AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2009

TV-Formate Die Reality-Falle

RTL

Von

2. Teil: Echtes Leben ist mittlerweile zu langweilig


"Scripted Reality" heißt die Lüge im TV-Jargon: Pseudowirklichkeit nach Drehbuch, aufgetischt von Laiendarstellern. Auch so kann eine Antwort auf die mühselige Suche nach Wirklichkeit und wirklichen Menschen aussehen: Man denkt sie sich aus.

Imke Arntjen hat die Konsequenzen für sich bereits gezogen. Sie lenkt ihre Agentur behutsam um. Künftig will sie weniger Zulieferer für Doku-Soaps sein, sondern mehr Vermittlerin von Statisten und Kleindarstellern. "Deutschland ist durchgecastet", sagt sie. "Es findet nur noch eine Ausweitung in der Breite statt. Intelligente Menschen machen da nicht mit, und auch die Dummen kriegen langsam mit, wie der Hase läuft." Auch wenn nicht jeder gleich eine soziale Schussfahrt erlebt wie Familie Leps.

Mit ihr ins Gespräch zu kommen ist nicht leicht. Sie hat bisher mit keinem Journalisten geredet. Auch neun Monate nach ihrem "Frauentausch"-Debakel ist der Alptraum für das Ehepaar nicht vorbei.

Ehemalige Freunde meiden die Familie. Frühere Bekannte aus dem Dartclub machten ihr klar, dass sie nicht mehr erwünscht sei. Die Vermieterin kündigte ihr die Wohnung. Vor ein paar Wochen zogen die Leps schließlich weg aus Zerbst. Es ist ein erzwungener Neuanfang. "Zum ersten Mal seit Monaten kann ich nachts ohne Angst schlafen", sagt Christian Leps. Mit dem Fernsehen ist er "durch".

Als die TV-Leute zum ersten Mal bei Familie Leps auftauchten, so erzählt er, da schwärmten sie geradezu, "wie sauber das bei uns ist". Da habe er schon ein bisschen Angst gehabt, in was für einen ungeputzten Haushalt seine Frau wohl tauschen werde. "Und plötzlich bist du selbst das Dreckschwein, und von deiner Wohnung werden nur die schmuddeligen Ecken gezeigt." Als die "Frauentausch"-Folge aus Zerbst im Fernsehen lief, urteilte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagzeitung", es sei "zweifellos ganz gut" gelungen, "das menschenverachtende Potential des Formats auszuschöpfen".

Man muss zur Ehrenrettung der Produktionsfirma sagen, dass die sich immerhin um den materiellen Schaden der Vermieterin gekümmert und sich an den Kosten der Renovierung beteiligt hat. Der Produzent, Otto Steiner von Constantin-Entertainment, versichert zudem, dass man Ost-West-Gegensätze jetzt nicht mehr thematisiere. Doch die Angst möglicher Protagonisten vor der Bloßstellung trifft auch Fernsehleute, die das Genre Doku-Soap eigentlich ernst nehmen wollen.

Etwa Andrea Schönhuber, Geschäftsführerin von Imago TV. Sie hat für RTL "Die Ausreißer" gemacht, eine ehrenwerte Reihe über einen Sozialarbeiter, der sich um Straßenkinder kümmert. Um die Persönlichkeitsrechte zu schützen, ging Schönhuber sogar so weit, ihren Protagonisten den Film vor der Ausstrahlung zu zeigen.

Was nicht passt, wird passend gemacht

In diesem Sommer produzierte sie die Reihe "Nachbarschaftsstreit". Ein Mediator versöhnt darin verfeindete Anlieger. "Das ist eigentlich ein klassisches Reportageformat", sagt Schönhuber. "Es gibt keine Drehbücher, und die Leute, die wir zeigen, brauchen wirklich Hilfe." Doch jeweils zwei verfeindete Parteien vor die Kamera zu bringen erwies sich als extrem mühsam.

"Die Recherche war schwer", sagt Schönhuber, weil viele Protagonisten etwa daran dachten, wie Stefan Raab einmal den TV-Auftritt einer streitenden Nachbarin mit seinem "Maschen-Draht-Zaun"-Song veralberte, "und somit die Sorge hatten, nicht ernst genommen zu werden". Diese Angst ist begründet. Und die Crux bei all den sogenannten Reality-Formaten ist: Echtes Leben ist mittlerweile zu langweilig. Im Fernsehen muss es immer noch kaputter, dramatischer, kränker sein als in der Wirklichkeit.

