AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2009

Vereinigte Arabische Emirate Gipfel des Größenwahns

dpa

Von Erich Follath und

2. Teil: Dubai führt den Untergang so anschaulich vor wie keine andere Stadt


Dass es zu früh ist, Dubai die Totenglocke zu läuten: Diesen Eindruck werden zumindest die Scheichs zu machen versuchen, wenn sie den Burj Dubai Anfang Januar eröffnen. Und es wäre in der Tat Snobismus zu bestreiten, dass der Turm ein eindrucksvolles, höchst elegantes Bauwerk ist, filigran geradezu im Vergleich zu den schlichten Quadern des Funktionalismus und den modernen Kitsch-Türmen von Kuala Lumpur und Taipeh.

Der dreilappige Grundriss des Turms, sagt sein Schöpfer, der US-Architekt Adrian Smith, sei der Blütenstruktur der Schönlilie nachempfunden, einer Form, die gleichzeitig mehr Sichtfläche schafft und den Winddruck verringert, der auf Gebäude dieser Höhe wirkt. Nach oben hin verjüngt es sich, indem etwa alle acht Etagen ein anderer der drei Lappen ein Stück nach hinten rückt - ein Effekt, der an ein islamisches Spiral-Minarett erinnert und den Turm mit 26 Terrassen ausstattet: Auf Etage 78 wird ein Freiluft-Pool entstehen, auf Etage 124 (Seehöhe 442 Meter) die dritthöchste Aussichtsplattform der Welt.

Der Bremer Uwe Hinrichs, 68, war bereits am Bau einer anderen Dubai-Ikone beteiligt, an der Errichtung des segelförmigen Burj-al-Arab-Hotels, als er Ende 2004 auf der Baustelle seines Lebens eintraf. Die Fundamentplatte war damals bereits betoniert, darunter: 850 Pfähle, bis zu 55 Meter tief in den Wüstenboden getrieben, um eine Last von heute 230.000 Kubikmetern Beton und 31.000 Tonnen Stahl zu tragen.

"Bautechnisch", sagt Hinrichs, "ist der Burj Dubai eine vergleichsweise einfache Konstruktion." Eine der größten Herausforderungen sei die Logistik gewesen: Fünf Jahre lang wurde rund um die Uhr gearbeitet, fünf Jahre lang mussten 24 Stunden täglich Menschen, Maschinen und Material an genau der richtigen Stelle sein. Dafür war Hinrichs verantwortlich, "Chief Coordinator" steht auf seiner Visitenkarte, und sein norddeutsch-entspanntes Naturell kam ihm dabei zugute, auch der Umstand, dass ihn seine Chefs zu einem Konzert im Wiener Musikverein oder einer Rembrandt-Ausstellung nach Muskat im Nachbarstaat Oman entwischen ließen.

Knapp 2000 Menschen fingen 2004 an, ein Stockwerk auf das andere zu schichten, im Schnitt eines pro Woche. 14.000 Mann waren es, als im Herbst 2009 der Innenausbau in seine letzte Phase trat, Menschen aus 45 Nationen, die 35 Sprachen sprechen, Ingenieure mit weißen, Sicherheitsleute mit roten und Arbeiter mit blauen Helmen - und trotzdem keine babylonische Sprachverwirrung; 95 Millionen Arbeitsstunden haben sie geleistet, viele von ihnen zu einem Hungerlohn: Nicht mehr als zwölf Euro am Tag verdiente ein ausgelernter Tischler, noch weniger ein Hilfsarbeiter.

Fassadenteile aus China, Marmorplatten aus Italien, Furniere aus Brasilien wurden herangeschafft, auch deutsche Firmen haben am Burj Dubai mitgebaut: Lopark aus Nordrhein-Westfalen lieferte Parkettboden, ganze Fußballfelder davon, Guardian aus Sachsen-Anhalt 174.000 Quadratmeter Sonnenschutzglas, Dorma aus Ennepetal Scharniere und Beschläge, Duravit rund 4000 Bidets und Toiletten, Miele 7650 Haushaltsgeräte, der größte Einzelauftrag in der Geschichte des Unternehmens. Dem bayerischen Porzellanhersteller Rosenthal kaufte der Designer Giorgio Armani für sein Hotel in den untersten acht Burj-Etagen 15.200 Teller und Tassen ab.

