AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2009

Neue Assistenzsysteme im Auto Die Vermessung des Wüterichs

Immer modernere Assistenzsysteme machen das Autofahren sicherer. Nun wird an einem Wutsensor gearbeitet. Er soll erkennen, in welcher Gemütsverfassung sich der Pilot befindet. Wie die Technik auf diese Informationen reagieren soll, ist jedoch noch unklar.

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Der Schaden war nicht unerheblich, der zuständige Amtsrichter durchaus beeindruckt. Als "Schneise der Verwüstung" bezeichnete er jene 150 Meter Straßenrand im Hamburger Generalsviertel, auf denen die 32-jährige Projektmanagerin Nicole K. an einem Juliabend des Jahres 2007 mit ihrem Mercedes 14 Autos in Folge demolierte.

Ihr Fehlverhalten, gab die Betroffene an, sei psychologischer Natur. Kurz zuvor hatte sie heftig mit einer Freundin gestritten. In Folge dieser "emotional belastenden Situation" sei es zu dem Missgeschick gekommen.

Die Schilderung steht im besten Einklang mit den Lehrsätzen von Verkehrspsychologen, die den unfallfördernden Einfluss starker Gefühle nachzuweisen nicht müde werden. Eine der jüngsten Studien zum Thema stammt von dem Luxemburger Professor Georges Steffgen und trägt den Titel: "Beeinflussen Narzissmus und Selbstkonzeptklarheit aggressives Fahrverhalten in selbstwertbedrohlichen Situationen?"

Die Antwort, in ähnlich schwer dechiffrierbares Vokabular gepackt, läuft auf die robuste Volksweisheit hinaus, dass Fahrer, die leicht auf die Palme zu bringen sind, auch öfter an sonstigen Bäumen landen als Zeitgenossen mit sanfterem Gemüt.

Bestand der Zweck solcher Analysen bislang im Wesentlichen darin, den akademischen Betrieb in Gang zu halten, strebt die Seelenkunde nun nach handfester Nützlichkeit: In einem interdisziplinären Forschungsprojekt arbeiten Psychologen und Informatiker der Universität Lüneburg an einer Art Wutsensor, der es dem Auto ermöglichen soll, die seelische Verfassung seines Fahrers zu erkennen.

Das Vorhaben genießt die Förderung des Landes Niedersachsen und der Volkswagen AG. Es soll fünf Jahre laufen, in dieser Zeit etwa zehn Doktorarbeiten abwerfen und am Ende der Industrie eine Einschätzung geben, ob es möglich ist, die Grundstimmung eines Autofahrers sensorisch zu vermessen, um ihn so zweifelsfrei als Wüterich, Angsthasen oder Schlafmütze zu klassifizieren.

Der Fahrsimulator rekonstruiert den Seelenzustand des Probanden

Aggression ist nicht die einzige Gemütsverfassung, die die Fahrtüchtigkeit schmälern kann. "Auch Angst, Trauer und Euphorie können negative Einflüsse haben", erklärt Hans-Rüdiger Pfister, einer der involvierten Professoren. Ob sich diese Emotionen mit den Bordmitteln eines Automobils auslesen lassen, werden zunächst Versuche an einem Fahrsimulator im Kellergeschoss eines der Universitätsgebäude klären.

Testpersonen sollen dort künstlich in die zu untersuchenden Stimmungen gebracht werden: Ein Instruktor wird sie auffordern, sich an besonders traurige, empörende oder schöne Erlebnisse zu erinnern, oder er versetzt sie in Wut, etwa durch rüpelhafte Behandlung. Danach startet eine virtuelle Testfahrt, während der einige physische Informationen abgegriffen werden, aus denen sich der Seelenzustand des Probanden rekonstruieren lassen soll.

Neben simplen Parametern wie der Pulsfrequenz und einer Messung der Hautfeuchtigkeit an der Fußsohle ermitteln Drucksensoren im Sitzkissen die Körperhaltung und im Lenkrad den Händedruck. Zudem beobachtet eine Kamera das Gesicht. Mit Hilfe einer Schauspielerin haben die Wissenschaftler Mimikbeispiele für bestimmte Gefühlslagen aufgenommen und im Computer abgelegt. Nun sollen in zahlreichen Simulatorfahrten die Stimmungen der Probanden erkannt und mit der jeweiligen Fahrweise abgeglichen werden.

Ergebnis der Arbeit wird im Idealfall eine Datensammlung sein, die es dem Auto der Zukunft ermöglicht, ein klares Psychogramm seines Fahrers zu erstellen.

Reaktion des Systems ist noch unklar

Doch was soll es dann tun? Den Motor ausschalten? Gas rausnehmen? Oder soll es therapeutisch eingreifen, etwa mit dem wohlmeinenden Rat der Navigatorstimme - "wenn möglich, bitte zur Ruhe kommen"? Pfister schwebt eine "emotionalempathische Rückmeldung" des Fahrzeugs vor, die konkret zu gestalten dann Sache des Fahrzeugherstellers sein dürfte.

VW-Forscher Miklós Kiss, der das Projekt von Seiten des Autokonzerns betreut, will noch keinen Anwendungsplan skizzieren, bekundet aber großes Interesse: "Wir fanden das Thema auf Anhieb spannend und verfolgen es weiter." Die Unterstützung beschränkt sich derzeit noch auf die Bereitstellung von Messgeräten und Fahrsimulatoren.

Der mobile Psychotest könnte durchaus eine logische Fortsetzung bestehender Assistenzsysteme sein. Schon heute geben erste Autos ihrem Nutzer ein Signal, wenn Zweifel an dessen Fahrtüchtigkeit bestehen. Modelle von Volvo und Mercedes etwa reagieren mit einem Warnton und dem Symbol einer Kaffeetasse im Armaturenbrett, wenn ein Fahrer über längere Strecken nicht sauber die Spur hält. Volvo rüstet in Schweden inzwischen Autos mit einem "Alcoguard" aus, der die Zündung nur freigibt, wenn der Fahrer zuvor in einem Pustetest seine Nüchternheit bewiesen hat.

Die zorngetriebene Hamburger Unfallfahrerin Nicole K. wäre von einem solchen Gerät zuverlässig aus dem Verkehr gezogen worden. Wie die Polizei später feststellte, hatte sie nicht nur Wut im Bauch, sondern auch reichlich Alkohol im Blut. Die Probe ergab 3,0 Promille.



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