SPIEGEL: Herr Ackermann, Sie sind Teil eines Systems, das die Weltwirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hat. Haben Sie schon einmal über Ihre eigene Schuld nachgedacht?
Ackermann: Ich habe über die Ursachen der Krise nachgedacht und was wir daraus für die Zukunft lernen können. Es kommt weniger auf das Verhalten des Einzelnen an als darauf, die richtigen Regeln zu haben.
SPIEGEL: Sie selbst haben sich nichts vorzuwerfen?
Ackermann: Sicher habe auch ich einiges falsch eingeschätzt. Ich ging zum Beispiel wie die meisten davon aus, dass jeder Marktteilnehmer nur so viele Risiken übernimmt, wie er selbst verkraften kann und damit das System in sich stabil ist. Das hat sich als Irrtum erwiesen. Und daraus müssen wir lernen und Konsequenzen ziehen.
SPIEGEL: Sie haben in der Vergangenheit stets gesagt, es gebe keine systemischen Risiken. Kein Grund für Selbstzweifel?
Ackermann: Wer nicht alles weiß und exakt vorhersieht, muss ja nicht gleich an sich zweifeln. Dass unsere kollektive Erkenntnis nicht tief genug war, ist offenkundig. Wie gesagt, ich habe nicht gedacht, dass einzelne Banken zum Teil außerhalb der Bilanz Risiken in solchen Größenordnungen ansammeln wie geschehen.
SPIEGEL: Wie war es denn bei der Deutschen Bank? Sie haben doch auch Milliardengeschäfte beispielsweise mit Ramschanleihen gemacht.
Ackermann: Vieles, was heute als Ramschanleihe gilt, war nicht von vornherein schlecht. In der Krise gab es plötzlich auch für viele an sich gute Produkte praktisch keine Nachfrage mehr mit einem entsprechenden Preisverfall. Wenn Sie Ihre Picasso-Sammlung verkaufen müssen, es aber keine oder kaum noch Käufer gibt, ist auch das schönste Gemälde nur noch wenig wert. Aber ist es deshalb Ramsch?
SPIEGEL: Bei den Banken waren wohl weniger Picassos als Schrott in der Sammlung.
Ackermann: Angesichts der Dimension der globalen Finanzmärkte war nur bei relativ wenigen Produkten die Substanz nicht gut. Diese Produkte haben allerdings viele andere in Mitleidenschaft gezogen.
SPIEGEL: Warum haben die Banken all die Warnungen, etwa vor der wachsenden Immobilienblase in den USA, nicht ernst genommen?
Ackermann: Es ist sehr schwierig, Blasen vorab zu erkennen. Ab wann stellen steigende Preise eine Blase dar? Steigen Sie zu früh aus, verlieren Sie Erträge und sind womöglich bald nicht mehr im Geschäft. Reagieren Sie zu spät, erleiden Sie große Verluste. Ohne Risiko gibt es kein Bankgeschäft, aber deshalb ist ja so wichtig, gerade in Boomzeiten Risikodisziplin, man könnte auch sagen Risikomoral, zu bewahren. Das haben wir bei der Deutschen Bank getan. Wir hatten daher keine Verluste, die unsere Kapitalbasis oder gar unsere Existenz gefährdeten.
SPIEGEL: Dennoch hat auch die Deutsche Bank nur deshalb überlebt, weil das ganze System mit dem Geld der Steuerzahler stabilisiert wurde.
Ackermann: Wir sind dankbar für das schnelle und entschlossene Eingreifen der Staaten und Zentralbanken in der Finanzkrise. Wenn es zu einer Kernschmelze gekommen wäre, zum Beispiel bei der Hypo Real Estate, hätte uns das natürlich auch massiv betroffen. Aber man muss schon unterscheiden zwischen denen, die selbständig ihre Existenz gesichert haben, und denjenigen, die das nicht mehr konnten. Und man darf auch darauf hinweisen, dass der Staat mit diesen Rettungsaktionen letztlich im Interesse der Steuerzahler und der ganzen Volkswirtschaft gehandelt hat.
SPIEGEL: Der Investmentbanker Alexander Dibelius, immerhin Deutschland-Chef von Goldman Sachs, fordert von seinem und Ihrem Berufsstand eine kollektive Demut. Sie scheinen dazu nicht bereit zu sein.
Ackermann: Ich habe schon vor über zwei Jahren im Fernsehen gesagt, dass auch wir als Deutsche Bank und ich selbst Fehler gemacht haben. Ich habe darüber hinaus sehr früh auf systemische Schwierigkeiten hingewiesen und eine systemische Lösung gefordert. Die Deutsche Bank hat sich auch in die notwendigen Rettungsaktionen immer sehr stark eingebracht. Wir haben keinen Grund, kollektiv in Sack und Asche zu gehen, zumal die weitaus meisten Bankmitarbeiter, gerade in Deutschland, mit dem Entstehen der Finanzkrise nicht das Geringste zu tun haben. Aber natürlich müssen wir die Spielregeln, nach denen wir bisher gehandelt haben, in Teilbereichen ändern, um die Wiederholung einer solchen Krise zu vermeiden.
SPIEGEL: Wenn es wenig Spielregeln gibt, ist es letztendlich eine Frage der Moral, wie man sich selbst verhält.
Ackermann: Wer sagt, dass wir wenig Spielregeln haben? Die Banken sind die am stärksten regulierte Branche der Wirtschaft. Es gab nur in wenigen Teilbereichen, vor allem in der US-Immobilienfinanzierung, zu wenige Spielregeln. Dort sind auch die Probleme entstanden, die sich dann auf das ganze System ausgedehnt haben. Es war übrigens politisch erwünscht, dass möglichst viele US-Bürger Wohneigentum erwerben. Aber letztlich kommt es nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität der Spielregeln an. Gute Spielregeln zu setzen, Regeln, die den positiven Seiten des Wettbewerbs genug Raum lassen, aber negative Aspekte möglichst ausschalten und vor allem verhindern, dass Wettbewerb ruinös wird, das ist die Aufgabe des Staates. Diese Regeln einzuhalten ist Verpflichtung des Einzelnen und der Unternehmen. Allein an die Moral des Einzelnen oder von Unternehmen zu appellieren bringt in einer Wettbewerbsgesellschaft nicht die Lösung.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Josef Ackermann | RSS |
© DER SPIEGEL 41/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH