AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2009

Kino "Es ist doch nur ein Film"

Kinostar Til Schweiger über sein schwieriges Verhältnis zu Kritikern, seine Lehrzeit in Hollywood und sein neues Werk "Zweiohrküken".


SPIEGEL: Herr Schweiger, warum wollten Sie uns Ihren neuen Film "Zweiohrküken" nicht zeigen?

Schweiger: Weil ich mit ziemlicher Sicherheit das Ergebnis vorhersehen kann." Keinohrhasen" ist von einem Ihrer Kollegen an dieser Stelle richtig schön fertiggemacht worden. Warum sollte ich das nochmals riskieren?

SPIEGEL: Woher wissen Sie, was wir geschrieben hätten?

Schweiger: Weil ich schon lange genug in diesem Geschäft arbeite und über eine gewisse Erfahrung verfüge. Alle meine Filme, die ich selber produziert habe, hatten im klassischen Feuilleton eigentlich nie eine Chance. Das hat sich immer schön geteilt: im Feuilleton Verrisse, in den anderen Magazinen eher positiv. Fifty-fifty.

SPIEGEL: Aber 50 Prozent Zustimmung sind doch gar nicht übel.

Schweiger: Stimmt, aber 80 oder 90 Prozent sind besser. Ich kann im Feuilleton keinen Blumentopf gewinnen, das ist schade, aber ich muss das akzeptieren. Ich mache Unterhaltung, und die hat es dort schon immer schwer gehabt. Ich kann auch niemanden zwingen, meine Filme zu mögen, aber ich habe das Recht zu sagen: Ätschibätsch, ich zeig euch meinen Film nicht mehr vor Kinostart umsonst, ihr müsst euch eine Karte kaufen, den Film mit Publikum schauen - für viele Kritiker ein Graus -, und dann könnt ihr immer noch den Verriss schreiben.

SPIEGEL: Sie sind Deutschlands größter Kino-Star, der einzige, der mit selbstproduzierten, selbstgeschriebenen Filmen, bei denen er auch noch Regie führt, Millionen Menschen ins Kino zieht. Schlechte Kritiken müssten Ihnen egal sein.

Schweiger: Es ist ja nicht so, dass ich die ganze Nacht deswegen heule. Aber wenn man einen Film macht, in dem viel eigenes Geld steckt und die Arbeit von 15 Monaten, dann ist so ein Film wie ein Kind. Und ich stelle mein Kind nicht mehr freiwillig hin und sehe zu, wie es verprügelt wird.

SPIEGEL: Dürfen Kritiker nicht ihre Meinung äußern?

Schweiger: Natürlich dürfen sie.

SPIEGEL: Aber warum benehmen Sie sich so bockig?

Schweiger: Ich bocke nicht und führe auch keinen Kreuzzug gegen Kritiker. Ich bin ehrlich, sage meine Meinung und schütze mein Werk. Ich muss jetzt nicht so tun, als wäre ich der Superentspannte und hätte nichts Besseres zu tun, als alle Kritiker zu umarmen.

SPIEGEL: Möglicherweise hätte uns Ihr neuer Film ja gefallen. "Keinohrhasen" ist im SPIEGEL zwar nicht gut weggekommen, aber vielleicht ist er besser, als wir gedacht haben.

Schweiger: Vielleicht besser ... ?

SPIEGEL: Worum geht es eigentlich in "Zweiohrküken"?

Schweiger: Presseheft nicht bekommen?

SPIEGEL: Wir haben gehört, dass es unter anderem um eine Tüte menschlicher Exkremente geht. Stellt sich da nicht die Frage: Wie platt darf ein Gag sein?

Schweiger: Ich kenne nur den Unterschied zwischen Gags, die lustig sind, und welchen, die nicht lustig sind. Ich kann zum Beispiel in Bully Herbigs "Schuh des Manitu" über viele Gags wahnsinnig lachen, und einige finde ich weniger komisch. Was platt ist, ist subjektiv. Gegenfrage: Sind Sie von der Humorpolizei?

SPIEGEL: Wir stellen nur Fragen, wir tun nichts Böses. Was ist das denn jetzt für ein Witz mit der Tüte?

