AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2009

Bildung Haste was, dann wirste was

Schulen und Hochschulen, selbst Kindergärten und Krippen sind ein Milliardenmarkt geworden. Immer mehr Eltern sind bereit, in die Entwicklung ihrer Kinder zu investieren. Ist gute Bildung bald nur noch gegen gutes Geld zu haben?

Von Julia Bonstein, , , Per Hinrichs, , Caroline Schmidt und


Die Zeiten werden härter, der Wind weht rau, da ist es wichtig, einfach mal lockerzulassen.

Emily, vier Jahre alt, setzt sich auf die gelb-orange-farbene Matte, schlägt die Beine übereinander und schließt die Augen. Die Handrücken legt sie auf die Knie, Daumen und Zeigefinger formen kleine Kreise. "Nehmt die Energie der Sonne in euch auf, und schickt sie dorthin, wo ihr sie gerade am meisten braucht", sagt die Yoga-Lehrerin. Die Klangschale schwingt, Emily sitzt still und schweigt.

Die Vierjährige kann ein wenig Ruhe gut gebrauchen. Sie hat einen vollen Stundenplan, ihre Kindertagesstätte in Dresden-Nord bietet ein ausgetüfteltes Programm mit Englisch-, Musik- und Computerunterricht. Manchmal gehen die kleinen Kunden der "Kindervilla" gemeinsam in die Bibliothek, manchmal in den Wald. Auf dem großzügigen Grundstück kann Emily dem Gärtner Micha zur Hand gehen, im eigenen WellnessBereich darf sie im Kneipp-Becken entspannen.

Es wird alles dafür getan, dass Emilys Work-Life-Balance stimmt. "Investieren wir in die Zukunft", wirbt die Kindervilla auf ihrer Homepage. Ein Ganztagesplatz für Vierjährige kostet knapp 400 Euro im Monat plus Verpflegung. Für jüngere Kinder wird es teurer, aber auch ihnen steht das exquisite Angebot selbstverständlich offen. Vom Kreißsaal geht's, wenn die Eltern nur zahlen, fast auf direktem Weg in die Kindervilla. Schon Babys ab acht Wochen sind willkommen und werden von den Fachkräften umsorgt.

Manchen Babys wird Bildung in die Wiege gelegt

Man darf es deshalb durchaus wörtlich nehmen: Manchen Babys wird die Bildung in die Wiege gelegt. Der Markt macht's möglich. Für jede Lebenslage gibt es heute das passende Angebot: Englischkurse für den Säugling, Eliteinternate für die Geschwister, MBA-Abschlüsse für Mama und Papa, Sprachreisen für die Großeltern - der bildungsindustrielle Komplex lässt keine Wünsche offen.

Natürlich sind die alten Bildungsstätten nicht verschwunden. Die staatlichen Kindergärten, Schulen und Universitäten und auch die guten alten Volkshochschulen gibt es weiterhin. Noch immer findet Bildung in der Bundesrepublik hauptsächlich in volkseigenen Betrieben statt. Doch findige Unternehmer erobern immer neue Bereiche. Aus Bildungsbürgern werden zunehmend Kunden.

Die Grenzen sind offen, die Geschäftemacher längst da. Auch ausländische Investoren suchen Rendite in Deutschland, Anlageobjekte sind Krippen, Schulen, Universitäten oder auch einzelne Studenten. Ob Franchise-Systeme, Private Equity oder geschlossene Fonds - die Finanzwirtschaft hat auch die Bildung erreicht.

Als die Investmentbank Merrill Lynch vor einigen Jahren den Hochschulmarkt analysierte, entdeckte sie ein enormes Wachstumspotential. Weltweites Volumen, gerechnet pro Jahr: rund 2,2 Billionen Dollar. Wer dies als die nächste Phantasterei größenwahnsinniger Banker abtut, sollte eine andere, vorsichtige Schätzung kennen. Sie bezieht sich nur auf Deutschland, nur auf Nachhilfe, nur auf ein Jahr. Das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie kommt zu dem Schluss, dass Eltern pro Jahr mehr als eine Milliarde Euro ausgeben. Das ist mehr, als die Fast-Food-Kette Burger King in Deutschland umsetzt.

Mittelschicht-Stimmung: Rette sich, wer kann

Immer mehr Menschen lassen sich Bildung etwas kosten. Das liegt daran, dass vielen Familien heute mehr Geld für ihre Kinder zur Verfügung steht. Aber es liegt auch an einer Stimmung, die sich gerade in der Mittelschicht wie einst auf der "Titanic" breitgemacht hat: Rette sich, wer kann.

Eine bessere Werbekampagne als die erste Pisa-Studie der OECD, die vor acht Jahren Deutschland schockte, hätten sich private Schulen gar nicht ausdenken können. Die Institute nehmen das OECD-Geschenk dankbar an. "Was lernen wir aus der Pisa-Studie?", fragt etwa das private Internatsgymnasium Schloss Torgelow auf der ersten Seite einer Werbebroschüre, die als "Einladung" zu "Familien-Informationstagen" daherkommt.

