AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2009

Energie Größer als Schwarzenegger

Die dänische Insel Samsö ist ein Mekka für Klimaschützer, denn die Insulaner erzeugen mehr Energie, als sie brauchen - mit Windrädern, Solaranlagen, Strohbrennern und Kuhmilch-Wärmetauschern. Das kleine Ökotopia soll auf dem Klimagipfel in Kopenhagen als Vorbild dienen.

Clemens Höges

Von Clemens Höges


Vor sechs Jahren dachte sich Paul Erik Wedelgaard, es sei höchste Zeit für eine ganz andere Zukunft, obwohl er da schon 70 Jahre alt war. Sonne, Kälte und das Meer haben scharfe Furchen in sein Gesicht gegraben. Sein hölzerner Fischkutter "Kyholm" pflügt durch die Ostsee Kurs Süd, dorthin, wo vor Samsö die Symbole dieser Zukunft stehen: die Windräder.

Noch heute turnt Wedelgaard über die Decksplanken, fast wie damals mit 14, als er anfing zu fischen. Doch seit Jahren schon gehen kaum noch Dorsche in die Netze, und auch die kleine Lachsfarm, die er mit einem Kollegen betrieb, warf nicht genug ab. Aber dann gab es da diese jungen Männer, die so etwas wie eine Revolution wollten, ausgerechnet auf Samsö. Sie hatten Ideen, ein dickes Konzept.

Es ging ihnen um die Welt und um das Klima. Vor allem aber ging es um Samsö und um gutes Geld, das sich verdienen lasse. Leute wie er, Wedelgaard, mussten nur eine ziemlich sichere Wette eingehen.

Direkt auf die Paludan-Untiefe wollten sie zum Beispiel zehn riesige Windräder stellen, jedes für 24 Millionen Kronen, über 3 Millionen Euro. Und die Maschinen sollten den Samsingern gehören, so nennen sich die Menschen der Insel.

Die Paludan-Untiefe liegt in einer windigen Ecke, das wusste Wedelgaard natürlich. Es könnte also funktionieren, dachte er sich. Er verkaufte seine Hälfte der Lachsfarm, borgte sich Geld von der Bank dazu, dann investierte er 3,5 Millionen Kronen in eine der Anlagen, die Nummer 6. In vier Jahren wird Wedelgaard sein Geld wieder raushaben. "Wir müssen doch etwas für die Kinder tun", sagt er. Für seine vier und die anderen auf der Insel.

Samsö ist ein Labor, in dem die dänische Regierung vor zwölf Jahren ein soziales und technisches Experiment anschob. Bis dahin brachten Schiffe Heizöl auf die Insel, Strom, überwiegend aus Kohlekraftwerken, kam per Kabel, für jeden Samsinger wurden so pro Jahr elf Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen. Der Auftrag war, diese elf Tonnen auf null zu reduzieren, innerhalb von zehn Jahren, ohne besondere Hilfen.

Acht Jahre später schon produzierten sie mehr Energie, als sie verbrauchten

Die Samsinger schlossen sich zusammen, sie stellten die Windräder auf und schraubten Solarzellen auf ihre Dächer, sie bauten zentrale Strohbrenner, sie installierten Maschinen, die mit der Wärme der Erde und der von Kuhmilch Häuser heizen, und andere, die aus dem Raps der Insel Öl pressen für die Tanks der Trecker.

Acht Jahre später schon produzierten sie mehr Energie, als sie verbrauchten, klimaneutral, inzwischen sind es 40 Prozent mehr. Nun bleiben zwei Fragen: Können die Rezepte der Insel - 22 Dörfer, 4000 Einwohner, eine kleine Konservenfabrik - anderswo wirken? Und will der Rest der Welt den Samsingern überhaupt folgen?

Darum wird es ab dem 7. Dezember gehen, wenn sich Politiker aus der ganzen Welt in Kopenhagen zum internationalen Klimagipfel treffen. Sie müssten dafür sorgen, dass die Temperatur weltweit um nicht mehr als zwei Grad steigt. Das ist nur möglich, wenn der Ausstoß von Kohlendioxid, der Verbrauch von Kohle, Öl und Gas, drastisch reduziert wird - wie drastisch, darum wird schon jetzt gestritten.

