Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2009

Kino: "Die Bestie muss sterben"

Von und

Der amerikanische Regisseur Michael Moore über seinen Film "Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte", das schlechte Beispiel der USA und seine Botschaft an Präsident Barack Obama.

Michael-Moore-Doku: "Die Banker hören nicht auf!" Fotos
AP

SPIEGEL: Mr. Moore, haben Sie selbst das Unheil der Finanzkrise kommen sehen?

Moore: Ja. Ich habe schon im Mai 2008 angefangen, an meinem Film zu arbeiten, Monate vor dem Crash. Schon damals wurden Menschen auf die Straße gesetzt, stiegen die Immobilienzinsen bedrohlich, kletterte die Zahl der Bankrotte in den USA ebenso auf ein Allzeithoch wie der Schuldenstand der Kreditkartennutzer. Ich sage: Jeder hätte es sehen können. Ich habe nur eine Highschool-Bildung, ich bin ein Typ, der mit einer Baseball-Kappe auf dem Kopf herumrennt, aber ich sah es kommen.

SPIEGEL: Warum waren Ihrer Meinung nach so viele Fachleute trotzdem überrascht?

Moore: Weil sie Lügner und zynische Schauspieler sind. Und wo waren unsere Medien? Am 15. September 2008 und an den Tagen darauf, als erst Lehman Brothers kollabierte und dann der Versicherungskonzern AIG, da redeten alle Fernseh-Anchormen und alle Zeitungskommentatoren von einem Schock. Ich dachte nur: Wollt ihr mich alle verscheißern? So strohdoof könnt ihr gar nicht sein! Die Medienleute haben sich dumm gestellt, weil sie von den großen Konzernen und von der Wall Street finanziert werden.

SPIEGEL: Das ist doch Unsinn. Es gab genug Warnungen in den Medien der USA und Europas, nur haben die wenig gefruchtet.

Moore: Dann ist doch auch das die Schuld der Journalisten! Ich will mir kein Urteil über Ihre Arbeit anmaßen, aber ihr Medienleute seid dafür verantwortlich, solche Warnungen eben nicht zu verstecken.

SPIEGEL: Die wohl größte Überraschung in Ihrem neuen Film sind mehrere Geistliche und sogar ein katholischer Bischof, die dort den Kapitalismus verdammen und behaupten, er passe nicht mit dem Christentum zusammen. Gilt nicht gerade im Protestantismus amerikanischer Prägung irdischer Reichtum als Lohn für ein gerechtes Leben, als Beleg für Gottes Gnade?

Moore: Sie haben recht. Aber als mich einige meiner Mitarbeiter nach den ersten Testvorführungen baten, die Szenen herauszunehmen, in denen es heißt, der moderne Kapitalismus sei das Gegenteil von dem, was Jesus wollte, da beharrte ich darauf, dass diese Stellen drinbleiben. Denn ich bin genau dieser Überzeugung, seit ich als Teenager selbst Priester werden wollte.

SPIEGEL: Sie erwarten das antikapitalistische Heil von der Religion?

Moore: Ich will niemandem in privaten, religiösen Dingen hineinreden. Aber ich bin Dokumentarfilmer, und ich stehe ehrlich zu dem, was ich empfinde angesichts eines Systems, das zutiefst unfair ist und unmoralisch und undemokratisch. Es ist eine Schande, dass wir den Kapitalismus in seiner vorliegenden Form mit allen Auswüchsen tolerieren, obwohl die meisten Menschen genauso wie ich finden, dass er gegen die wichtigsten ethischen Grundregeln verstößt.

SPIEGEL: Sind Sie selbst nicht auch Kapitalist? Sie haben doch mit Ihren Filmen viel Geld verdient.

Moore: Ich habe nie Aktien gekauft oder besessen, wenn Sie das meinen, ich habe nie an das System der Wall Street geglaubt.

SPIEGEL: Aber gegen Privatbesitz und Kleinunternehmertum haben Sie nichts?

