AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2009

Erfinder Das Leben des Seltsamen

Claude Shannon war Pionier des Computerzeitalters - und genialer Heimwerker. Eine Ausstellung in Paderborn zeigt erstmals in Deutschland seine skurrilen Apparate.

Jan Braun / Heinz Nixdorf Museumsforum

Von Frank Thadeusz


Sein Aufstieg begann mit einem erotischen Fiasko. Zunächst wollte seine erste Ehefrau in dem Eigenbrötler noch einen "sehr süßen Kerl" erkannt haben. Rasch wurde ihr jedoch jene Eigenschaft gewahr, die ihren Gatten sein ganzes Leben lang auszeichnete: Am liebsten verbarrikadierte sich der Sonderling in der eigenen Wohnung, um vor allem an Schaltern, Motoren und Kondensatoren herumzufummeln. Irritiert nahm die Schöne Reißaus.

Doch selbst davon ließ sich der Mathematiker Claude Shannon nicht beirren - im Gegenteil. Mit zunehmendem Alter betrieb er seinen Bastelfimmel immer fanatischer: Kurz vor seinem 50. Geburtstag teilte er seinen Chefs sogar mit, er werde von nun an nicht mehr im Büro erscheinen und sich stattdessen vorwiegend seiner wahren Leidenschaft hingeben.

Der chronisch schüchterne Mathematiker mochte lieber einsam in seinem Hobbykeller an obskuren Apparaten herumschrauben, als Vorlesungen zu halten und Aufsätze in Fachmagazinen zu publizieren. Seine Arbeitgeber vom renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) ließen den Schrat gewähren und zahlten trotzdem weiterhin pünktlich sein Gehalt.

Shannon sprach schon Ende der vierziger Jahre vom Bit

Die Großzügigkeit entsprang einem Kalkül: Shannon hatte Ende der vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts das digitale Zeitalter mitbegründet und die Bezeichnung "Bit" ("binary digit") für die kleinste Informationseinheit geprägt - zu einer Zeit, als der Begriff "Digital" auch noch als Bezeichnung eines Kuhdorfes in der Schweiz hätte durchgehen können. Wer konnte also wissen, welche Geistesblitze dieser eigentümliche Hochbegabte noch ausbrüten würde?

Genüsslich unterlief der Eigenwillige jedoch regelmäßig alle Erwartungen. "Ich habe viel Zeit mit vollkommen nutzlosen Dingen verbracht", resümierte Shannon als alter Herr heiter und ohne Reue. Vergnügt ließ er etwa in die Bibliothek seines Hauses eine Tür einbauen, die nirgendwohin führte.

Die Maschinen, Apparate und Automaten des 2001 Verstorbenen sind denn auch so geraten, wie Shannon selbst war: genial, verschroben und voller Humor. Ein Paradebeispiel ist etwa jener unscheinbare Kasten ("Ultimate Machine"), dessen einziges Bedienungselement - ein kleiner Hebel - stets in der Aus-Position verharrt. Jeder Neugierige, der den Hebel in die An-Position schaltete, erlebte ein Schauspiel von lakonischer Schlichtheit: Eine Hand fährt aus, die den Schalter wieder auf Aus umlegt.

Blechmaus Theseus navigiert durchs Metall-Labyrinth

Selbst ernste neue Forschungszweige betrachtete Shannon stets als Einladung für eine weitere Spielerei. Zu Beginn der fünfziger Jahre experimentierte er als einer der Ersten mit künstlicher Intelligenz und baute "Theseus": eine Blechmaus, die auf magnetischen Rädern durch ein Metall-Labyrinth fährt. Die kupfernen Schnurrbarthaare des Spielzeugs berührten während seiner Odyssee die Aluminiumwände des Irrgartens. Shannons Maus wurde aus Erfahrung klug und fand nach diversen Fehlversuchen allein aus dem blechernen Gefängnis heraus.

Lange verstaubten die vom Meister höchstpersönlich zusammengelöteten Pretiosen in einer Art Schaufenster des MIT-Museums in Massachusetts. Dort entdeckte sie jüngst ein Mitarbeiter des Paderborner Heinz-Nixdorf-Museumsforums. Projektleiter Norbert Ryska ließ die kuriosen Artefakte in Holzkisten packen und flugs nach Westfalen transportieren.

So sind jetzt erstmals in Deutschland die erstaunlichen Schöpfungen Shannons zu sehen, dessen Namen freilich nur Spezialisten kennen dürften. Selbst in Amerika ist der eigentümliche Wissenschaftler dem größeren Publikum weitgehend unbekannt. Kaum je warf ein Biograf Licht auf das Leben des Seltsamen.

Dabei lieferte Shannons Geschichte vermutlich mindestens genauso viel Stoff für ein packendes Drehbuch wie das Schicksal seines Kollegen John Nash. Dem an Schizophrenie erkrankten Mitschöpfer der Spieltheorie hatte vor wenigen Jahren der Schauspieler Russell Crowe in dem Film "A Beautiful Mind" Gestalt verliehen.

