AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2009

Gesundheitspolitik: Die Krankmacher

Von Alexander Neubacher

Ärzte und Krankenkassen plündern den Gesundheitsfonds: Scheinerkrankungen breiten sich aus, Milliardenbeträge werden mit Hilfe manipulierter Diagnosen falsch verteilt. Die neue Bundesregierung muss sich beeilen, das Problem in den Griff zu bekommen.

Gesundheitspolitik: So tricksen die Krankenkassen Fotos
DDP

Wer wissen möchte, wie es den Deutschen gesundheitlich geht, fragt keinen Arzt oder Apotheker. Er erkundigt sich besser bei der Bundesbank. Die Kontonummer ist 504 016 99, das Online-Passwort zur Abfrage des Kontostands lautet "Planung". Es handelt sich um das Konto, über das seit dem 1. Januar 2009 der Gesundheitsfonds für die gesetzliche Krankenversicherung läuft. Alle Medizinerhonorare, Krankenhausrechnungen und Arzneimittel für 70 Millionen Kassenpatienten werden aus diesem Topf bezahlt.

Die Faustregel lautet: Je kränker die Menschen, desto knapper die Kasse; und so muss man sich derzeit wohl große Sorgen um die Volksgesundheit machen. Die Kosten für das Medizinwesen sind auf den höchsten Stand aller Zeiten geklettert. Mehr als 107 Milliarden Euro schüttete der Fonds in den ersten acht Monaten aus. Etwa 170 Milliarden Euro werden es am Jahresende sein, etwa 10 Milliarden Euro mehr als 2008. Der Betrag entspricht mehr als der Hälfte des Bundesetats.

Die jüngste Gesundheitsreform entfaltet ihre vollen Auswirkungen auf das deutsche Medizinwesen - und die sind ernster, als Kritiker befürchtet hatten. Das neue System verleitet Ärzte und Krankenkassen in großem Stil dazu, die Versicherten in Kranke zu verwandeln.

Zahl der Siechen und Gebrechlichen nimmt zu

Seit das Gesetz vor neun Monaten in Kraft trat, nimmt die Zahl der Siechen und Gebrechlichen auf rätselhafte Weise zu. Es wird therapiert und diagnostiziert wie nie zuvor. Und niemand, so scheint es, achtet auf die Kosten.

Die Arzneimittelausgaben stiegen zuletzt um etwa fünf Prozent, die Krankenhauskosten um knapp sechs Prozent, die Ausgaben für ambulante Behandlungen um gut sieben. Herz-Kreislauf-Beschwerden verbreiten sich in einem Tempo, das man bislang nur von hochansteckenden Infekten kannte. Die Zahl chronischer Erkrankungen wie Asthma und Reflux ist auf gespenstische Weise nach oben geschnellt.

In den kommenden Monaten wird sich dieser Trend noch verstärken. Diese Woche trifft sich erstmals nach der Bundestagswahl der Schätzerkreis für die gesetzliche Krankenversicherung. Die Experten rechnen mit einem weiteren dramatischen Anstieg der Behandlungskosten.

Der neuen Bundesregierung bleibt kaum Zeit, das Problem in den Griff zu bekommen. Mittelfristig droht ein Finanzloch von bis zu zehn Milliarden Euro pro Jahr, so die vorläufige Prognose. Das Konto des Gesundheitsfonds bei der Bundesbank wäre demnach rein rechnerisch immer schon knapp eine Woche vor Quartalsende leergefegt.

Die Ursache dieser Entwicklung steckt im hochkomplexen Regelwerk, das sich Union und SPD in der vergangenen Legislaturperiode zur Neuordnung der Geldströme im Gesundheitswesen ausgedacht haben. Seither bekommen die Versicherungen für jeden Patienten eine Pauschale, zugleich erhalten Kassen mit vielen Kranken mehr Geld als solche mit vielen Gesunden. So wollte die Große Koalition dafür sorgen, dass der Wettbewerb der Krankenkassen nach fairen Bedingungen verläuft. An sich war es eine gute Idee.

