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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2009

Medizin: Viel Speck, wenig Hirn

Von

Aufnahmen mit dem Kernspintomografen offenbaren: Das Gehirn übergewichtiger Menschen ist auffällig verkleinert. Erkranken sie deshalb leichter an Alzheimer?

Fettleibige Menschen in den USA: Anfällig für geistigen Niedergang Zur Großansicht
AFP

Fettleibige Menschen in den USA: Anfällig für geistigen Niedergang

Dick zu sein war noch nie besonders gesund: Egal ob Schlaganfall, Herzinfarkt oder Diabetes - wer zu viel Fett am Leib trägt, der lebt besonders gefährlich.

Und als wäre das noch nicht schlimm genug, präsentiert die Medizinforschung jetzt einen weiteren Grund zur Besorgnis: Übergewicht lässt das Gehirn schrumpfen und macht es offenbar anfällig für geistigen Niedergang.

In mehreren Labors und Kliniken weltweit haben Wissenschaftler Probanden in Kernspintomografen geschoben, ihr Gehirn vermessen und mit dem Körpergewicht abgeglichen - mit dem stets gleichen Befund. Paul Thompson von der University of California in Los Angeles zum Beispiel hat 94 gesunde Frauen und Männer untersucht, die über 70 Jahre alt waren. Einige hatten ein normales Gewicht, andere waren übergewichtig - Body-Mass-Index (BMI) zwischen 25 und 30 - wieder andere fettleibig (BMI von mehr als 30).

Das Ergebnis: Je mehr ein Mensch auf die Waage bringt, desto weniger scheint sein Gehirn zu wiegen. Bestimmte Schlüsselareale waren bei den übergewichtigen Menschen gegenüber dünneren Vergleichspersonen um vier Prozent verkleinert; bei den extrem fettleibigen war der Schwund sogar doppelt so groß.

Von einer "schweren Gehirndegeneration" spricht Thompson. Gerade der Frontallappen, der für das Planen zuständig ist, sei betroffen. Geschrumpelt waren aber auch Teile des Scheitellappens und der Hippocampus.

Das Gehirn wird im Alter kleiner, das ist leider normal, aber der Schwund ("Atrophie") lief bei den korpulenten Probanden viel früher und schneller ab. "Das Gehirn der übergewichtigen Menschen sah 8 Jahre älter aus als das Gehirn der dünnen", sagt Thompson, "und bei fettleibigen Leuten sah es sogar 16 Jahre älter aus."

Der Befund liefert eine biologische Erklärung für ein Phänomen, das Psychologen bereits in vielen Verhaltenstests aufgefallen ist: Dicke tun sich, besonders im Alter, mit Gedächtnis-, Knobel- und Denkaufgaben merklich schwerer als normalgewichtige Altersgenossen.

Doch scheint Fettleibigkeit nicht nur das geistige Leistungsvermögen zu vermindern; sie macht das Gehirn offenbar auch anfällig für Erkrankungen. Der Verlust an Nervengewebe verringere "die kognitiven Reserven", mahnt Thompson. Dadurch habe man "ein viel größeres Risiko für Alzheimer und andere Krankheiten, die das Gehirn angreifen".

Die Gefahr für wohlbeleibte Menschen ist jedoch nicht auf das fortgeschrittene Alter beschränkt. An der University of Wisconsin in Madison zum Beispiel haben Mediziner Frauen und Männer im Alter von 40 bis 66 Jahren mit Waage, Maßband und Kernspin gemustert. Und auch hier zeigte sich: Im Vergleich zu normalgewichtigen war das Gehirn der fettleibigen Probanden um 2,4 Prozent verkleinert.

Regelmäßig ein wenig Bewegung reicht aus

In Japan wiederum hat der Arzt Yasuyuki Taki von der Tohoku-Universität in Sendai knapp 700 Knaben und Männer ganz unterschiedlichen Alters untersucht. Und auch er fand bestätigt: Ist der Fettanteil am Körper erhöht, so ist das Volumen der grauen Substanz merklich verringert.

