AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2009

Literatur Der Dichter und sein Doppelgänger

AP

Von Urs Jenny

2. Teil: Edward de Vere als der wahre Autor?


Es lag nahe, nach einem Höfling mit literarischen Interessen Ausschau zu halten, der all die Bildungsvoraussetzungen mitbrachte, die dem Mann aus Stratford abgehen mussten. Denn ein Aristokrat hätte gute Gründe gehabt, seine Theaterleidenschaft zu verheimlichen: Das Drechseln eleganter Sonette galt damals zwar als standesgemäße Freizeitbeschäftigung eines Edelmanns, aber als Stückeschreiber für das ordinäre Volkstheater hätte er sich unverzeihlich kompromittiert. Die Hofbühne hatte ihre eigenen Spielregeln.

Als Erster plädierte der Shakespeare-Forscher J. Thomas Looney 1920 für Edward de Vere als den wahren Autor, und die Diskussion seiner These entwickelte sich zu einem spezifisch britischen Gedankenspiel: In rivalisierenden Zirkeln verteidigen die "Stratfordianer" ihren Shakespeare, und die "Oxfordianer" breiten ihre kunstvollen Argumente gegen sie aus.

Zu den Vorzügen des Grafen von Oxford, der am Hof der Königin Elizabeth I. zu den brillantesten Schöngeistern zählte, gehört eine Kollektion eigener Gedichte, deren besten man gern shakespearesche Qualität zugesteht, dazu sein Enthusiasmus fürs Theater, seine Förderung junger Autoren sowie die Wertschätzung zeitgenössischer Kritiker, die ihn als den besten Komödienschreiber ihrer Tage bezeichnen - wobei wohl vom Hoftheater die Rede ist, nicht von den Schaubühnen fürs gemeine Volk.

Ein Problem der Oxford-Theorie ist der Altersabstand von 14 Jahren zwischen de Vere und Shakespeare, der schlecht zu den üblichen Hypothesen der Werkchronologie passt, die um 1590 herum beginnt. Streng genommen ist jedoch die Entstehungszeit der Stücke unbekannt, nur das Datum der Zensurfreigabe für die Öffentlichkeit ist aktenkundig. Wenn de Vere primär zur königlichen Unterhaltung schrieb, könnten nach einer Hofaufführung oft etliche Jahre vergangen sein, bis - mit seinem stillen Einverständnis - ein Text anonym den Weg auf eine öffentliche Bühne fand.

Kurt Kreiler gewinnt gerade aus der Frage nach der Entstehungszeit ein gewichtiges Argument für de Vere. Seit dem spanischen Invasionsversuch, der 1588 mit der Niederlage der Armada endete, sei - so Kreiler - am Londoner Hof nicht nur alles Spanische, sondern auch alles Italienische oder Katholische verpönt gewesen. Folglich müsse die Reihe der "italienischen" Shakespeare-Stücke, von "Der Widerspenstigen Zähmung" und "Romeo und Julia" bis zum "Kaufmann von Venedig", schon vor 1588 auf die Hofbühne gelangt sein. Will sagen: Shakespeare, damals erst 24, könne nicht ihr Autor gewesen sein.

Fest steht: Den Reichtum einer humanistischen Bildung auf höchstem Renaissance-Niveau, den Shakespeares Werk entfaltet, genießt Edward de Vere von klein auf. Sein so kunstsinniger wie abenteuerlustiger Vater stirbt, als der Junge zwölf ist, und Edward zieht in den Londoner Palast seines königlichen Vormunds ein, des mächtigen Schatzkanzlers Burghley, der jahrzehntelang als rechte Hand der Queen den Staat durch alle Krisen lenkt und erstaunliche 76 Jahre alt wird. Burghley sorgt für die bestmögliche Erziehung seiner adeligen Mündel durch eine Reihe von Gelehrten; Edwards Tutor wird sein Onkel Arthur Golding, berühmter Übersetzer lateinischer Klassiker, besonders der "Metamorphosen" des Ovid (zweifellos Shakespeares meistzitierte Lektüre).

