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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2009

Schulen: Ende des Aussortierens

Von

Eine Konvention der Uno verändert den deutschen Bildungsalltag: Immer häufiger klagen Eltern mit Erfolg dagegen, dass ihre Kinder auf Sonder- oder Förderschulen geschickt werden. Ein kompletter Zweig des deutschen Unterrichtssystems steht damit zur Disposition.

Behinderte Kinder: Förderschulen vor dem Aus Fotos

Zwei Jahre sind eine lange Zeit für einen Grundschüler. Besonders wenn es zwei Jahre ohne Schule sind, ohne Mitschüler, ohne Fußball im Pausenhof, stattdessen nur Unterricht zu Hause, meist allein mit der Mutter und Nachhilfebüchern von Aldi und Lidl.

Adrian K., inzwischen elf Jahre alt, hat einen hohen Preis dafür gezahlt, dass seine Eltern und er sich mit einem deutschen Schulamt angelegt hatten. Seit Oktober 2007 stritt die Familie mit den hessischen Behörden, ob der Junge eine Förderschule besuchen muss oder eine normale Grundschule besuchen kann. Und weil beide Seiten nicht nachgeben mochten, ließen die Beamten Adrians Schulpflicht einfach "ruhen", mehr als 24 Monate lang.

Bis vor zwei Wochen. Da stimmte das Schulamt für den Landkreis Groß-Gerau vor dem Verwaltungsgericht Darmstadt einem Vergleich zu: Trotz des behördlich festgestellten "sonderpädagogischen Förderbedarfs" kann Adrian künftig auf einer Haupt- und Realschule unterrichtet werden. Zudem bekommt er einen "Integrationshelfer", um sich wieder in einer Schulklasse zurechtfinden zu können.

Für Adrian und seine Eltern bedeutet das Einlenken der Behörde einen späten Sieg nach zähem Kampf, für Elterninitiativen und Fachjuristen belegt es, wie sich in einem kaum beachteten Teil des deutschen Schulsystems eine Revolution anbahnt: Denn immer mehr Eltern wehren sich mit Erfolg dagegen, dass ihre Kinder von Schulbehörden mit dem Stempel "behindert" versehen und aussortiert werden. Sie klagen gegen eine als "Abschiebung" empfundene Zwangseinweisung in Förderschulen, die früher Sonderschulen hießen und davor Hilfsschulen.

Die Eltern berufen sich auf Statistiken und Studien, die erhebliche Zweifel am deutschen Förderschulsystem zulassen. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder oft viele Kilometer vom Wohnort entfernt mit anderen Aussortierten unterrichtet werden - mit allenfalls geringer Aussicht auf Rückkehr in eine Regelschule oder einen arbeitsmarkttauglichen Abschluss.

Seit einigen Monaten hat sich die Position der Eltern deutlich verbessert. Sie können sich nun auf eine Uno-Konvention über die Rechte von Behinderten stützen, die im März in Deutschland in Kraft trat. Danach haben behinderte Kinder das Recht, zusammen mit Nichtbehinderten zu lernen. "Inklusive Bildung", wie der gemeinsame Unterricht genannt wird, habe dank des Uno-Segens den Status eines Menschenrechts, schreibt die internationale Anwaltskanzlei Latham & Watkins in einem Gutachten, das in Elterninitiativen und Behindertenverbänden derzeit von Hand zu Hand geht. Für die Bundesrepublik besteht nach Ansicht der Anwälte "eine völkerrechtliche Verpflichtung" zur Umstellung auf ein inklusives Schulsystem - selbst wenn das viel Geld kosten sollte.

Eine Interpretation, der sich Kultusministerien und Schulämter kaum noch verschließen können. Der frühere hessische Justizminister Rupert von Plottnitz hat beobachtet, dass die Behörden inzwischen oft bereit sind, die Zuweisung an Förderschulen zurückzunehmen - allerdings erst, wenn die Eltern vor Gericht ziehen.

Plottnitz arbeitet als Rechtsanwalt in Frankfurt am Main. Im Sommer vertrat er den damals 14-jährigen Philipp K., einen Jungen mit Down-Syndrom. Nach sieben Jahren auf einer integrativen Schule wurde Philipp vom Schulamt auf eine Förderschule für geistig Behinderte geschickt. Für die von den Eltern gewünschte Förderung auf einer Gesamtschule sei leider kein Geld vorhanden, beschied das Amt. Es war einer der ersten Fälle, die nach Inkrafttreten der Uno-Konvention vor Gericht kamen. In einem Vergleich genehmigte das Schulamt schließlich den Besuch einer Regelschule. Dort ist er jetzt stellvertretender Klassensprecher.

