AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2009

Erinnerungen: Das letzte Weihnachten

Von Hosea Dutschke

Dutschke mit Frau Gretchen Zur Großansicht
AP

Dutschke mit Frau Gretchen

Wach auf, wach doch auf, lieber Papa, wach endlich auf, Papa! Du sollst aufwachen. Ich habe einen eigenartigen Traum. Einen Traum, der alle anderen Träume übersteigt. Den Traum von der Unendlichkeit. Ich träume, dass ich ewig lebe und niemals sterben werde.

Es ist noch sehr früh, und ich bin äußerst gespannt. Der Tag, auf den ich seit Monaten warte, ist da. Es ist Heiligabend.

In diesem Jahr ist Heiligabend etwas ganz Besonderes. Ich freue mich so sehr darauf, mit meinem Vater zusammen zu sein, weil er oft weg und im Ausland auf Reisen ist. Meistens in Deutschland, in Berlin, seiner zweiten Heimatstadt. Und jetzt sollen wir mehrere Wochen zusammenbleiben - alle zusammen.

Wir werden spielen, singen und Weihnachten feiern - Tag und Nacht. Politik, Atomwaffen, Umweltschutz, Die Grünen und die Wahlen in Deutschland müssen für eine kurze Zeit warten. Ich bin elf Jahre alt, bald zwölf, und in vielerlei Hinsicht ein fröhlicher Junge. Ich weiß, dass Weihnachten diesmal viel schöner wird als in vielen Jahren zuvor.

Meine Schwester ist zehn, und wir sind echte Geschwister. Wir spielen zusammen, hauen uns, weinen und lachen zusammen. Sie möchte Friseurin werden, und ich mag es, wenn sie mir das Haar kämmt. Ich habe ziemlich lange Haare, fast so lange Haare wie meine Schwester, eine echte Topffrisur.

Meine Mutter Gretchen spart, wo sie nur kann, weil Geld bei uns immer knapp ist. Oft leben wir von Almosen und Gaben von freundlichen Mitmenschen. Einmal bekamen wir Geld vom Bundespräsidenten. Ich erfinde eine Frisur nach der anderen.

Zu meinen Lieblingsfrisuren gehört die Orang-Utan-Frisur. Es dauert Stunden, um sie zu machen, aber meine Schwester hat Geduld. Ich genieße jede Sekunde. Und ich liebe auch die Krokodilmethode, bei der sie Krokodil spielt und mit allen zehn Fingern tief in meine Kopfhaut bohrt. Das kratzt märchenhaft.

Mit ihm, meiner Mutter und Schwester zusammen sein

Ich schaue von unserem Etagenbett auf sie herunter, aber sie schläft tief, und ich kann gut sehen, dass sie noch nicht so weit ist, mich mit Kamm und Händen zu bearbeiten.

Ich bleibe noch im Bett und dribbele etwas mit meinem Lederball, der wie immer am Fußende liegt. Ich spiele Fußball und gehöre zur Meistermannschaft. Ich bin nicht der Beste, aber über dem Durchschnitt. Habe wohl etwas vom sportlichen Talent meines Vaters geerbt. Rudi war am Ende der fünfziger Jahre einer der besten Zehnkämpfer der DDR. Doch das bedeutet heute nicht mehr viel.

Am meisten interessiert es mich, mit ihm, meiner Mutter und Schwester zusammen zu sein. Und wenn wir mal im Skansepark in der Nähe unserer Wohnung in der Heibergsgade in Århus kicken, dann nur, weil mein Vater und meine Schwester mitspielen und natürlich ein Haufen Jungen und Mädchen, die immer mitspielen, wenn sie bei den Erwachsenen mitmachen dürfen.

Ich schlafe noch einmal ein.

Ich wache wieder auf und freue mich. Meine Schwester liegt immer noch unter mir im Etagenbett. Sie atmet tief und zufrieden. Ihr Körper liegt ruhig, und ich klettere leise aus dem Bett und berühre kurz ihre langen, braunen Haare. Sie sind weich. Sie dreht sich um.

Mein Vater lächelt zu mir herüber, er hat schon das Schachspiel aufgebaut.

Sie schläft immer lange, wenn wir nicht in die Schule gehen müssen. Durch das Haus weht ein kräftiger Duft nach Mandeln. Meine Mutter und mein Vater sind schon aufgestanden. Sie beschäftigen sich mit ihren Sachen. Ich höre es rascheln, ein Rascheln von Papier, Glanzpapier, Silberpapier und Goldpapier. Sie sind dabei, Geschenke einzupacken. Geschenke für mich.

Ich blinzele durch den Türspalt, kann aber nicht erkennen, was meine Mutter gerade einpackt. Mein Vater lächelt zu mir herüber. Ich sehe, dass er schon das Schachspiel aufgebaut hat und mit Weiß spielen möchte.