Entscheidend war der deutsche Anteil an der Grundsubstanz des Burj Dubai, dem Beton: Weil er bei Tagestemperaturen von über 40 Grad zu schnell trocknet, wurde nur nachts betoniert. Um ihn erst geschmeidig und nachher hart zu machen, entwickelte BASF eine besondere Chemikalie; um bis zur 160. Etage hinauf betonieren zu können, lieferte die Firma Putzmeister aus Aichtal Hochleistungspumpen.

Still und ereignislos, ganz nach Hinrichs Geschmack, wuchs der Turm Etage um Etage - bis zum 6. Juni 2007, als ihm der Wetterdienst des Flughafens eine Satellitenkarte mailte: Über dem Indischen Ozean hatte sich ein Wirbelsturm gebildet, der schwerste in dieser Region je registrierte, und bewegte sich geradewegs auf die Straße von Hormus zu. "Das war der einzige Tag in fünf Jahren", sagt Hinrichs, "an dem wir die Baustelle schließen mussten."

Der Turm Dubai hatte nun alle Superlative der Baugeschichte gebrochen, den "Taipeh 101"-Turm (509 Meter) als das höchste bewohnte Gebäude der Welt überholt, den CN-Tower (553 Meter) in Toronto als die höchste freistehende Baustruktur. Dubai war am bislang ehrgeizigsten seiner Ziele angekommen. Die Stadt, vor einem Menschenalter noch ein Dorf von Perlenfischern, hatte einen Weltrekord in den Nahen Osten zurückgeholt, den fast vier Jahrtausende lang die Große Pyramide von Giseh (138,8 Meter) gehalten hatte, bevor ihn im Jahre 1311 die Kathedrale von Lincoln in England (damals 160 Meter) übernahm.

Was sollte die Wirtschaftswunderstadt am Golf jetzt noch aus den Fugen heben? Ein Terroranschlag? Ein neuer Golfkrieg, diesmal gegen Iran? Noch ein Erdbeben, ein stärkeres womöglich als das vom 10. September 2008?

An jenem Tag des Wirbelsturms hatte aus 700 Meter Höhe ein Kranführer Hinrichs angerufen und gemeldet, bei ihm oben "wackelt es". Erdstöße hatten die iranische Hafenstadt Bandar Abbas erschüttert, in Dubai hatten das außer dem Kranführer nur wenige gemerkt.

Fünf Tage später wurde Dubai dann von einem Beben der anderen Art getroffen, nur lag dessen Epizentrum in New York, der anderen Stadt der Wolkenkratzer: Am 15. September 2008 leitete Lehman Brothers, die viertgrößte Investmentbank, das Insolvenzverfahren ein.

Nicht nur Dubai, auch der Westen hatte in den Jahren des Immobilienbooms an einem Turm gebaut - einem Schuldenturm, der jetzt krachend zusammenstürzte. Doch um wie viel größer auch die Summen waren, um die es im Westen ging, die Krise blieb und bleibt weitgehend ein seltsam abstraktes Phänomen. Dubai dagegen führt den Untergang so anschaulich vor wie keine andere Stadt der Welt.

"Der Größenwahn, die klassische Megalomanie, ist aus den Personen selbst ausgewandert. Heute können die Menschen nicht so verrückt sein wie das System", glaubt der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk. "Darum sind wir eigentlich vom Verlauf der Krise menschlich wahnsinnig enttäuscht. Es ist nicht eine einzige farbige Persönlichkeit aufgetreten, die die Krise interessant macht. Ich habe noch nie eine so große Verschwörung der Spießer beisammen gesehen wie im Augenblick."

Sloterdijk mag recht haben, was die Banker, Analysten und Finanzminister des Westens betrifft. Aber er hat offenbar noch nicht von Scheich Mohammed Bin Raschid Al Maktum, 60, gehört, dem Pferdezüchter und Poeten, dem PS-Freak, Falkenfreund und Milliardenjongleur. Dem Herrscher von Dubai und Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate. "Versprechen machen viele Führer", sagte er noch im Februar 2008, als ihm die Freie Universität Berlin die "Ehrenmedaille in Gold" verlieh: "Doch wir lösen sie ein."

"The Palm", "The World", "The Universe" hießen die Inselprojekte, die er vor seiner Stadt hatte aufschütten lassen. Nicht nur die FU, der ganze Westen war fasziniert von seiner Energie und seinem Optimismus. Wie die Vollblüter aus seinem Rennstall schickte er die fähigsten seiner Leutnants auf die Umlaufbahn der Globalisierung, auf dass sie immer neue Türme bauten, Häfen kauften, Flugzeuge um die Welt schickten.

