AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2009

Autoren Maxim und Modest

Henryk M. Broder über Maxim Billers Selbstporträtbuch "Der gebrauchte Jude"


Melancholiker Biller: Universum aus Weltschmerz, Wehmut und Wehleidigkeit
DDP

Melancholiker Biller: Universum aus Weltschmerz, Wehmut und Wehleidigkeit

Das Telefon klingelte, am anderen Ende der Leitung war eine weiche, melodische Männerstimme, die wie die Moldau unter der Karlsbrücke dahinfloss. "Ich bin in der Stadt, wollen wir uns treffen und zusammen etwas essen?" Das muss Anfang der achtziger Jahre gewesen sein, ich selbst war noch nicht lange in Jerusalem, gab aber gern mit meinen Ortskenntnissen an.

"'Philadelphia'", sagte ich, "es gibt nichts Besseres. Oder das 'Dolphin'". Beide Lokale lagen in Ostjerusalem. "Das ist mir zu gefährlich", sagte Maxim, "bleiben wir lieber im Westen." Der Westen der Stadt war damals kulinarisch noch nicht weit entwickelt, man ging entweder in das "Atara" oder zu "Fink's". Ich ging lieber in eine der Kaschemmen auf "Mahane Jehuda", dem Jerusalemer Markt, wo man gut und billig essen konnte, allerdings in einer recht anspruchslosen Umgebung. "Ich würde gern zu einem Italiener gehen", sagte Maxim.

Auf so eine Idee konnte nur ein Tourist kommen. Man musste entweder vollkommen ahnungslos oder ein fanatischer Zionist sein, der alles, was in Israel angerichtet wurde, automatisch gut fand, um in Jerusalem italienisch essen zu gehen. Außerdem gab es nur einen Italiener in der Stadt, das "Mamma Mia". Aber ich wollte nicht unnett sein und gab nach.

Ein paar Stunden später saßen wir im "Mamma Mia", Maxim, Itzig und ich. Itzig war mein Hund, ein Mischling, schlank, kurzhaarig, mittelgroß, den ich bei einem Spaziergang in einem arabischen Dorf gefunden und vor dem Tod durch Erhängen gerettet hatte. Itzig war ein extrem lieber Hund, der nur eine Macke hatte. Er konnte Araber und orthodoxe Juden nicht ausstehen und bekam Tobsuchtsanfälle, wenn er in deren Nähe kam. Deswegen konnte ich ihn weder nach Ostjerusalem noch nach Mea Schearim mitnehmen, dem Viertel der frommen Juden. Aber "Mamma Mia" war in Ordnung, Itzig legte sich unter den Tisch und wartete ab.

Maxim bestellte Lasagne, ich schloss mich aus Solidarität an, obwohl ich wusste, dass eine gute Lasagne nicht koscher und eine koschere Lasagne nicht gut sein kann. Während wir auf das Essen warteten, erzählte Maxim, dass er für ein paar Tage nach Israel gekommen war, um Freunde zu besuchen. Er berichtete, wie sehr er München und vor allem das "Schumann's" vermisste und dass er sich nicht vorstellen konnte, unter Juden zu leben, das wäre so, als "wäre man den ganzen Tag mit seinen Eltern und Geschwistern zusammen", einfach unerträglich.

Ich versuchte ihm zu erklären, dass es umgekehrt sei. Für einen Juden aus der Diaspora sei Israel der einzige Ort, an dem er vergessen kann, dass er Jude ist, weil alle anderen es auch sind. Es sei gut für das Gemüt, nicht darüber nachdenken zu müssen, ob man den Antisemiten Auftrieb gibt, wenn man sich schlecht benimmt; gut, einfach nicht als Jude wahrgenommen zu werden, egal was man tut oder lässt.

Dann kam die Lasagne. Sie war, wie ich befürchtet hatte, ungenießbar.

Ich schnitt ein Stück ab, wartete, bis es abgekühlt war, schaufelte es vom Teller in die rechte Hand und summte die ersten Takte der "Hatikwa", der israelischen Hymne. Itzig kannte das Signal, richtete sich auf, seine lange Schnauze kam unter der Tischdecke zum Vorschein. Er beroch das kleine Stück Lasagne in meiner Hand und zog sich sofort wieder unter den Tisch zurück.

Maxim aber machte sich über die Lasagne her, als wäre er gerade aus einem Lager für "displaced persons" entlassen worden, und erzählte dabei, wie er sich freue, bald wieder in München zu sein, bei "Schumann's".

Unser Abendmahl kam mir wieder in den Sinn, nachdem ich Maxims neues Buch gelesen hatte, das jetzt erscheint: "Der gebrauchte Jude". Es ist ein "Selbstporträt", und wie bei jedem Selbstporträt entscheidet der Künstler, was der Zuschauer oder Leser zu sehen bekommt. In Billers Fall sind es Szenen aus seinem Leben - von den ersten Schritten als Literat bis zu den Begegnungen mit Autoritäten wie Marcel Reich-Ranicki, unterlegt mit Reflexionen über den Sinn und Unsinn des Lebens als Jude in Deutschland.

In der Erinnerung von Maxim Biller hat sich die Geschichte, wie er sie erzählt, freilich ganz anders abgespielt. Wir waren nicht bei "Mamma Mia" in Jerusalem, sondern in einem "polnischen Schnellrestaurant" in Tel Aviv, an dessen Wänden "Bilder von Menachem Begin und Ron Arad" hingen, während in der Suppe "viel zu kleine, blasse Fettaugen" schwammen. Und aus Itzig, der einer mittelgroßen Gazelle ähnelte, macht er einen "kleinen schwarzen Hund", der im Zickzack hinter mir rennt und immer wieder an mir hochspringt, was Itzig nie gemacht hätte, weil er dazu viel zu faul und zu vornehm war.

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