Fundamentaler Sinneswandel bei Ärzten und Krankenkassen

Bei der konkreten Umsetzung freilich hat man es wie so oft vermasselt. Entgegen den Ratschlägen ihrer eigenen Experten setzten Union und SPD eine Liste von 80 Krankheiten fest, für die es Extrazuschüsse aus dem Fonds gibt. Es sind seltene darunter wie Hämophilie und Massenleiden wie Bluthochdruck. Manche Krankheiten sind akut, wie die Lungenentzündung, andere chronisch, etwa Diabetes. Sogar die ganz normale Schwangerschaft schaffte es auf die Liste - aufgrund welcher Systematik, weiß niemand.

Bei Ärzten und Krankenkassen hat sich seither ein fundamentaler Sinneswandel vollzogen. Im Mittelpunkt ihrer Bemühungen steht nicht mehr der möglichst gesunde Mensch, sondern, ganz im Gegenteil, der möglichst kranke. Die Prämisse folgt dem alten Medizinerwitz: Niemand ist wirklich gesund, er ist allenfalls noch nicht ausreichend untersucht.

Es gilt, den Gesundheitsfonds nach Kräften auszuplündern, bevor es die anderen tun. Um möglichst hohe Zuschüsse zu kassieren, setzt jede einzelne Krankenkasse alles daran, ihre Versicherten im Zweifel lieber immer etwas zu krank als zu gesund erscheinen zu lassen. Millionen Versichertendaten werden unter dem Aspekt der "Erlösoptimierung" geprüft, wie es in einem Leitfaden für AOK-Mitarbeiter heißt. Ideal sind dabei Krankheiten, die niedrige Behandlungskosten verursachen, gleichzeitig aber mit hohen Zuschlägen aus dem Gesundheitsfonds belohnt werden.

Um welche Gebrechen es sich dabei handelt, haben die Krankenkassen mittels sogenannter Deckungsbeitragsrechnungen im Detail ermittelt. Mit einem durchschnittlichen Asthmatiker macht die Krankenkasse nach Abzug aller Kosten 192 Euro Überschuss im Jahr. Ein von Sodbrennen geplagter Reflux-Patient bringt 692 Euro Gewinn. Für Bluthochdruck sind immerhin 265 Euro drin.

In anderen Fällen geht es darum, den Schweregrad einer Krankheit so zu gestalten, dass er sich möglichst günstig auf die Gewinnsituation auswirkt. In internen Schulungen der Krankenkassen ist von "Codierkaskaden" die Rede. Schon kleine Veränderungen bei der ärztlichen Diagnose lassen den Zuschuss in die Höhe schnellen, etwa bei einer psychischen Erkrankung.

