AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2009

Bildung Im Dschungel

Hunderttausende Jugendliche finden keinen Ausbildungsplatz, sondern drehen Warteschleifen in Fördermaßnahmen. Seit Jahren beklagen Experten das Chaos und die Geldverschwendung.

Auszubildender Dennis B., Kollege: Raus aus der Schule, aber nicht rein ins Arbeitsleben
Hartmut Schwarzbach / Argus

Auszubildender Dennis B., Kollege: Raus aus der Schule, aber nicht rein ins Arbeitsleben

Von , Charlotte Klein, Leon Scherfig und


Er ist erst 24 Jahre alt, aber den Überblick über sein Leben hat er schon verloren. Neun Jahre ist es her, dass Dennis B. aus Hamburg den Hauptschulabschluss geschafft hat, so viel ist sicher.

Was folgte, daran kann er sich nicht mehr im Einzelnen erinnern. "Einen Ausbildungsplatz habe ich nicht gefunden, da bin ich zur Berufsfachschule gewechselt", sagt er. Doch er fiel durch die Prüfungen und landete in zahlreichen Fördermaßnahmen. Mal wurde ihm ein Praktikum vermittelt, mal lernte er Bewerbungen schreiben, zwischendurch war er arbeitslos. Zahlreiche Pädagogen und Sozialarbeiter mühten sich um den Jugendlichen. Ein Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle kamen dabei nicht heraus.

Dennis B. steckte fest, wie so viele junge Leute. Raus aus der Schule, aber nicht rein ins Arbeitsleben - dieses Schicksal teilen Hunderttausende. Sie werden in einen Dschungel von Maßnahmen geschickt. Nur eine Minderheit wechselt von der Hauptschule in einen Ausbildungsbetrieb. Immerhin 38 Prozent landen laut Nationalem Bildungsbericht im sogenannten Übergangssystem.

Gemeint sind damit Berufsvorbereitungsjahr, Berufsgrundbildungsjahr, Berufsfachschulen ohne Berufsabschluss oder Berufsvorbereitende Maßnahmen der Arbeitsagenturen. Hinter den Wortungetümen verbergen sich häufig nur Warteschleifen. Das Schicksal der Jugendlichen gleiche "einer Odyssee durch verschiedene Maßnahmen", heißt es im Bildungsbericht.

Kritiker halten die Bezeichnung "Übergangssystem" darum für einen doppelten Etikettenschwindel. Die Förderungen führten häufig nicht zum Übergang in den Beruf - und von einem System könne erst recht keine Rede sein.

Es handele sich vielmehr um "ein unkoordiniertes Nebeneinander von Angeboten und Maßnahmen", klagt jetzt auch die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe, der Vertreter der Jugendhilfe und der Jugendämter angehören. Kurz vor dem Bildungsgipfel von Bund und Ländern, der an diesem Mittwoch stattfand, kritisierten sie das bisherige System "mit seiner mittlerweile nicht mehr überschaubaren Vielzahl von Fördermaßnahmen, Projekten und Programmen".

"Aus Übergangszeiten Ausbildungszeiten machen"

Schon beim letzten Bildungsgipfel, im Oktober 2008, hätten die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten die große Chance vertan, "das Übergangssystem im Gesamten zu ordnen und die vielfältigen Fördermöglichkeiten systematisch miteinander zu vernetzen". Damals hatten die Politiker zwar in griffigen Worten formuliert, "aus Übergangszeiten Ausbildungszeiten machen" zu wollen, doch große Fortschritte sind bisher nicht zu erkennen.

Im Moment verlieren selbst Experten schon mal den Überblick. In Hamburg etwa kümmern sich sieben Bezirksämter, mehrere Landesbehörden, die Arbeitsagenturen, die Argen, die Kammern, etliche Wirtschaftsunternehmen und zahlreiche private Initiativen um die jungen Leute. In Berlin benötigte ein Unternehmen, das alle Maßnahmen in der Hauptstadt erfassen sollte, dafür ein ganzes Jahr. Sein Bericht nennt nun auf 110 Seiten Dutzende Hilfsangebote mit so klangvollen Namen wie Imbilde, Steps into future oder Job-Coaches. In den kommenden Jahren soll zumindest die Koordination der Helfer besser werden.

