Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2009

Kernkraft: Die Atom-Schlamperei

Von , und

Laufend Pannen, explodierende Kosten: Finnlands neuer Reaktor in Olkiluoto zeigt, welche Probleme die Renaissance des Atomstroms bereitet. Die Alternativstrategie der Industrie, auch in Deutschland: Alte Meiler sollen modernisiert werden, um drastisch längere Laufzeiten zu ermöglichen.

Atomindustrie: Pannen-Serie beim Bau des finnischen Vorzeigereaktors Fotos
AFP

Noch einen letzten Wunsch äußerten die Manager der finnischen Stromfirma TVO, bevor sie bei Siemens und dem Nuklearkonzern Areva das größte Kernkraftwerk der Welt bestellten: Der Meiler sollte doch bitte möglichst einen ochsenblutroten und weißen Anstrich bekommen. Genauso sehen die niedlichen Sommerhäuser an der Küste Westfinnlands aus.

Das immerhin haben die beiden Konzerne hingekriegt: Derzeit befestigen Arbeiter eine farbige Verkleidung an der Turbinenhalle. Ansonsten aber läuft nicht viel nach Plan auf Europas größter Atombaustelle.

Auftraggeber und Herstellerfirmen sind heillos zerstritten, sie kämpfen vor einem Schiedsgericht um Milliarden. Die Kosten explodieren, die Fertigstellung verzögert sich um Jahre. Vor allem aber werfen Kritiker dem Konsortium vor, gefährlich zu pfuschen. Beton sei porös, Stahl sei rissig, und manche Konstruktionsprinzipien seien so gewagt, dass es die Experten von der finnischen Atomaufsicht schaudern lasse.

Nach außen hin bemühen sich TVO und Areva weiterhin, alles im besten Licht erscheinen zu lassen. Scheinwerfer beleuchten das künftige Reaktorgebäude. Betonmischer kurven im Konvoi drum herum. Bauarbeiter mit Warnjacken laufen umher, sie sprechen Polnisch, Finnisch, Deutsch, Französisch, Slowakisch, Serbokroatisch. Im Verwaltungsgebäude daneben zählt TVO-Projektmanager Jouni Silvennoinen einen Superlativ nach dem anderen auf: Hier in Olkiluoto am Bottnischen Meerbusen wird der erste Atomreaktor der dritten Generation gebaut, der Europäische Druckwasser-Reaktor, kurz EPR. Der leistungsstärkste Meiler der Welt könnte eine Millionenstadt komplett mit Strom versorgen.

Silvennoinen hantiert mit einem Laserpointer und großen Zahlen. 4300 Arbeiter aus 60 Ländern und 700 Subunternehmen werden 200.000 Kubikmeter Beton auf ihrer Babel-Baustelle gießen: "Es ist beeindruckend, wie alle diese Tausenden Menschen für ein gemeinsames Ziel arbeiten."

Die Bauprobleme seien nichts, was ihm Sorgen bereite, sagt auch Areva-Projektmanager Jean-Pierre Mouroux: "Wir haben viel gelernt und Erfahrung gewonnen, die wir für den nächsten EPR nutzen können."

Doch in Wahrheit sind die Pannen beim Vorzeigeneubau eine schlechte Nachricht für die Atomwirtschaft; denn eigentlich hofft die Energiebranche auf ein Comeback ihrer Großtechnik. Und Olkiluoto sollte ihr Schaufenster werden - daraus wird wohl nichts.

Renaissance durch die Hintertür?

Mehr noch als auf Neubauten setzen die Atommanager in den Industrieländern ohnehin auf eine Art Billig-Renaissance: Ihre Uraltkraftwerke aus einer Zeit, in der VW in Deutschland noch den Käfer baute, sollen einfach weit über ihre ursprünglich geplante Lebensdauer hinaus Strom produzieren. Selbst im atomkritischen Deutschland will die künftige schwarz-gelbe Regierung der Atomindustrie längere Laufzeiten ermöglichen.