Moore: Nein, ich respektiere Menschen, die Geld verdienen wollen, hart arbeiten und das gut machen. Ich habe nur etwas gegen Burschen, die Geld verdienen mit der Ausbeutung anderer. Wenn zehn Leute an einem Tisch sitzen und einer von ihnen sichert sich neun Stücke der Torte und die anderen kriegen nicht mal eins, dann ist das falsch und sollte nicht erlaubt sein. Leider ist genau das aus dem Kapitalismus geworden. Ich habe nichts gegen den Mann, der in seinem Laden Schuhe verkauft. Aber ich bin dagegen, dass er alle Schuhgeschäfte in der Stadt besitzen will, so dass wir nur noch bei ihm Schuhe kaufen können. Sein Recht, Geld zu verdienen und alles aufzukaufen, wird durch unser Recht, eine Wahl zu haben, beschränkt. Ich glaube, so eine Moral brauchen wir.

SPIEGEL: Das ist aber nicht der Geist, auf dem der Reichtum Ihrer Nation fußt, der Pioniergeist, in dem vor 150 Jahren Amerikas Westen erobert wurde.

Moore: In der Zeit seither hat sich alles komplett verändert. Natürlich ist Gier ein Teil der menschlichen Natur. Deshalb brauchen wir Regeln in unserer Gesellschaft, deshalb sollten wir unsere niedrigsten Instinkte zähmen. Der Kapitalismus stachelt diese niedrigen Instinkte nur immer weiter an: Schlag deinen Nächsten, zeig ihm, dass du überlegen bist! Deshalb halte ich den Kapitalismus für nicht reformierbar. Er muss eliminiert werden. Es ist verrückt, etwas reformieren zu wollen, das von Grund auf falsch ist.

SPIEGEL: Wie sieht Ihre Alternative zum Kapitalismus denn aus? Die real existierenden Alternativen in der Geschichte haben alle versagt.