Schweiger: Der Junge, den Matthias Schweighöfer spielt, hat diese Frau kennengelernt, er findet sie toll und schläft bei ihr. Als er aufwacht, ist sie nicht mehr da. Er geht aufs Klo, macht sein Geschäft, beim Abziehen merkt er, kein Wasser im Spülkasten. Er denkt, so kann ich die Wohnung nicht verlassen. Und versucht auf aberwitzige Weise, das da rauszukriegen.

SPIEGEL: Angeblich auch mit einem Staubsauger.

Schweiger: Ja, so verzweifelt ist er. Irgendwann schafft er es, eine Tüte drüberzustülpen. Diese vergisst er aber in der Wohnung, und es kommt zu einer wahnsinnig komischen Bergungsaktion. Schweighöfer sagt zu Schweiger: "Da oben liegt meine Kacke auf'm Nachttisch." Schweiger ganz cool: "Komm, die holen wir uns jetzt zurück." Klingt jetzt erst mal ein bisschen platt, zugegeben, sorgt aber im Kino für fünfminütige Lachanfälle beim Publikum.

SPIEGEL: Es gab ja schon bei "Keinohrhasen" Aufregung um den angeblich zotigen Humor des Films und auch um eine Sexszene, obwohl er freigegeben war für Zuschauer ab sechs Jahren. Das war wahrscheinlich auch die deutsche Humorpolizei?

Schweiger: Ich habe die Proteste zuerst gar nicht ernst genommen. Dann ging es bis in die Politik, und die Freiwillige Selbstkontrolle hat den Film nachträglich hochgestuft, was so gut wie nie passiert. Auch "Zweiohrküken" ist ab zwölf. Jüngere Kinder dürfen nur in Begleitung ihrer Eltern rein. So kann man sicher sein, dass sie jetzt nicht traumatisiert werden, weil sie einen unerigierten Penis sehen oder eine nackte Frauenbrust.

SPIEGEL: Herr Schweiger, kann es sein, dass Sie so empfindlich sind, weil Sie sich notorisch unterschätzt fühlen?

Schweiger: Unterschätzt worden bin ich mein Leben lang, schon in der Schule. Und ich kann nur jedem empfehlen, sich gründlich unterschätzen zu lassen, das ist ein Riesenvorteil. Dann kann man nämlich immer wieder überraschen mit Dingen, die einem nie jemand zugetraut hat.

SPIEGEL: Rührt Ihre Empfindlichkeit schon aus Ihrer Anfangszeit als Schauspieler her, als Sie 1991 in "Manta, Manta" Ihre erste Kino-Hauptrolle spielten?

Schweiger: Mich hat's gleich voll erwischt. Ich wurde so schwer verprügelt, dass ich völlig baff war. Ich dachte mir: "Hey, Leute, warum geht ihr denn so auf mich los? Es ist doch nur ein Film!"

SPIEGEL: Viele Freunde hatten Ihnen abgeraten, in so einem Klamauk mitzuspielen.

Schweiger: Ja, die haben gesagt: Wenn du diesen Film machst, bist du erledigt. Ich habe gesagt: Ihr seid wohl total bescheuert! Das ist ein Film von Bernd Eichinger ... Es gab zu der Zeit keinen nennenswerten deutschen Kinofilm. Ich kam aus der "Lindenstraße" und saß nun plötzlich mit Eichinger in einem Manta. Ich war begeistert. Die Kritik war entsetzt.

SPIEGEL: Beim Publikum hatte er Erfolg.

Schweiger: Stimmt.

SPIEGEL: Ist Eichinger eine Art Übervater für Sie?

Schweiger: Vielleicht. Seit fast 30 Jahren ist er der entscheidende Kinomann in Deutschland, mit dessen Energie und Verve sich niemand messen kann. Das, was er geschafft hat, bekommt von uns in diesem Leben keiner mehr hin.

SPIEGEL: Empfinden Sie beide sich als die großen Unverstandenen des deutschen Films?

Schweiger: Bernd bekommt jedenfalls nicht den Respekt, den er verdient. Ohne ihn sähe das deutsche Kino völlig anders aus. Und nicht nur das deutsche.

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