Was nicht passt, wird passend gemacht. Familie Pladeck aus Berlin-Spandau beispielsweise hilft gern. Andreas Pladeck hatte schon vor Jahren mal bei einer TV-Spielshow mitgemacht, seitdem lässt das Fernsehen die Familie nicht mehr los. Sie macht auch schon mal in einer Ferien-Doku-Soap mit, in der sie als "die Wanderfamilie" auftritt, obwohl sie alle "bestimmt sehr sportlich, aber nun wirklich keine Wanderer" seien, sagt Pladeck.

Nach ein paar Jahren im Doku-Soap-Geschäft fühlt er sich quasi als Profi. "Man lernt, die Mechanismen des Fernsehens zu durchschauen", sagt er. Wie inszeniert im Fernsehen das Spontane sei etwa.

Mittlerweile würden die TV-Teams richtig gern mit ihnen zusammenarbeiten, erzählt seine Frau. Sie wüssten schließlich schon, wie eine Szene am besten rüberkomme. "Bei uns wirkt die Szene auch in der fünften Einstellung noch wie spontan", sagt sie.

Auch das Ehepaar Leps hat eine solche Karriere hinter sich. Es begann, als die Nachmittags-Talkshows boomten. Das Paar war bei "Britt", "Vera" und "Oliver Geissen" zu Gast. Einmal redete es über Yvonnes Eifersucht, einmal über ihr Schnarchen. Es stritt im Studio, ob ein kleiner Klaps in der Kindererziehung schade. Es ließ sich darüber aus, ob Kinder Nachmittagsschlaf brauchen. Einmal war die "Familienhilfe mit Herz" von RTL bei den Leps zu Hause.

Sie fanden das immer amüsant. Beide übertrieben. Es war für sie ein Gesellschaftsspiel vor laufender Kamera. Vor allem: harmlos. Ein Witz. Auch bei "Frauentausch", sagen sie, sei ihnen bis zur Ausstrahlung nie die Idee gekommen, dass das mal einer so ernst nehmen würde.

Es war ja bloß Fernsehen.

So ähnlich argumentiert auch Constantin-Manager Steiner. Zu ernst dürfe man das ganze Genre doch bitte schön nicht nehmen. Doku-Soaps seien schließlich eine "komprimierte Form der Wirklichkeit". Also: zugespitzt, dramatisiert. Und den meisten Zuschauern - man könne das bedauern oder nicht - sei es ja ohnehin egal, ob die erzählte Geschichte komplett wahr oder komplett erfunden sei.

Zunächst gab es nur Profi-Laien, also TV-Anfänger, die für alle möglichen Sujets und Storys ihr Gesicht vermieteten. Nun gibt es Laien-Profis, also Schauspieler, die für einen Hauch von Realität in vermeintlich authentische Existenzen schlüpfen. Sat.1 hat 2003 angefangen mit den Krimi-Soaps im Doku-Stil, sie hießen "Lenßen & Partner" oder "K11". Ein Anwalt spielt sich selbst in komplett erdachten Geschichten. Eine Polizistin spielt eine Polizistin in abstrusen Ermittlungen.

Bei diesen Reihen, sagt jedenfalls Steiner, dessen Firma beide Formate herstellt, habe noch jeder Zuschauer an den Storys sehen können, dass hier nichts dokumentiert wird, sondern lediglich Laien als Schauspieler agieren.

RTL ist da neuerdings ein gutes Stück weiter mit seiner inszenierten Wahrheit. "Einen erfolgreicher Tabubruch" nennt Steiner die komplett ausgedachten Storys.

Nicht mal Familie Leps hat den Trick erkannt. In ihrer neuen Wohnung vor dem alten Fernseher verfolgt sie sehr genau, was auf dem Markt der Doku-Soaps geschieht, seit sie quasi draußen ist.

Auch das neue Nachmittagsprogramm auf RTL hat die Familie schon gesehen. "Das wird alles immer krasser", sagt Yvonne Leps. "Richtig schlimm." Ob ihnen nicht aufgefallen sei, dass alles inszeniert ist, komplett erfunden? "Nein", sagt Christian Leps. "Das wäre ja total bekloppt."



insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 17.10.2009
1.
Wer sowas guckt, hätte vor 100 Jahren in seinem Dorf auch immer am Küchenfenster gehangen und geguckt, was die Nachbarn so treiben.
takeo_ischi 17.10.2009
2.
Zitat von sysopDoku-Soaps gehören zu den beliebtesten TV-Formaten. Bei RTL laufen neuerdings Sendungen dieses Genres, in denen Schauspieler den Part von "echten" Menschen übernehmen. Ist das ein Tabubruch, oder sind Doku-Soaps für Sie ohnehin unglaubwürdig?
Doch nicht nur neuerdings. Das war schon vorher alles gestellt. Nur manchmal halt mit schlechtbezahlten Laiendarstellern. Dass es heute schlechtbezahlter Schauspielschulenausschuss macht ist auch kein Unterschied. Das Zielpublikum ist mittlerweile eh schon so abgestumpft, dass es nicht mehr registriert was echt oder fake ist. Oder es ist ihm schlicht egal. Hauptsache der Tag geht rum. Grundsätzlich bedienen diese Formate niedere Instinkte und helfen Menschen durch Projektion von der eigenen Leere ablenken zu können. Solange es jemanden gibt, dem es noch schlechter geht als einem selbst, oder der sich noch blöder anstellt beim Schuhebinden, sind viele Menschen leider schon glücklich.
perpendicle, 17.10.2009
3. Bitte aufhören
Zitat von sysopDoku-Soaps gehören zu den beliebtesten TV-Formaten. Bei RTL laufen neuerdings Sendungen dieses Genres, in denen Schauspieler den Part von "echten" Menschen übernehmen. Ist das ein Tabubruch, oder sind Doku-Soaps für Sie ohnehin unglaubwürdig?
sind das diese düsteren deutschen Dramen mit dem unerträglichen hysterischen geschrei wegen dem gerappel in der Beziehungskiste ? Tut mir leid, ich glaube, ich kann beim fernsehen nie unterscheiden, was echt ist und was ein fake.
Christian Bechmann 19.10.2009
4. Schon immer neugierig
Zitat von DJ DoenaWer sowas guckt, hätte vor 100 Jahren in seinem Dorf auch immer am Küchenfenster gehangen und geguckt, was die Nachbarn so treiben.
Nicht nur vor 100 Jahren, werte DJ Doena, sondern gegenwärtig genauso wie in 100 Jahren und das nicht nur zu Lande sondern auch in Städten, was erst mal auch nicht so schlimm ist, auch wenn der eine oder andere Nachbar nicht nur wissen möchte was man so treibt sondern wie man es so treibt. Ich könnte mit bei RTL eine Doku-Reality-Soap vorstellen in der sich die Bundeskanzlerin (gespielt von der Laiendarstellerin Veronica Ferres) eine Schweinegrippe-Impfung 1.Klasse setzen läßt und dies mit einem beherzten "Autsch" quittiert und das anwesende Kabinettsministerpersonal ihrer Chefin für ihre Tapferkeit Beifall spendet. Natürlich eingerahmt mit einer Produckt-Information-Kampagne der milliardenschweren Pharma-Industrie, die der ganzen Sendung die entsprechende Würde verleiht. Denn nur darum geht es bei jeder Art des Privat-TV-Formats: Um die Werbung und die braucht nun mal viele Zuschauer und wenn sich das Publikum dadurch vom Küchenfenster zum Fernseher mit einer foyeristischen Darbietung weglocken läßt, so sagt das mehr über das Publikum aus, als über die "Glaubwürdigkeit" des Doku-Formats. Ich persönlich nehme dies keinen Zuschauer übel, schließlich ist man selber neugierig und wünscht sich gelegentlich Sendungen die nicht unbedingt realistisch aber doch unterhaltsam sein sollten.
tobias1980 19.10.2009
5.
Abgesehen davon, daß der Spiegel hier völlig überflüssigerweise dem Unterschichtenfernsehen seine Aufmerksamkeit widmet: Mich überrascht an dem Artikel, daß angeblich "neuerdings" sogenannte Doku-Soaps von Schauspielern und nicht von echten Menschen dargestellt werden. Ich möchte doch vielmehr wetten, daß diese Sendungen schon immer mit Schauspielern bestückt wurden. Ich nehme es RTL und co. jedenfalls nicht ab, daß die Typen, die bei "Raus aus den Schulden", "Super-Nanny" und ähnlich anspruchslosen Sendungen auftreten, angeblich echte Menschen mit echten Problemen sind. Ich bin vielmehr überzeugt, daß das schon immer ausschließlich nach Drehbuch gespielte Sendungen waren.
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