Moore: Ich möchte Demokratie.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 150 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Moores Kritik
derweise 11.11.2009
Moores Kritik ist berechtigt: es ist eine Schweinerei, wenn Leute aus ihren Häusern hinausgeworfen werden; es ist eine Schweinerei, wenn es keine Gesundheitsversorgung gibt ... Nur: wie bringt man so ein System dahin, dies in Zukunft zu leisten? Auf jeden Fall ist erst einmal sicherzustellen: die Finanzmärkte müssen wieder Märkte werden und keine Zockerbuden!
2. Unfug ...
codemonk, 11.11.2009
Welchen Sinn macht es, über dieses Interview zu diskutieren, bevor der Film von Moore gesehen werden konnte ...
3. Moore hat Recht
instantkaffee 11.11.2009
Zitat von sysopDer amerikanische Regisseur Michael Moore über seinen Film "Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte", das schlechte Beispiel der USA und seine Botschaft an Präsident Barack Obama. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,660135,00.html
Michael Moore ist in fast allen Punkten zuzustimmen. Freilich hat er in einem Punkt nicht Recht: Ueber ein geeignetes Wirtschaftsmodell fuer das 21. Jahrhundert wird schon seit den 1970ern nachgedacht. Ansaetze dazu sind beispielsweise im Konzept der Nachhaltigkeit gegeben. Andere Ansaetze finden sich in der Schweiz, den niederlanden oder Skandinavien. Die groesste Herausforderung neben klimawandel und Bevoelkerungswachsyum ist freilich der Produktivitaetsfortschritt, der sich noch einige Zeit mit Arbeitszeitverkuerzung abfangen liesse (die 30-Stunden-Woche der NRW-Linken wuerde spontane Vollbeschaeftigung erzwingen, wenn da nicht die Konkurrenz anderer Laender waere), langfristig muss das Konzept der (Erwerbs-)Arbeit neu gedacht werden. Entweder wird der Arbeitsbegriff ausgeweitet (z.B. auf Ehrenaemter, die dann besoldet wuerden) oder etwas anderes muesste an seine Stelle treten (Grundeinkommen oder was auch immer). Aber das ist noch ein ganzes Stueck, bereits Eingrenzung von Ueberstunden, 35-Stunden-Woche und Bezahlung von Ehrenaemtern wie beim THW und Mindestlohn wuerden es bei uns ermoeglichen, dass jeder Nichtinvalide im Erwerbsalter wieder von eigner Arbeit leben koennte. Eine ideale Gesellschaft gibt es freilich nur fuer das 23. Jahrhundert, bei StarTreck.
4. Realistisch ?
Pullmann 11.11.2009
Zitat von sysopDer amerikanische Regisseur Michael Moore über seinen Film "Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte", das schlechte Beispiel der USA und seine Botschaft an Präsident Barack Obama. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,660135,00.html
Wieder einer von Micheal Moores versuchen die Dinge filmisch und naiv anzugehen. Nach dem ich alle Filme und einige Bücher von ihm gelesen habe, kann ich mir genau vorstellen, wie der Film ist, ohne ihn gesehen zu haben. Meiner Meinung nach stellt er zwar die richtigen Fragen, aber seine einsichtige Sichtweise auf die Lösung der Fragen zeigt das ihm der Sachverstand mangelt. Es wird wahrscheinlich wieder ein Film sein bei dem man erst denkt: , "Oh was wirklich ?", "Das darf doch wohl nicht wahr sein !", "hmm. Stimmt das denn ?" "Nein, das glaub ich nicht" "Ja, Film war ganz unterhaltsam". Nach einer Woche, weis man eigentlich gar nicht genau worum es nochmal ging. Kann denn ein so ein Pseudodokumentarfilm der eigentlich nur die Welt aus der Sicht des kleinen, dicken Michael Moore zeigt, überhaupt etwas bewirken ? Denkanstöße, vielleicht ?! Aber ein Umdenken der Gesellschaft wohl kaum. Begeistert werden wohl nur die sein, die politisches Handeln meist den anderen überlassen. Eine echte Kapitalismuskritik wird wohl auch nicht zu erwarten sein. Aber vielleicht ein bisschen in diesem Forum. :-) Ist eine Gesellschaft ohne Wachstum vorstellbar ? Freue mich auf eure Beiträge !!!
5. Schnauze halten
andiwh, 11.11.2009
Der Moore solle einfach die Schnauze halten. In seinen letzten Filmen hat er nachweislich Interviews mit Statisten gestellt und sogar im Film gezeigte Zeitungschlagzeilen mit Photoshop manipuliert. Darüber redet niemand. Der Kerl bastelt sich "seine" Version zusammen und verkauft diese als die objektive Wahrheit. Er hat sicher einige richtige Ansichten, aber solche Lügenmethoden kann man nicht tolerieren.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 46/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Zur Person
AP

Michael Moore wurde vor 20 Jahren als Guerilla-Dokumentarfilmer bekannt, als er in "Roger & Me" vom Niedergang der amerikanischen Autoindustrie erzählte. In seinem jüngsten Werk "Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte" zeigt er weinende US-Bürger, die ihr Haus an die Bank verloren haben, und kombiniert diese Aufnahmen mit Szenen aus einem Film über das dekadente alte Rom.

Er lässt das Börsengebäude an der New Yorker Wall Street mit jenem gelb-schwarzen Plastikband umspannen, das Amerikas Polizei zur Absperrung von Tatorten gebraucht, und interviewt christliche Geistliche, die beherzt die Habsucht verdammen.

Moore, 55, zeigt sich also erneut als Motive und Ideen verquirlender Gerechtigkeitsfundamentalist, nur dass er diesmal den Kapitalismus als großen Menschheitsirrtum attackiert. Differenzierte Argumentation sieht anders aus - aber als Krisendokument hat diese Lovestory durchaus ihren Charme. Mehr über Michael Moore auf der Themenseite…


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: