AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2009

Archäologie Am Anfang war der Sud

Von Frank Thadeusz

2. Teil: Heilendes Harz im Wein


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Alkohol: Die Geschichte des Rausches

Lange schon bewegt Archäologen die Frage, ob zuerst Brot oder Bier vorhanden gewesen sei. McGovern vermutet, dass die Urahnen zunächst noch gar nicht in der Lage gewesen waren, das recht komplizierte Verfahren des Bierbrauens zu bewältigen. Das Brotbacken aber misslang ihnen erst recht, denn das wilde Getreide ist dafür denkbar ungeeignet.

Aufwendig mussten die Hungrigen erst die Spreu von den winzigen Körnern fummeln. Der Ertrag stand in keinem Verhältnis zur dafür nötigen Mühsal. Wenn überhaupt, backten die frühen Bäcker vermutlich kaum genießbare Stachelfladen, in denen als ungewünschte Beigabe reichlich Spelzen steckten.

Zunächst bereicherte deshalb vermutlich ein hybrides und doch nahrhaftes Gesöff - halb Fruchtwein, halb Met - den Speiseplan der Bauern. Hingebungsvoll widmeten sich die steinzeitlichen Saufkumpane der kostbaren Flüssigkeit. In der neolithischen Ausgrabungsstätte Hadschdschi Firus Tepe im Zagros-Gebirge in Nordwestiran entdeckte McGovern vorzeitliche Weinregale, in denen die luftdicht verschlossenen Karaffen lagerten. Ihren Trank veredelten die Dörfler mit dem Harz der Atlantischen Pistazie. Die Beigabe versprach heilende Wirkung, etwa bei Infektionen, und wurde von Maladen als frühes Antibiotikum eingenommen.

Geheimnisvolle Kerben in Weingefäßen

Die Bewohner der Ortschaft lebten komfortabel in geräumigen Hütten aus Lehmziegeln. In den Küchen fast aller Behausungen stießen der US-Forscher und sein Trupp auf die Überreste von Weingefäßen. "Das Trinken im Dorf war kein Privileg der Reichen", glaubt McGovern. Auch die Frauen kippten reichlich mit.

Ausgerechnet in Gefäßen aus Iran, wo heutzutage der Genuss von Alkohol mit Peitschenhieben geahndet wird, sichtete der Amerikaner die erste vorzeitliche Bierquelle. Zunächst rätselte er über den Zweck von dickbauchigen Gefäßen mit breiter Öffnung aus der prähistorischen Siedlung Godin Tepe. Die bekannten Weingefäße hingegen besaßen einen eher kleinen Ausguss.

Ratlos war McGovern auch angesichts kreuz und quer in den Boden der Behältnisse geritzter Kerben. War er einer geheimnisvollen Inschrift auf der Spur?

Im Labor isolierte der Gelehrte dann jedoch Calciumoxalat: Brauer kennen den Stoff als ungeliebtes Nebenprodukt der Bierherstellung. Heute filtern Brauereien die Kristalle problemlos aus dem Getränk heraus. Ihre findigen Vorreiter um 3.500 vor Christus hatten die Kerben in die 50-Liter-Kannen geritzt, damit sich die winzigen Steine dort festsetzen konnten: McGovern war auf die ersten Bierpullen der Menschheit gestoßen.

Moderater Alkoholkonsum als Vorteil

Auf nahe der Ortschaft gelegenen Feldern ernteten die Urbauern Gerste, die sie mit Basaltgestein zerstampften. Das gemahlene Getreide verbrauten sie zu einer beachtlichen Fülle an Sorten. Die Einwohner Godin Tepes delektierten sich an karamellsüßem Dunkelbier, bernsteinfarbenem Pils und süffigem Export.

Etwa zur gleichen Zeit huldigten die Sumerer der Fruchtbarkeitsgöttin Nin-Harra, die ihnen als Erfinderin des Bieres galt. Ihr zu Ehren kritzelten die Schöpfer der mesopotamischen Hochkultur eine Anleitung zum Bierbrauen auf kleine Tontafeln. Grundzutat ihres Bieres war Emmer, eine Getreideart, die inzwischen beinahe gänzlich verschwunden ist.

In den Biertrinkern der Frühzeit vollendete sich jenes Menschheitsprojekt, das torkelnde Hominiden auf der Streuobstwiese angestoßen hatten. "Für unsere frühen Vorfahren war moderater Alkoholkonsum von Vorteil, und sie haben sich biologisch daran angepasst", spekuliert McGovern.

Dieses Erbe lastet bis heute auf den Menschen. Der Autor selbst sieht sich in dieser Hinsicht immerhin einigermaßen im Lot: Einerseits waren es seine Vorfahren, die McGoverns, die den ersten Pub in ihrer Heimatstadt Mitchell in South Dakota eröffneten. Andererseits stammt ein besonders sittenstrenger Zweig der Familie aus Norwegen - und der lehnte jeglichen Alkoholkonsum strikt ab.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
Gegengleich 22.12.2009
1. -
Zitat von sysopErfanden die Urzeitbewohner den Ackerbau, um sich mit alkoholischen Getränken versorgen zu können? Ein US-Forscher glaubt: Die Neigung zum Trunk sicherte dem Menschen das Überleben. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,668293,00.html
Auf unsere Vorfahren! PROST!
germanski 22.12.2009
2. nunja
Dass die Sumerer ein bernsteinfarbenes Pils gebraut haben sollen, wage ich zu bezweifeln. Soweit ich informiert bin, war es bei denen dann doch etwas wärmer, zu warm zumindest für untergärige Biere, auch im Winter.
saul7 22.12.2009
3. Und
Zitat von sysopErfanden die Urzeitbewohner den Ackerbau, um sich mit alkoholischen Getränken versorgen zu können? Ein US-Forscher glaubt: Die Neigung zum Trunk sicherte dem Menschen das Überleben. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,668293,00.html
einige tausend Jahre später kam es dann im Jahre 1516 zu einer geradezu sensationellen Neuerung, auf die wir in Deutschland besonders stolz sein können und die wir nie aufgeben sollten: Der Einführung des "Deutschen Reinheitsgebotes für Bier".
Rainer Helmbrecht 22.12.2009
4. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von sysopErfanden die Urzeitbewohner den Ackerbau, um sich mit alkoholischen Getränken versorgen zu können? Ein US-Forscher glaubt: Die Neigung zum Trunk sicherte dem Menschen das Überleben. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,668293,00.html
Ich war schon immer Misstrauisch wenn Erfinder und Forscher immer so hehre Gründe Ziele benennen können. Bei den meisten Erfindungen steht für mich z.B. Faulheit im Vordergrund. Aber der Wunsch Alkohol in Strömen fließen zu lassen, klingt für mich sehr nachvollziehbar;o). MfG. Rainer
specchio, 22.12.2009
5. Ora et labora
Ein beglückender körpereigener Chemiecocktail ist von Vorteil. Schwangerschaft, Jagderfolg, Religion, Sport und Spießertum helfen zwar, sind aber nicht immer erhältlich. Warum so viele Leute wohl ohne Alkohol auskommen?
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