AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2009

Essay zu Kopenhagen Scheitern wäre ein Erfolg

Warum die Menschheit den Klimaschutz vertagen sollte.

Von Bjørn Lomborg


Die schlimmsten Befürchtungen vieler Delegierter der Kopenhagener Klimaverhandlungen sind bereits wahr geworden: Der offizielle Versuch, das Kyoto-Protokoll zu ersetzen, wird wohl scheitern. Am Ende der Verhandlungen wird kein Plan zur Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen stehen.

Schon bereiten sich frustrierte Umweltkämpfer darauf vor, ihre Protestbanner auszurollen, und Politiker pokern darum, wie sie den Gipfel doch noch zum Erfolg deklarieren könnten. Doch weder die Demonstrationen noch ein bedeutungsloses politisches Übereinkommen bedeuten einen Triumph über die globale Erwärmung. Indes, das Scheitern selbst könnte ein Erfolg sein, vor allem, wenn die Entscheidungsträger sich über die Gründe dafür klar werden. Denn eine Vereinbarung über drastische, kurzfristige Einschnitte beim Kohlendioxid würden sich ohnehin als trügerisch erweisen, weshalb sie klügere Optionen erwägen sollten.

Seit Jahrzehnten schon streiten sich jene, die den Klimawandel leugnen, mit denen, die zutiefst alarmiert sind. Die Rhetorik beider Seiten indes ist übertrieben. Denn einerseits ist die Klimaerwärmung Realität. Und sie ist vom Menschen verursacht. Das war schon lange klar. Andererseits wird uns Kopenhagen vor Augen führen, dass wir auf die falschen Maßnahmen setzen.

Unermüdlich wird behauptet, wir könnten die globale Erwärmung stoppen, wenn die Politiker die Willenskraft dazu hätten. Doch Willensstärke ist die geringste unserer Sorgen. Leider verfolgen wir seit 20 Jahren einen grundfalschen Ansatz: Er ist ökonomisch mangelhaft, weil uns kurzfristige CO2-Einsparungen ein Vermögen kosten und wenig bewirken. Er ist politisch mangelhaft, weil die ausufernden Debatten zur Einsparung von Kohlendioxid die Akteure in Europa, Amerika und Asien nur entzweien. Und er ist technisch mangelhaft, weil alternative Energien noch nicht so weit sind, unsere Abhängigkeit vom Kohlenstoff beenden zu können.

Machen wir uns zunächst die ökonomische Herausforderung klar und schauen uns den Plan der Industrienationen an, die globale Durchschnittstemperatur auf nicht mehr als zwei Grad Celsius über das vorindustrielle Niveau hinaus ansteigen zu lassen. Dahinter verbirgt sich die größte und teuerste ordnungspolitische Aufgabe aller Zeiten. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten wir eine Steuer von 45 Euro auf jede Tonne Kohlendioxid erheben. Das hat der prominente Klimaökonom Richard Tol, der auch Leitautor für den Bericht des Weltklimarats IPCC war, in einer Publikation für das Copenhagen Consensus Center berechnet.

Die Kohlendioxid-Einsparungen kosten weit mehr als der Klimawandel selbst.

Es gibt Grund zu der Hoffnung, dass sich, wenn dieses ehrgeizige Ziel wirklich erreicht wird, die meisten zu erwartenden Schäden durch den Klimawandel - beziffert auf jährlich rund zwei Billionen Euro im Jahr 2100 - vermeiden lassen. Allerdings, so rechnet Tol weiter, würde eine solch drastische Klimasteuer das Welt-Bruttoinlandsprodukt um atemberaubende 12,9 Prozent im Jahr 2100 schmälern. In Zahlen: um 27 Billionen Euro pro Jahr.

Und selbst diese Rechnungen beruhen auf einer extrem optimistischen Kostenschätzung. Sie setzen nämlich voraus, dass Politiker überall in der Welt, zu jeder Zeit, die effizientesten und effektivsten Entscheidungen zur Reduzierung der CO2-Emissionen treffen. Sie dürfen absolut kein Geld verschwenden. Dies aber dürfen wir getrost als fromme Hoffnung betrachten. In der politischen Wirklichkeit würden die Kosten gut und gerne zehnmal oder sogar hundertmal so hoch ausfallen.

