AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2009

Intelligenz: Mein Kopf kommt nicht mehr mit

Von Frank Schirrmacher

3. Teil: Google ist eine Machtmaschine

Suchmaschine Google: Unsere Informationswelt wird von den Überlebensgesetzen Darwins beherrscht Zur Großansicht
ddp

Suchmaschine Google: Unsere Informationswelt wird von den Überlebensgesetzen Darwins beherrscht

Der eigentliche Rädelsführer dieser Entwicklung ist übrigens nicht der Laptop oder das heutige Internet, sondern unser Handy. Die Netzbetreiber verfügen potentiell über eine unvorstellbare Anzahl unserer persönlichen Daten von Gesprächen, Fotos, SMS-Nachrichten, Internetzugriffen und Gewohnheiten, und einzig der Datenschutz verhindert, dass diese Daten unter Klarnamen ausgewertet werden. Durch die Vorratsdatenspeicherung sind sie für staatliche Stellen abrufbar und erlauben die Modellierung außerordentlich genauer sozialer Profile.

Wir sind also in einer Zwickmühle: Wir brauchen die Software, die uns analysiert, um mit der Informationsflut fertig zu werden. Aber indem sie uns analysiert, reduziert sie immer mehr unser Gefühl dafür, dass wir wählen können und einen freien Willen haben.

Wieso akzeptieren wir das, ohne an der angeblichen Freiheit des Netzes auch nur im Entferntesten zu zweifeln? Der Grund unserer Blauäugigkeit liegt darin, dass wir uns unsere Bewegungen im Netz wie einen Spaziergang durch eine Stadt vorstellen: von Zufällen geprägt. Nicht nur glauben wir, dass wir grundsätzlich unserem freien Willen folgen, sondern auch, dass die Verlinkungen und Verweise genauso zufällig sind wie im wirklichen Leben. Angesichts der fast unendlichen Fülle an Websites würde jeder mehr oder minder seinen eigenen Vorlieben folgen, sich mit seinen Interessen verlinken und mit den Menschen, die er mag, so dass am Ende eine sehr zufällige, demokratische und unkontrollierbare Struktur entsteht.

Aber seit den Forschungen des Physikers Albert-László Barabási müssen wir umdenken. Er hat herausgefunden, dass die gesamte Struktur des Internets Machtgesetzen folgt. Die mächtigsten Verbindungsstellen, Google oder Yahoo, verfügen über eine astronomische Anzahl von Vernetzungen, während die meisten anderen im Vergleich dazu nur auf ein paar wenige kommen.

Man muss es sich so vorstellen: Wenn wir durch die Stadt spazieren, kommen ab und zu ein paar Menschen vorbei, die hundert Meter groß sind. Und auf sie ist alles zugeschnitten, die Straßen und Cafés, und von ihnen hängt alles ab. Das hat gewichtige Folgen. Es bedeutet nämlich, dass selbst Millionen Kommentare, die eine bestimmte Meinung äußern, nicht mehr repräsentativ sein müssen.

Google ist nicht nur eine Suchmaschine, sondern auch eine Machtmaschine und entscheidet mittlerweile über die Existenz von Menschen, Dingen und Gedanken. Unsere schöne neue Informationswelt wird von den Überlebensgesetzen Darwins beherrscht.

Wir scheinen zu glauben, dass wir unsere Intelligenz, Bildung und Kreativität dadurch sichern, dass wir mit den Computern in einer Art spannungsgeladener Koexistenz leben. Aber es gibt keine Koexistenz. Wir müssen die Computer tun lassen, was sie tun können, damit wir frei werden in dem, was wir können, um sie mit neuen Befehlen zu versorgen. Digitale Informationen verschaffen uns die Möglichkeit, die Informationen zu überdenken, statt sie zu sammeln. Wir müssen den Weg nicht mehr beschreiben, also können wir über das Ziel nachdenken.