Modernisierung statt Neubau - ist das die neue Strategie, die auf eine Renaissance durch die Hintertür hinausläuft? Zumindest zeigt das Chaos um den Olkiluoto-Reaktor, dass die Branche gar nicht ohne weiteres in der Lage ist, in der westlichen Welt günstig und sicher genug neue Kraftwerke zu bauen. Und Energieversorger können solche Mammutprojekte mit ihren gewaltigen Finanzrisiken nicht mehr stemmen - das geht nur, wenn der Staat einspringt.

Mit einem Desaster hatte kaum jemand gerechnet, als Frankreichs Staatsbetrieb Areva und der deutsche Siemens-Konzern den Finnen ihren EPR-Prototyp schlüsselfertig anboten: zum Komplettpreis von drei Milliarden Euro. Die Franzosen übernahmen den nuklearen Teil und die Leittechnik, Siemens sollte hauptsächlich Dampfturbinen und Transformatoren liefern. Ein gutes Geschäft, dachten sich die TVO-Manager, damals im Dezember 2003.

Ursprünglich hätte das Kraftwerk schon in diesem Frühjahr ans Netz gehen sollen. Doch nun soll es erst 2012 so weit sein - vielleicht. Ob es klappt, "hängt vom Verhalten meiner Kunden ab", sagt Areva-Manager Mouroux spitz. Damit meint er TVO.

Außerdem wird der Bau mindestens 2,3 Milliarden Euro teurer als geplant. Die Rückstellungen für den erwarteten Verlust fressen fast den gesamten Konzerngewinn von Areva auf. Auch Siemens musste bereits dreistellige Millionenbeträge zurücklegen.

Zwitter aus einer deutschen und französischen Reaktorentwicklung

Anfang dieses Jahres verklagte Areva deshalb TVO auf eine Milliarde Euro Entschädigung. TVO habe viel zu lange gebraucht, um Blaupausen und andere Dokumente zu bearbeiten. TVO konterte mit einer Gegenklage und fordert nun seinerseits 2,4 Milliarden Euro als Ausgleich für entgangene Gewinne wegen der verspäteten Fertigstellung. Das Gerichtsverfahren wird wohl noch länger dauern als die Bauarbeiten.

Die Konzernbosse attackieren sich inzwischen ohne Unterlass: Areva-Chefin Anne Lauvergeon drohte unlängst, in Olkiluoto nicht weiterzubauen, wenn TVO nicht festen Regeln der Zusammenarbeit zustimme und alles zackiger genehmige. Ein Siemens-Sprecher wollte diese Drohung wegen des laufenden Schiedsverfahrens nicht kommentieren. Aber hinter vorgehaltener Hand rügten auch hochrangige Siemens-Manager die finnischen Auftraggeber. TVO habe die Verzögerungen mitverschuldet, weil die Firma Bauunterlagen viel zu spät an die Aufsichtsbehörden weitergeleitet habe.

Alles falsch, keilte TVO-Verwaltungsrat Timo Rajala vor gut zwei Wochen zurück, Areva habe "den Reaktor verkauft und dann erst mit dessen präziser Planung begonnen". Es gebe keine normalen Geschäftsbeziehungen zwischen den Unternehmen mehr. Mehrfach hat die finnische Atomaufsichtsbehörde Stuk Arbeiten in Olkiluoto gestoppt, weil die Firmen sich nicht an Auflagen hielten.

Der EPR ist der erste Reaktor der sogenannten dritten Generation, die modernste Atommaschine der Welt, ein Zwitter aus einer deutschen und einer französischen Reaktorentwicklung. Der EPR verfügt innen über eine betonverstärkte Stahlhülle, welche die äußere Betonkuppel sicher abdichten soll, sowie über ein Keramikbecken unter dem Reaktor. All diese Neuerungen sollen die Höllenglut auffangen, wenn einmal alles richtig schiefgehen sollte.

Aber Zwitter sind komplizierte Wesen: Mehr als 3000 Fehler gab es bislang beim Bau. Die wichtigste ungeklärte Frage betrifft "die Sinne, die Nerven und das Gehirn des Reaktors", sagt Petteri Tiippana, Direktor bei der finnischen Atomaufsichtsbehörde Stuk: das automatische Leitsystem des Atomkraftwerks.