Schon als 21-Jähriger schrieb Shannon 1937 seine Master-Arbeit, die als Grundlage für den Entwurf von digitalen Computer-Schaltkreisen diente. Der vielversprechende Anfang fand seine Fortsetzung, als der Twen von 1941 an für die Bell Labs in New Jersey Systeme entwickelte, die den Einsatz von Raketen gegen feindliche Flugkörper wie die deutschen V1 und V2 ermöglichen sollten.

Shannon baute einen ferngesteuerten Spielzeuglaster

Häufig spiegelten die Basteleien des Genius jene Themen wider, mit denen er sich auch beruflich beschäftigte. Als Shannon über dem Problem der Fernsteuerung für radargestützte Flugabwehrraketen brütete, rüstete er zu Hause im Hobbykeller einen roten Spielzeuglaster zum ferngesteuerten Fahrzeug um. Doch damit beließ er es auch - die Großserienproduktion überließ er anderen. Das erste funkferngesteuerte Spielzeug kam erst Mitte der fünfziger Jahre in Japan auf den Markt.

Nach dem Krieg revolutionierte Shannon das amerikanische Telefonnetz, das mit der explosionsartig wachsenden Nachfrage kaum Schritt halten konnte. Tonsignale mussten so häufig verstärkt werden, dass oft nur noch Rauschen übrig blieb. Shannon beschäftigte sich jedoch nicht mit der Verbesserung der Übertragungsqualität. Vielmehr wies der Denker im Rahmen seiner Informationstheorie darauf hin, dass Datenschübe wie etwa ein Dialog am Telefon zerlegt in binäre Codes sehr viel besser transportiert werden könnten. Dazu mussten die gesprochenen Sätze an einem Ende der Leitung codiert und am anderen Ende decodiert werden. Mit diesem Verfahren ließen sich ohne Informationsverlust lange Übertragungswege zurücklegen. Heute ist diese Methode längst Technikalltag.

Schon früh konstruierte Shannon auch einen der ersten Schachcomputer und eine automatische Variante des strategischen Brettspiels "Hex". Kaum verwunderlich auch, dass der Tüftler begeistert auf den Zauberwürfel reagierte, der 1980 auf den Markt kam.

Umgehend plante Shannon eine Maschine mit Motoren, Greifarmen und Sensoren, die das Rätsel des vertrackten Spielzeugs lösen sollte. Geplant war, den Automaten als Zubehör für den 1977 vorgestellten Apple-II-Computer auf den Markt zu bringen. Doch der "Cube Manipulator" blieb Shannons unvollendete Symphonie - kurz vor ihm hatten Studenten der Universität Illinois einen ähnlichen Würfelroboter präsentiert, der funktionierte.

Neben Automaten und Robotern verehrte der Elektroguru gelegentlich sogar Menschen aus Fleisch und Blut, vor allem die Herren Sergej Ignatow und Enrico Rastelli - zwei der weltbesten Jongleure. Shannon ging das Thema natürlich auf seine Weise an: In mehreren Theoremen versuchte er, die Grenzen des Jonglierens auszuloten.

Der Akrobatik-Fan baute einen sogenannten Jugglometer, um zu ergründen, unter welchen Bedingungen die Varietékunst am besten gelingt. Mit diesem Messapparat untersuchte er penibel die Bewegungsabläufe von Jongleuren, die sich auf dem Campus des MIT herumdrückten. In dieser Schaffensperiode entstanden auch mehre Jonglier-Automaten - darunter eine Maschine, die bis zu drei Bälle gleichzeitig jonglieren konnte. Der mechanische Jongleur ist eine Nachbildung des Komikers W. C. Fields, der sich in seinen Filmen häufig mit Frauen, Kindern und Hunden anlegte.

Weit gefehlt aber, wer in dem fanatischen Fummler bloß einen weltfremden Stubenhocker sieht: Shannon baute einen elektrischen Apparat, der die Geldströme nachbildet, die in den Aktienmarkt hinein- und aus ihm herausfließen. Offenbar konnte der Gelehrte die obskure Erfindung tatsächlich gewinnbringend einsetzen: Anfang der achtziger Jahre verfügte er über ein beträchtliches Aktien-Portfolio.

Als Shannon in den Neunzigern wegen seiner Alzheimer-Erkrankung in ein Pflegeheim eingewiesen werden musste, hinterließ er seinen Angehörigen Elektrokram und Bauteile im Wert von 100.000 Dollar. Shannons zweite Frau Betty hatte die Passion ihres Mannes nach Kräften gefördert und kaufte ihm 50-Dollar-Baukästen.

Mit größter Vorsicht packten die Paderborner Ausstellungsmacher nun die geschraubten und gelöteten Einzelstücke aus, die teilweise noch mit Shannons Isolierband umwickelt sind. Mittlerweile machen die Geräte denn auch einen recht fragilen Eindruck.

Projektleiter Ryska unterdrückt deshalb den nachvollziehbaren Impuls, die Maschinen ans Stromnetz anzuschließen: "Wer soll die wieder zusammenbauen, wenn die dabei auseinanderfliegen?"

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