Das untere Ende deutscher Bildungsrealität

Seither haben sich fast ein Dutzend Eltern bei Plottnitz gemeldet, die ebenfalls vor Gericht ziehen wollen. "Das sind Fälle, die einen nicht kaltlassen", sagt der Jurist, "oft geht es um Kinder, die man früher schlicht als Zappelphilipp bezeichnet hätte. Die werden an ihrer Schule aussortiert, weil sie im Unterricht nicht immer ganz pflegeleicht sind."

Adrian K. zum Beispiel: Psychologen bescheinigen dem Elfjährigen eine seinem Alter entsprechende Intelligenz. Zu Hause pflegt er zwei Kaninchen, abends geht er zum Sportverein. Sein Trainer sagt, der Junge benehme sich wie die anderen Kinder seines Alters auch. Aber schon in der ersten Klasse geriet er mit seiner Lehrerin aneinander. Adrian wechselte die Schule, es gab wieder Streit und deftige Einträge in die Schulakte. Adrian sei größer und kräftiger als seine Mitschüler, notierten die Lehrer. Seine Versuche, auf der neuen Schule Freundschaften zu schließen, schlügen oft fehl. Deshalb versuche der Junge, auf sich aufmerksam zu machen, indem er "Kinder schubst, sie stolpern lässt" oder "Schultaschen durch die Klasse kickt".

Adrians Eltern sagten, ihr Sohn werde von anderen Kindern gemobbt. Seine Lehrer sagten, er sei frech, vorlaut und trage "wesentlich zu einer schlechten Lernatmosphäre in der Klasse bei". Dann traf das Schulamt eine rigide Entscheidung: das "Ruhen der Schulpflicht".

Für einige Monate bekam Adrian eine Hauslehrerin, dann entschied das Schulamt, er müsse auf eine Förderschule. Die Eltern waren zunächst einverstanden - bis sie erfuhren, dass es sich um eine weiter entfernte Heimschule handelt, in der Adrian die Woche über von den Eltern getrennt wäre. Sie nahmen sich einen Anwalt.

"Das ist ein ganz normaler Junge, der gehört auf eine ganz normale Schule", meint Petra Litzenburger von der Elterninitiative gegen Mobbing und Gewalt an Schulen, die sich für Adrian einsetzt. Und folgt man Hans Wocken, Professor für Lernbehindertenpädagogik an der Universität Hamburg, dann trifft das auf die ganz große Mehrheit der rund 460.000 Kinder zu, die derzeit in Deutschland eine Förderschule besuchen. Der ehemalige Sonderschullehrer hat in einer großen Studie das untere Ende deutscher Bildungsrealität unter die Lupe genommen. Das Ergebnis nennt er "beschämend".

Der Aufgabe, Kinder durch gezielte Förderung wieder an das Regelschulniveau heranzuführen, werde diese Schulform nur selten gerecht, urteilt Wocken. Wer einmal auf einer Förderschule gelandet sei, bleibe dort meist bis zum Ende seiner Schulzeit. Viele Jahre auf einer Förderschule erhöhten das Risiko, komplett abgehängt zu werden: "Je länger ein Schüler dort zugebracht hat, desto schlechter sind sowohl seine Rechtschreibleistungen als auch seine Intelligenzwerte", sagt Wocken.

Der Pädagoge begründet das mit der an vielen Förderschulen üblichen "Defizit-Didaktik". Lernbehinderten werde der Lehrplan bis auf das Allernotwendigste zusammengestrichen, der Abstand zur Regelschule werde mit jedem Schuljahr größer. Dazu komme, klagt Wocken, "dass es für jede Form der Behinderung eine eigene Förderschule gibt": für Lern-, Seh-, Hör- und Sprachbehinderte, für Körperbehinderte, für Schüler mit emotionalen und sozialen Defiziten und für geistig Behinderte. Jede Gruppe bleibt unter sich, abgeschottet von der Außenwelt, aber auch von leistungsförderndem Konkurrenzdruck.