Unsere Zukunft wird im Bereich des Lernens und der Bildung entschieden werden. Doch völlig desinteressiert daran, dass die digitale Welt im Begriff ist, unsere Hirnverdrahtungen zu verändern wie seit der Erfindung des Lesens nicht mehr, behandeln viele Schulen und Universitäten die Computer weiterhin so, als wären sie Fernseher, die nur senden, und verschlimmern damit die kognitive Krise. Denn nicht nur die Computer sind reine Sender, auch die Lehrer und Professoren sind es allzu oft. Sie senden vom Pult ihre Informationen an die Empfänger, die Schüler, Studenten, und die wiederum halten es für "Aufmerksamkeit", wenn sie den Professor anschauen. Wenn es je eine Maschinisierung gab, dann ist es diese.

Die Antwort lautet nicht, dass Powerpoint-Präsentationen und Computer der Ausweg sind, sie sind noch nichts anderes als Folterinstrumente, solange unsere Vorstellung vom Lernen weiter so funktioniert, als stünde einer an der Tafel und verbreitete Informationen. Die Informationen hat jeder. Aber was Menschen verzweifelt lernen müssen, ist, welche Information wichtig und welche unwichtig ist. Das ist womöglich die große Stunde der Philosophie. Denn egal wie viele Computeranimationen man benutzt: Wenn man nicht begreift, dass wir heutzutage Wissen nicht mehr nur aufnehmen, sondern permanent selbst produzieren, dass jede Diskussion in einem Seminar oder Klassenzimmer potentiell über YouTube oder das Google-Scholar zum Wissen beiträgt, ersticken wir in der Eindimensionalität des bloßen Lernens. Den Blick fest in den Rückspiegel gerichtet, übersehen wir fast vollständig die neuen Wege, die wir nehmen könnten.

"Informelles Lernen" war lange Zeit ein Geheimtipp idealistischer Pädagogen in der Erwachsenenbildung. Gemeint ist heute damit ein Lernen, das das pure Wissensgedächtnis entlasten und stattdessen zu etwas anderem erziehen will: Perspektivwechsel, nicht-algorithmische, also völlig unberechenbare Lösungsansätze. Es geht im besten Fall darum, Menschen das tun zu lassen, was sie am besten können - und das zu entrümpeln, was die Computer uns abnehmen.

Die Befreiung von Aufgaben, die Computer besser können als wir, ist in den meisten Schulen oder Universitäten noch nicht angekommen. Stattdessen hat ein darwinistischer Wettlauf zwischen Mensch und Maschine begonnen. Nur wenige haben erkannt, dass es wichtiger ist, Hypothesen, Faustregeln und Denkweisen zu lehren und zu lernen, als statistisch abfragbare Fakten. Höheres Lernen in Deutschland, gekennzeichnet durch Fehlentwicklungen wie den "Bologna-Prozess", gibt sich gern den Anschein des Bildungsbürgerlichen, ist aber in Wahrheit nichts anderes als die Zwangsverschickung des Geistes in die Vergangenheit. Wir gehen mit der Erfahrung, mit dem Wissen von heute um und muten uns und der nachwachsenden Generation zu, das Telefonbuch zu lesen, auswendig zu lernen und gleichzeitig zu benutzen - und das in Zeiten, wo es nicht einmal mehr Telefonbücher gibt.

Umgekehrt kann der Computer nicht der letzte Richter über Informationen, menschliche Denkprozesse oder Leistungsnachweise sein. Je stärker die Computer in unsere Sprache und in unsere Kommunikation eingreifen, desto dringender wird eine Erziehung, die zeigt, dass die wertvollsten menschlichen Verhaltensweisen durch Nicht-Vorausberechenbarkeit gekennzeichnet sind.

