen allerdings immer gefährlicher wird.

Amanpour: Es ist schlimmer als je zuvor. Ich mache diesen Job seit zwei Jahrzehnten, und er wird immer gefährlicher! Das hat nichts damit zu tun, dass wir versehentlich ins Kreuzfeuer geraten, der Grund ist viel heimtückischer: Egal ob Staaten, Paramilitärs, Aufständische - alle wollen nur noch ihre eigene Sicht der Dinge in der Welt haben und deswegen die unabhängigen Informationsquellen zum Schweigen bringen. Immer mehr Journalisten werden verletzt, gekidnappt oder umgebracht. Mord ist die führende Todesursache von Journalisten!

SPIEGEL: Entsprechend werden Sicherheitsmaßnahmen für Kriegsreporter auch immer teurer und für manche Medien sogar unbezahlbar.

Amanpour: Das stimmt, und es ist eine Tragödie! Aber wir dürfen uns davon nicht abschrecken lassen. Für Zivilisten und selbst für die Militärs ist es ja nicht anders. Ich bin jedes Mal verblüfft, wenn ich in Afghanistan bin: Das Militär lässt keinen weiter als 100 Meter außerhalb des Militärcamps gehen ohne eine ganze Kolonne von gepanzerten Fahrzeugen.

SPIEGEL: Ist hautnahe Berichterstattung so überhaupt noch möglich?

Amanpour: Ich will natürlich nicht entführt werden. Aber ich war gerade in Afghanistan, und ich war sehr dicht dran.

SPIEGEL: Anders als zu Beginn des Jahres am Gaza-Streifen, wo Sie und alle anderen Journalisten von den Israelis einfach nicht über die Grenze gelassen wurden.

Amanpour: Das ist ja etwas anderes, wenn der Zugang offiziell verwehrt wird ...

SPIEGEL: ... was aber immer öfter passiert. So unterdrückt man auch Nachrichten.

Amanpour: Sicher wird oft versucht, uns die Arbeit zu erschweren. Die sudanesische Regierung etwa hilft einem ganz bestimmt nicht dabei, nach Darfur zu kommen. Aber dann muss man eben durch die Hintertür.

SPIEGEL: Trotzdem wird dem Zuschauer nicht immer bewusst, welche Gefahren mit der Berichterstattung verbunden sind. Der zweite Irak-Krieg wirkte für viele Zuschauer am Bildschirm fast wie ein vom Pentagon inszeniertes Videospiel.

Amanpour: Was mich schmerzt, ist, mit welchem Zynismus Nachrichten und Berichterstattung oft gesehen werden. Wir riskieren unser Leben, wir glauben an eine Aufgabe, die wir zu erfüllen haben. Das ist doch kein Videospiel!

SPIEGEL: Was war der gefährlichste Moment, den Sie in Ihrer Karriere erlebt haben?

Amanpour: Das war in Bosnien. Ich schlief im Hotel, als ich von einem anfliegenden Artilleriegeschoss geweckt wurde. Man lernt schnell, dieses pfeifende Geräusch zu erkennen. Aber es passierte nichts, ich ging wieder ins Bett. Erst am nächsten Morgen sah ich, was passiert war: Zwei Stockwerke tiefer hatte sich eine Granate, die offensichtlich fehlerhaft war, in die Wand gebohrt. Wäre sie explodiert, würde ich heute nicht hier sitzen.

SPIEGEL: Man denkt, jemand, der ein so riskantes Leben wie Sie führt, kann keine Zeit für eine Familie finden. Aber Sie sind verheiratet und Mutter eines neunjährigen Sohnes. Warum setzen Sie sich immer noch der ständigen Gefahr aus?

Amanpour: Da gilt immer noch derselbe Grund wie zu Beginn meiner Karriere: Die Bösen dürfen nicht gewinnen. Je mehr wir trotz der Gefahren rausgehen und den Scheinwerfer auf die Dinge halten, desto schwieriger ist es, Schweinereien und Verstöße im Dunkeln zu lassen.

SPIEGEL: Das wird doch angesichts neuer Medien wie Twitter oder mit Videokameras ausgestatteter Handys ohnehin schwerer. Ob Unruhen in Iran oder Terror in Indien, nahezu alle Ereignisse lassen sich fast in Echtzeit durch Augenzeugenberichte im Web verfolgen. Ist der klassische Kriegsreporter ein aussterbender Berufszweig?

Amanpour: Wir sind auf dem Weg in ein Zeitalter des "social networking". Das revolutioniert die Wege, wie Informationen geliefert werden, das ist sicher richtig. Aber genau das verlangt doch noch viel mehr nach einem Berufsstand professionell agierender Journalisten, die verpflichtet sind, ihre Quellen zu verifizieren, Fakten zu prüfen, Querverbindungen zu recherchieren und vor Ort selbst den Geschichten hinterherzugehen.

SPIEGEL: Sie sehen die neuen Medien nicht als Konkurrenz?