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1. Galoppierender Unsinn
Broko 12.12.2009
Es wird immer schwerer, heutzutage eine Klasse zu halbwegs passablen Lernergebnissen zu führen - in sozialen Brennpunkten sowieso. Als Krönung will man jetzt also diesen Lerngruppen auch noch hochgradig verhaltensauffällige Schüler zuführen - was will dieses Land eigentlich? Ein Land von Analphabeten werden?
2. Alles über einen Kamm??
nachtwut, 12.12.2009
Die nun geforderte Veränderung ist kein selbstheilendes System und wirft logischerweise neue Probleme auf. Ein Aufbegehren gegen die Praxis von Schulbehörden "jeden Zappelphillip in eine Sonderschule abzuschieben", ist sicherlich in Mehr als einem Einzelfall ehrenhaft. allerdings darf man auch nicht vergessen, dass es häufig die Eltern selbst sind, die einen solchen Vorgang forcieren, erhoffen sie sich doch für ihr schwieriges Kind eine bessere Förderung. (Siehe auch Thema "Ritalin") Und: Eine Klasse mit 22 Schülern (in einer teilprivaten Schule oder einer in einem so genannten "guten Viertel") verträgt vielleicht 5 (realistisch sind wohl max 3) "Förderschüler" - aber was ist mit der Realität: Klassen mit 30 bis 32 Schulern, möglicherweise in "Problemvierteln" oder einfach Klassen mit über 80% Migrationsshintergrund, also in Klassen, die mit "sich selbst" genug zu tun haben? Und wie schützen wir diese speziellen Kinder, wenn wir schon so genannte gesunde Kinder nicht schützen können in den Ecken auf dem Schulhof... (siehe Thema "Gewalt an Schulen" ). Kinder an Spezialschulen werden in der Regel durch gemeinnützige Fahrdienste in die Schule gebracht - Wie wird die neue Praxis aussehen? Der Leistungsdruck ist schon an den Grundschulen hoch - die irrrsinnige Einstufungspraxis des deutschen Schulsystems bringt das mit sich. Entstehen so nicht "neue Ungerechtigkeiten". Man müsste mehr tun, wie nur ein paar Förderschulen schließen udn ein paar Sozialpadagogen mehr ausbilden... Viel mehr...
3. Alles über einen Kamm??
nachtwut, 12.12.2009
Die nun geforderte Veränderung ist kein selbstheilendes System und wirft logischerweise neue Probleme auf. Ein Aufbegehren gegen die Praxis von Schulbehörden "jeden Zappelphillip in eine Sonderschule abzuschieben", ist sicherlich in Mehr als einem Einzelfall ehrenhaft. allerdings darf man auch nicht vergessen, dass es häufig die Eltern selbst sind, die einen solchen Vorgang forcieren, erhoffen sie sich doch für ihr schwieriges Kind eine bessere Förderung. (Siehe auch Thema "Ritalin") Und: Eine Klasse mit 22 Schülern (in einer teilprivaten Schule oder einer in einem so genannten "guten Viertel") verträgt vielleicht 5 (realistisch sind wohl max 3) "Förderschüler" - aber was ist mit der Realität: Klassen mit 30 bis 32 Schulern, möglicherweise in "Problemvierteln" oder einfach Klassen mit über 80% Migrationsshintergrund, also in Klassen, die mit "sich selbst" genug zu tun haben? Und wie schützen wir diese speziellen Kinder, wenn wir schon so genannte gesunde Kinder nicht schützen können in den Ecken auf dem Schulhof... (siehe Thema "Gewalt an Schulen" ). Kinder an Spezialschulen werden in der Regel durch gemeinnützige Fahrdienste in die Schule gebracht - Wie wird die neue Praxis aussehen? Der Leistungsdruck ist schon an den Grundschulen hoch - die irrrsinnige Einstufungspraxis des deutschen Schulsystems bringt das mit sich. Entstehen so nicht "neue Ungerechtigkeiten". Man müsste mehr tun, wie nur ein paar Förderschulen schließen udn ein paar Sozialpadagogen mehr ausbilden... Viel mehr...
4. Was ist mit den Opfern?
tomberlin55 12.12.2009