Selbst ein Fachmann wie Peter Michael Rulff, Vorsitzender des Berufsschulleiterverbands in Berlin, kennt nicht alle Möglichkeiten, die Schulabgängern offenstehen. "Die Liste der unterschiedlichen Maßnahmen ist zu lang", sagt Rulff, "am besten wenden sich die Betroffenen an Beratungsstellen oder -lehrer."

Doch selbst die erfüllen offenbar nicht immer ihre Aufgabe. Rebecca Grimmert, eine von Rulffs Schülerinnen, hatte nur einen Hauptschulabschluss. "Dass ich den Realschulabschluss nachholen kann, wusste ich überhaupt nicht", sagt die 18-Jährige aus Berlin-Reinickendorf. Sie nahm erst einmal an einem berufsqualifizierenden Lehrgang teil. Jetzt macht sie den Realschulabschluss nach, den Lehrgang hätte sie sich sparen können. "Das hat sie ein Jahr gekostet", sagt Rulff. "So etwas darf nicht passieren im System, auch weil so ein Jahr den Staat immerhin 6000 Euro kostet."

Bund und Länder wenden laut Nationalem Bildungsbericht mehr als zweieinhalb Milliarden Euro pro Jahr auf; hinzu kommen die Ausgaben der Kommunen. Doch es gibt erhebliche Zweifel, dass das Geld gut angelegt ist. "In Frage steht die Effektivität der Maßnahmen und des Ressourceneinsatzes", kritisiert der Bildungsbericht. Dass nicht klar sei, was die Jugendlichen eigentlich lernen, sei "eines der ganz großen Probleme des Übergangssystems".

Eine Fördermaßnahme nach der anderen

Das Bundesarbeitsministerium hat eine Studie zur Bewertung der Fördermaßnahmen in Auftrag gegeben, die eine "Bestandsaufnahme" liefern soll, wie das Ministerium mitteilt. Zudem müssten "in der Vorstudie Vorschläge für ein Untersuchungskonzept für eine möglicherweise folgende Evaluation auf der Ebene des Bundes mit ganzheitlichem Anspruch erarbeitet werden".

Das sind große Worte zur möglichen Wirkung der Fördermaßnahmen. Über die Wirklichkeit können Menschen wie Giusy S. berichten, die in einem Jugendbüro der Katholischen Jugendwerke Köln sitzt. Die 23-Jährige sucht seit Jahren vergebens ihr Glück: eine Stelle als Friseurin.

Mit ihrem Hauptschulabschluss meldete sie sich im Juni 2006 als Ausbildungssuchende - und ist es bis heute geblieben. Dreieinhalb Jahre durchlief sie eine sogenannte Fördermaßnahme nach der anderen. "Ein Jahr lang haben wir Dauerwellen, Strähnen und Volumenwicklung an Puppen geübt", sagt sie. Jeden Tag ging das so, von 8.10 bis 16.30 Uhr. "Viele haben blaugemacht. Ich habe mir gesagt, ich zieh das durch." Denn sie habe ja noch Glück gehabt, weil Friseurin ihr Berufswunsch war. "Viele meiner Freunde wurden vom Arbeitsamt da reingeschickt, auch wenn sie eigentlich später was ganz anderes machen wollten."

Am Ende des Jahres sollte ein Ausbildungsplatz stehen, aber sie wickelte umsonst Locken. "Nach dem Jahr bekam ich zwar ein Zertifikat, aber geholfen hat das nicht." Es folgte ein fünfwöchiges Praktikum. Dann die nächste Fördermaßnahme: das Einstiegsqualifizierungsjahr. Doch bleiben durfte sie in dem Betrieb nicht, wieder musste sie zur Arbeitsagentur. "Ich soll Vorschläge bekommen, hat die Vermittlerin gesagt, aber gekommen ist nichts." Sie will nun weitersuchen.

