AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2009

Kernkraft Die Atom-Schlamperei

AFP

2. Teil: Bauprobleme häuften sich von Anfang an


Im vergangenen Dezember schickte der Generaldirektor der Aufsichtsbehörde einen Protestbrief an Areva-Chefin Lauvergeon. Er vermisse "wirklichen Fortschritt" beim "Design der Kontrollsysteme". Er bemängelte, dass "Designfehler nicht korrigiert werden". Die "Einstellung oder das fehlende Fachwissen" von Areva-Vertretern behindere Fortschritte. Leider warte man immer noch auf "ein anständiges Design, welches den Grundprinzipien der nuklearen Sicherheit entspricht". Areva erklärte dazu, der geharnischte Brief sei bloß Teil eines normalen Dialogs über Sicherheitsfragen.

Bis heute liege kein aktuelles Design vor, kritisiert Atomaufseher Tiippana, ein 37jähriger Ingenieur mit randloser Brille und Strubbelhaar. Mitte des Jahres monierte auch die britische Atomaufsicht das Design des Leitsystems. Experten glauben deshalb, Areva werde es nicht schaffen, innerhalb der nächsten acht Jahre einen EPR in Großbritannien zu errichten.

Von Anfang an hatten sich Bauprobleme gehäuft. Eine Firma hatte die Rohre des Hauptkühlkreislaufs, die direkt zum Reaktor führen, falsch verarbeitet - sie ließen sich deshalb nicht mit Ultraschall testen. Also ließ Areva die Rohre austauschen. Die neuen Rohre ließen sich zwar testen; dafür waren sie an der Oberfläche rissig.

Für das Fundament des Reaktors verwandte die zuständige Firma einen anderen Beton als vorgeschrieben; der ließ sich zwar besser verarbeiten, war aber poröser und musste deshalb extra versiegelt werden. Auch der Stahl, der die Betonhülle von innen verstärkt, hat Schweißmängel. Eine polnische Firma schnitt Löcher an den falschen Stellen, die sie anschließend wieder zuschweißen musste. Weil alles repariert worden sei, beeinträchtigten diese Dinge die Sicherheit nicht, sagt Tiippana.

"Bitte machen Sie Ihre Notdurft nicht ins Objekt"

Von den Hunderten Subunternehmern haben nur die wenigsten Erfahrungen in der Reaktortechnik. Viele arbeiten, als würden sie mal eben schnell eine Doppelgarage irgendwo hinstellen. Einmal entschieden die Arbeiter einer Firma kurzerhand, ein Rohr für einen Messfühler woanders anzubringen als vorgesehen. Der Platz war ihnen zu schwer zugänglich. Doch das Gerät musste genau dort messen, wo die Konstrukteure es vorsahen. Atominspektor Tiippana: "Die Leute müssen wissen, warum sie sich genau an die Vorgaben halten müssen, auch wenn nicht jeder Arbeiter Nuklearwissenschaftler werden soll."

Dumm nur, dass selbst die einfachsten Dinge nicht vorausgesetzt werden können. In der Baustelle hängen sogar Zettel mit der viersprachigen Aufforderung: "Bitte machen Sie Ihre Notdurft nicht ins Objekt."

"Das ist kein Vorzeigeprojekt, das ist ein Vorzeigedesaster", behauptet Mycle Schneider, deutscher Atomexperte aus Paris und Träger des Alternativen Nobelpreises.

Dabei hätten die Voraussetzungen kaum besser sein können. In Finnland stört kein Widerstand von Atomkraftgegnern die Bauarbeiten: Der Ort Eurajoki hat 6000 Einwohner und drei Atomreaktoren - Olkiluoto eins, zwei und drei. Bürgermeister Harri Hiitiö findet das großartig.

In den vergangenen Monaten ist Hiitiö immer wieder nach Helsinki gefahren, um bei der Regierung darum zu werben, dass noch ein vierter Reaktor nach Olkiluoto kommt. Acht Millionen Euro Steuereinnahmen fließen bereits heute jährlich in die Gemeindekasse; acht Schulen leistet sich das Dorf. Proteste?

"Gab es einmal", sagt Hiitiö, "aber die Leute waren nicht von hier."

TVO gilt auch als einer der zuverlässigsten Kernkraftwerksbetreiber weltweit, die AKW der Finnen müssen so gut wie nie wegen Störungen vom Netz. Aber wenn man TVO-Manager Silvennoinen fragt, was er empfehlen könne, wenn jemand den Reaktor von Areva kaufen, aber nicht die dieselben Probleme haben wolle, dann grinst er nur und sagt: "Viel Glück."

13 Atommeiler sind schon seit mehr als 20 Jahren "im Bau"

Aber nicht nur der französische Staatskonzern tut sich schwer, neue AKW zu errichten. Im vergangenen Jahr ging erstmals seit Beginn des nuklearen Zeitalters weltweit kein neuer Reaktor ans Netz. Wie sich aus dem "Welt-Statusreport Atomindustrie" ergibt, sind zwar 52 Meiler "im Bau" - 13 davon allerdings schon seit mehr als 20 Jahren. Und bei 24 ist noch nicht einmal theoretisch klar, wann sie hochgefahren werden könnten.

Zudem sollen 36 der neuen Reaktoren nicht im sicherheitsbewussteren Westen gebaut werden, sondern in China, Indien, Russland und Südkorea. "Mir wird schwarz vor Augen, wenn ich daran denke, dass in China 16 Kraftwerke gleichzeitig gebaut werden, und man hört nur, da gebe es keine Probleme", sagt Atomkritiker Schneider.