"Man muss verhandeln, aber dann muss man nach Hause gehen und etwas tun", sagt der Mann, der das kleine Wunder von Samsö organisiert hat. "Wir wachen doch nicht jeden Morgen auf und überlegen, wie wir den Eisbären retten können. Nein, Menschen denken an sich selbst." Und Sören Hermansen hält das weniger für ein Problem als vielmehr für die Lösung.

Hermansen spielt die Rolle des Captain Kirk

Hermansen ist eine Art Guru für Klimaexperten und Politiker geworden. Im Herbst vergangenen Jahres setzte das US-Nachrichtenmagazin "Time" seinen Namen auf die Titelseite, zusammen mit den Namen anderer "Helden der Umwelt". Unterschiedlich große Kreise sollten ihre Bedeutung zeigen. Hermansens Kreis war ungefähr viermal so groß wie der von Arnold Schwarzenegger, dem Gouverneur Kaliforniens.

Es ist ziemlich schwer, Hermansen auf seiner Insel zu treffen. Er fliegt viel um die Welt. Gerade war er in Kopenhagen vor dem Parlament, zuvor in Japan, in Korea, Italien und in Brüssel: José Barroso war da, Chef der EU-Kommission, am Rande stritt sich der russische Energieminister mit einem ukrainischen Gegenpart. Und Hermansen, ehemaliger Bauer aus dem Dorf Kolby Kaas auf Samsö, größer als Schwarzenegger, polterte, dass sie nicht ernsthaft genug versuchten, was seine Insulaner schaffen.

Hermansen, 50, leichtes Grau im kurzen Haar, hat ein trainiertes Sportlerkreuz und gern ein breites Lachen im Gesicht. Nun sitzt er in einem Haus, das mit seiner blanken Metallhaut ein wenig so wirkt, als wäre das Raumschiff "Enterprise" in Bullerbü gelandet. Und Hermansen spielt die Rolle des Captain Kirk, als Direktor dieser "Energie-Akademie" im alten Fischerdorf Ballen. Hier zeigen sie Besuchern aus aller Welt, welche Apparate sie einsetzen, welche Infrastruktur sie aufgebaut haben. Und natürlich ist auch das Haus selbst ein Vorführobjekt, mit Solarzellen und einem Computer, der ab und zu Lüftungsklappen im Dach ausfährt.

Samsö wurde "Ökoenergie-Insel", ein Titel wie ein Messingorden

Hermansen erzählt, wie die Idee von Samsö funktioniert: 1997 schrieb das dänische Energieministerium einen Wettbewerb aus. Eine Region sollte ausgewählt werden, um zu testen, wie viel regenerative Energie in der Praxis bringen kann. Die Ausschreibung war clever: Die Siegerregion müsse die Null erreichen mit frei verfügbarer Technik und ohne Sonderhilfen aus Kopenhagen. So wären die Ergebnisse gut übertragbar, und das Ganze würde den Staat kaum eine Öre extra kosten.

Gegenüber von Samsö liegt auf dem Festland die Stadt Aarhus, und ein Ingenieur kam dort auf die Idee, ein Konzept für Samsö zu schreiben. Er analysierte, wie viel Strom die Samsinger brauchen und wie viel Öl, wie viel Biomasse dort pro Jahr wächst, wie stark der Wind bläst und wie lange die Sonne scheint. Dann schrieb er einen Plan - und gewann den Wettbewerb.

Samsö wurde "Ökoenergie-Insel", ein Titel wie ein Messingorden, nett gemeint, aber fast wertlos. Er half bei der Genehmigung der Anlagen, aber die Samsinger konnten zunächst wenig damit anfangen. Als Fernsehreporter kamen und den Bürgermeister interviewten, musste der erst mal blättern im Konzept.

