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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2009

Transsexuelle Triathletin: "Ich bin schlechter geworden"

Von und Cathrin Gilbert

Nicole Schnaß startete noch bis vor zwei Jahren als Mann im Triathlon. Nach ihrer Geschlechtsumwandlung spricht die 38-Jährige im SPIEGEL-Interview über den Argwohn der Konkurrentinnen, den Kampf um Anerkennung und ihre Qualifikation für den Ironman auf Hawaii.

Transsexuelle Triathletin: Extremsport im neuen Körper Fotos
Ulrich Zimmermann

SPIEGEL: Frau Schnaß, Sie sind schon als Frau und als Mann beim Triathlon gestartet. Was unterscheidet die Geschlechter im Sport?

Schnaß: Frauen benehmen sich beim Triathlon fairer und nehmen Rücksicht aufeinander. Bei den Männern geht es dagegen viel härter zur Sache. Beim Schwimmstart verteilen sie auch mal Fußtritte oder Kinnhaken.

SPIEGEL: Sie haben vor zweieinhalb Jahren Ihr Geschlecht zur Frau umwandeln lassen. Wie ist diese Entscheidung in Ihnen gereift?

Schnaß: Es war ein langer Prozess, bis mir bewusst war, dass ich im falschen Körper stecke. Erst war es nur ein Gefühl. Ich konnte schon als Kind besser mit den Mädchen lachen. Meine Haut war unbehaarter und weiblicher. Dann gab es verschiedene Schlüsselerlebnisse. Zum Beispiel als ich einmal im Krankenhaus ankreuzen sollte, ob ich schon mal schwanger war. Irgendwann lebte ich komplett in der Rolle einer Frau.

SPIEGEL: Warum haben Sie mit Triathlon angefangen?

Schnaß: Mich hat die Kombination der einzelnen Sportarten gereizt. Und durch die extreme Anstrengung hat sich auch mein Körper verändert, ich wurde robuster. Später hat mir der Sport dann die Kraft gegeben zu erkennen, wer ich bin. Ohne ihn hätte ich mit mir selber viel größere Probleme bekommen. Ich habe wirklich aufreibende Jahre hinter mir, die vielen Behördengänge, die ganzen Gutachten, die erstellt wurden. Wenn mal die Wut in mir aufkam, konnte ich sie im Training rauslassen.

SPIEGEL: Seit Januar dürfen Sie nun als Frau starten. Wie haben sich die Hormonbehandlungen, denen Sie sich im Zuge der Geschlechtsumwandlung unterziehen mussten, auf Ihre Leistungen ausgewirkt?

Schnaß: Ich bin schlechter geworden. Vor allem meine Schwimm- und Laufzeiten sind in den Keller gegangen, im Vergleich zu meinem früheren Leben. Den Einbruch beim Radfahren konnte ich durch noch mehr Training im Rahmen halten.

SPIEGEL: Dennoch qualifizierten Sie sich im Mai auf Lanzarote gleich für den Ironman-Triathlon auf Hawaii. Wie haben Ihre Gegnerinnen reagiert?

Schnaß: Meiner schärfsten Konkurrentin, die ich in der Qualifikation besiegt habe, fiel es zunächst schwer, damit klarzukommen. Ich kann das verstehen. Immerhin startete ich 2006 auf Lanzarote noch als Mann. Mittlerweile verstehen wir uns sehr gut. Die Lösung war, dass ihr der Veranstalter des Ironman auf Hawaii einen zweiten Startplatz angeboten hat. Ich bin eben ein Präzedenzfall.

SPIEGEL: Spüren Sie auch Ablehnung?

Schnaß: Ja. Und leider gehen die Sprüche manchmal unter die Gürtellinie. Da kann es schon passieren, dass ich eine Träne verdrücken muss.

SPIEGEL: Von wem werden Sie beleidigt?

Schnaß: Am häufigsten anonym in Internetforen. Da fühlen sich manche wohl ganz stark. Ich bin jetzt zwar eine Frau, so steht es auch in meinem Pass, aber mein Kampf um Anerkennung im Sport wird wohl noch lange dauern.

SPIEGEL: Für transsexuelle Sportler gelten klare Regeln. So mussten Sie nach der Operation eine vom Internationalen Olympischen Komitee vorgegebene Zweijahressperre einhalten. Seit dem Fall der südafrikanischen Läuferin Caster Semenya wird darüber debattiert, wie der Sport angemessen mit Intersexualität umgehen soll. Haben Sie eine Lösung?

Schnaß: Die Verbände sollten jeden Fall mit sehr viel Fingerspitzengefühl angehen. Die Voraussetzung dafür ist, grundsätzlich zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die anders sind. Ich glaube, viele Leute sind da noch nicht so weit.

SPIEGEL: Bei Semenya wurde versucht zu verheimlichen, dass sie medizinisch nicht eindeutig Frau oder Mann ist. Sie veröffentlichen auf Ihrer Internetseite Ihre Blutwerte und weisen offen darauf hin, dass Sie früher ein Mann waren.

Schnaß: Alles andere wäre doch Betrug. Mal angenommen, ich würde meine Geschichte verstecken, die Konkurrenz abhängen, und dann käme im Anschluss die Wahrheit zufällig heraus. Um Gottes willen. Dann wäre die Ablehnung der anderen Athleten riesig, und ich wäre gescheitert.