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Galaxia, 18.12.2009
1. Wichtig
Zitat von sysopHunderttausende Jugendliche finden keinen Ausbildungsplatz, sondern drehen Warteschleifen in Fördermaßnahmen. Seit Jahren beklagen Experten das Chaos und die Geldverschwendung. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,667025,00.html
Das ist doch nicht nur bei den Ausbildungspltyen so, sondern Standard bei der Arbeitsagentur. Ein Bedingungsloses Grundeinkommen, wäre dagegen viel effektiver, gerechter und nachhaltiger.
bürger01 18.12.2009
2. Träume
[QUOTE Ein Bedingungsloses Grundeinkommen, wäre dagegen viel effektiver, gerechter und nachhaltiger.[/QUOTE] Das sind doch naive Träumerchen! Die Jugendlichen, um die es geht, sind es gewohnt mit wenig Geld auszukommen. Geben Sie denen ruhig etwas mehr, dann dürfen Sie zurecht erwarten, dass die Motivation zur Arbeitsaufnahme unter den Null-Punkt gleitet. Es sind völlig neue Ansätze notwändig! Die gibt es auch in der Theorie bereits. Nur trauen sich unsere Politiker, egal welcher Farbe, nicht ran. Informieren Sie sich erst einmal, bevor Sie lauwarmen Brei verteilen.
newliberal 18.12.2009
3. Super Sache
Ich weiss gar nicht was es an diesem System zu kritisieren gibt. Es profitieren alle, die Träger mit ihren Heerscharen von Ausbildern und Sozialpädagogen, die Sozialbürokratie, die Jugendlichen die für jede Massnahme immer noch ein paar Kröten pro Monat bekommen (sonst würde keiner auflaufen) und -last but not least- die Statistik. Alle sind glücklich und zufrieden !
Takamisakari, 18.12.2009
4. Genau ja
Zitat von bürger01[QUOTE Ein Bedingungsloses Grundeinkommen, wäre dagegen viel effektiver, gerechter und nachhaltiger.[/QUOTE] Das sind doch naive Träumerchen! Die Jugendlichen, um die es geht, sind es gewohnt mit wenig Geld auszukommen. Geben Sie denen ruhig etwas mehr, dann dürfen Sie zurecht erwarten, dass die Motivation zur Arbeitsaufnahme unter den Null-Punkt gleitet. Es sind völlig neue Ansätze notwändig! Die gibt es auch in der Theorie bereits. Nur trauen sich unsere Politiker, egal welcher Farbe, nicht ran. Informieren Sie sich erst einmal, bevor Sie lauwarmen Brei verteilen.
Das sind doch naive Träumerchen! Die Jugendlichen, um die es geht, sind es gewohnt mit wenig Geld auszukommen. Geben Sie denen ruhig etwas mehr, dann dürfen Sie zurecht erwarten, dass die Motivation zur Arbeitsaufnahme unter den Null-Punkt gleitet. Es sind völlig neue Ansätze notwändig! Die gibt es auch in der Theorie bereits. Nur trauen sich unsere Politiker, egal welcher Farbe, nicht ran. Informieren Sie sich erst einmal, bevor Sie lauwarmen Brei verteilen.[/QUOTE] unsere Politiker haben schon viele tolle Vorschläge gemacht, z.B. nach 2 Jahren kein Geld mehr vom Staat (H4 ist halt zu teuer), oder man könnte ja auch mal eine Niere oder sonst ein überflüssiges Organ verkaufen. Oder sehr schön war auch der Vorschlag, das man ja auch auf den Strich gehen kann. Tja Vorschläge gibt es viele, mhh wenn erstmal die Bundeswehr mehr Strassenkampf geübt hat dann klappt das auch schon. Und wer weis, vieleicht lassen sich ja daraus auch noch ein paar schöne Geschäftsmodelle ableiten. Schöne Neolieberale Welt noch.
bürger01 18.12.2009
5. Pfff.
Zitat von newliberalIch weiss gar nicht was es an diesem System zu kritisieren gibt. Es profitieren alle, die Träger mit ihren Heerscharen von Ausbildern und Sozialpädagogen, die Sozialbürokratie, die Jugendlichen die für jede Massnahme immer noch ein paar Kröten pro Monat bekommen (sonst würde keiner auflaufen) und -last but not least- die Statistik. Alle sind glücklich und zufrieden !
Sie müssen ein sehr unglücklicher und frustrierter Mensch sein. Würden Sie sonst mit so viel Sarkasmus dieses Thema angehen? Haben Sie schon aufgegeben? Dann sind auch Sie bald ein Fall für die von Ihnen beschrieben Massnahmen. Wundern Sie sich bitte nicht, für die Teilnahme gibt es keinen Cent extra!
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