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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2009

Finanzkrise: Machtkampf der Mächtigsten

Von

Angela Merkel und Josef Ackermann tragen derzeit eine erbitterte Fehde aus. Es geht darum, wer das Sagen hat: Politik oder Finanzwelt?

Bankchef Ackermann, Bundeskanzlerin Merkel: Gibt es einen sozialen Zusammenhalt? Zur Großansicht
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Bankchef Ackermann, Bundeskanzlerin Merkel: Gibt es einen sozialen Zusammenhalt?

Es passiert nicht oft, dass Angela Merkel der Kragen platzt. Als sie jedoch gehört hat, dass Josef Ackermann einen neuen Rettungsfonds für die Finanzwirtschaft fordert, ist es geschehen. Angela Merkel war zornig.

Es passiert auch nicht oft, dass Angela Merkel jemanden öffentlich attackiert. Selbst im Wahlkampf hat sie das selten gemacht. Aber den Chef der Deutschen Bank wollte sie nicht ungerügt davonkommen lassen. Vier Tage später hat sie zugeschlagen.

Am vorvergangenen Freitag hielt die Bundeskanzlerin eine Rede auf dem Führungstreffen der "Süddeutschen Zeitung". Nach einer Weile sagte sie, dass "manch einer, der im Finanzsektor arbeitet, schon wieder - lax gesagt - eine ziemlich große Lippe riskiert". Gemeint war Josef Ackermann, daran lässt sie keinen Zweifel.

Die Bundesrepublik erlebt gerade einen Machtkampf der Mächtigsten des Landes. Die Kanzlerin befehdet sich mit dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, in Reden, in Hintergrundgesprächen, mittels Politik und Lobbyarbeit. Sie tragen das national und international aus. Es geht um Themen wie Rettungsfonds, Kreditklemme, Boni für Manager.

In Wahrheit aber geht es um die ganz große Frage: Wer regiert das Weltgeschehen, die Politiker oder die Manager? Allmählich verdichten sich die Hinweise, dass die Finanzwirtschaft wieder mit gefährlichen Geschäften nach den Riesengewinnen trachtet und damit über das Wohl und Wehe der Welt herrscht. Schon wird von der nächsten Krise geraunt. Merkel will die Banken deshalb an die Kette legen, Ackermann will dies verhindern. Das ist das große Duell dieser Tage.

Eines der Kampffelder ist das Thema Kreditklemme. Die Banken geben derzeit nur ungern Kredite an Kunden aus, die nicht die allerhöchste Bonität genießen. Darunter leiden die Unternehmen der Realwirtschaft, also Industrie oder Handel.

Merkel versucht gerade ein Bündnis gegen Ackermann und dessen Kollegen zu schmieden. Sie will die Deutschland AG spalten und die Realsektoren gegen die Banken aufbringen. Das sei die "Schlachtordnung", sagte sie am Dienstag vergangener Woche beim Deutschen Arbeitgebertag. Merkel wundert sich, dass die Bosse der Realwirtschaft so wenig kampfeslustig sind. Sie will echte Kerle sehen.

Ackermann findet, dass sich der Staat lieber um seinen löchrigen Haushalt kümmern solle, als ihm in die Geschäftspolitik reinzureden. Er hält nicht viel von Politikern. Er denkt, dass sie ziemlich lange brauchen, bis sie die Zusammenhänge der Finanzwirtschaft verstehen. Er kennt niemanden, der alles bis in die letzte Verästelung durchdringt, am ehesten noch der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück. Von der Kanzlerin sagt er, dass sie sehr am "sozialen Zusammenhalt interessiert" sei. Ob er das gut findet oder schlecht, lässt er offen.

Kritik aus der Politik an den Privatbanken findet er seltsam, da die staatlich kontrollierten Landesbanken besonders schlecht dastünden. Er hat eine einmalige Art, zu solchen Sätzen ungemein nett zu lächeln.

Allerdings war er im Herbst 2008 in der betrüblichen Lage, Steinbrück und Merkel bitten zu müssen, dass sie die Hypo Real Estate retten, mit Staatsgeld. Sonst wäre die Deutsche Bank mit in den Abgrund gestürzt. Die Politiker haben also auch Ackermann gerettet. Ob ihn das nicht ein wenig demütig mache gegenüber den Politikern? Nein, mit dem Wort Demut kann er nichts anfangen. Er sieht nicht, warum er auf den Knien nach Berlin rutschen sollte.

Angela Merkel hat genau mitbekommen, dass Ackermann gern über die mangelnde Detailkenntnis der Politiker lästert. Sie weiß, dass Klugheit die Eigenschaft ist, die ihr am wenigsten bestritten wird. Entsprechend schätzt sie es, wenn man sie dumm aussehen lässt.

Sie findet ohnehin nicht, dass sie als Bundeskanzlerin jedes verrückte Finanzprodukt kennen muss. Es geht ihr um das Große und Ganze: den Zusammenhalt zum Beispiel. Da widerspricht sie Ackermann nicht. Aber sie hat nicht den Eindruck, dass sich die Banken Gedanken zu diesem Thema machen.