"Hoch spannend" findet Arno Villringer vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig diese Ergebnisse. Es gebe keinerlei Zweifel mehr: "Die Gehirne dicker und dünner Leute unterscheiden sich voneinander."

Wie dieser Unterschied jedoch zustande kommt, das wissen die Forscher noch nicht. Vielleicht ist der Hirnschwund sogar vorher da und löst dann erst die Fettsucht aus. Möglicherweise gehen ja ganz am Anfang gerade jene Areale im Hirn verloren, die für das Essverhalten und die Kontrolle des Stoffwechsels eine Rolle spielen.

Vieles allerdings spricht für den umgekehrten Ablauf: Zuerst wird der Leib fett, dann erst schwindet das Hirn. Um das zu prüfen, hat der japanische Arzt Taki die Entwicklung seiner Probanden acht Jahre lang verfolgt. In der noch unveröffentlichten Studie glaubt er, Anhaltspunkte dafür gefunden zu haben, dass die Gewichtszunahme dem Hirnschwund vorangeht.

Darauf deuten auch biochemische Veränderungen hin, die sich im Körper Fettsüchtiger abspielen. Sie neigen zu Bluthochdruck sowie erhöhten Blutzuckerwerten, was die Gefäße schädigt: Teile des Gehirns werden deshalb schlechter mit Blut versorgt. Der Leipziger Neurologe Villringer kann sich auch einen anderen Wirkmechanismus vorstellen: "Möglicherweise werden Substanzen freigesetzt, die direkt die Nervenzellen schädigen."

Allerdings haben die Hirnforscher auch Tröstliches zu berichten: Das Gehirn ist der Fettsucht nicht schutzlos ausgeliefert, vielmehr kann man ihrem schädlichen Einfluss aktiv entgegenwirken: durch körperliche Ertüchtigung. Wer sich bewegt, der versorgt dadurch sein Gehirn mit Proteinen, die das Nervengewebe schützen und im Hippocampus sogar neue Neuronen sprießen lassen.

