AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2009

Intelligenz: Mein Kopf kommt nicht mehr mit

Von Frank Schirrmacher

Wer frisst wen in der digitalen Gesellschaft? Der darwinistische Wettlauf zwischen Mensch und Computer.

Hirnstrommessung beim Menschen: Unsere Hirne sind die Plattformen eines Überlebenskampfes von Gedanken Zur Großansicht
Corbis

Hirnstrommessung beim Menschen: Unsere Hirne sind die Plattformen eines Überlebenskampfes von Gedanken

Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen bin. Ich dirigiere meinen Datenverkehr wie ein Fluglotse den Luftverkehr: immer bemüht, einen Zusammenstoß zu vermeiden, und immer in Sorge, das Entscheidende übersehen zu haben. Ohne Google wäre ich aufgeschmissen und nicht mehr imstande, einen Handwerker zu bestellen oder zu recherchieren.

Dabei fühlte ich mich niemals von Computern überfordert. Ich simse am Stück und weiß, wo ich im Internet Antworten auf meine Fragen finde.

Ich will sagen: Weder bin ich der Amish des Internet-Zeitalters noch ein technologischer Einsiedler. Aber etwas stimmt nicht mehr. Mein Kopf kommt nicht mehr mit. Zwar bilde ich mir ein, dass ich meinen Gesprächspartnern ebenbürtig bin, und ich habe nicht den Eindruck, dass ich heute weniger von der Welt verstehe als früher.

Aber das Problem ist meine Mensch-Computer-Schnittstelle. "Das Hirn ist nichts anderes als eine Fleisch-Maschine", hat leicht verächtlich Marvin Minsky, einer der ersten Forscher auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, schon vor Jahrzehnten gesagt. Und meine "Fleisch-Maschine" ist offenbar nicht mehr besonders gut.

Damit ein leistungsschwaches Handy eine mit technischen Spielereien vollgepackte Website trotzdem darstellen kann, haben die Programmierer eine Methode erfunden, die sich "graceful degradation" nennt, auf Deutsch: "würdevolle Herabstufung". Die Website gibt sich gewissermaßen bescheiden, um das Handy nicht in seinem Stolz zu verletzen.

Das Verhältnis meines Gehirns zur Informationsflut ist das der permanenten würdelosen Herabstufung. Ich spüre, dass mein biologisches Endgerät im Kopf nur über eingeschränkte Funktionen verfügt und in seiner Konfusion beginnt, eine Menge falscher Dinge zu lernen.

Aber ich habe auch meinen Stolz. Ich schließe von meinem Kopf auf viele Köpfe und darauf, dass es mir wie vielen geht: Ich glaube, es hat, um ein Lieblingswort der Informatiker zu zitieren, eine Rückkoppelung stattgefunden, die jenen Teil der Aufmerksamkeit, den wir früher uns selbst widmeten, abzapft, auffrisst und als leere Hülle zurücklässt. Man nennt das "feed-back", wörtlich: eine Rück-Ernährung. Aber wer ernährt sich von unserer Aufmerksamkeit?

Keine SMS, kein Blog, keine E-Mail wird in den Wind gesendet. Keine Suchanfrage, kein Tweet, kein Click geht verloren. Nichts verschwindet, und alles speist Datenbanken. Wir füttern mit unseren Gedanken, Worten und E-Mails das Wachstum eines gewaltigen synthetischen Hirns.

Mir scheint, dass viele Leute gerade merken, welchen Preis wir zahlen. Buchstäblich. Ich bin unkonzentriert, vergesslich, und mein Hirn gibt jeder Ablenkung nach. Ich lebe ständig mit dem Gefühl, eine Information zu versäumen oder zu vergessen. Und das Schlimmste: Ich weiß noch nicht einmal, ob das, was ich weiß, wichtig ist oder das, was ich vergessen habe, unwichtig.

Kurzum: Ich werde aufgefressen.

Das ist eine so bittere wie peinliche Erkenntnis. Man kann ihr auch nicht entrinnen, wenn man den Bildschirm abschaltet. Ständig begegnet man Menschen, die in jeder Situation per Handy texten, E-Mails abrufen, gleich mit ihrem ganzen Laptop anrücken, und immer häufiger höre ich bei Telefonaten dieses insektenhafte Klicken, weil mein Gesprächspartner tippt, während er telefoniert. Jede Sekunde dringen Tausende Informationen in die Welt, die nicht mehr Resultate melden, sondern Gleichzeitigkeiten. Diese neue Gleichzeitigkeit von Informationen hat eine Zwillingsschwester, die wir "Multitasking" getauft haben.

