Von Claudia Voigt
Der kleine Junge hält ein Plastikboot in der Hand und schaut aufs Meer. Er steht unter großen weißen Sonnenschirmen auf der Terrasse des Hotels Excelsior in Venedig, aber außer dem Jungen interessiert das Meer hier heute niemanden. Es sind Filmfestspiele. Die Drehtür zur Terrasse spuckt pausenlos Menschen hinaus ins Licht, sie tragen riesige Sonnenbrillen, Stilettos und bodenlange Chiffonkleider schon am Vormittag. Fatih Akin, T-Shirt, ausgebeulte graue Hosen, Turnschuhe, kommt aus der VIP-Lounge und geht quer über die Terrasse zu seinem Sohn. "Hey", sagt er, "nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise."
Im Wettbewerb der Filmfestspiele läuft Akins neuer Film "Soul Kitchen". Eine kleine, private Geschichte aus einem heruntergekommenen Stadtteil in Hamburg, sie erzählt von der Glückssuche einer Clique 20-Jähriger und davon, dass es sich lohnt, um seinen Lebenstraum zu kämpfen. Und dass niemand es allein schaffen kann. "Soul Kitchen" ist ein Film über das Leben Fatih Akins und über das seiner Freunde; er beantwortet auch die Frage, warum heute ausgerechnet Akin einer der stärksten Filmemacher Deutschlands ist.
Fatih Akin ist der Sohn türkischer Einwanderer, er kommt aus Hamburg-Altona, einem alten Arbeiterstadtteil. Der Weg von Hamburg-Altona auf die Terrasse des Hotels Excelsior ist ziemlich weit.
Nach Venedig hat Akin nicht nur seinen vierjährigen Sohn mitgebracht und seine Frau Monique, eine Halbmexikanerin, die für das Casting von "Soul Kitchen" verantwortlich war. Auch sein Freund und Hauptdarsteller Adam Bousdoukos ist mitgekommen, den sie alle nur den "Griechen" nennen, ebenso Akins Assistentin Nurhan Sekerci, Moritz Bleibtreu, der Star, Andrew Bird, ein Engländer, der Akins Filme schneidet, ein portugiesisches Kindermädchen und viele mehr. Akin ist umringt von seiner Familie und von den Schauspielern, von Freunden und Leuten aus seinem Team, auseinanderhalten lässt sich das nicht so genau.
Sie sitzen an diesem Morgen um einen runden Tisch, bestellen noch einen Kaffee, noch eine Cola. Männer und Frauen mit Handy am Ohr laufen vorbei, "Ciao, give me a call." Akins Leute hängen zurückgelehnt in ihren Stühlen. Flipflops, Jeansjacken, Selbstbewusstsein. Adam Bousdoukos steckt Streichhölzer ins Boot von Akins Sohn, sie spielen "Titanic", als Rettungsboote nehmen sie Zuckertüten. Eine Journalistin tritt an den Tisch, reicht Akin die Hand: "I like your film, it's the best film in the competition." Ein Mann im Anzug möchte ein Autogramm haben. Akin küsst seine Frau Monique, "Hey, Baby, ich glaube, die mögen den Film".
So hat sich auf der Terrasse des Hotels eine Gruppe junger Menschen aus Deutschland versammelt, deren Verwandte aus der Türkei, Griechenland oder Mexiko kommen und die dort in Italien einen modernen deutschen Heimatfilm präsentieren. Eine Szene, die einem Politiker wie Thilo Sarrazin vermutlich gefallen würde, weil sie Sinnbild zu sein scheint für eine gelungene Integration. Das Spannende ist nur, dass die, die dort auf der Terrasse sitzen, Diskussionen um Islam, Minarette und Ausgrenzung längst hinter sich gelassen haben.
Fatih Akin kann den Moment noch benennen, in dem sich für ihn entschied, dass er Regisseur werden wollte. Auch wenn er damals nicht wusste, wie dieser Beruf heißt und was ihn ausmacht.
Er war neun Jahre alt, seine Mutter musste für kurze Zeit ins Krankenhaus, ein paar Tage lang wohnte er mit seinem Bruder bei Verwandten. Es waren die frühen achtziger Jahre, die Gastfamilie führte einen Videoverleih. Weil die älteren Jungen keine Lust hatten, sich um Fatih Akin und seinen Bruder zu kümmern, erklärten sie beiden kurz den Videorecorder und zeigten ihnen die Kopiensammlung im Wohnzimmerschrank. "Ich hätte mir Bud Spencer ausgesucht", erzählt Akin. Aber sein drei Jahre älterer Bruder legte "Zombies im Kaufhaus" ein. "Das war irre grausam, das hat mich wirklich traumatisiert", so Akin.
Die Bilder spukten abends vor dem Einschlafen durch seinen Kopf, er sah Monsterfratzen und lebendige Leichen und lag wie erstarrt in seinem Bett. Dann fiel ihm ein, dass am Ende des Films so viele Namen zu lesen gewesen waren. Akin beruhigte sich mit dem Gedanken, dass irgendwer sich diese Geschichten ausgedacht haben musste, dass sie nicht echt waren. Er begann sich für die Leute zu interessieren, die ihm solche Angst einjagen konnten. "Ich wollte wissen: Wer sind die? Wie haben die das gemacht?"
Am Beginn seiner Begeisterung für das Filmemachen stand die rettende Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität. Als Regisseur und Drehbuchautor fügt er diese beiden Welten heute wieder zusammen. Mit großer Selbstverständlichkeit geht der Filmemacher Akin von seinem eigenen Leben aus.
Sein Vater war Mitte der sechziger Jahre nach Deutschland gekommen, er fand bald Arbeit am Fließband in einer Reinigungsmittelfabrik. Bei einem Urlaub in seinem türkischen Heimatdorf am Schwarzen Meer lernte er Akins Mutter kennen, eine junge Lehrerin. Er überredete sie, mit ihm nach Deutschland zu ziehen.
In einem Dokumentarfilm, den Akin über seine Familie gedreht hat, erzählt die Mutter, dass sie in diesen ersten Jahren viel geweint habe, nicht so sehr, weil ihr die Türkei fehlte, sondern weil sie in dem Land mit der fremden Sprache lange nicht in ihrem Beruf als Lehrerin arbeiten konnte.
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© DER SPIEGEL 50/2009
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