Um es drastisch zu formulieren: Die ambitioniertesten Kohlendioxid-Einsparungen könnten uns um ein Vielfaches mehr kosten als der Klimawandel selbst. Ohne wirkliche Alternativen zu fossilen Energien würden wir letztlich nur das Wirtschaftswachstum beschädigen.

Zweitens: Der Ansatz ist politisch mangelhaft. Denn die Nationen verfolgen ganz unterschiedliche Ziele in Kopenhagen. Sie alle vereint höchstens, dass es ihrer Bevölkerung nicht leicht zu vermitteln sein wird, Emissionen zu reduzieren, nur um dem Rest der Welt in hundert Jahren ein wenig zu helfen.

Besonders klar ist dies für die beiden Schlüsselnationen China und Indien, die sehr abhängig sind von fossilen Energiequellen. Nur durch sie gelingt es, Millionen Menschen aus der Armut zu befreien.

Die Kluft zwischen Industriestaaten und Schwellenländern in dieser Frage wird das entscheidende Hindernis sein beim Versuch, einen Nachfolgevertrag für das Kyoto-Protokoll auszuhandeln. China und Indien sind die größten Treibhausgas-Emittenten des 21. Jahrhunderts. Vom Kyoto-Protokoll waren sie noch ausgenommen, weil sie während der Industrialisierung des Westens so wenig emittiert haben.

Warum aber sollten China und Indien nun beim Kappen von Kohlendioxid mitmachen? Dem Druck standzuhalten ist für sie viel plausibler.

Denn Klimamodelle zeigen, dass China unterm Strich von der globalen Erwärmung sogar eher profitieren wird. Obwohl es auch negative Seiten des Klimawandels gibt, werden die positiven überwiegen. Wärmere Temperaturen kurbeln die landwirtschaftliche Produktion an. Auch wird sich die Gesundheit der Bevölkerung verbessern. Zwar steigt die Zahl der Toten bei Hitzewellen. Gleichzeitig sterben aber im Winter weniger Menschen, etwa an wetterabhängigen Krankheiten wie der Grippe. Denn die globale Erwärmung wird einen viel dramatischeren Effekt auf die minimalen Temperaturen im Winter haben als auf die maximalen Temperaturen des Sommers.

Vor allem die Europäer haben vorgeschlagen, dass die reichen Nationen den Entwicklungsländern für die Zustimmung zu einem Vertrag in Kopenhagen etwas bezahlen müssten. Doch sind die Steuerzahler in den Industriestaaten wirklich willens, Hunderte Milliarden Euro in die Entwicklungsländer zu transferieren, nur um Projekte von beschränkter Wirkung zu unterstützen?

