AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2009

Mobilfunk Der Apps-Boom

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2. Teil: Viele Firmen sind einem regelrechten "Application-Hype" verfallen


Mittlerweile gibt es auch für andere Mobiltelefone Programme: Palm, Nokia und Microsoft betreiben ebenfalls Plattformen für mehr oder weniger nützliche Apps und verschiedenste Smartphones. Research in Motion eröffnete im Frühjahr dieses Jahres für seinen Blackberry eine App World, etwa 2500 Anwendungen gibt es dort für Geräte, die hauptsächlich Geschäftsleute ansprechen sollen. Doch Apple beherrscht den ungleich größeren Konsumentenmarkt.

Eine kleine Branche hat sich rund um Apples App-Geschäft entwickelt, mit vielen Hobby-Tüftlern, aber auch mit Software-Unternehmen wie den US-Firmen Zynga und Pangea oder Cultured Code aus Stuttgart: Zynga ist erst zwei Jahre alt und macht mit Spielen jetzt schon hundert Millionen Dollar Umsatz und ist profitabel. Damit die Entwickler keine wertvolle Zeit mit Restaurantbesuchen verschwenden, werden täglich zwei Mahlzeiten an die Schreibtische serviert.

Mit einem trivialen Wassertropfenspiel setzte die US-Firma Pangea schon 2,5 Millionen Dollar um. Cultured Code verkauft an guten Tagen ihr knapp acht Euro teures Projektverwaltungsprogramm "Things" weltweit mehr als 1500-mal.

175 Vogelstimmen für knapp 10 Euro

Mehrere tausendmal wurde auch Dimitri Völks App schon gekauft. Völk, 27, hat keine Ahnung von Vögeln. Trotzdem macht es seine Entwicklung möglich, 175 Vogelstimmen voneinander zu unterscheiden. "Bettelruf", "Gesang" - anhand eines Auswahlmenüs und einer Bilddatenbank kann schnell der richtige Vogel identifiziert werden. "Wir haben eine Datenbank geschrieben, die man binnen weniger Tage mit vorhandenen Inhalten aus Fachbüchern füllen kann", sagt Völk. Fast zehn Euro ist Hobby-Ornithologen das Programm wert. Völks neuster Hit: ein Pilzführer. Sammler können ihre Funde bestimmen und die Koordinaten besonders ertragreicher Pilzwiesen für die kommende Saison speichern. "Man braucht nur eine gute Idee und muss die Vorteile des Smartphones im Blick haben. Sonst nehmen die Leute eben ein Buch mit in den Wald", sagt Völk.

Der Erfolg der Apps hat inzwischen auch Verlage und Fernsehsender aufmerksam gemacht. Denn wenn die Leute schon für Pilzbestimmung Geld bezahlen, warum nicht auch für Nachrichten? In der Medienbranche macht man sich deshalb Hoffnung, Applikationen könnten den Leser dazu animieren, im Netz für journalistische Inhalte zu bezahlen.

Der Gedanke via iPhone, Blackberry und Co. Geld für gut recherchierten Journalismus zu bekommen, erscheint nicht abwegig - immerhin sind Mobiltelefonbenutzer daran gewöhnt worden, für Leistungen auch Geld zu bezahlen. Laut einer McKinsey-Analyse interessieren sie sich jedoch hierzulande vor allem für allgemeines Suchen im Internet, Mail-Abruf, Karten- und Navigationshilfen sowie Musik. Erst dann folgen Nachrichten.

Überschaubare Verkäufe bei Einkaufs- und Beautytipps

Im deutschen App Store finden sich deshalb nur wenige Applikationen klassischer Printmedien. Seit Februar dieses Jahres existiert ein Angebot der Online-Plattform stern.de, rund 360.000-mal ist das Gratisprogramm seither laut Verlag heruntergeladen worden. Viel mehr als die Website der Hamburger Illustrierten bietet die Applikation nicht.

