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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2009

Linke: Der virtuelle Kandidat

Von Stefan Berg und

Oskar Lafontaines Spitzenkandidatur für den Bundestag gerät im Nachhinein in ein neues Licht. Schon Anfang des Jahres galt sein Rückzug als Fraktionschef gleich nach der Bundestagswahl als ausgemachte Sache. Hat er seine Wähler getäuscht?

Oskar Lafontaine: Der virtuelle Kandidat Fotos
DDP

An Superlativen hat es bei der Beschreibung Oskar Lafontaines nie gemangelt. Er war der jüngste Oberbürgermeister der Bundesrepublik, er galt als begabtester Enkel Willy Brandts, er wurde als gefährlichster Mann Europas und als größter Verräter jener Partei geschmäht, die er an die Macht führte, der SPD. Und er schaffte eines der eindrucksvollsten politischen Comebacks in der Geschichte der Bundesrepublik.

Für viele ist dieses politische Kraftpaket mit Hang zum Größenwahn ein Mythos, und zu diesem Mythos gehört es, seinen Anhängern Rätsel aufzugeben mit seinen einsamen Entscheidungen. 1990 verschmähte er den Parteivorsitz, 1999 verließ er wortlos den SPD-Chefsessel und das Finanzministerium. Zurück blieben stets ein gelähmter Apparat und Anhänger, die nach Erklärungen suchen.

Nun hat Oskar Lafontaine ein weiteres Mal seine Genossen in Staunen und Erschrecken versetzt - mit seinem Rückzug als Fraktionschef gleich nach der erfolgreichen Bundestagswahl vom 27. September.

Einen deutlicheren Kontrast hätte es kaum geben können. Da erzielte er mit seiner Partei den größten Wahlsieg ihrer Geschichte, 11,9 Prozent. Oskar, der Vielgeschmähte, war wieder da und hatte es allen gezeigt, Ost und West, alten und neuen Genossen, er ließ sich feiern, feixte und versprach: "Es wird an uns sein, die schärfste Klinge zu führen."

Und dann verzichtete er wenig später auf einer Klausurtagung der linken Bundestagsfraktion am 9. Oktober im brandenburgischen Rheinsberg freiwillig auf die Basis seiner Macht, den Fraktionsvorsitz. Ausgerechnet er, der glänzende Rhetoriker, für den Oppositionsführer eine Paraderolle ist.

Die Anhänger in die Irre geführt?

Doch weshalb? Warum riskierte ein so erfahrenes politisches Alphatier wie Lafontaine, dass ihm mit dem Teilrückzug seine Macht völlig abhandenkommen würde? Denn genau das geschieht im Moment in rasender Geschwindigkeit. Lafontaine kann nur noch zusehen, wie seine Macht und sein Einfluss verfallen, wie in der Partei bereits offen um sein Erbe gekämpft wird, um Posten und Programme.

Warum also hat er verzichtet? Und warum zu diesem Zeitpunkt?

Während die Basis noch über Lafontaines Rückzug rätselt, glauben einige Spitzen-Linke die Antwort zu kennen. Für sie kam der Rückzug ihres Obergenossen nicht überraschend, denn es sieht so aus, als sei er lange geplant gewesen. "Schon Anfang des Jahres gab es im engsten Führungskreis Diskussionen darüber, dass Oskar Lafontaine nach der Wahl nicht mehr die Fraktion führen wird", bestätigt Dietmar Bartsch, der Bundesgeschäftsführer der Linken.

Es ist ein brisantes Eingeständnis. Lafontaine war im Wahlkampf monatelang das Zugpferd seiner Partei. Vor allem er ist es, dem die Linke ihr fulminantes Wahlergebnis zu verdanken hat. Mit seiner Hilfe ist es ihr gelungen, sich auch im Westen der Republik oberhalb der Fünf-Prozent-Hürde zu etablieren.

Doch wie groß wäre ihr Erfolg ausgefallen, hätten die Wähler vorher gewusst, dass Lafontaines Spitzenkandidatur für den Bundestag nicht ernst gemeint war? Wenn sie realisiert hätten, dass er sich offenbar schon lange vor der Wahl gedanklich von seinem Chefposten verabschiedet hatte, dass er nur ein virtueller Kandidat war?

Hat Lafontaine also seine Anhänger unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in die Irre geführt? Hat er seine Wähler gar vorsätzlich getäuscht und damit seine Glaubwürdigkeit und die seiner Partei mutwillig beschädigt? Und wenn ja, was war sein Motiv?

"Gerüchte gibt es immer haufenweise"

Er habe vor, sich auf sein anderes Amt als Parteichef zu konzentrieren, sagte Lafontaine in Rheinsberg. Mit seiner Entscheidung reagiere er auf die Diskussion, "ob es richtig ist, dass ich die Funktion des Parteivorsitzenden und die Funktion des Fraktionsvorsitzenden gleichzeitig ausübe". Über den exakten Zeitpunkt seiner Entscheidung kein Wort, nicht im Oktober und auch nicht auf Nachfragen des SPIEGEL.

Lafontaine stellt es so dar, als sei er plötzlich zum Anhänger des innerparteilichen Pluralismus konvertiert, der freiwillig Macht und Einfluss abgibt zum Wohle der Partei. Ausgerechnet er, der in seiner Karriere bislang wie kaum ein Zweiter auf seine politische Verdrängungskraft setzte.

Es gibt noch eine zweite Erklärung, eine Geschichte, die seit einiger Zeit bei den Linken die Runde macht, die in der Führungsspitze diskutiert wird und sich bis in die zweite Reihe der Partei herumgesprochen hat. Es ist eine Geschichte, in der es um die Privatsphäre von drei Politikern geht, und die ist normalerweise für die Öffentlichkeit tabu.

Doch in diesem Fall muss sie erzählt werden, weil hier das Private höchst politische Folgen hat. Es geht um Lafontaine, um seine Ehefrau Christa Müller, die auch familienpolitische Sprecherin der Saar-Linken ist, und es geht um Sahra Wagenknecht, die prominenteste Kommunistin der Partei, die bis vor kurzem Abgeordnete im Europaparlament war und nun im Bundestag sitzt.

Lafontaine und Wagenknecht, so heißt es, seien sich in der Vergangenheit nicht nur inhaltlich nahegekommen. Von einer Affäre ist die Rede, von einer Beziehung mit konkreten Folgen für die Politik.

Das Ehepaar Lafontaine und auch Co-Parteichef Gregor Gysi wollen sich zu dem Thema nicht äußern. Wagenknecht dementiert eine private Beziehung zu ihrem Parteichef. Das seien Gerüchte, "die von politischen Gegnern gestreut werden, um Lafontaine zu schaden".

Die Linke beschäftigt diese Geschichte schon seit langem. Bereits im Februar 2008 registrierten die Genossen aufmerksam ein Interview mit Christa Müller in der "Bunten". Angesprochen auf eine angebliche Affäre ihres Mannes sagte sie: "Gerüchte gibt es immer haufenweise, in den unterschiedlichsten Versionen." Natürlich gebe es "eine Erotik der Macht" und das Problem, dass viele Frauen "von dieser Erotik angezogen sind". Auch ein Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" vor zwei Wochen ("Lafo hat was am Laufen mit Sahra Wagenknecht") blieb unwidersprochen.

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