Man darf nie vergessen, dass Algorithmen Garantien sind. Algorithmen erreichen irgendwann immer das Ziel, das sie anstreben. Das entspricht in gewisser Weise der kapitalistischen Lebensphilosophie des "Wer was kann, setzt sich durch". Aber jeder weiß auch, dass diese im wirklichen Leben keine Lebensphilosophie, sondern oft eine Lebenslüge ist. Und dass es im wirklichen Leben keine Garantie gibt.

Je stärker Menschen ihre gesamte kommunikative Umwelt von Mathematik kontrollieren lassen, desto geringer werden die Abwehrkräfte gegen solche Ideologien. Aber Wissen erlangt man nur, wenn man sich selbst als nicht berechenbares Wesen wahrnimmt. Menschen, die die Welt und sich selbst nur noch als Bestandteile algorithmischer Prozesse sehen, wehren sich nicht mehr gegen Überwachung. Schulen müssen Computer als Instrumente integrieren, die Schüler nicht nur benutzen, sondern über die sie nachdenken müssen. Sie müssen erkennen lernen, dass die verführerische Sprache der Computer nur Instrumente bereithält, dafür da, um dem Menschen Denken und Kreativität zu ermöglichen.

Der Computer kann keinen einzigen kreativen Akt berechnen, voraussagen oder erklären. Kein Algorithmus erklärt Mozart oder Picasso oder auch nur den Geistesblitz, den irgendein Schüler irgendwo auf der Welt hat.