Mein Sohn wurde jahrelang von einen der hier genanten fertig gemacht, geschlagen, beleidigt und so weiter. Da die im Artikel beschriebene Wandeleung unser Gesellschaft hin zu den "asozialen", d.H. denen die nichts fürs Gemeinwohl leisten, passiert, traute sich die Schule nichts gegen den Jungen zu machen. Was ist sagen will: was ist mit den anderen, den nicht lernbinderten oder auffälligen? Sollte sich der Staat nicht primär um diese kümmern und sie für den Rest nicht runterfallen lassen? 20 Kinder müssen sich einen Lehrer teilen, während für den Sonderschüler, dem das eh nichts nutzt, ein extra Lehrer abgestellt wird? Macht es nicht mehr sinn, den 20 einen 2. Lehrer zu stellen?
5. die Wahrheit ist schwer rauszufinden
indosolar 12.12.2009
weil selbst das sogenannte Fachpersonal nicht willens oder in der Lage ist, Ursachenforschung zu betreiben oder besorgte Eltern zu unterstuetzen.Fallballspiel meines eigenen Kindes: Das Kind wuchs im Ausland auf, auslaendische Mutter, deutscher Vater. Weil die Mutter es nicht fertig brachte, dem Kind die Muttersprache beizubringen, wechselte ich zurueck nach Deutschland. Die Integration des Kindes im staatlichen Kindergarten war haarstraeubend, Nachfragen und Bitten um Hilfe wurden damit abgetan, das Kind entwickele sich ganz normal, haette keine Probleme, Feststellung des ASD ohne das Kind ueberhaupt gesehen zu haben. 8 Wochen spaeter stellt der Schularzt Nichtschulfaehigkeit fest, wegen Disylblie!? und verschiedener anderer Defekte. Die normale Intelligenz des Kindes wird erst festgestellt, nachdem ich als Vater darauf draengte, die Tests in englisch zu wiederholen. Danach Anweisung zur Foerderschule. Es wird beim ASD um mehr Hilfe gebeten, da die Probleme in der Erziehung auf die Mutter uebergreifen, die ihre eigene Verantwortung nicht erkennt. Dies fuehrt zum familiaeren Konflikt. Der wird vom ASD nicht etwa geklaert, sondern mit Hilfe von Frauenschutzorganisationen verstaerkt, als Rache gegen den Vater genutzt. Die Mutter trennt sich unter Mitnahme des Kindes, der ASD unterstuetzt es, ohne eine Argument gegen den Vater zu haben. Das Kind wird vor allem wegen der sprachlichen Schwierigkeiten, das Kind spricht mittlerweile nur noch deutsch und englisch, versteht seine eigene Muttersprache nicht mehr, erneut zur Foerderschuluntersuchung angewiesen. Die Lehrer fordern den Vater auf, mehr fuer die sprachliche Integration zu tun, das kann er aber nicht, weil er nur Umgang hat, denn das Kind muss in Deutschland immer zur Mutter (einziger Grund). Der Vater protestiert und bittet wenigstens um ein Wechselmodell mit dem Kind, zu dem er ein sehr gutes Verhaeltnis hat und das von der Mutter bei Lernschwierigkeiten misshandelt wird, mehr helfen zu koennen. Diese Bitte wird von der Kindesmutter mit Unterstuetzung des ASD und ihrer Anwaeltin als Grund gesehen, den Sorgerechtsentzug zu beantragen. Bleibt anzumerken, dass das Kind in zwei Jahren trotz einer blockierenden Mutter zureichend Deutsch gelernt hat, von seiner Schule und den Lehrern als ausserordentlich kreativ und in technischen und naturwissenschaftlichen Dingen als sehr begabt betrachtet wird, trotzdem auf der Strecke bleiben wird, da er erstens seiner sprachlichen Entwicklung beraubt werden soll und zweitens im Zweifelsfalls die Behoerde immer recht hat. Nicht fuer umsonst steht die deutsche Familienpolitik im Kreuzfeuer internationaler und Menschenrechtsorganisationen. Schulpolitik ist nicht trennbar von Familienpolitik und hier liegt der groesste Nachholbedarf in unserer Gesellschaft. Die ganzen Foerder- und Sonderschulen naehren wie die Entwicklungspolitk letztendlich nur ihre eigene Administration! Weg damit und mehr Geld und Aufwand fuer ganz normale Schulen. Integration die ausgrenzt ist keine!
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