Egal ob dick oder dünn: Regelmäßig ein wenig Bewegung reicht aus, um den Verfall im Oberstübchen zu bremsen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 70 Beiträge
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1. Schon wieder
wassolldas1 09.10.2009
Zitat von sysopAufnahmen mit dem Kernspintomografen offenbaren: Das Gehirn übergewichtiger Menschen ist auffällig verkleinert. Erkranken sie deshalb leichter an Alzheimer? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,653489,00.html
Na, nu is aber ma jut. Das ist nun schon die zweite Meldung dieser Art innerhalb kurzer Zeit. Gehen SPON etwa die Themen aus? Davon abgesehen möchte ich bitte gerne erst einmal wissen, wie die im Artikel genannten Studien finanziert wurden bzw. ob hier Drittmittel verwendet wurden und falls ja - von dem die stammen. In diesem Sinne Mahlzeit
2. Titel
newliberal 09.10.2009
Zitat von sysopAufnahmen mit dem Kernspintomografen offenbaren: Das Gehirn übergewichtiger Menschen ist auffällig verkleinert. Erkranken sie deshalb leichter an Alzheimer? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,653489,00.html
Vielleicht ist das Gehirn nicht verkleinert, vielleicht war es schon vorher klein ?
3. Diskriminierung, ja bitte !
Stanley365 09.10.2009
Liebe SPON-Redaktion, lesen Sie eigentlich Ihre eigenen Artikel ? Dieser Beitrag ist wieder mal ein übles Beispiel für die zunehmende Diskriminierung übergewichtiger Menschen, die Sie im übrigen durch diesen Artikel http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,653790,00.html selbst konterkarieren. Es ist wirklich unerträglich wie sie solche windigen "Untersuchungen" hier auch noch kolportieren und wieder mal Stoff für weitere Diskriminierungen liefern.
4. Die Realität sieht leider etwas anders aus
Iggy Rock, 09.10.2009
Zitat von sysopAufnahmen mit dem Kernspintomografen offenbaren: Das Gehirn übergewichtiger Menschen ist auffällig verkleinert. Erkranken sie deshalb leichter an Alzheimer? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,653489,00.html
Aus eigenen Erfahrungen in der Familie wie teils auch im Job, behaupte ich einfach einmal, dass viele an Demenz bzw. Alzheimer Erkrankte überhaupt nicht übergewichtig sind, auch nicht so scheinen, als ob sie es jemals gewesen sind. Letztlich reden wir bei den Betroffenen um eine Generation die oftmals jenseits des 75. Lebensjahres ist. Selbst in einer Alzheimertagesgruppe, die ich zeitweise besuchte, ist mir kein Übergewichtiger aufgefallen. Dass Übergewichtige andere Probleme mit dem Gehirn haben könnten, ihre Alzheimeranfälligkeit aufgrund des ohnehin geminderten Lebensalters kaum auffällt, will ich allerdings nicht ausschließen. Wieviele Schwergewichtige erreichen mit den vollen Pfunden das 80. oder gar 90. Lebensjahr? Es sind nicht viele, zumindest würde das auffallen.
5. Dick und Doof
juanth 09.10.2009
Hoechstwahrscheinlich sind Menschen, die nicht so schlau sind, die im laufe ihres Lebens dann fett werden: Zuviel und falsches Essen, keine Bewegung, denn jeder normal Intelligente kennt ja die Folgen der falschen Gewohnheiten und handelt entsprechend. Es ist ja auch kein Zufall, dass die Unterschicht ueberproportional verfettet ist.
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Übergewicht und Fettsucht
Die Fettsucht-Epidemie
Die Fettsucht, auch Adipositas genannt, gehört in den Industrienationen zu den führenden Auslösern von Todesfällen und Invalidität. Studien zufolge ist die Krankheit weltweit für jährlich rund 2,6 Millionen Todesfälle und mindestens 2,3 Prozent der Gesundheitskosten verantwortlich.

Die "Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland" (KiGGS) hat ergeben, dass 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland übergewichtig sind. Bei rund 6,3 Prozent liegt eine Adipositas vor. Der Anteil der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen ist im Vergleich zu den Referenzdaten aus den Jahren 1985-1999 um 50 Prozent gestiegen.
Folgeerkrankungen
Die Adipositas kann Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Herz- und Kreislauferkrankungen, Schlaganfälle und psychische Beschwerden hervorrufen. Die Weltgesundheitsorganisation und auch US-Gesundheitsbehörden sprechen inzwischen von einer Fettsuchtepidemie, die ebenso bekämpft werden müsse wie tödliche Infektionskrankheiten.
Body Mass Index (BMI)
Ob jemand übergewichtig oder fettsüchtig ist, ermitteln Mediziner anhand des Body Mass Index (BMI). Dieser Wert entspricht dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Ein Beispiel: Ein 1,80 Meter großer Mann wiegt 75 Kilogramm. Sein BMI beträgt 75 : 1,80² = 23,15. Als Idealwert gilt bei Frauen ein BMI von 22, bei Männern ein BMI von 24.
BMI-Tabellen
Der "wünschenswerte" BMI häng vom Alter ab. Die linke Tabelle zeigt die entsprechenden Werte für verschiedene Altersgruppen. Die rechte Tabelle zeigt die BMI-Klassifikation (nach DGE, Ernährungsbericht 1992):

Alter BMI
19-24 Jahre 19-24
25-34 Jahre 20-25
35-44 Jahre 21-26
45-54 Jahre 22-27
55-64 Jahre 23-28
>64 Jahre 24-29
Klassifikation männl. weibl.
Untergewicht unter 20 unter 19
Normalgewicht 20-25 19-24
Übergewicht 25-30 24-30
Adipositas 30-40 30-40
massive Adipositas über 40 über 40
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