SPIEGEL: Ist es manchmal schwer, immer offen zu sein?

Schnaß: Darüber denke ich nicht nach. Ich will nicht unterstellt bekommen, dass ich das alles nur gemacht habe, damit ich sagen kann: Hey, ich verdiene meine Kohle als Triathlon-Profi. Es geht mir nicht um Pokale. Ich möchte einfach nur als Sportlerin akzeptiert werden.

Das Interview führten Lukas Eberle und Cathrin Gilbert

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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1. Schlechter geworden
dasky 17.10.2009
Zitat von sysopDie Triathletin Nicole Schnaß, 38, über ihre Geschlechtsumwandlung, den Argwohn der Konkurrentinnen und den schwierigen Kampf um Anerkennung im Sport. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,654631,00.html
Männer sind eben einfach die besseren Menschen.
2. Naja ...
Ilu, 17.10.2009
...jedem das seine. Trotz Geschlechtsumwandlung und Hormontherapie bleibt "sie" genotypisch nunmal männlich. Ich kann andere Frauen im Sport gut verstehen, wenn sie argwöhnen, dass verweiblichte und als Frauen anerkannte Männer trotz allem einen gewissen Vorteil in der Leistungsfähigkeit gegenüber genotypisch weiblichen Konkurrentinnen erhalten können. Im Grunde ist es auch egal. Eine Transsexuellen-Olympiade würde nicht soviel Sinn machen. Es wird sowieso an allen Ecken und Enden gedopt. Ich finde, man sollte das Doping generell zulassen und derjenige mit dem besten Stoff im Blut soll gewinnen.
3. Mann, Frau, Mann Frau!
geisterhoernchen 17.10.2009
Hm! Heikle Sache. Aber es ist ja nun mal so, dass (sie) mit männlichem Körper - da hilft auch keine anoperierte MuMu, denn männlicher Körper bleibt männlicher Körper -, also das (sie) mit männlichem Körper unter weiblichen Körpern einen Vorteil in vielen Sportarten erzielen kann. Ich nehme ja als 37 jähriger 1,96 großer Mann auch nicht an Kugelstoß-Wettbewerbe für Kinder teil!
4. total ungerecht
Ingeboorg 17.10.2009
Das er/sie da starten darf ist doch total ungerecht den echten Frauen gegenüber.
5. Genotyp
ackerdemiker 17.10.2009
Ich verstehe ÜBERHAUPT nicht, warum sie als Frau starten darf, da sie genotypisch nunmal eindeutig ein Mann ist. Und das bringt nunmal insgesamt Vorteile, da der männliche Körper von den Grundvoraussetzungen muskulär ganz andere Möglichkeiten bietet. Auch wenn durcheine Hormontherapie der Leitungszustand schlechter geworden ist, so ist sie absolut gesehen immer noch in "Top-Form" (für eine Frau unter Frauen bzw. für eine genotypisch" männliche Frau" und genotypisch weiblichen Frauen). Ich kann nicht nachvollziehen, wieso der beurkundete "Beweis" der "Weiblichkeit" im Sport zur Startberechtigung führt. Außerdem kann ich die Dame schonmal GAR NICHT verstehen, dass sie sich so selbstverständlich ins Profilager der Frauen begiebt. Das zeugt ganz und gar nicht von weiblichem Feingefühl und erstaunt mich sehr. Die Kontroverse ist programmiert und auch wenn hier jemandem die Lebensgrundlage entzogen würde (und das zum Beruf gemachte Hobby) kann ich eine Startberechtigung als Frau in keinster Weise verstehen. Genotyp ist Genotyp... und dieser wird sich auch durch eine OP nicht ändern. Auch die Leistungen werden immer in anderen Möglichkeitsbereichen liegen als bei einer genotypischen Frau. Das hat ja nunmal die Qualifikation zum Ironman gezeigt. Auch wenn die Dame sich "leistungmäßig deutlich verschlechtert" hat, reichen die jetzt erbrachten Leistungen immer noch aus, um eine genotypische Frau zu besiegen. Aus Sicht der besiegten ist das einfach nicht fair, da sie gegen einen Körper antritt, der viele Jahre als Mann trainiert hat, der auch die hormonellen VOraussetzungen zu diesem Training hatte. Durch das SPritzen von Östrogenen wird man nicht automatisch eine Frau... Ich kenne selbst eine transsexuelle Frau und bin mir der Problematik durchaus bewusst... allerdings geht es im Sport und KÖRPERLICHE HÖCHSTLEISTUNGEN... und wenn man "im falschen Körper" steckt, dann tritt man letztendlich auch nach einer Geschlechtsumwandlung immer zu einem Teil "im falschen Körper" an... und DAS ist unsportlich...
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Zur Person
Dominik Asbach

Nicole Schnaß, 38, ist Triathletin. Geboren als Elmar Schnaß, unterzog sie sich im Januar 2007 einer geschlechtsangleichenden Operation. Seit Januar 2009 darf sie offiziell als Frau an Wettkämpfen teilnehmen. Mit dem ersten Platz in ihrer Altersklasse beim Ironman auf Lanzarote qualifizierte sich Schnaß direkt für den prestigeträchtigen Contest auf Hawaii. Dort belegte sie in 11:46:14 Stunden Platz 42 in der Gruppe der 35-39-Jährigen. Schnaß arbeitet als Chemielaborantin in Krefeld.


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