Drittens schließlich ist der heutige Ansatz auch technologisch mangelhaft. Denn noch immer fehlt es an angemessenem Ersatz für die fossilen Energieträger. Obwohl diese derzeit schlecht beleumundet sind, bleiben sie für unsere Entwicklung, unseren Wohlstand und das Überleben vorerst unverzichtbar. Kohlendioxid zu besteuern, ohne Alternativen zu entwickeln, wird den Zustand des Planeten eher verschlechtern.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 266 Beiträge
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Seite 1
semper fi, 07.12.2009
1. -
Zitat von sysopWarum die Menschheit den Klimaschutz vertagen sollte. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,665526,00.html
Mit dem Artikel wird erstmalig versucht, ein bisschen Vernunft in die Diskussion einzubringen. Wenig, aber immerhin schon 'mal ein Anfang. Warum sind die Deutschen sonst so hysterisch bei diesem Thema? Ich verstehe es nicht.
fc-herrenturnverein 07.12.2009
2. Bravo.
Zitat von sysopWarum die Menschheit den Klimaschutz vertagen sollte. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,665526,00.html
... und gerade schimpfe ich noch über schlechten Journalismus und die Gleischaltung von Medien durch die Klimapolitiker und deren moralische Überlegenheit. Sorry. Nehme ich zurück. Das hier klingt um einiges interessanter und bedenkenswerter als alles, aber wirklich auch alles was unsere Klimapolitiker und die übrige platte Wiederholungspresse von sich gibt. Darüber kann man diskutieren. Mehr davon. Etwas mehr Vernunft tut gut. Dann kann man auch die Wissenschaft wieder ernster nehmen.
mzwk 07.12.2009
3. My one
Ein Scheitern waere zu begruessen. Denn der gemeine Gruene soll sich mal ueberlegen wer das zahlen soll? Die Elite zahlts bestimmt nicht, also heissts: Eine neue Steuer muss her. Die Carbon Tax, die CO2 Steuer. Nein, ich werde sie nicht zahlen, denn ich habe kein Geld mehr das ihr mir aus der Tasche ziehen koenntet. Und ich denke da bin ich nicht allein. Aber wie gut dass wir jetzt den Vertrag von Lissabon haben - Jetzt kann die EU direkte Steuern erheben, und keiner kann sich dagegen wehren. Tolle Demokratie haben wir da.
Joe67, 07.12.2009
4. Falsche Perspektive
Der Autor schreibt, mit der Besteuerung von CO2-Ausstoss würde der Karren vor die Pferde gespannt werden. Dieser Ansatz ist scheinheilig und entspringt der Industrielobby. Diese möchte an ihren Technologien und Machtstrukturen festhalten und allenfalls dann umsteigen wenn eine marktreife Technologie auf dem Silbertablett präsentiert wird. "Marktreif" sind neue Technologien aber nur dann, wenn sie nicht teurer als die alten Technologien sind. Gerade die Förderung der regenerativen Energien hat dazu geführt, dass sich deren Kosten auf ein Bruchteil dessen reduziert haben, was man vor einem Jahrzehnt hätte investieren müssen. Nur mit Forschungsprojekten a la "Growian" hätte die Windkraft nie den Durchbruch geschafft. Heute gibt es ausgereifte und deutlich günstigere Windkraftanlagen. Reine Forschung dient häufig genug nur als Alibi. Die jahrzehntelang gebetsmühlenartig beschwörte "Wasserstofftechnologie" ist dafür das beste Beispiel. Das Resultat ist gleich Null - und das war von Anfang an so gewollt: Ein teures Placebo für die Politik, Automobilmessen und die Bevölkerung. Wenn dagegen Förderung und Forschung parallel vorangetrieben werden, kann eine Energiewende erreicht werden. Heute ist Solarenergie zunehmend konkurrenzfähig - Forschung alleine hätte dies nie erreicht. Scheitern wäre nur für die alten Industrien ein kurzfristiger Pyrrhussieg. Wenn die Ausgaben für den Klimaschutz lächerliche 12,9% Wirtschaftswachstum kosten ist dies gegenüber den möglichen Schäden, den zu erwartenden Migrationsströmen und Kriegen ein Sonderangebot. Bei all den Prognosen sollte aber berücksichtigt werden, dass viele Berechnungen auf Prognosen des Energieverbrauchs von EIA und IEA basieren. Diese prognostizieren aus politischen Gründen einen deutlich überhöhten Verbrauch von Öl und Gas. Das Problem der Klimaerwärmung löst sich dadurch jedoch leider nicht von alleine. Zwar wird insgesamt weniger verbrannt - aber auch mehr klimaschädlichere Rohstoffe wie Kohle und Ölsände. Zudem steigt der Preis wodurch die verfügbaren Gelder für den Klimaschutz knapper werden.
runninggecko² 07.12.2009
5. Motive für Klimaschutz
Ich denke, um sich mit Lomborgs Argumentation anzufreunden, muss man sich zunächst seine eigenen egoistischen Motive in Sachen Klimawandel klarmachen. Viele Leute tun ja tatsächlich so, als ginge es uns dabei um possierliche Tiere oder Menschen in Drittweltländern. Nur könnten wir (wie auch Lomborg es in "Cool It!" ausführt)für diese schon heute und sehr viel billiger etwas tun. Es kostet im Vergleich zur CO2-Reduktion fast nichts, in Afrika Medikamente zu verteilen oder in Südamerika Regenwald zu schützen. Dass wir es nicht (bzw. nicht sonderlich entschlossen) tun, zeigt unsere Präferenzen deutlich.
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