Von Veronika Hackenbroch und Gerald Traufetter
Auf der onkologischen Station von Chefarzt Wolf-Dieter Ludwig liegen vor allem Patienten mit Blutkrebs, bösartigen Lymphomen und anderen Tumoren. Viele haben eine Chemotherapie hinter sich, ihr Immunsystem ist ausgezehrt.
"Diese Menschen gehören eigentlich zur Hochrisikogruppe, die würde man als Erste gegen eine pandemische Grippe impfen", sagt Ludwig, Chefarzt am Helios Klinikum in Berlin-Buch.
"Eigentlich", Ludwig spricht dieses Wort sehr langsam und nachdenklich aus. Immer wieder redet er in diesen Tagen mit seinen Patienten auch über die Schweinegrippe. "Die sind natürlich sehr besorgt, weil sie um ihre Infektionsanfälligkeit wissen", erzählt der 57-jährige Arzt. "Ich kläre sie auf über Nutzen und bekannte Risiken", sagt Ludwig, "aktiv empfehlen kann ich ihnen den Impfstoff aber derzeit nicht."
Ludwig ist nicht irgendwer im deutschen Gesundheitssystem. Als Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft ist er eine Autorität in der Bewertung von Medikamenten. Und dieses Mal fällt sein Urteil vernichtend aus: "Wir sind unglücklich über diese Impfkampagne." Sie werfe zahlreiche Probleme auf, und ihr Nutzen sei ungewiss, zürnt Ludwig: "Die Gesundheitsbehörden sind auf eine Kampagne der Pharmakonzerne hereingefallen, die mit einer vermeintlichen Bedrohung schlichtweg Geld verdienen wollten."
Während die Landesgesundheitsministerien dieser Tage die letzten Vorbereitungen für das Verteilen der Grippe-Vakzinen treffen, herrscht Verwirrung, Unsicherheit und Chaos. Angelegt ist sie als größte Impfmaßnahme in der Geschichte der Bundesrepublik. 50 Millionen Dosen des von GlaxoSmithKline (GSK) produzierten Impfstoffs Pandemrix werden von diesem Montag an von einem geheimen Ort in der Nähe der traditionsreichen Dresdner Serumwerke in Lastwagen geladen. Gut gekühlt rollen sie dann in die Bundesländer, von dort in Arztpraxen und Gesundheitsämter - und sollen schließlich in die Oberarme zunächst von Bediensteten des Gesundheitswesens sowie Risikopatienten gespritzt werden.
Die Impfstrategie der Behörden bricht binnen kurzem in sich zusammen
Doch unter Ärzten, Pharmaexperten und Politikern flammt Widerstand auf gegen die gewaltige Impfaktion, die den Staat und die Krankenkassen mindestens 600 Millionen Euro kostet.
Die Verwirrung begann, als die Ständige Impfkommission (Stiko) in der vorvergangenen Woche für Schwangere einen anderen Impfstoff empfahl. Einen, der keinen Wirkverstärker ("Adjuvans") enthält. Dieser stachelt das Immunsystem besonders an. Deshalb kann er helfen, den Impfstoff zu strecken, so dass aus einer bis zu vier Impfdosen gemacht werden können.
Doch Vakzinen ohne Zusatzstoffe haben die Behörden nicht, und jetzt muss der zuständige Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Klaus Theo Schröder, als Bittsteller rund um die Welt telefonieren: "Es laufen derzeit Gespräche mit Herstellern sowie den Gesundheitsministerien in Frankreich und den USA mit dem Ziel, für Schwangere auch nichtadjuvantierten Impfstoff zu beschaffen", sagt Schröder. Ob er ihn bekommt, kann er noch nicht sagen. Denn die Lager der Hersteller sind leer. Die weltweite Produktion, allein bei GSK 440 Millionen Dosen, ist fast vollständig verkauft.
Binnen kurzem ist die ganze Impfstrategie der Behörden in sich zusammengebrochen. Denn immer mehr Ärzte raten nicht nur Schwangeren von der Impfung ab und begründen das einerseits mit dem unkalkulierbaren Risiko durch die Adjuvantien, andererseits aber auch mit dem eher geringen Nutzen der Impfung: Das Schweinegrippe-Virus nämlich hat sich keineswegs als jener große Killer entpuppt, der beim Ausbruch im Frühjahr in Mexiko angekündigt worden war.
Der Gedanke an eine Massenimpfung verblasst
Sogar die Stiko, sonst ein der Pharmaindustrie wohlgesinntes Gremium, lässt in ihrer Impfempfehlung Zweifel durchscheinen. Plötzlich verblasst der Gedanke an eine Massenimpfung: Bevor die gesunde Bevölkerung dazu aufgerufen wird, wolle man sich spätestens Mitte November noch einmal zusammensetzen, die Lage bewerten "und diskutieren, ob wir es dem Rest der Bevölkerung empfehlen", so Stiko-Mitglied Ulrich Heininger.
Offene Rebellion herrscht dagegen unter Allgemeinmedizinern und Kinderärzten. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Michael Kochen, empfiehlt den deutschen Hausärzten, nicht zu impfen. "Das Schadensrisiko überwiegt den Nutzen", sagt der Göttinger Professor.
Wolfram Hartmann, Präsident des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte, wirft der Bundesregierung "wissenschaftliche Falschaussagen" vor. Wie bei Schwangeren so gelte auch für Kinder unter drei Jahren: "Der Impfstoff ist an ihnen noch überhaupt nicht getestet, deshalb ist das Risiko einfach zu groß, ihn jetzt bedenkenlos einzusetzen."
Dabei sei gerade diese Altersgruppe speziell gegen die Schweinegrippe zu schützen: Besonders Kinder mit chronischen Krankheiten, so weiß man aus Ländern mit hoher Schweinegrippe-Durchseuchung, leiden unter einem schweren Infektionsverlauf.
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© DER SPIEGEL 43/2009
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