Wir alle, die wir auf die gläsernen Bildschirme starren, sind Menschen bei der Fütterung; wie die stolzen Besitzer von Terrarien, die Nahrungswolken auf die unsichtbaren Tiere in ihren Glaskästen herabregnen lassen. Es ist eine Eile dabei, als könnte etwas verhungern. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen, die ich kenne, immer schneller erzählen, gerade so, als könnten sie nicht damit rechnen, dass genug Zeit bleibt, ihnen zuzuhören, weil die Informationskonkurrenz so gewaltig ist.

Wir Informationsüberladenen sind überall. Wir sind Krankenschwestern und Ärzte, Polizisten und Lehrer, Journalisten und Wissenschaftler. Wir sind auch schon in den Kindergärten und Schulen. Und es kommen täglich mehr dazu.

Es ist ein Prozess ohne Beispiel. Kein Mensch kann mehr daran zweifeln, dass wir in eine neue Ära eingetreten sind, aber die Zweifel, wohin sie uns führt, wachsen.

Das Gefühl von Vergesslichkeit und Vergeblichkeit steht nicht im Widerspruch zu den gigantischen Datenmengen, die täglich gespeichert werden, sondern ist deren Resultat. Nichts mehr, das verweht, und keine Frage, die ohne Antwort bliebe. Nach einer Berechnung der Universität Berkeley wurden im Jahre 2002 auf allen bekannten Datenträgern, gedruckten wie elektronischen, fünf Exabyte neuer Informationen gespeichert. Die unvorstellbare Zahl entspricht allen jemals von Menschen auf der Erde gesprochenen Worten. Die jüngste Studie, die 2010 publiziert werden soll, wird eine weitere Informationsexplosion verzeichnen.

Jede dieser Informationen muss von irgendjemandem produziert und gesendet und von einem anderen gelesen und gespeichert worden sein. Darunter gibt es unendlich viel Trash, aber auch unzählige Gedanken und Erkenntnisse, die nach unserem bisherigen Verständnis von Intelligenz jedermann angehen und interessieren müssten. "Es gibt nicht mehr genügend Hirne, die die Bevölkerungsexplosion der Ideen beherbergen könnten", schreibt der Philosoph Daniel Dennett.

