AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2009

Eine Meldung und ihre Geschichte Der letzte Wille

Warum ein Mörder in Kalifornien zum Tod verurteilt werden wollte

Billy Joe Johnson: Bekannt als "BJ Psycho"

Billy Joe Johnson: Bekannt als "BJ Psycho"

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Als Billy Joe Johnson den Gerichtssaal betritt, sehen die Mitglieder der Jury einen Mann, 46 Jahre alt, 1,80 Meter groß, gut 85 Kilo schwer, der auf dem Kopf einen Irokesen-Haarschnitt trägt, und vorn auf seinem Hals sind die Runen der SS eingestochen, direkt über dem Kehlkopf.

Johnson wird in Ketten in den Gerichtssaal geführt, er trägt sie an den Handgelenken, an den Knöcheln, Wärter begleiten ihn zu seinem Platz. In seinem Gefängnis, der Theo-Lacy-Vollzugsanstalt in Orange County, Kalifornien, ist Billy Joe Johnson bekannt als "BJ Psycho". Johnson hat vor fünf Jahren einen jungen Mann mit einem Zimmermannshammer erschlagen, er wollte Informationen aus seinem Opfer herausprügeln und hatte sich nicht unter Kontrolle. Johnson wurde zu 45 Jahren Haft verurteilt. Aber das reicht ihm jetzt nicht mehr.

Johnson ist ein kalifornischer Neonazi, ein Rocker, früher war er Mitglied der "Nazi Low Rider", zurzeit ist er Mitglied der "Public Enemy Number One Death Squad", eines Haufens selbsternannter Herrenmenschen, die ihren Lebensunterhalt, wenn sie nicht gerade im Gefängnis sitzen, mit Drogen- und Waffenhandel, Mord oder illegalen Hundekämpfen bestreiten. Johnson hat nicht viel gemein mit den zwölf Männern und Frauen, die hier in der Jury sitzen und über ihn richten werden. Und doch will er dieses saubere Dutzend zu seinen Komplizen machen, sie sollen ihm einen letzten Willen erfüllen.

Der Mord brachte Johnson, vorbestraft wegen Einbruchs und schwerer Körperverletzung, in den Block der gewalttätigen Schwerverbrecher. Wer hier sitzt, hat Einzelhaft. Hat keinen Fernseher, kein Radio, ist ganz bei sich. Zwei Stunden pro Woche darf Johnson seine Zelle verlassen, für den Hofgang. Er dreht dann seine Runden, in Ketten gelegt, isoliert von den anderen Gefangenen.

Das ist kein Leben, dieser Meinung ist Johnson, und er hofft, diesen Zustand heute und hier im Gerichtssaal ändern zu können. Johnson steht noch einmal vor Gericht, weil er einen weiteren Mord begangen haben soll. Zusammen mit zwei Kumpanen ist er angeklagt, Stuart Miller getötet zu haben, Miller ist einer der Gründer der "Public Enemy Number One Death Squad", er gab Journalisten des US-Fernsehsenders Fox ein Interview und plauderte dabei Gang-Interna aus. Der Fernsehsender machte Millers Gesicht vor der Ausstrahlung zwar unkenntlich, aber die übrigen Mitglieder seiner Todesschwadron erkannten ihn an seinen Tätowierungen.

Johnson lockte Miller in einen Hinterhalt, ein anderer Angeklagter hielt ihm eine Pistole an den Kopf und drückte ab.

So soll es gewesen sein nach Ansicht des Staatsanwalts, und Johnson, er sitzt jetzt oben im Zeugenstuhl, neben dem Richter, bestreitet es nicht. Ganz im Gegenteil. Er gesteht sogar noch zwei weitere Morde, die ihm gar nicht zur Last gelegt werden. Einen im Gefängnis, einen draußen. Er redet sich hier, im Wortsinn, um Kopf und Kragen, aber genau das ist seine Absicht. Er möchte in den Todestrakt verlegt werden, koste es, was es wolle.

Todesstrafe für eine bessere Lebensqualität

Im Todestrakt haben die Häftlinge einen Fernseher in ihrer Zelle, einen DVD-Player, DVDs, sie können ihre Zelle fünf Stunden am Tag verlassen, und sie können Besuch empfangen, in einem eigens dafür eingerichteten Raum. All diese Annehmlichkeiten will Johnson genießen können, er will nicht mehr eingesperrt sein wie ein Tier, und er ist bereit, für die Vergünstigungen zu zahlen, mit seinem Leben. Er hofft nur, dass er die Rechnung nicht sofort begleichen muss.