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Forum - Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
insgesamt 1429 Beiträge
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1.
terrorzwerg 19.08.2009
Zitat von sysopDie erste Krankenkasse verlangt von ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag, um ihre Kosten zu decken. Das Gesundheitsministerium sieht darin einen Einzelfall. Experten befürchten hingegen, dass bald weitere Krankenkassen nachziehen. Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
Die Probleme der Kassen haben wohl wenig bis nichts mit dem Gesundheitfonds zu tun. Das Hauptproblem sind die vielen Kassen, und damit die zu vielen "Wasserköpfe", die zu finanzieren sind. Zehn Kassen würden ausreichen. Die hätten dann auch nur zehn Vorstände, die gut versorgt sein wollen.
2.
der_durden 19.08.2009
Zitat von sysopDie erste Krankenkasse verlangt von ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag, um ihre Kosten zu decken. Das Gesundheitsministerium sieht darin einen Einzelfall. Experten befürchten hingegen, dass bald weitere Krankenkassen nachziehen. Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
Egal um welches Thema es sich die letzte Zeit dreht, Experten verlauten realistische Einschätzungen, die Ministerien wiegeln ab um ein paar Wochen später genau das einzuräumen, was sie kürzlich noch verneinten. Bei der Gesundheitsreform ist es besonders deutlich. Was jetzt zu geschehen scheint, wusste jeder schon lange, nur angeblich Ulla Schmidt nicht - unglaublich und dann reden wir hier von so einem Blödsinn wie der Dienstwagennutzung. Manchmal muss man sich über unser Land und dessen Bürger wirklich wundern... Das geht mir mittlerweile so dermaßen auf den Geist. Umsere Politik hat sich in etwas rein manövriert, ich frage mich, wie das enden soll...
3. Blödsinn
fgranna 19.08.2009
Eine Kasse für ALLE und gut ist. Kein Gesundheitsfond, keine "Kassenflüchtlinge", keine Privat- und "Bettel"-patienten mehr.
4.
Wolfghar 19.08.2009
Zitat von der_durdenDas geht mir mittlerweile so dermaßen auf den Geist. Umsere Politik hat sich in etwas rein manövriert, ich frage mich, wie das enden soll...
In letzter Konsequenz wohl im Bürgerkrieg. Wir fahren voll vor die Wand und keiner wills wissen
5.
Teenager 19.08.2009
Zitat von sysopDie erste Krankenkasse verlangt von ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag, um ihre Kosten zu decken. Das Gesundheitsministerium sieht darin einen Einzelfall. Experten befürchten hingegen, dass bald weitere Krankenkassen nachziehen. Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
Überrascht das wirklich jemand? Sinn und Zweck des Gesundheitsfonds haben sich mir nie so ganz erschlossen, aber das man trotz höherer Beiträge nicht mit dem Geld auskommen würde war mir sonnenklar. Das "Gute" an der Sache ist, dass wir uns um die Wirtschaft keine Sorgen machen brauchen, denn den Zusatzbeitrag zahlt der Arbeitnehmer alleine. Nachdem schon die Beiträge für die Krankenkasse nicht mehr je zur Hälfte von AN und AG gezahlt werden müssen ist das ein weiterer Schritt zur Privatisierung der Lohnnebenkosten - von der Senkung der gesetzlichen Rente zugunsten der Riesterrente mal ganz abgesehen.
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Der Gesundheitsfonds
In den Gesundheitsfonds fließen alle Beiträge der 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten. Für die rund 150 gesetzlichen Kassen setzt die Bundesregierung seit 2009 einen einheitlichen Beitragssatz fest. Zum 1. Januar 2011 wurde er von 14,9 Prozent auf 15,5 Prozent des Bruttolohns erhöht. Die Arbeitnehmer zahlen davon 8,2 Prozent. Der Anteil der Arbeitgeber wurde unabhängig von künftigen Beitragserhöhungen auf 7,3 Prozent eingefroren.

Aus den Einnahmen des Fonds wird den Kassen das Geld dann zugewiesen. Das Volumen ist für ein Jahr im Voraus fixiert. 2011 bekommen sie 178,9 Milliarden Euro. Für jeden Versicherten erhalten die Kassen je nach Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand Zu- und Abschläge. Krankenkassen mit älteren und kranken Versicherten erhalten mehr Geld als Kassen mit einer Vielzahl an jungen und gesunden Versicherten.

Erzielen die Kassen einen Überschuss, können sie eine Prämie an ihre Versicherten ausschütten. Die Entscheidung über deren Höhe und den Zeitpunkt der Ausschüttung, monatlich oder jährlich, bleibt der Kasse überlassen.

Kassen, die mit den zugeteilten Mitteln nicht auskommen, dürfen einen Zusatzbeitrag verlangen. Er wird vom Versicherten als feste Summe gezahlt. Theoretisch können die Kassen die Zusatzbeiträge in beliebiger Höhe festsetzen. Mitglieder haben aber ein Sonderkündigungsrecht, wenn Zusatzbeiträge erhoben oder erhöht werden, und können zu einer günstigeren Kasse wechseln.