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insgesamt 88 Beiträge
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1. .
feyd rautha 18.11.2009
egal was... dafür gibts ne app.
2. An den Autor
pu_king81, 18.11.2009
Heul doch
3. Schuster, bleib bei Deinen Leisten!
kurt., 18.11.2009
Ich schätze Herrn Schirrmacher als Geisteswissenschaftler, aber er sollte sich besser aus Diskursen über Informatik heraushalten und dieses Gebiet meiner Zunft überlassen. Ansonsten wird's nämlich peinlich. Nur ein Beispiel: "Man darf nie vergessen, dass Algorithmen Garantien sind." Aha. Und was ist mit nichtdeterministischen Algorithmen? "D'oh", würde Homer Simpson wohl dazu sagen. Oder auch das hier: "Die Netzbetreiber verfügen potentiell über eine unvorstellbare Anzahl unserer persönlichen Daten von Gesprächen, Fotos, SMS-Nachrichten, Internetzugriffen und Gewohnheiten, und einzig der Datenschutz verhindert, dass diese Daten unter Klarnamen ausgewertet werden." Wenn Herr Schirrmacher mal ernsthaft versucht hätte, die Internetzugriffe auch nur eines einzigen größeren Providers - also nicht nur die Verbindungsdaten (wer spricht wann mit wem), sondern die Gesamtheit der übertragenen Daten (was wird besprochen?) zu speichern, wäre ihm vermutlich aufgefallen, dass nicht nur der Datenschutz dies verhindert, sondern die technische Unmöglichkeit, eine derartige Riesenmenge an Daten halbwegs kosteneffizient zu speichern und in einer Form zu verwalten, die überhaupt ihre Durchsuchbarkeit erlaubt. Dass die Netzprovider Petabytes an Daten durch die Gegend schicken, bedeutet nicht, dass sie in der Lage wären, diese Petabytes sämtlich zu speichern, geschweige denn, sie ausszuwerten - zumal gerade die interessantesten Daten wie etwa Kreditkartennummern längst per SSL verschlüsselt und für den Provider nicht entzifferbar durch die Leitung wandern. Dass jeder Netznutzer durch einfache Ende-zu-Ende-Verschlüsselung etwa sämtliche Gesprächsdaten sicher vor seinem Provider verbergen kann, macht zwar Strafverfolgern zu schaffen, nicht aber Herrn Schirrmacher, zu dem sich das offenbar noch nicht herumgesprochen hat. Ich reagiere immer gern etwas allergisch auf Leute, die der Technik erst allerhand Fähigkeiten andichten, die sie nicht hat (und möglicherweise auch nie haben wird), um dann darauf aufbauend die heutige Technik zu kritisieren für etwas, was sie gar nicht leisten kann. Das ist ungefähr so, als würde ich behaupten, dass der Preisverfall des weltweiten Flugverkehrs in den letzten zehn Jahren dazu führt, dass die Leute in Singapur arbeiten und in New York wohnen, und anschließend schonmal kritisieren, dass dadurch ja die Annehmlichkeiten des Provinziellen verloren gingen. Der gedankliche Kurzschluss ist offensichtlich: Dass Flüge von Singapur nach New York erschwinglicher geworden sind als vor 10 Jahren, heißt noch lange nicht, dass wir kurz davor stehen, die Flüge zum Preis eines Hamburgers zu bekommen. Und dass Terabyte-Platten zu Dumpingpreisen erhältlich sind, heißt eben noch lange nicht, dass Provider mal eben und so ganz ohne Aufwand Petabytes an Datenverkehr mitschneiden könnten, selbst wenn sie das wollten. Keine Entwicklung setzt sich bis ins Extrem fort. Bevor Herr Schirrmacher - oder seine Genossen im Geiste - sich also den absurdesten Phantasien hingeben, was das Netz alles bewirken könnte, sollten sie bitte einen Realitätscheck machen. Ich stelle mich gerne für technische Fragen zur Verfügung; vielleicht vermeidet das dann auch fragwürdige Schwafelei á la "Es entsteht eine unendliche Spirale von Berechnungen, die dem Wesen von Algorithmen entsprechen" (damit wollte Herr Schirrmacher seine überzogenen Vorstellungen von den Möglichkeiten statistischen Profilings ausdrücken).
4. Und der Gewinner ist ..
ovinci 18.11.2009
Zitat von sysopWer frisst wen in der digitalen Gesellschaft? Der darwinistische Wettlauf zwischen Mensch und Computer. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,661307,00.html
.. der Computer Noch gibt es viele Bereiche, wo ihm die menschliche Intelligenz überlegen ist. Aber wenn wir in diesen Bereichen Ansätze für eine Algorithmisierung finden, dann geht es schnell. Moores Law - allein aufgrund der Weiterentwicklung der Hardware verdoppelt sich die Rechenleistung in 1,5 .. 2 Jahren. Wenn sich durch besseres Verständnis der Algorithmen die Software genauso schnell verbessert, komme ich insgesammt auf einen Faktor 100 in 5 Jahren! Wenn der IQ linear mit der Rechenleistung skaliert, kommen wir von einem IQ von 10 (ist man da als Mensch noch lebensfähig?) bis zu einem IQ von 1000 (für Menschen unerreichbar) in 5 Jahren!
5. ooo
MarkH, 18.11.2009
Zitat von sysopWer frisst wen in der digitalen Gesellschaft? Der darwinistische Wettlauf zwischen Mensch und Computer. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,661307,00.html
d.h. liebe ich Microsoft.. Sie machen komplexe Dinge eben doch einfacher ;)
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DPA

Computer beherrschen unser Leben: Sie steuern unsere Autos, entschlüsseln unser Erbgut, verwalten unser Wissen, erschaffen soziale Netzwerke, verschärfen Finanzkrisen. Und sie haben, so glaubt der Autor Frank Schirrmacher, längst auch unser menschliches Verhalten und unser Gehirn verändert: die Art, wie wir uns ausdrücken, wie wir uns erinnern und wie wir denken.

In seinem neuen Buch "Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen" beschreibt Schirrmacher die Macht der Informationstechnologie, die Risiken des Freiheitsverlusts, die entstehen, wenn wir uns berechenbar und steuerbar machen, aber auch die Chancen, trotz Datenflut unsere Kreativität zu bewahren. Schirrmacher, 50, ist einer der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen" und Autor der Sachbücher "Das Methusalem-Komplott" (2004) und "Minimum" (2006). "Payback" (240 Seiten; 17,95 Euro) erscheint diese Woche im Blessing Verlag.


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