In der westlichen Welt wird außer in Finnland nur noch ein Atommeiler neugebaut: in Flamanville in der Normandie - aber da plagen sich die Franzosen mit ähnlichen Problemen herum wie in Finnland.

In den USA hat die frühere Bush-Regierung die Hürden für die Errichtung von Neubauten drastisch gesenkt. 2007 stellte sie zudem über 20 Milliarden Dollar für Kreditbürgschaften bereit. Doch die Industrie winkt ab. Sie hat seit mehr als 30 Jahren keinen einzigen Neubau begonnen.

"Eine Reihe amerikanischer Firmen haben sich die Situation in Finnland und die Größe der Investition dort erschüttert angesehen", sagt der US-Ökonom Paul Joskow vom Massachusetts Institute of Technology.

Das Haushaltsbüro des US-Kongresses bewertete schon 2003 die Risiken, dass Bürgschaften zum Bau neuer Atomkraftwerke fällig werden, mit "mehr als 50 Prozent". 2007 schrieben sechs große Investmentbanken ans US-Energieministerium: Geld für Neubauten lasse sich nur beschaffen, wenn der Staat "zu 100 Prozent ohne Bedingungen" für diese Kredite bürge.



Forum - Hat Atomkraft Zukunft?
insgesamt 7151 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
walhalla33 06.07.2009
1. Ein entschiedenes "Nein"
Zitat von sysopWeiterhin Störfälle, weiterhin Diskussionen über die Energie-Zukunft und ihre Kosten: Wie sicher ist die Atomkraft? Wie zukunftsfähig?
Hallo, die Atomkraft ist nicht zukunftsfähig. Zwei Punkte: Es gibt keine Endlager für den Atomschrott Uns kann jeder Zeit eines davon um die Ohren fliegen. Dann ist das Geschrei groß. Ob das allerdings als Wahlkampfthema der SPD dient? Nein, das war ein Thema der Grünen. Und so wird das auch wahrgenommen. Es grüßt alle Foristen Antje
Iggy Rock, 06.07.2009
2.
Wenn man sich die Horrorgeschichte der vergangenen Jahre bezüglich Krümmel anschaut, könnte man meinen, aufgrund der geplanten Abschaltung würde Vattenfall wie auch Mitbesitzer Eon keinen Cent mehr in die Anlage stecken, die ohnehin schon immer Probleme machte. Zukunft? Nur wenn es übermäßig strenge Kontrollen, genauste Studien über den Gesundheitszustand der Anwohner, und echte Konzepte für die Endlagerung gibt, aber anscheinend ist das Utopie. Gammelreaktoren gehören vom Netz, in Krümmel reicht es schon lange.
eeg-gegner 06.07.2009
3.
Zitat von sysopWeiterhin Störfälle, weiterhin Diskussionen über die Energie-Zukunft und ihre Kosten: Wie sicher ist die Atomkraft? Wie zukunftsfähig?
Da das bekanntlich mit den sog. "Erneuerbaren Energien" nie klappen wird, den Energiehunger der wachsenden Menschheit auch nur zu Bruchteilen zu befriedigen - welches Land im Wüstengürtel der Erde kann schon 300 Mill. € pro 50 MW Nennleistung für maximal 14 Stunden Strom ausgeben? -, wird der Menschhhjeit nix anderes übrig bleiben, als Kernreaktoren zu bauen und mit den möglichen "Brennstoffen" Uran, Plutonium und Thorium Energie zu erzeugen. Die Einzigen, die das nicht kapieren können, sind eine lautstarke und gewaltbereite Minderheit von technisch-physikalisch schlecht gebildeten Deutschen.
LumpY 06.07.2009
4.
bevor keiner eine lösung für den atommüll hat braucht man gar nicht diskutieren. desweitern sollten mir die befürworter erklären, warum wir andere menschen für unser uran überall auf der welt verrecken lassen, statt es selbst zu fördern.. die nachteile werden global verteilt und die vermeintlichen vorteile (die es nicht gibt) behalten wir. p.s. nein deutschland hat ohne atomkraft keinen energieengpass, wir exportieren strom. und nein atomstrom ist nicht billig, nur weil die betreiber die zusätzlichen kosten auf den steuerzahler abladen
Rainer Girbig 06.07.2009
5. Was für eine
schwierige Frage. Die Diskussion gehört wohl eher in den Politikbereich, denn es ist sicher keine Frage der Wissenschaft. Ob Kernkraft Zukunft hat, ist eine politische Entscheidung. Die derzeitigen Ausstiegsfristen und Restlaufzeiten erscheinen mir wie eine Aktion von Börsenspekulanten. Man schließt eine Wette ab, dass in dreissig Jahren dieses und jenes passiert bzw. technisch möglich sein wird, obwohl man keine Ahnung hat wie man dahin kommen wird. Eine typische Schwachsinnsleistung der ehemaligen rot-grünen Regierung. Ist Atomkraft sicher? Das hängt wohl vom jeweiligen Betreiber ab. Bei Vattenfall ganz "sicher" nicht. Die Energieversorgung ist (neben anderen Dingen) zu wichtig, als dass man sie verantwortungslosen (weil nur gewinnorientierten) Privatunternehmen überlassen sollte
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 42/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.