Diesen Artikel...
Forum - Hat Atomkraft Zukunft?
insgesamt 7151 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ein entschiedenes "Nein"
walhalla33 06.07.2009
Zitat von sysopWeiterhin Störfälle, weiterhin Diskussionen über die Energie-Zukunft und ihre Kosten: Wie sicher ist die Atomkraft? Wie zukunftsfähig?
Hallo, die Atomkraft ist nicht zukunftsfähig. Zwei Punkte: Es gibt keine Endlager für den Atomschrott Uns kann jeder Zeit eines davon um die Ohren fliegen. Dann ist das Geschrei groß. Ob das allerdings als Wahlkampfthema der SPD dient? Nein, das war ein Thema der Grünen. Und so wird das auch wahrgenommen. Es grüßt alle Foristen Antje
2.
Iggy Rock, 06.07.2009
Wenn man sich die Horrorgeschichte der vergangenen Jahre bezüglich Krümmel anschaut, könnte man meinen, aufgrund der geplanten Abschaltung würde Vattenfall wie auch Mitbesitzer Eon keinen Cent mehr in die Anlage stecken, die ohnehin schon immer Probleme machte. Zukunft? Nur wenn es übermäßig strenge Kontrollen, genauste Studien über den Gesundheitszustand der Anwohner, und echte Konzepte für die Endlagerung gibt, aber anscheinend ist das Utopie. Gammelreaktoren gehören vom Netz, in Krümmel reicht es schon lange.
3.
eeg-gegner 06.07.2009
Zitat von sysopWeiterhin Störfälle, weiterhin Diskussionen über die Energie-Zukunft und ihre Kosten: Wie sicher ist die Atomkraft? Wie zukunftsfähig?
Da das bekanntlich mit den sog. "Erneuerbaren Energien" nie klappen wird, den Energiehunger der wachsenden Menschheit auch nur zu Bruchteilen zu befriedigen - welches Land im Wüstengürtel der Erde kann schon 300 Mill. € pro 50 MW Nennleistung für maximal 14 Stunden Strom ausgeben? -, wird der Menschhhjeit nix anderes übrig bleiben, als Kernreaktoren zu bauen und mit den möglichen "Brennstoffen" Uran, Plutonium und Thorium Energie zu erzeugen. Die Einzigen, die das nicht kapieren können, sind eine lautstarke und gewaltbereite Minderheit von technisch-physikalisch schlecht gebildeten Deutschen.
4.
LumpY 06.07.2009
bevor keiner eine lösung für den atommüll hat braucht man gar nicht diskutieren. desweitern sollten mir die befürworter erklären, warum wir andere menschen für unser uran überall auf der welt verrecken lassen, statt es selbst zu fördern.. die nachteile werden global verteilt und die vermeintlichen vorteile (die es nicht gibt) behalten wir. p.s. nein deutschland hat ohne atomkraft keinen energieengpass, wir exportieren strom. und nein atomstrom ist nicht billig, nur weil die betreiber die zusätzlichen kosten auf den steuerzahler abladen
5. Was für eine
Rainer Girbig 06.07.2009
schwierige Frage. Die Diskussion gehört wohl eher in den Politikbereich, denn es ist sicher keine Frage der Wissenschaft. Ob Kernkraft Zukunft hat, ist eine politische Entscheidung. Die derzeitigen Ausstiegsfristen und Restlaufzeiten erscheinen mir wie eine Aktion von Börsenspekulanten. Man schließt eine Wette ab, dass in dreissig Jahren dieses und jenes passiert bzw. technisch möglich sein wird, obwohl man keine Ahnung hat wie man dahin kommen wird. Eine typische Schwachsinnsleistung der ehemaligen rot-grünen Regierung. Ist Atomkraft sicher? Das hängt wohl vom jeweiligen Betreiber ab. Bei Vattenfall ganz "sicher" nicht. Die Energieversorgung ist (neben anderen Dingen) zu wichtig, als dass man sie verantwortungslosen (weil nur gewinnorientierten) Privatunternehmen überlassen sollte
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 42/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Interaktive Grafik
SPIEGEL ONLINE
Atomkraftwerke in Deutschland
Interaktive Grafik
Atomkraft: Die Positionen der EU-Staaten und der wichtigsten Industrienationen

Fotostrecke
Alle Fakten: Atomenergie in Deutschland und weltweit
Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
DPA
In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
DPA
Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.

Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: