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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2009

TV-Formate: Die Reality-Falle

Von

Fast alle Fernsehprogramme sind voller Doku-Soaps. Doch es wird immer schwerer, Menschen zu finden, die sich zur Schau stellen lassen. Die Produzenten helfen sich neuerdings, indem sie die vermeintlich echten Menschen und deren Geschichten komplett erfinden lassen.

Doku-Soaps: Die Reality-Falle Fotos
RTL

Vielleicht hätte Christian Leps die Sache mit dem Frühstücksbrettchen einfach auf sich beruhen lassen sollen. Vielleicht hätte er lachen sollen und sagen: 2,50 Euro kostet so ein Ding, davon geht die Welt nicht unter. Aber er war überfordert und rastete aus, direkt vor der Kamera.

Dann brüllte er die fremde Frau an, die bei ihm zu Gast war und beim Spülen das Brettchen zerbrochen hatte. 2,50 Euro seien für ihn viel Geld, schrie er. Seitdem ist seine Welt aus den Fugen.

"Die Sendung hat unser Leben zerstört", sagt Leps. Es war die 198. Folge von "Frauentausch", einem Doku-Soap-Format auf RTL II. Zwei Frauen wechseln für die Show zehn Tage lang ihre Familie. Die Kameras sind immer dabei. Leps' Ehefrau Yvonne war in Hamburg, als Tauschfrau Natalie zu Hause im ostdeutschen Zerbst das Brettchen zerbrach.

1,8 Millionen sahen zu, als die Folge vor einigen Monaten ausgestrahlt wurde. Einige tausend in Zerbst. Der Ort kommt in dem Film nicht gut weg. In der RTL-II-Version ist er eine heruntergekommene Ost-Ruine mit den Leps als gleichfalls heruntergekommenen Protagonisten.

Die Zerbster verwechselten das Fernsehen mit der Realität. Sie schämten und rächten sich. Nicht beim Sender, sondern bei Familie Leps. Mit Dutzenden Frühstücksbrettchen im Briefschlitz ihrer Wohnung fing es an.

In den Wochen nach der Sendung rotteten sich Dutzende Jugendliche immer wieder vor dem Haus zusammen. Sie warfen Eier auf die Fassade, hundertfach. Sie traten die Haustür ein, zerknickten das Fallrohr der Regenrinne und zerschlugen ein Fenster. Tagelang stand die Familie unter Polizeischutz. Es hörte nicht auf.

Das ist die Wirklichkeit, die das Reality-TV dann nicht mehr zeigt. Die Realität, die nicht mehr beherrschbar ist - zu hässlich selbst für RTL II. "Wir fanden ,Frauentausch' immer lustig", sagt Yvonne Leps, "und wollten einfach mal sehen, wie das so gemacht wird." Jetzt wissen sie es. Willkommen in der Wirklichkeit!

Das Sozial-Spanner-TV ist ein hartes Geschäft geworden. Mehr als 60 solcher Sendungen gibt es bereits jede Woche im deutschen Fernsehen. Fast wöchentlich kommt eine neue dazu. Die Formate sind billig zu produzieren, die Quoten okay bis brillant. Tag für Tag werden so im deutschen Fernsehen Schuldner beraten, Kinder erzogen, Häuser umgebaut, Schwiegertöchter gesucht und Frauen getauscht. Es werden Süchtige therapiert, Ehen oder Restaurants gerettet, Nachbarschaftskräche geschlichtet, Straßenkinder aufgelesen und Schulabschlüsse nachgemacht.

Es gibt etablierte Formate wie "Raus aus den Schulden" mit Peter Zwegat oder "Die Super Nanny" mit der schmallippigen Katharina Saalfrank. Dann gibt es den Trash, der im Konkurrenzkampf um Zuschauer nur mithalten kann, wenn die Fälle immer absurder werden, die Protagonisten immer verzweifelter, die Streitigkeiten immer schärfer. Und wenn auch die Realität nicht mehr genug hergibt, dann wird ihr neuerdings noch nachgeholfen mit inszenierter "Wirklichkeit" nach Drehbuch und mit Schauspielern.

Imke Arntjen von 030-Casting ist Herrin über eine riesige Datenbank mit bundesweit knapp 8000 Kontakten zu zeigefreudigen Zeitgenossen. Arntjen sucht, was der Markt verlangt. Kommt von einer Produktionsfirma eine neue Idee zu einem Reality-Format, schickt sie einen Newsletter durch ihr Netzwerk. Egal, ob nur eine Familie gesucht wird, die für ein Boulevardmagazin in einen Megastau fährt, oder ob Schnäppchenjäger beim Einkaufen benötigt werden, ob ein Sender unbedingt Alkoholiker am Arbeitsplatz oder bekennende Vampire im Programm haben will: Arntjen sucht. Allerdings mit wachsender Unlust.

Das Boom-Genre hat ein Personalproblem

Die Idee sei mal gewesen, dass man Menschen mit spannenden Geschichten von der Kamera begleiten lässt, sagt sie. "Heute denkt man sich spannende Geschichten aus und sucht halbwegs passende Leute dazu." Das ganze Genre sei "degeneriert. Wie bei einer Droge musste die Dosis immer mehr gesteigert werden".

Die Sache ist nur: Es sind nicht mehr genug Leute bereit, sich für diese Formate im Fernsehen zur Schau stellen zu lassen. Obwohl die halbe Republik inzwischen kaum etwas dabei findet, im Internet das eigene Privatleben zu entblößen, reicht die Exhibitionisten-Rate im Land nicht mehr aus, den Hunger der Sender zu bedienen: Das Boom-Genre hat ein Personalproblem.

"Die Zahl der Doku-Soaps ist so schnell gestiegen, dass die Casting-Agenturen nicht mehr hinterherkommen", sagt auch RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger. "Aber vielleicht hat man auch einfach zu oft in immer der gleichen Kartei gesucht."

In seinem Nachmittagsprogramm bringt dessen Kölner Sender deshalb jetzt die neueste Variante im Kampf um Doku-süchtige Zuschauer. Bei den Formaten "Familien im Brennpunkt" und "Verdachtsfälle" sieht alles ganz genauso aus wie in richtigen Dokus - bis hin zu den Stellungnahmen von Anwälten, Jugendamtsvertretern und Polizisten. Nur im Abspann steht klein zu lesen: "Alle handelnden Personen sind frei erfunden." Bei "Mitten im Leben!" hat man mit der Inszenierung zumindest experimentiert.

RTL-Mann Sänger findet daran nichts Anrüchiges. Erstens sind die Quoten ausgezeichnet. Zweitens könne man "auf diese Weise Geschichten erzählen, die wir als reine Doku-Soaps nicht erzählen konnten. Fälle von Kriminalität etwa, Drogenmissbrauch an der Schule zum Beispiel". Im Klartext: die Dinge, die auch die ausgekochtesten Zeitgenossen nicht vor der Kamera erzählen würden, allein aus Angst vor dem Staatsanwalt.

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Forum - Wie authentisch sind Doku-Soaps wirklich?
insgesamt 66 Beiträge
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1.
DJ Doena 17.10.2009
Wer sowas guckt, hätte vor 100 Jahren in seinem Dorf auch immer am Küchenfenster gehangen und geguckt, was die Nachbarn so treiben.
2.
takeo_ischi 17.10.2009
Zitat von sysopDoku-Soaps gehören zu den beliebtesten TV-Formaten. Bei RTL laufen neuerdings Sendungen dieses Genres, in denen Schauspieler den Part von "echten" Menschen übernehmen. Ist das ein Tabubruch, oder sind Doku-Soaps für Sie ohnehin unglaubwürdig?
Doch nicht nur neuerdings. Das war schon vorher alles gestellt. Nur manchmal halt mit schlechtbezahlten Laiendarstellern. Dass es heute schlechtbezahlter Schauspielschulenausschuss macht ist auch kein Unterschied. Das Zielpublikum ist mittlerweile eh schon so abgestumpft, dass es nicht mehr registriert was echt oder fake ist. Oder es ist ihm schlicht egal. Hauptsache der Tag geht rum. Grundsätzlich bedienen diese Formate niedere Instinkte und helfen Menschen durch Projektion von der eigenen Leere ablenken zu können. Solange es jemanden gibt, dem es noch schlechter geht als einem selbst, oder der sich noch blöder anstellt beim Schuhebinden, sind viele Menschen leider schon glücklich.
3. Bitte aufhören
perpendicle, 17.10.2009
Zitat von sysopDoku-Soaps gehören zu den beliebtesten TV-Formaten. Bei RTL laufen neuerdings Sendungen dieses Genres, in denen Schauspieler den Part von "echten" Menschen übernehmen. Ist das ein Tabubruch, oder sind Doku-Soaps für Sie ohnehin unglaubwürdig?
sind das diese düsteren deutschen Dramen mit dem unerträglichen hysterischen geschrei wegen dem gerappel in der Beziehungskiste ? Tut mir leid, ich glaube, ich kann beim fernsehen nie unterscheiden, was echt ist und was ein fake.
4. Schon immer neugierig
Christian Bechmann 19.10.2009
Zitat von DJ DoenaWer sowas guckt, hätte vor 100 Jahren in seinem Dorf auch immer am Küchenfenster gehangen und geguckt, was die Nachbarn so treiben.
Nicht nur vor 100 Jahren, werte DJ Doena, sondern gegenwärtig genauso wie in 100 Jahren und das nicht nur zu Lande sondern auch in Städten, was erst mal auch nicht so schlimm ist, auch wenn der eine oder andere Nachbar nicht nur wissen möchte was man so treibt sondern wie man es so treibt. Ich könnte mit bei RTL eine Doku-Reality-Soap vorstellen in der sich die Bundeskanzlerin (gespielt von der Laiendarstellerin Veronica Ferres) eine Schweinegrippe-Impfung 1.Klasse setzen läßt und dies mit einem beherzten "Autsch" quittiert und das anwesende Kabinettsministerpersonal ihrer Chefin für ihre Tapferkeit Beifall spendet. Natürlich eingerahmt mit einer Produckt-Information-Kampagne der milliardenschweren Pharma-Industrie, die der ganzen Sendung die entsprechende Würde verleiht. Denn nur darum geht es bei jeder Art des Privat-TV-Formats: Um die Werbung und die braucht nun mal viele Zuschauer und wenn sich das Publikum dadurch vom Küchenfenster zum Fernseher mit einer foyeristischen Darbietung weglocken läßt, so sagt das mehr über das Publikum aus, als über die "Glaubwürdigkeit" des Doku-Formats. Ich persönlich nehme dies keinen Zuschauer übel, schließlich ist man selber neugierig und wünscht sich gelegentlich Sendungen die nicht unbedingt realistisch aber doch unterhaltsam sein sollten.
5.
tobias1980 19.10.2009
Abgesehen davon, daß der Spiegel hier völlig überflüssigerweise dem Unterschichtenfernsehen seine Aufmerksamkeit widmet: Mich überrascht an dem Artikel, daß angeblich "neuerdings" sogenannte Doku-Soaps von Schauspielern und nicht von echten Menschen dargestellt werden. Ich möchte doch vielmehr wetten, daß diese Sendungen schon immer mit Schauspielern bestückt wurden. Ich nehme es RTL und co. jedenfalls nicht ab, daß die Typen, die bei "Raus aus den Schulden", "Super-Nanny" und ähnlich anspruchslosen Sendungen auftreten, angeblich echte Menschen mit echten Problemen sind. Ich bin vielmehr überzeugt, daß das schon immer ausschließlich nach Drehbuch gespielte Sendungen waren.
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