AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2009

Mobilfunk Der Apps-Boom

Zusatzprogramme für Multimedia-Handys stoßen auf wachsende Begeisterung - bei den Nutzern, aber auch bei professionellen Software-Entwicklern und Hobby-Tüftlern. Sie alle wollen mitverdienen, doch das große Geschäft macht nur einer: der iPhone-Anbieter Apple.

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Armin Heinrich hat ein Programm geschrieben, das nicht viel kann, und eigentlich will er auch nicht mehr darüber reden. Innerhalb weniger Minuten baute er vergangenen Spätsommer aus ein paar Strichen und Farbverläufen einen digitalen Edelstein. Der Diplom-Ingenieur fügte einige Sätze inklusive Rechtschreibfehler hinzu und bot das glitzernde Nichts für stolze 999 Dollar in Apples Online-Zubehör-Portal als Programm für das iPhone an.

Acht Menschen kauften die Anwendung namens "I Am Rich", sieben davon angeblich aus Versehen. Apple entfernte das Programm nach einem Tag aus dem Angebot. Er habe ausprobieren wollen, wie weit man gehen könne, sagt Heinrich, 46, "was sich noch verkauft".

Offenbar fast alles.

Jedenfalls gibt es für das iPhone fast nichts, was es nicht gibt. Wer will, findet mit Hilfe seines mobilen Telefons Cannabis-Verkäufer, freie Taxen oder den Titel des Songs, der gerade im Radio läuft. Dank der kleinen Programme dient das Handy als Wasserwaage oder Kompass und bei Bedarf weist es zur Gebetszeit gen Mekka.

Mehr als 100.000 solcher Applikationen, kurz Apps genannt, kann der iPhone-Besitzer mittlerweile über die hauseigene Plattform iTunes Store kostenlos oder für mehr oder weniger viel Geld herunterladen. Viele sind nützlich, manche purer Nonsens. Besonders beliebt sind Spiele, Navigationssysteme und Büroanwendungen.

Vor gut einem Jahr erlaubte Apple jedermann, Programme für das iPhone zu schreiben. Anfangs fühlten sich davon nur wenige hundert Tüftler aufgerufen, inzwischen aber sind über 125.000 Entwickler registriert. Ein paar von ihnen haben mit ihren kleinen Programmen ziemlich viel Geld verdient, die meisten jedoch kaum mehr als ein Taschengeld.

Für die kalifornische Kultfirma Apple ist das Ganze ein riesiges Geschäft. 70 Prozent der Einnahmen gehen an den jeweiligen Entwickler, die restlichen 30 bleiben bei Apple. Jeder Programmierer muss zunächst 99 Dollar bezahlen. Dafür erhält man neben Hilfestellung auch die Zahlungsabwicklung, und das eingereichte Werk durchläuft einen internen Qualitätscheck - den allerdings auch Heinrichs digitaler Edelstein anstandslos durchlief.

200 Millionen US-Dollar Umsatz mit Apps im Monat

Zwei Milliarden Mal wurden iPhone-Apps bisher heruntergeladen, der amerikanische Werbevermarkter AdMob schätzt den erwirtschafteten Umsatz auf rund 200 Millionen Dollar - nur für den Monat August. Und das ist erst der Anfang. Die Beratungsfirma Strategy Analytics geht davon aus, dass 2013 mit Apps weltweit mehr als sechs Milliarden Dollar umgesetzt werden.

Laut AdMob laden sich iPhone-Nutzer jeden Monat im Schnitt zehn Anwendungen herunter, für fast jede Dritte davon sind sie bereit zu bezahlen - mehr als neun Dollar monatlich.

Ein neuer Markt ist so entstanden in einer Branche, die nach Jahren stürmischen Wachstums seit geraumer Zeit nur noch stagniert: Wirkliche Zuwächse gibt es in der Mobiltelefonie beispielsweise noch in Indien oder China, in Deutschland sind die Umsätze sogar rückläufig.

Apples Geschäft hingegen prosperiert: Das iPhone hat sich zum Kult-Handy entwickelt - nicht zuletzt wegen der kleinen Programme. Dank des Apps-Booms hat Apple sogar geschafft, wovon viele andere Telefonhersteller nur träumen können: Die Firma verdient mit längst verkauften Geräten weiter Geld.

Der Fachbuchautor Mirko Müller will an dem Geschäft teilhaben. Sein Programm "Die perfekte Eieruhr" hat sich binnen eines Monats rund tausendmal verkauft. Für die Programmierung war aber auch einiger Aufwand nötig: Müller, 39, kochte Eier auf dem heimischen Gasherd, am Elektroherd von Eltern und Freunden, legte kühlschrankkalte Eier in zimmerwarmes Wasser und umgekehrt. "Wir haben Hunderte Eier gekocht und gegessen", sagt er.

Die angeblich perfekte Eieruhr für 1,59 Euro

Heraus kam ein Programm, das anhand verschiedener Variablen ausrechnen kann, wie lange das ideale Frühstücksei zu kochen ist. Ein weiches Ei ist am Ende 72 Grad warm, bei einem Durchmesser von 26 Millimetern, acht Grad Ausgangstemperatur und bei 1592 Höhenmetern benötigt es dafür eine Minute und 59 Sekunden. Müller ließ sein Angebot in mehrere Sprachen übersetzen, nun verkauft er die ausgefeilte Eieruhr für 1,59 Euro.