Der Ingenieur riet ein paar Leuten auf Samsö, einen Verein zu gründen, sonst würde aus dem Plan nichts. Zur ersten Versammlung in Tranebjerg kamen 50 Samsinger. Die anderen 3950 kamen nicht. Sie sahen einfach nicht, wo da das Geschäft sein sollte.



insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
atair 23.10.2009
1. So what...?!
Zitat von sysopDie dänische Insel Samsö ist ein Mekka für Klimaschützer, denn die Insulaner erzeugen mehr Energie, als sie brauchen - mit Windrädern, Solaranlagen, Strohbrennern und Kuhmilch-Wärmetauschern. Das kleine Ökotopia soll auf dem Klimagipfel in Kopenhagen als Vorbild dienen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,656023,00.html
Das tut - nur beispielsweise - der Kreis Düren in NRW schon seit runden 80 Jahren ... Beispiel nicht genehm, weil mit phösem, phösem CO2 verbunden? Na gut - ich vermute mal, die Gemeinde Schluchsee im südl. Schwarzwald (http://de.wikipedia.org/wiki/Schluchsee_(Gemeinde)) dürfte ähnlich viele Einwohner haben wie dieses Samsö - und für die gilt mit Sicherheit auch, dass die Bewohner >> mehr Energie [erzeugen], als sie brauchen -
nmohng 23.10.2009
2. Und jetzt?
Der Artikel umgeht leider die zentralen Fragen, die sich der Autor hätte stellen müssen. Es ist ja schön und gut wenn sich ein paar dänische Insulaner für energetisch autark halten. Aber die Frage ist doch, was man daraus lernen kann. Das bleibt völlig offen und damit ist der Artikel für mich leider wertlos.
Jochen Kissly, 23.10.2009
3. Mehr Schaden als Nutzen?
Soso, die Insulaner betieben zB ihre Trecker mit Biokraftstoff? Und am gleichen Tag seht in SPON. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,656942,00.html über die Umweltschädlichkeit von Biokraftstoffen. Wann stellt sich raus das die eingestezten Ressourcen für Windräder und Solarzellen um ein Vielfaches über der eingesparten Energie liegen? Langsam kommt ans Licht das nicht alles Gold ist was glänzt. Nur was meint Trittihn und Konsorten zu ihren falschen Heilslehren von früher? Der Jet nach Brasilien flog auch nicht mit Rapsöl. Egal - Schnee und Sünden von gestern. JK
kuma123 23.10.2009
4. Ach wie schön ist Panama
Das glauben die doch wohl selber nicht. Es kann sein das sie mehr Energie nun produzieren als sie brauchen, aber die Energie zum Schmelzen des Stahl, zum Bauen der Fundamente im Meer und zum Bauen der Milchwärmetauscher, werden sie wohl in 100 Jahren nicht erzeugt haben. Auf so ner tollen Insel, wo man dann überall die tollen Windräder sieht will doch auch niemand mehr wohnen. Sowas zerstört mehr eine Landschaft als das es nutzen bringt. Dennoch is der letzte Abschnitt gelungen der uns wieder zurück in die Realität zieht. Und zu guter letzt, Energie wird nicht erzeugt! Sie wird in eine andere Formgewandelt aber niemals erzeugt!
boddenfan 23.10.2009
5. Ach so...
Zitat von atairDas tut - nur beispielsweise - der Kreis Düren in NRW schon seit runden 80 Jahren ... Beispiel nicht genehm, weil mit phösem, phösem CO2 verbunden? Na gut - ich vermute mal, die Gemeinde Schluchsee im südl. Schwarzwald (http://de.wikipedia.org/wiki/Schluchsee_(Gemeinde)) dürfte ähnlich viele Einwohner haben wie dieses Samsö - und für die gilt mit Sicherheit auch, dass die Bewohner >> mehr Energie [erzeugen], als sie brauchen -
Sie sind also nicht der "typische Durchschnitts-Spiegelleser"? Schade, denn grade sie sind bei dieser Zeitschrift gut aufgehoben! Normalerweise ist der Spiegel nämlich für eine eher negative Haltung gegenüber erneuerbaren Energien bekannt, vgl. nur hier (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,653993,00.html), hier (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,650996,00.html) und hier (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,606532,00.html). Woran das wohl liegen mag? Vielleicht sind es noch die Nachwirkungen hiervon (http://www.netzeitung.de/medien/297835.html)? ;)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 43/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.