Natürlich gehören nicht nur Sprachen und Wissenschaften, sondern auch aristokratische Sportarten zum Pensum. Edwards Volljährigkeit wird 1571 mit einem mehrtägigen Ritterturnier gefeiert, bei dem er sich als Lanzen- oder Speerkämpfer zu Pferd hervortut, und am Ende des Jahres heiratet er, natürlich in der Westminster Abbey, Burghleys 15-jährige Tochter Anne - die Königin lädt zum Hochzeitsbankett in ihr Schloss.

Als Graf von Oxford hat de Vere beträchtliche Ländereien geerbt, doch auch beträchtliche Schulden; ein guter Teil seiner überlieferten Korrespondenz aus drei Jahrzehnten (mit der Unterschrift "Edward Oxenford") handelt von finanziellen Nöten und Engpässen. Der standesgemäß luxuriöse Lebensstil zwingt ihn, ererbte Landgüter und Dörfer nach und nach zu verkaufen. 1586 gewährt die Königin dem Grafen, der ihr bei offiziellen Anlässen das Staatsschwert vorauszutragen hat, doch sonst kein Hofamt ausübt, lebenslang die stattliche Rente von jährlich tausend Pfund, ohne besonderen Anlass - es sei denn, man betrachtet sie, wie die Oxfordianer, als Honorar für herausragende Dienste als Hoftheaterdichter.

Allerlei literarische Aktivitäten des Grafen sind bekannt, etwa lateinische oder englische Einleitungen zu philosophischen Werken, deren Übersetzung und Herausgabe er finanzierte - darunter das Buch, das Hamlet (nach Meinung vieler Experten) auf der Bühne liest. Für die poetische Produktion des Grafen von Oxford, wie für die seiner noblen Zeitgenossen, haben sich Historiker seit dem 19. Jahrhundert interessiert. Die Gedichte finden sich in höfischen Manuskriptsammlungen und in gedruckten Anthologien, mal anonym, mal unter verschiedenen Pseudonymen, mal mit den Initialen "E. O.".

Die Zuordnung im Einzelnen ist oft Sache des literarischen Feingefühls, zum Beispiel bei angeblichen De-Vere-Gedichten, die in Shakespeares "Romeo und Julia" oder dem "Kaufmann von Venedig" zitiert werden. Kreiler hat sich in den Jahren der biografischen Forschung auch als Übersetzer der oxfordschen Lyrik hervorgetan, und er nimmt, scharfsinnig argumentierend, eine neue Zuordnung für sich in Anspruch: eine eigenartig "shakespearisch" anmutende Novelle mit der Hauptfigur Fortunatus Infoelix, die 1573 anonym gedruckt wurde*.

Im Alter von 24 Jahren begibt Edward de Vere sich auf kontinentale Bildungsreise: ein paar Monate als Gast am französischen Hof, dann kreuz und quer durch Nord- und Mittelitalien. Als er nach 14 Monaten zurückkommt, trennt er sich von seiner Frau. Sie hat ein halbes Jahr nach seiner Abreise eine Tochter geboren, und vermutlich verdächtigt er sie, ohne das je publik zu machen, des Ehebruchs.

In den Jahren nach seiner Rückkehr beginnt - nach Überzeugung der Oxfordianer, für die es freilich so wenig handfeste Beweise gibt wie für die ganz andere Chronologie der Stratfordianer - die regelmäßige Aufführung von de Veres Stücken durch professionelle Schauspieler am Hofe. 1578 schenkt die Queen ihm ein Schloss; im Januar 1581, nach einem glanzvollen Turnier, küsst sie ihn als Zeichen höchster Gunst öffentlich auf den Mund.


* Edward de Vere: "The Poems / Gedichte". Deutsch von Kurt Kreiler. Verlag Uwe Laugwitz, Buchholz; 104 Seiten; 15 Euro.
Edward de Vere: "Fortunatus im Unglück". Deutsch von Chris Hirte und Kurt Kreiler. Insel Verlag, Frankfurt am Main; 260 Seiten; 19,80 Euro.



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