Er geht davon aus, dass er die Vollstreckung seines Todesurteils mit Hilfe seines Anwalts, mit Eingaben, Gnadenersuchen, mit juristischen Tricks verzögern kann, um 20 Jahre, vielleicht um 30 Jahre. Dann sei er, so sagte Johnson es seinem Anwalt, Mitte sechzig oder Mitte siebzig, und dann habe er sowieso keine Lust mehr zu leben. Johnsons Anwalt riet ihm ab.

Nach dem Ende der Beweisaufnahme ziehen sich die Mitglieder der Jury zur Beratung zurück. Einige sind irritiert, sie hatten erwartet, über einen brutalen, aber eigentlich schlichten Mord urteilen zu müssen. Nun tauchen unerwartete Fragen auf, und es geht nicht um grundsätzliche Dinge, um Fragen wie: Was ist der Sinn eines Schuldspruchs, einer Strafe? Geht es in erster Linie um Sühne? Geht es um Rache? Um Abschreckung?

Welches Urteil ist gerecht im Fall Billy Joe Johnsons, eines Mörders, der die Todesstrafe für sich fordert, um seine Lebensqualität zu verbessern? Straft man ihn härter, wenn man ihm die Giftspritze verweigert, wenn man ihn nicht zum Tod, sondern zum Leben verurteilt?

Die Mitglieder der Jury müssen zu einem einstimmigen Urteil kommen. Es ist keine einfache Diskussion, sie zieht sich über zweieinhalb Stunden, denn zumindest ein Mitglied der Jury will Johnson zum Leben verurteilen; der Mann weigert sich, dem Mörder das zu geben, was der für sich fordert. Doch schließlich gibt er nach, und empfohlen wird die Todesstrafe für Billy Joe Johnson. Der zuständige Richter folgt der Empfehlung, er verurteilt ihn zum Tod.

Und Billy Joe Johnson wird verlegt, in den Todestrakt, dahin, wo es keinen Ausweg mehr gibt, aber Fernseher.



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SNA 04.12.2009
1. Ändert nichts am Unrecht der Todesstrafe
Zitat von sysopWarum ein Mörder in Kalifornien zum Tod verurteilt werden wollte http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,664361,00.html
Tja, wie sagt das Sprichwort: Zu wenig und zu viel ist aller Narren Ziel.
ascudd 04.12.2009
2. todesstrafe macht keinen sinn
Zitat von sysopWarum ein Mörder in Kalifornien zum Tod verurteilt werden wollte http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,664361,00.html
und genau deswegen macht die todesstrafe keinen sinn. nicht unbedingt wegen der menschlichkeit (war der täter i.d.r. ja auch nicht)... aber weil ein leben lang in gefangenschaft eben auch nicht wirklich angenehmer und vor allem auch nicht teurer für staat ist (20-30 jahre bis zur todesstrafe + aufwändiger prüfungen udn aufschiebungen etc.) schon seltsam, dass das noch nicht bei allen durchgedrungen ist.
Jochen Kissly, 04.12.2009
3. Soll er sterben
Ich hoffe sein Wille wird ihm bald erfüllt und seine Opfer können sich an ihm rächen. Wer getötet hat hat kein Recht mehr zu leben!
gipfei 04.12.2009
4. ..
Sollte man wirklich ein Verbrechen, welcher Art auch immer, mit dem Tode bestrafen? Hmm.. Fragwürdig.. Allerdings ist es sicher schwierig eine vernünftige Bestrafung für Schwerverbrecher zu finden. Eine Strafe, die den Straftäter dazu bringt, seine Tat zu bereuen und nie wieder etwas derartiges zu tun. Einerseits ist die Tatsache, das es notwendig ist, einen Menschen sein Leben lang in eine Zelle zu sperren bedauerlich und dieses Leben ist sicherlich nicht lebenswert. Andererseits ist es ebenso unmenschlich wie Grausam, einen Menschen mit dem segen des Staates zu töten. Was also soll man tun? Strafe muss sein, das ist klar, aber was tut man mit Menschen, die unbelehrbar sind und nicht fähig sind in Gesellschaft anderer Menschen zu leben, ohne eine Gefahr darzustellen?
Think-Smart 04.12.2009
5. Und Deutschland?
Lieber Spiegel, bleibt auf deutschem Boden und klärt, warum sich in Deutschland jährlich hunderte Gefangene, insbesondere in U-Haft, dass Leben nehmen und die Anzahl der Suizide von deutschen Behörden kaschiert werden. Begründung: Datenschutz. Siehe auch: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2001/0521/lokales/0034/index.html Diese Statistik ist auch interessant: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/70855/umfrage/selbstmord-in-u-haft/
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