Amanpour: Für mich sind all diese Bürgerjournalisten, also all die Blogger und Social-Network-Nutzer, nichts anderes als die Augenzeugen, auf die Journalisten sich schon immer verlassen haben. Aber sie können nicht die einzige Quelle für die Welt sein. Wir, als professionelle Journalisten mit einem Verhaltenskodex und Berufsethos, können doch nicht aus der Gleichung gestrichen werden. Wer soll dann noch wissen, wo die Wahrheit liegt? Dann geht es doch nur noch darum, wer am lautesten schreien kann!

SPIEGEL: Gerade bei den US-Nachrichtensendern scheint diese Frage mittlerweile oft im Vordergrund zu stehen: Wer kann lauter pöbeln als die anderen? Zur Hauptsendezeit sind die Nachrichten meist durch Gift spuckende Kommentatoren ersetzt worden.

Amanpour: Unglücklicherweise sind Nachrichten bei manchen Sendern nur zu einem weiteren Teil des Unterhaltungsprogramms geworden. Und ja, schlimmer noch, bei manchen Sendern sind die Nachrichten in die Hände von Ideologen gegeben worden. Das ist sehr gefährlich.



insgesamt 6 Beiträge
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halebob 27.09.2009
1. Probleme mit Effekt Journalismus
Ich habe so ein bißchen Probleme mit dieser Form der Nachrichtenberichterstattung aus Krisenregionen. Tagtäglich wurde man mit Bildern aus dem Irak versorgt, jeder Journalist und Fotoreporter versuchte noch spektakulärere Bilder von den Kampfhandlungen zu bekommen und das Risiko für das eigene Leben wurde immer höher geschraubt. Jedoch sind die wichtigen Informationen, die objektiv und sachlich aufklären sollen, in diesem Effektjournalismus häufig auf der Strecke geblieben.
dIAGONAL 27.09.2009
2. Es ist eine Tragödie, Christiane Amanpour
Zitat von sysopCNN-Starreporterin Christiane Amanpour, 51, über die Probleme von Kriegsberichterstattung in Zeiten der Medienkrise, die Macht der Propaganda und neue Konkurrenz durch Twitter http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,651436,00.html
Mir scheint das Problem tiefer zu liegen und zwar in der allgemeinen gesellschaftlichen Grundstimmung, oberfächlich, mit Reizen überflutet, die nicht verarbeitet werden können, immer mehr von Ängsten geplagt, kleinmütig und oft sehr klein kariert. Da ist es schön, noch Menschen zu sehen, die sich ganz einbringen, mit Mut und gesellschaftsbezogenem Engagement. Sie ist nicht die Einzige aber doch immer seltener werdende Erscheinung. Muss man erst wirkliche Krisen erleben, um das Beste im Menschen herauszubringen? Mehr Tiefe ist gefragt.
poiuyt 27.09.2009
3. na ja ich hab noch nie gehört das irgendwo deren leben
auf dem spiel stand, die ist eine frontfigur des amis showjournalismus denn diese star figuren sind das woran die einschaltquote festgemacht wird, ist doch lächerlich.
diefreiheitdermeinung 27.09.2009
4. Parachuting
Frau Amanpour ist die typische Vertreterin fuer die Art von Korrespondentin, die sich quasi mit einem Fallschirm in eine Krisenregion absetzen laesst, innerhalb von wenigen Stunden ALLES ueber die jeweiligen Gebiete und Probleme kennt und dann munter drauf berichtet und spekuliert. Nachdem sie dann quasi ihren Senf dazu gegeben hat meinen ein paar Millionen CNN Seher, nun wuessten sie aber Alles ueber China oder Sudan oder Somalia oder sonstwas und -wen. Schon laesst sich Frau Amanapour wieder mit Gefolge im vorderen Teil eines Passagierflugzeugs ausfliegen ums sich ins naechste Getuemmel zu stuerzen und als erstes das Hotel in dem sie mit ihrem Tross abzusteigen gewohnt ist gewaltig zu nerven. Waehrenddessen sehen die Korrespondenten, die jahrlang, z.T. jahrzehntelang an einem bestimmten Ort ausgeharrt haben und mit Muehe, Blut und Traenen versucht haben zu kapieren und zu berichten was z.B. in Pakistan wirklich los ist, ziemlich dumm, unterbezahlt und frustriert aus. Bei aller Bewunderung fuer die Energie, die Frau A. an den Tag legt - wirkliche Aufklaerung, wirklich tiefgehende Analysen, wirklicher investigativer Journalismus ist da eher Fehlanzeige.
pffft 27.09.2009
5. Blabla, amerikanisch
Leider ist das, was C. Amanpour von sich gibt, nicht mehr als das, was eh bekannt oder offensichtlich ist. Sie ist halt die "Anchorwoman" für Krisengebiete. Austauschbar, wahrscheinlich aus Berechnung, falls es sie mal "trifft" (was ich ihr natürlich nicht wünsche!). Aber semi-betroffenes Blabla vor rauchenden Trümmern von sich zu geben, können andere auch. Ich würde lieber mehr Substanz sehen und hören, von Journalisten, die länger da sind und mehr Ahnung haben. Auf der anderen Seite ... zwingt mich ja keiner CNN anzuschalten. Die bringen Nachrichten in einem Format, dass es der Durchschnitts-Amerikaner auch versteht. Und wo war gleich Kosovo? Bei Bagdad? Nein Somalia. Oder?
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