Und Weiß hat es gleich sehr eilig. Zwei Bauern stürmen im Sauseschritt über das Brett. Das Heer des weißen Königs ist nahezu unüberwindbar. Begleitet von den Springern, ist der Sturmangriff auf den schwarzen König beeindruckend und unwiderstehlich.

Der König sieht keinen anderen Ausweg, als seine Dame zu opfern. Ein erbärmlicher Schritt. Ein falscher Zug. Er setzt seine eigene Freiheit, sein eigenes Leben über das anderer. Mein Vater lächelt in meine Richtung, er wird gewinnen, und ich fliehe über Stock und Stein.

Die Bauern liegen wie gefallene Märtyrer aus einer anderen Zeit auf den von der Sonne gereiften Feldern. Nicht ein Bauer ist übrig. Alle sind weg. Ausgerottet. Nur die Könige und ihre wackligen Türme sind noch da. Fünf Züge bis Schachmatt oder zum ewigen Remis.

Der weiße, alte König fällt. Mein Vater lächelt.

Ich greife etwas fahrig auf seiner linken Seite an. Ich mache das normalerweise nicht, ohne es ihm zu sagen. Er ist auf der linken Seite blind. Mein Turm saust zurück auf die Grundlinie. Ich gewinne mit Hilfe von Schweigen und Arglist. Mein Vater lacht und sagt: "Alter Gauner!"

Der weiße, alte König fällt. Mein Vater lächelt, doch trotzdem bemerke ich, dass etwas darin liegt. Es ist nicht wie sonst. Der König fällt anders, als er umstürzt.

Es hat einen tieferen, schwereren, hohleren Klang, als er mit seiner stolzen, aufrechten Haltung auf das Brett trifft. Der Kopf fällt ab und kullert an die Tischkante. Wir sind beide wie gelähmt. Mein Vater greift sich an den Kopf. Ich schließe meine Augen.

Das Schachspiel wird weggestellt. Bevor wir das Zimmer schmücken können, muss noch ein Weihnachtsbaum her. Während wir auf meine Schwester und meine Mutter warten, die sich noch fertigmachen, raufe ich mit meinem Vater.

Wir werfen uns aufeinander, aber gegen einen alten Ringer mit Blumenkohlohren lande ich rasch auf der Matte und schlage zum Zeichen meiner Kapitulation auf den Boden.

Meine Schwester und meine Mutter haben jetzt ihre Wintersachen an und schauen nachsichtig auf uns runter. Sie möchten los.

Wir fahren zuerst am Wasser entlang mit dem alten Mercedes, der über und über mit roten, grünen, gelben und orangefarbenen Blumen bemalt ist. Die Blumen sind das Werk meiner Mutter. Wir haben alle ziemlich verwundert geschaut, als eines Tages eine Blumenwiese in voller Pracht im Sonnenschein vor der Tür stand. Das Auto war vorher langweilig grau gewesen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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1. Nur ein Wort
guru_mosh 24.12.2009
Berührend.
2. Exzellent!
McDave 24.12.2009
Sehr schön geschrieben!
3. .
fiutare 24.12.2009
Das gibt es selten: Ich habe geweint. Rudi war ein wundervoller Mensch. Ein zorniger, gerechter, wundervoller Mensch.
4. Schlimm
Berta 24.12.2009
Schlimm wenn man einen geliebten Menschen sterben sieht und nichts machen kann.
5. sehr eindringlich geschrieben.
buutzemann 24.12.2009
ich sah es wie einen film. rudi dutschke lebt in vielen erinnerungen weiter. das zur zeit so angesagte 68er-bashing empfinde ich als ungeheuer störend, waren doch die 68er eine zwangsläufige katharsis der fehlgeleiteten generation ihrer eltern. peace.
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Dutschkes Tod
DPA
Am 24. Dezember 1979 starb Rudi Dutschke nach einem epileptischen Anfall im Badezimmer seines Hauses in Århus - Spätfolge eines Attentats, das im April 1968 auf ihn verübt wurde. Der Hilfsarbeiter Josef Bachmann hatte vor dem SDS-Büro am Kurfürstendamm in Berlin dreimal auf ihn geschossen. Weil die "Bild"-Zeitung in den Wochen zuvor gegen die "Rädelsführer" der Studentenbewegung agitiert hatte, kam es nach dem Anschlag zu den bis dahin schwersten Auseinandersetzungen der Studentenrevolte. Dutschke selbst hat sich von den Folgen des Anschlags nie ganz erholen können, Sprache und Gedächtnis musste er sich in monatelanger Therapie wieder aneignen. 1970 zog er mit seiner Familie nach Århus, wo er als Universitätsdozent arbeitete. Sein Sohn Hosea Dutschke, inzwischen 41 Jahre alt und als Verwaltungsdirektor in Århus tätig, berichtet nun erstmals vom Tod Rudi Dutschkes.
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Attentat auf Rudi Dutschke: Bachmann, Stasi, brauner Sumpf

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68er-Bewegung: Das Attentat auf Rudi Dutschke