AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2009

Intelligenz: Die bedrohte Elite

Von

Frank Schirrmacher und der Kulturpessimismus. Eine Gegenrede.

Besucher der Leipziger Games Convention: Ein Schulfach Interneterziehung heute dringend geboten Zur Großansicht
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Besucher der Leipziger Games Convention: Ein Schulfach Interneterziehung heute dringend geboten

Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht gewachsen bin. Und auch nie gewachsen war. Ich bin darüber hinaus der Meinung, dass es fast allen anderen Menschen ebenso geht. Nicht nur zu unserer Zeit, sondern zu allen Zeiten. Ich bin der Überzeugung, dass Überforderung - also das gebündelte Auftreten kaum lösbar erscheinender Probleme - die wichtigste Triebfeder des zivilisatorischen Fortschritts ist. Und zwar genau dann, wenn die Reaktion auf die Überforderung keine resignative ist, sondern eine konstruktive. Ich mache Frank Schirrmacher den Vorwurf, der notwendigen Debatte um die technologische Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die digitale Gesellschaft den Stempel der Ablehnung und der Resignation aufgedrückt zu haben. Trotz seiner durchaus vorhandenen optimistischen Zwischentöne bleibt der Nachhall des Haderns mit der modernen Welt.

Diese Haltung scheint mir völlig unabhängig von den konkreten Problemen der jeweiligen Gegenwart. Zu allen Zeiten gaben Tempo und Ausmaß der gesellschaftlichen Veränderungen samt ihrer Auswirkungen auf die praktisch bereits verloren gegebene Jugend der vorhergehenden Generation Grund zur Klage. Das älteste mir bekannte Beispiel führt Platon in seinem "Phaidros"-Dialog aus. Dort lässt er Sokrates in bunten Geschichten aus dem alten Ägypten auf die schädliche Erfindung der Buchstaben schimpfen. Diese verhinderten, dass die Menschen überhaupt noch auswendig lernten. Mehr noch, Sokrates hält diejenigen für einfältig, die glauben, dass "aus Buchstaben etwas Deutliches und Zuverlässiges entstehen" könnte. Ich bin kein Experte im Erkennen von verborgener Ironie, aber ich könnte mir vorstellen, dass Platon hier die Klage über den Fortschritt der Kulturtechnologie ad absurdum führen wollte - vor bald 2400 Jahren.

Der Kern der Debatte ist der altbekannte Kulturpessimismus in antidigitalem Gewand, der durchaus eine interessante Funktion erfüllt. Es handelt sich um wärmende Heizdecken-Kommunikation von alten Männern für alte Männer, die sich gegenseitig bestätigen, dass früher alles besser war. Um nicht griesgrämig oder unmodern dazustehen, werden Teilaspekte gelobt, die kulturpessimistische Ablehnung der neuen Entwicklungen bleibt aber zentral.

In meinen Augen hat diese Ablehnung nachvollziehbare Gründe. Die intellektuelle Elite glaubte über viele Jahre, der Erfüllung eines zutiefst menschlichen Bedürfnisses immer näher zu kommen: dem Wunsch nach der Beherrschbarkeit der Welt, die uns umgibt. Dieser Wunsch gründet sich auf das Problem der Geworfenheit in die Welt, ist also zeitlos. Es spielt sogar kaum eine Rolle, ob es sich um bedrohliche Naturgewalten oder eine Ableitung daraus handelt, nämlich die den Menschen überfordernde Technik des Alltags, die zur Bewältigung der Natur überhaupt erst erfunden wurde. Diese Parallele hat Georg Simmel 1903 zu Beginn seines Aufsatzes "Die Großstädte und das Geistesleben" beschrieben: "Die tiefsten Probleme des modernen Lebens quellen aus dem Anspruch des Individuums, die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft, des geschichtlich Ererbten, der äußerlichen Kultur und Technik des Lebens zu bewahren - die letzterreichte Umgestaltung des Kampfes mit der Natur, den der primitive Mensch um seine leibliche Existenz zu führen hat."

Simmel skizziert die von Schirrmacher formulierte Problematik mehr als 100 Jahre, bevor sie auftritt. Wir führen einen ständigen Kampf der Selbstbehauptung gegen die Instanz, die an die Stelle der Lebensbedrohung durch die Natur getreten ist: die von uns selbst geschaffene Riesenmaschine der Zivilisation. Wir kämpfen heute gegen die einhundertste Erscheinung des Säbelzahntigers, und zwar mit der einhundertsten Modellvariante des Speers.

Übersetzt ins Informationszeitalter heißt das, dass Schirrmachers alter Speer der neuen Version des Säbelzahntigers nicht mehr gewachsen ist - obwohl er doch früher so gut funktioniert hat. Aber ich bin der Überzeugung, dass die Beherrschbarkeit der eigenen Umwelt noch stets eine Illusion war, aufrechterhalten über einen kurzen Zeitraum; ein Trugbild, dem man offenbar umso lieber erliegt, je höher man in der gesellschaftlichen Hierarchie gelangt ist. Dort oben sind die Verschiebungen und Verwerfungen der Gesellschaft besonders deutlich zu spüren, nämlich in Form des Machtverlusts.

Einen Hinweis darauf, dass die herbeigesehnte Beherrschung schon immer eine Illusion war, liefert das gern reproduzierte, aber unsinnige Bild des sich uferlos vermehrenden Weltwissens, des inzwischen vollkommen unbeherrschbaren Datenwusts. Die Plakativität der Vorstellung von verschiedenen Datenträgern, die aufeinandergestapelt soundso oft zum Mond reichen, mag als medial vermittelte Metapher Eindruck machen. Sie nährt aber den Trugschluss, dass das Weltwissen zu irgendeinem Zeitpunkt fassbar gewesen wäre. Schon die Bibliothek von Alexandria - damals fast wie ein Google des Altertums berüchtigt als Datenstaubsauger, der im Hafen liegenden Schiffe deren Schriftrollen abnahm und sie mit eilig angefertigten Kopien abfertigte - bestand um 50 vor Christus aus rund 500.000 Schriftrollen. Bei einer durchschnittlichen Länge von acht Metern je Rolle ergäben sich 4000 Kilometer Textrollen. Bereits damals hätte man bei angenommenen fünf Minuten je Schriftrollenmeter und zwölf Lesestunden am Tag rund 75 Jahre gebraucht, um allein das in Alexandria aufgeschriebene Weltwissen zu lesen.

Der Berg des Wissens ist viel, viel höher geworden seit der Antike - unbesteigbar für den Einzelnen war er seit Beginn der Aufzeichnungen. Aus diesem Grunde brauchen wir, braucht die Gesellschaft schon immer Filtermechanismen. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts war der allgemein anerkannte Filter, der vermittels der Massenmedien gesellschaftlich Relevantes von Irrelevantem schied, die Redaktion. Es handelt sich dabei um eine hierarchisch organisierte Struktur, die in einem kaum transparenten Prozess entscheidet, was die Öffentlichkeit zu interessieren hat. Redaktionen haben in der Vergangenheit unsere Wahrnehmung der Realität geprägt. Daraus ist für die unmittelbar Beteiligten oft genug der subjektive Anspruch der Deutungshoheit erwachsen, und in der Mediendemokratie schließlich eine Machtposition. Der Redakteur als Torwächter der massenmedialen Realität hat jedoch mit dem Internet im 21. Jahrhundert Konkurrenz bekommen, eine scheinbar technologische, tatsächlich aber eine soziale.