Sonst wäre Ackermann wohl nicht die Idee mit dem nächsten staatlich gestützten Rettungsfonds gekommen. Wer hätte den Bürgern denn erklären müssen, dass sie erneut mit Steuergeldern für die Geschäfte der Banker haften sollen? Merkel, nicht Ackermann. Der hätte still die neue Sicherheit genießen können.

So kann Demokratie nicht funktionieren, findet Merkel. Sie fühlt sich verarscht, sagt dies aber in milderen Worten.

In diesem Duell treffen zwei große Egos aufeinander, jedes auf der Höhe seines Selbstbewusstseins.

Ackermann, 61, Schweizer, hat seine Deutsche Bank gut durch die Krise geführt. Während ringsum Finanzimperien zusammenkrachten, ist sein Haus schon wieder bei den üppigen Renditen angekommen.

Merkel, 55, Ostdeutsche, hat die Wiederwahl geschafft. Obwohl die ersten Wochen desaströs verlaufen sind, hat sie Spaß daran, mit ihrer Wunschkoalition regieren zu dürfen.

Ein Berliner Abendessen in mittelgroßer Runde mit Ackermann sieht so aus: Er empfängt in der Deutschen Bank, Unter den Linden, ein schmucker Raum, viel Kunst, feinstes Essen, französischer Rotwein. Er nimmt sich fünf Stunden Zeit. Zigarren nach dem Dessert.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 126 Beiträge
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1. .
frubi 30.11.2009
Zitat von sysopAngela Merkel und Josef Ackermann tragen derzeit eine erbitterte Fehde aus. Es geht darum, wer das Sagen hat: Politik oder Finanzwelt? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,664022,00.html
Das was momentan mit der Finanzwirtschaft abgeht ist in etwa so, als wenn ein Kapitän, welcher gerade vor dem Untergang seines Schiffes gerettet wurde, seine Helfer anraunzt und sich darüber beschwert wo denn das warme Essen und die kalte Dusche bleiben würde. Es ist eine bodenlose Frechheit. Die GESAMTE Finanzbranche wurde durch Steuergelder (in verschiedenen Formen) gerettet und Normalerweise geht man bei solche eklatanten Systemfehlern her und baut Regeln ein, dass dies nicht mehr passieren kann. Pustekuchen. Mit dem Geld der Rettung wird nun wieder auf den ach so systemrelevanten Finanzmärkten jongliert. Das ganze ist ein schlechter Witz und Herr Ackermann (er steht ja eigentlich als Synonym für eine ganze Branche) müsste eigentlich ganz kleine Brötchen backen. Frau Merkel hat, will aber nicht, die bessere Position. Ich hoffe irgendjemand sagt es ihr auch mal.
2. Die letzte Drohung hat doch der Bürger!
Viva24 30.11.2009
Wenn Banken und Politiker durch die Lobbyisten sich niht einigen,. Bleibt für viele, wie die Banken, wo keine Marktwurtschaft mehr stattfindet, nur die Höchststrafe: SOZIALISMUS !. Diese kann nur von den Bürghern umgesetzt werden
3. Streit zwischen Merkel und Ackermann...laecherlich.
Oskar ist der Beste 30.11.2009
Zitat von sysopAngela Merkel und Josef Ackermann tragen derzeit eine erbitterte Fehde aus. Es geht darum, wer das Sagen hat: Politik oder Finanzwelt? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,664022,00.html
Das einzig Verblueffende an diesem "Streit" ist die Berichterstattung durch den SPON. Hier wird einfach behauptet, dass Ackermann und Merkel gleichwertige Widersacher seien und Merkel wegen Ackermanns Widerstand gehindert sei, strengere Regeln zu erlassen. Aeh...im Grundgesetz bestimmt das Parlament, welche Gesetze erlassen werden und welche nicht und die Parteien beteiligen sich an der Willensbildung. Es steht aber nicht im Grundgesetz, dass die Deutsche Bank vertreten durch jemanden, der aufgrund seiner Staatsangehoergikeit gar nicht wahlberechtigt ist, an der Gesetzgebung beteiligt werden muss. Die Deutsche Bank ist mittlerweile das, was man den Bese(i)tzern in der Hafenstrasse in den achtziger Jahren immer vorgeworfen hat; ein Staat im Staate und der SPON tut so als sei das ganz normal. (Unabhaengig davon ist der "Streit" eh nur dazu da, die Oeffentlichkeit und die Bevoelkerung in die Irre zu fuehren, denn Merkel ist, war und wird immer nur das ausfuehrende Organ der Interessen der Bankindustrie sein.)
4. Kanzlerin gegen Kapitalist
Hilfskraft 30.11.2009
man kann Schweineställe nur ausmisten, wenn man sich mit deren Bewohnern auseinander setzt. Nun wird sich zeigen, wer uns in Wahrheit regiert. Wer wem gehorcht. Ich wette, Ackermann gewinnt!
5. Qualität des Spiegel
fingerkino 30.11.2009
Das grenzt ja an PR... Merkel als die große Kämpferin für regulierte Finanzmärkte. Natürlich. "Merkel gegen den Kapitalist". Das ich nicht lache. Als ob es zwischen den Standpunkten von Merkel und Ackermann tatsächlich signifikante Unterschiede gäbe. Aber für ein paar Märchen von der sozialen Angie gibt es bei SPON ja immer wieder dankbare Geschichtenerzähler.
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