Und die Antwort wird gleich mitgeliefert: "Die Zukunft unserer Kinder beginnt mit der Wahl der richtigen Schule!" Warum das Schloss die richtige Schule sein soll, wird in werbenden Worten und bunten Bildern erklärt. Die Klassen umfassen maximal zwölf Schüler, der mehrmonatige Aufenthalt in einem englischen Internat gehört zum Standard. Das Internat kostet rund 2500 Euro im Monat.

Nach einer Umfrage des SPIEGEL würden vier Fünftel der Befragten eine Schulgebühr zahlen, wenn ihr Kind dadurch besseren Unterricht und bessere Lehrer bekäme. Schon jetzt besucht jeder neunte Gymnasiast eine nichtstaatliche Schule, die Zahl der Privatschüler und der Privatschulen ist in den letzten Jahren stark gestiegen, vor allem im Osten ist der Nachholbedarf groß (siehe Grafik). Neben den konfessionellen Platzhirschen und den Waldorf- und Montessori-Schulen drängen Anbieter auf den Markt, die vor allem eines wollen: mit Bildung Geld verdienen.

"Schulen mit Berverly-Hills-Charakter"

Das Grundgesetz hat zwar nichts gegen private Schulen, im Gegenteil. Es gewährt ein Recht auf Errichtung von Privatschulen. Zugleich enthält es aber ein ausdrückliches Gebot. Es sei dafür zu sorgen, dass "eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird". Eine althergebrachte Wortwahl, doch ein brandaktueller Gedanke: Alle sollen gleiche Chancen haben.

Kritiker sehen eine solche Sonderung nun gekommen. "Hier entstehen Schulen mit Beverly-Hills-Charakter, abgeschottet von der übrigen Bevölkerung", kritisiert Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Das Handbuch des deutschen Bildungswesens, vorgelegt vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, konstatiert eine "neue Form der Privatschulen", die jede Chancengleichheit "außer Kraft setzen". Die hohen Gebühren könne sich nur eine zahlungskräftige Minderheit der Bevölkerung leisten.

Das Geschäft fängt nicht erst mit der Schule an. Schon für die jüngeren Kinder gibt es immer mehr Angebote, und ihre Eltern kalkulieren sehr genau, was sich lohnt und was nicht. Bildung wird zu einer Kosten-Nutzen-Entscheidung.

Wenn eine Mutter wie Astrid Nelke, 40, erzählt, kann man dann schon mal durcheinanderkommen. Es geht um optimale Strategien, um effiziente Organisation, um gute Kontakte. Aber ob es um Beruf oder Privatleben, um die Kunden der PR-Beraterin oder um die Kinder der dreifachen Mutter geht, das ist nicht immer gleich zu erkennen.

"Englisch", hat sie erkannt, "ist heute ein must." Man braucht es im Internet, im Studium und im Beruf. Da man Fremdsprachen angeblich am besten lernt, solange man jung ist, beschloss Nelke, die Kinder sollten früh damit anfangen. Doch im städtischen Kindergarten ist das kaum zu bekommen, also suchte sie nach privaten Anbietern - das alles klingt nach der "Ist-Analyse und der Herausarbeitung des angestrebten Soll-Zustandes", den die PR-Beraterin auf ihrer Website den Kunden anbietet.



Forum - Staatliche Schulen in der Kritik - sind die Privaten besser?
insgesamt 2384 Beiträge
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Seite 1
Broko 25.09.2009
1.
Zitat von sysopNach Pisa wurden die Staatlichen Schulen in Deutschland einer grundsätzlichen Kritik unterzogen. Bildungshoheit der Länder, Beamtenstatus für Lehrer, Inhalte und Organisation der Lehrformen wurden diskutiert. Wie steht es hierbei um die privaten Schulen - sind sie besser als das staatliche Angebot?
Die Kinder sind das Problem, nicht die Schulen...
e-ding 30.09.2009
2. ...
Zitat von BrokoDie Kinder sind das Problem, nicht die Schulen...
Nö, die Eltern!
poppi 30.09.2009
3.
Zitat von sysopNach Pisa wurden die Staatlichen Schulen in Deutschland einer grundsätzlichen Kritik unterzogen. Bildungshoheit der Länder, Beamtenstatus für Lehrer, Inhalte und Organisation der Lehrformen wurden diskutiert. Wie steht es hierbei um die privaten Schulen - sind sie besser als das staatliche Angebot?
Ja, total super. Für die Bundesländer sind Privatschulen jedenfalls eine prima Sparbüchse und deshalb mehr als gewollt. Qualitativ macht das alles natürlich unterhalb einer bestimmten Finanzierung keinen Unterschied mehr. Das weiß man nicht erst, aber bestimmt seit PISA...
Onsager 30.09.2009
4.
Zitat von e-dingNö, die Eltern!
Wie wuerde man bei Heise jetzt sagen? Doppelplus!
elbdampfer 30.09.2009
5.
Zitat von e-dingNö, die Eltern!
Richtig. Ich finde es skandalös, daß noch immer lieber der Zigarettenkonsum der Eltern mit "Kindergeld" finanziert wird, statt mit diesem Geld z.B. kostenlose Schulspeisung oder -bücher für bedürftige Kinder zu sicherzustellen.
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