Einige Regionalzeitungen wie die "Augsburger Allgemeine" prüfen derzeit, eine Art Kiosk unter dem Arbeitsnamen "News Push" für das iPhone anzubieten. Auch die "Süddeutsche Zeitung" will im November eine App anbieten.

Der Axel-Springer-Verlag verkündete öffentlichkeitswirksam den Start des Fußballprogramms "Mein Klub". Man kann damit Nachrichten über den Lieblingsverein abrufen oder lesen, dass Felix Magath seinen Führerschein abgeben soll - diese Art Information hätte man im Internet genauso übersichtlich finden können.

Die Frauenzeitschrift "Elle" des Burda-Verlags bietet für mehrere deutsche Städte Apps mit Einkaufstipps und Beauty-Salons an - statt eigens für das iPhone recherchierter Inhalte finden sich Texte von vorher schon erschienenen Sonderheften der Zeitschrift wieder. Kaufpreis im App Store: je 2,99 Euro. Die überschaubaren Verkäufe haben gerade mal die Entwicklungskosten wieder reingeholt.

Experten sind skeptisch, inwieweit sich kostenpflichtige Programme für journalistische Apps tatsächlich durchsetzen würden. Mit einem Smartphone kann der Nutzer ohne großen Aufwand ins Internet gehen, dort stehen oft speziell für Handys optimierte Web-Angebote zur Verfügung - vollständig und kostenlos. "Solange es den Browser-Button auf dem iPhone gibt, um an kostenlose Informationen im Internet zu gelangen, wird es sehr schwer, Bezahlangebote im App Store etablieren zu wollen", glaubt der McKinsey-Mobilfunkmann Alexander Dahlke.

Der Springer-Verlag will deshalb auch Ende des Jahres Apps für "Bild" und "Welt" einführen, die voraussichtlich über ein Abo-Modell nutzbar sein sollen. Kunden sollen mit zusätzlichen Inhalten wie Interviews geködert werden; mit Einführung wird der Zugang zu den Websites von "Bild" und "Welt" über das iPhone gesperrt - möchte man weiterhin die Seiten nutzen, ginge das nur noch über das kostenpflichtige Programm.

Denn bisher läuft auch die Werbefinanzierung von Smartphone-Anwendungen nur schleppend. "Auf Apps mit Werbebannern drin wartet die Welt natürlich nicht", sagt Florian Gmeinwieser aus der Geschäftsleitung von Plan.Net mobile, einer Agentur für mobile Werbung.

Noch nicht einmal das vielgenutzte iPhone-Programm "Meine Stadt" finanziert sich allein durch Werbung. Der Nutzer kann damit die nächstgelegenen Geldautomaten, Bars oder Tankstellen finden.

Doch viele Applikationen müssen sich auch nicht rechnen - sie dienen nur dem Marketing. Viele Firmen seien einem regelrechten "Application-Hype" verfallen, sagt Werber Florian Gmeinwieser. Niedrige Entwicklungskosten von wenigen tausend Euro verleiten die Firmen, mit eigenen Apps an den Start zu gehen. "Jeder Vorstand will heute eine App für seine Firma haben. Wirklich durchsetzen werden sich aber nur Sachen mit Mehrwert", prognostiziert Gmeinwieser.

Mancher Entwickler zieht seinen ganz persönlichen Mehrwert aus seinen Programmierkünsten. Als Lars Bergelts Frau zum ersten Mal schwanger war, schrieb der Orthopädieschuhmacher aus dem sächsischen Mittweida ein Programm, mit dem man die Entwicklung des Kindes verfolgen kann. Eine Grafik zeigt die Form des Körpers an, es werden Hinweise zu Gewicht und schon vorhandenen Organfunktionen eingeblendet. Nun ist Bergelts Frau zum zweiten Mal schwanger, sein Programm errechnete den 16. November als Geburtstermin. "Das wäre schon toll, wenn dann wirklich die Geburt wäre."

Nur vier Prozent der Kinder kommen pünktlich auf die Welt.



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