Eine App muss allerdings in den Top-Listen auftauchen und von den Nutzern positiv bewertet werden, sonst hat sie kaum eine Chance.

Etwas Glück gehört dazu. Sophia Teutschler, 27, schrieb ihr Programm "Tipulator" hauptsächlich für sich selbst: Sie wollte wissen, welches Trinkgeld angemessen ist. Als Apple ihr Programm für einen Fernsehwerbespot in den USA verwendete, schnellten die Verkaufszahlen über Nacht in die Höhe. Bis jetzt hat sie rund 80.000 Euro eingenommen, die Entwicklungskosten lagen bei 2000 Euro.

Es gibt viele solcher Erfolgsgeschichten, und sie sind wie auch die Geschichte des iPhones umso erstaunlicher, als Apple weder das Multimedia-Handy noch die Applikationen erfunden hat. Das erste sogenannte Smartphone etablierte Nokia. Zusatzprogramme für Handys gibt es schon lange, und auch Google hatte schon früh die Idee. Doch als deren Android-Apps dann schließlich auf den Markt kamen, war Apple schon da - und Kult.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 05.11.2009
1. Trinkgeldrechner
Also wenn ich das lese mit dem Trinkgeldrechner (was macht der? 10% auf die Rechnung draufschlagen?), dann bedauere ich es schon, nicht in so banalen Bahnen denken zu können...
tetaro 05.11.2009
2. Multimedia muss sterben
Zitat von sysopZusatzprogramme für Multimedia-Handys stoßen auf wachsende Begeisterung - bei den Nutzern, aber auch bei professionellen Software-Entwicklern und Hobby-Tüftlern. Sie alle wollen mitverdienen, doch das große Geschäft macht nur einer: der iPhone-Anbieter Apple. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,659046,00.html
Für die meisten Leute wäre es erheblich sinnvoller, wenn sie in der Lage wären, mal 200 Seiten eines Buches zu lesen, anstatt sich das Gehirn mit vielen bunten Bildchen wegzudaddeln.
mobileresident 05.11.2009
3. .
Zitat von DJ DoenaAlso wenn ich das lese mit dem Trinkgeldrechner (was macht der? 10% auf die Rechnung draufschlagen?), dann bedauere ich es schon, nicht in so banalen Bahnen denken zu können...
Das Program kann schon ein bischen mehr als 10% draufschlagen, was ich allerdings nicht verstehe, sind die 2000Euro Entwicklungs Kosten. OK, der normal Sterbliche zahlt einmalig $99 fuer das Account. Und was noch? Selbst wenn das Maedel 20std dagesessen haette und sich die App zusammengeklickt hat, wie kommt sie da auf 2000 Euro Kosten? Wie kann ein Spiel, welches fuer 8 Euro Tausend mal am Tag verkauft wird, ueberraschenderweise Gewinn einbringen? Bekommen Programmierer mehrer 1000 Euro die Stunde? Hat sich der Author mal angeschaut, wie schnell und einfach selbst Laien sich mit dem (kostenlosen) SDK ein Program zusammenstellen koennen? Der Hauptbestandteil einer guten App ist doch die Idee, nicht die technische Umsetzung. mr
brünnchen 05.11.2009
4. Geschäft macht wohl auch der Spiegel
Apple macht Geschäft, klar. Aber was hat denn der Spiegel dafür bekommen, ein paar Apps hervorzuheben. So gehen doch jetzt wohl 30% des Eieruhr-Umsatzes an Apple und weitere 30% an den Spiegel. That's business, folks. Bitte nicht so scheinheilig.
topalino 05.11.2009
5. Spaßfaktor
und weil Apple verdient, bleibt uns der Spaßfaktor erhalten! Steve sei Dank. Ein Großteil der apps ist kostenlos - ein andere großer Teil kostet 79 cent. Apple bekommt von den kostenpflichtigen Programmen 30% des Preises, die kostenlosen laufen einfach so durch, werden von Apple trotzdem vorher geprüft. Spaßfaktor, Augenzwinkern und (wohlwollende) Ironie sowie Begeisterung an Erweiterung der Kommunikation durchzieht die ganze Apple-Geschichte. Ohne solide Finanzgrundlage wäre eine solche Entwicklung kaum möglich (in unserer real existierenden Welt...) Und das geht offensichtlich gut, trotz weitgehender Restriktionsfreiheit seitens Apples, was z.B. das Kopieren des Mac OSX und aller anderen hauseigenen Programme betrifft. Wer das Geld hat, bezahlt - wer es nicht dicke genug hat bleibt trotzdem nicht ausgeschlossen... natürlich wird man diese Aussage nirgends auf einer Appelseite finden, aber in praxi scheint es so zu sein. Haben Sie eine DVD von OSX (oder eine Kopie davon) in Ihren Händen, können Sie installieren. Keine Frage nach einer Seriennummer, keine Aufforderung, ein Programm nachzuladen, dass herausfinden will, ob Sie auch wirklich "berechtigt" sind, das OS zu benutzen... Wäre noch die Hardware, die man braucht, (und nicht kopieren kann) um das alles benutzen zu können. Die ist hochwertig, hat gutes Design, ist meist zuverlässig und mit hohem Wiederverkaufswert. So what!
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