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insgesamt 88 Beiträge
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1. .
feyd rautha 18.11.2009
egal was... dafür gibts ne app.
2. An den Autor
pu_king81 18.11.2009
Heul doch
3. Schuster, bleib bei Deinen Leisten!
kurt. 18.11.2009
Ich schätze Herrn Schirrmacher als Geisteswissenschaftler, aber er sollte sich besser aus Diskursen über Informatik heraushalten und dieses Gebiet meiner Zunft überlassen. Ansonsten wird's nämlich peinlich. Nur ein Beispiel: "Man darf nie vergessen, dass Algorithmen Garantien sind." Aha. Und was ist mit nichtdeterministischen Algorithmen? "D'oh", würde Homer Simpson wohl dazu sagen. Oder auch das hier: "Die Netzbetreiber verfügen potentiell über eine unvorstellbare Anzahl unserer persönlichen Daten von Gesprächen, Fotos, SMS-Nachrichten, Internetzugriffen und Gewohnheiten, und einzig der Datenschutz verhindert, dass diese Daten unter Klarnamen ausgewertet werden." Wenn Herr Schirrmacher mal ernsthaft versucht hätte, die Internetzugriffe auch nur eines einzigen größeren Providers - also nicht nur die Verbindungsdaten (wer spricht wann mit wem), sondern die Gesamtheit der übertragenen Daten (was wird besprochen?) zu speichern, wäre ihm vermutlich aufgefallen, dass nicht nur der Datenschutz dies verhindert, sondern die technische Unmöglichkeit, eine derartige Riesenmenge an Daten halbwegs kosteneffizient zu speichern und in einer Form zu verwalten, die überhaupt ihre Durchsuchbarkeit erlaubt. Dass die Netzprovider Petabytes an Daten durch die Gegend schicken, bedeutet nicht, dass sie in der Lage wären, diese Petabytes sämtlich zu speichern, geschweige denn, sie ausszuwerten - zumal gerade die interessantesten Daten wie etwa Kreditkartennummern längst per SSL verschlüsselt und für den Provider nicht entzifferbar durch die Leitung wandern. Dass jeder Netznutzer durch einfache Ende-zu-Ende-Verschlüsselung etwa sämtliche Gesprächsdaten sicher vor seinem Provider verbergen kann, macht zwar Strafverfolgern zu schaffen, nicht aber Herrn Schirrmacher, zu dem sich das offenbar noch nicht herumgesprochen hat. Ich reagiere immer gern etwas allergisch auf Leute, die der Technik erst allerhand Fähigkeiten andichten, die sie nicht hat (und möglicherweise auch nie haben wird), um dann darauf aufbauend die heutige Technik zu kritisieren für etwas, was sie gar nicht leisten kann. Das ist ungefähr so, als würde ich behaupten, dass der Preisverfall des weltweiten Flugverkehrs in den letzten zehn Jahren dazu führt, dass die Leute in Singapur arbeiten und in New York wohnen, und anschließend schonmal kritisieren, dass dadurch ja die Annehmlichkeiten des Provinziellen verloren gingen. Der gedankliche Kurzschluss ist offensichtlich: Dass Flüge von Singapur nach New York erschwinglicher geworden sind als vor 10 Jahren, heißt noch lange nicht, dass wir kurz davor stehen, die Flüge zum Preis eines Hamburgers zu bekommen. Und dass Terabyte-Platten zu Dumpingpreisen erhältlich sind, heißt eben noch lange nicht, dass Provider mal eben und so ganz ohne Aufwand Petabytes an Datenverkehr mitschneiden könnten, selbst wenn sie das wollten. Keine Entwicklung setzt sich bis ins Extrem fort. Bevor Herr Schirrmacher - oder seine Genossen im Geiste - sich also den absurdesten Phantasien hingeben, was das Netz alles bewirken könnte, sollten sie bitte einen Realitätscheck machen. Ich stelle mich gerne für technische Fragen zur Verfügung; vielleicht vermeidet das dann auch fragwürdige Schwafelei á la "Es entsteht eine unendliche Spirale von Berechnungen, die dem Wesen von Algorithmen entsprechen" (damit wollte Herr Schirrmacher seine überzogenen Vorstellungen von den Möglichkeiten statistischen Profilings ausdrücken).
4. Und der Gewinner ist ..
ovinci 18.11.2009
Zitat von sysopWer frisst wen in der digitalen Gesellschaft? Der darwinistische Wettlauf zwischen Mensch und Computer. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,661307,00.html
.. der Computer Noch gibt es viele Bereiche, wo ihm die menschliche Intelligenz überlegen ist. Aber wenn wir in diesen Bereichen Ansätze für eine Algorithmisierung finden, dann geht es schnell. Moores Law - allein aufgrund der Weiterentwicklung der Hardware verdoppelt sich die Rechenleistung in 1,5 .. 2 Jahren. Wenn sich durch besseres Verständnis der Algorithmen die Software genauso schnell verbessert, komme ich insgesammt auf einen Faktor 100 in 5 Jahren! Wenn der IQ linear mit der Rechenleistung skaliert, kommen wir von einem IQ von 10 (ist man da als Mensch noch lebensfähig?) bis zu einem IQ von 1000 (für Menschen unerreichbar) in 5 Jahren!
5. ooo
MarkH 18.11.2009
Zitat von sysopWer frisst wen in der digitalen Gesellschaft? Der darwinistische Wettlauf zwischen Mensch und Computer. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,661307,00.html
d.h. liebe ich Microsoft.. Sie machen komplexe Dinge eben doch einfacher ;)
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DPA

Computer beherrschen unser Leben: Sie steuern unsere Autos, entschlüsseln unser Erbgut, verwalten unser Wissen, erschaffen soziale Netzwerke, verschärfen Finanzkrisen. Und sie haben, so glaubt der Autor Frank Schirrmacher, längst auch unser menschliches Verhalten und unser Gehirn verändert: die Art, wie wir uns ausdrücken, wie wir uns erinnern und wie wir denken.

In seinem neuen Buch "Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen" beschreibt Schirrmacher die Macht der Informationstechnologie, die Risiken des Freiheitsverlusts, die entstehen, wenn wir uns berechenbar und steuerbar machen, aber auch die Chancen, trotz Datenflut unsere Kreativität zu bewahren. Schirrmacher, 50, ist einer der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen" und Autor der Sachbücher "Das Methusalem-Komplott" (2004) und "Minimum" (2006). "Payback" (240 Seiten; 17,95 Euro) erscheint diese Woche im Blessing Verlag.


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