Eine Immobilienfirma nach der anderen wurde gegründet, klingend die Namen - Dubai Holding, Dubai Properties, Tatweer, Meraas, Sama -, doch wer da eigentlich was baute und mit wessen Geld, wusste bald keiner mehr. Offenbar nicht einmal der Scheich selbst.

Noch vor gut einem Jahr traten sich auf der Immobilienmesse "CityScape Dubai" die Investoren auf die Füße. Michael Schumacher warb für einen Wolkenkratzer mit einer überdachten Yacht-Garage; Nakheel, die Pleitefirma dieser Tage, stellte allen Ernstes den Baubeginn für einen 1000-Meter-Turm in Aussicht; und auf der Palmeninsel Jumeirah feierte Dubai mit einem 20-Millionen-Dollar-Feuerwerk die Eröffnung des Märchenhotels Atlantis. "Krise?", schien die irre Stadt zu fragen: "Welche Krise?"

Ein Jahr später präsentierte einer von Scheich Mohammeds Paladinen dann die Rechnung: 80 Milliarden Dollar Schulden hatte Dubai aufgehäuft; 50 Milliarden, etwa zwei Drittel seines Bruttoinlandsprodukts, werden bis 2013 fällig sein.



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Seite 1
zwangsreunose 10.12.2009
1.
Zitat von sysopDie Krise an den Finanzmärkten in Dubai ist offensichtlich überwunden. Nach der dramatischen Talfahrt der vergangenen Tage investierten viele Anleger wieder kräftig. Der Aktienmarkt verbuchte mit plus sieben Prozent die größten Gewinne seit dem 23. Februar. Ist die Krise damit abgehakt. Oder sollte man über Konsequenzen nachdenken?
Ach wa..... war ja auch keine Krise in Dubai, sondern in den USA war Thanksgiving. Da hatte man nur mal für einen Tag das Investieren vergessen. Das hatte nur für kurze Magenverstimmung gesorgt. Die ganze Aufregung war umsonst und jetzt gehts weiter in alter Frische. So! Und wer sucht hier in D derzeit potente, liquide Einsteiger. Ich wüsste da einen............. Dubai World. Oder gehen Sie besser gleich zur FED oder BOE.
zwangsreunose 10.12.2009
2.
Zitat von sysopDie Krise an den Finanzmärkten in Dubai ist offensichtlich überwunden. Nach der dramatischen Talfahrt der vergangenen Tage investierten viele Anleger wieder kräftig. Der Aktienmarkt verbuchte mit plus sieben Prozent die größten Gewinne seit dem 23. Februar. Ist die Krise damit abgehakt. Oder sollte man über Konsequenzen nachdenken?
Über Konsequenzen nachdenken? ...... das ist nicht Ihr Ernst, oder?
AndyH 10.12.2009
3.
Zitat von sysopDie Krise an den Finanzmärkten in Dubai ist offensichtlich überwunden. Nach der dramatischen Talfahrt der vergangenen Tage investierten viele Anleger wieder kräftig. Der Aktienmarkt verbuchte mit plus sieben Prozent die größten Gewinne seit dem 23. Februar. Ist die Krise damit abgehakt. Oder sollte man über Konsequenzen nachdenken?
Solange Dubai steuerfrei bleibt, wird immer auf die Füße fallen.
maher 10.12.2009
4.
Zitat von sysopDie Krise an den Finanzmärkten in Dubai ist offensichtlich überwunden. Nach der dramatischen Talfahrt der vergangenen Tage investierten viele Anleger wieder kräftig. Der Aktienmarkt verbuchte mit plus sieben Prozent die größten Gewinne seit dem 23. Februar. Ist die Krise damit abgehakt. Oder sollte man über Konsequenzen nachdenken?
Die Krise in Dubai wird erst überwunden, wenn die Sache mit dem Geschäftsmodell Dubai geklärt ist. Und es ist gescheitert. Die Zukunft von Dubai ist vorbei.
grauer kater 10.12.2009
5.
Zitat von AndyHSolange Dubai steuerfrei bleibt, wird immer auf die Füße fallen.
So ist es! Dieser Standortvorteil ist durch nichts zu ersetzen! Vive le Emirates!
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