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Forum - Übernehmen die Computer die Herrschaft?
insgesamt 188 Beiträge
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1.
das_schwampel 18.11.2009
Zitat von sysopÜbernehmen die Computer die Herrschaft? Verändert das Internet unser Denken? Gewinnt digitale Technik die Oberhand, macht sich unseren Geist Untertan?
Jeder Computer, jede Software, jedes Handy und jede Website wurde von Menschen gemacht und beinhaltet geistiges Eigentum. Erst wenn Computer Computer programmieren, und Handys während meiner Abwesenheit meine Frau anrufen, dann mache ich mir Sorgen. Aber bis dahin drücke ich des öfteren noch mal auf den ein oder anderen Power-Off Knopf und mache mir dann eigene Gedanken.
2. Was nicht auf Internet ist, gibt es nicht...
denkmal! 18.11.2009
Interesse, die Gabe sich nicht nur nach Neuem zu sehnen, sondern dies auch verstehen zu wollen, wird zwar durch Internet gefördert, via Wikipedia befriedigt, kann sich dadurch aber nur auf das konzentrieren, was bereits mental vorbereitet worden ist, auf symbolischer Ebene in Bildschirmgrösse darstellbar ist; mit einer parallel einhergehenden Verarmung des Interesses an der Zigtausend Mal grösseren Oberfläche der uns umgebenden WIRKlichkeit. Wo die Dinge eine Wirkung haben können und uns nicht nur Geschichten erzählen und Bilder aus dem Nichts auftauchen. Das Interesse und das Nahe liegende sind entkoppelt worden. Materiell, als auch Menschlich. Mit einer Vehemenz und Selbstverständlichkeit, die ein Jahrhundert nach Einführung des Telefons, eine Generation nach Einführung des Internets, die unbewusst facettenreiche Erde zu einem global vernetzten Dorf zusammen geführt hat, in dem der Nachbar ausgestorben, Heimat zum Fremdwort geworden ist. Aus der Lebenseinstellung allgemeinen Interesses, ist der spezifische Akt des Googelns entstanden. Was nicht auf Internet ist, gibt es nicht. Was es nicht gibt, hat kein Interesse verdient. Je früher ein Mensch mit dem Internet verbunden wird, je logischer erscheint ihm dieser (Trug)schluss. Neben dem gleissend hellen Geflacker, das durch diesen „Türspalt“ dringt, versinkt der Rest vom Raum im Dunkeln. Man weiss viel, versteht aber „die Welt“ nicht - da sie zu gross geworden ist! Resultat: der global citizen ist ein auf Atomgrösse geschrumpfter Bildungsbürger voller Worte, aber ohne wirkliche Relevanz - daher befreit von der Verantwortung seiner konkreten Handlungen! Auszug aus „Zukunft WOZU?“ von Gerd Fehlbaum, www.einbaum.net
3.
takeo_ischi 18.11.2009
Zitat von sysopÜbernehmen die Computer die Herrschaft? Verändert das Internet unser Denken? Gewinnt digitale Technik die Oberhand, macht sich unseren Geist Untertan?
Ja, mein neuer Dawson's Creek Trapper Keeper...
4.
aintnostyle 18.11.2009
Zitat von takeo_ischiJa, mein neuer Dawson's Creek Trapper Keeper...
das müssen wir umbedingt verhindern! super trappa keeper 2000 ist keine alternative!
5.
kdshp 18.11.2009
Zitat von sysopÜbernehmen die Computer die Herrschaft? Verändert das Internet unser Denken? Gewinnt digitale Technik die Oberhand, macht sich unseren Geist Untertan?
Hallo, komsiche frage und die argumente kommen mir bekannt vor als man das buch einführte. Was mir aufgefallen ist das die PC nutzer sich zu schnell ablenken lassen von dem was sie eigentlich wollen. Ich kenn mich recht gut mit dem PC aus un dwenn ich bei bekannten bin oder auch auf der firma fällt mir das immer stark auf. Da sucht man zb. eine info und plöztlich wird rumgeklickt weil man sich von was beeinflussen lassen hat was nichts mit der sache zu tuen hat zb. werbung, andere infos.
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Computer haben die Welt, in der wir leben, denken und handeln, so nachhaltig verändert wie kaum eine technologische Neuerung seit der Erfindung des Buchdrucks. In seinem gerade erschienenen Buch "Payback", aus dem der SPIEGEL einen Auszug druckte (47/2009), beschreibt der "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, 50, Macht, Gefahren und Chancen der Informationstechnologie.

Deutschlands bekanntester Blogger Sascha Lobo, 34, setzt die Debatte fort und analysiert in seiner Erwiderung die Urangst vor Überforderung durch den technischen Fortschritt und den Strukturwandel der Öffentlichkeit in der digitalen Gesellschaft. Der Autor und Ex-Werbetexter ist Mitverfasser des Buchs "Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin" (Rowohlt Berlin Verlag 2008). Im Sommer 2009 trat Lobo als Werbefigur für den Mobilfunkanbieter Vodafone auf, wofür er von Teilen der Blogger-Gemeinde heftig kritisiert wurde.


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