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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2009

Archäologie: Am Anfang war der Sud

Von Frank Thadeusz

Erfanden die Urzeitbewohner den Ackerbau, um sich mit alkoholischen Getränken versorgen zu können? Ein US-Forscher glaubt: Die Neigung zum Trunk sicherte dem Menschen das Überleben.

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Alkohol: Die Geschichte des Rausches

Der Sündenfall hat wohl nicht mit einem Apfel begonnen. Sehr viel wahrscheinlicher ließ eine Handvoll matschiger Feigen den Menschen vom rechten Weg abkommen.

Ein Bewohner der Vorzeit klaubte das Fallobst vom Boden auf und stopfte es arglos in den Mund. Angenehm breitete sich ein bittersüßes Aroma in seinem Gaumen aus. Dann mischte sich Alkohol in sein Blut. Seither funkte sein Hirn eine neue Botschaft: mehr davon!

Die ersten Begegnungen mit Alkohol in Form von vergorenem Obst ereigneten sich wohl noch eher zufällig. Doch einmal vertraut mit dessen Wirkung, setzte der Mensch für die regelmäßige Dröhnung alle Hebel in Bewegung, behauptet der Archäologe Patrick McGovern.

Das Streben nach einer gesicherten Versorgung mit alkoholischen Getränken gehörte offenkundig sehr viel früher als lange angenommen zu den Grundbedürfnissen der menschlichen Gemeinschaft: Schon vor rund 9.000 Jahren, lange vor der Erfindung des Rads, rührten Bewohner des Steinzeitdorfs Jiahu in China bereits eine Art Met mit zehn Prozent Alkoholgehalt an, wie McGovern jüngst herausgefunden hat.

Spuren von prähistorischem Honigwein

Der Abkömmling trinkfester Iren untersuchte in seinem molekular-archäologischen Institut für "Kochkunst, fermentierte Getränke und Gesundheit" am University of Pennsylvania Museum Tonscherben, auf die Archäologen während Grabungen im Tal des Gelben Flusses gestoßen waren.

Der rauschebärtige Wissenschaftler gilt weltweit als Experte, wenn es darum geht, Spuren von alkoholischen Getränken an prähistorischen Fundstücken zu identifizieren. Die tönernen Überbleibsel aus Asien unterzog er der sogenannten Flüssigchromatografie mit Massenspektrometrie-Kopplung.

In den Poren der Tonsplitter entdeckte der Molekulararchäologe im Labor Reste von Weinsäure und Bienenwachs. Offenbar verrührten die Siedler im vorgeschichtlichen China Früchte und Honig zu einem berauschenden Sud.

Phytosterole weisen überdies auf wilden Reis hin; unbeleckt von chemischen Vorkenntnissen, speichelten die nach Rausch gierenden Vorzeitmenschen im Mund offenbar Reisklumpen ein, um so die Stärke im Getreide zu knacken und in Malzzucker umzuwandeln.

Die zerkauten Klumpen spuckten sie in die Maische. Oben auf der Brühe schwammen Spelzen und hefiger Schaum. Mit langen Strohhalmen saugten die Dürstenden den Trunk aus den dünnhalsigen Kannen. In einigen Gegenden Chinas wird bis heute auf diese Weise Alkohol verzehrt.

Eine süffige Überlebenshilfe

McGovern erkennt in der frühen Gärkunst eine weise Überlebensstrategie: "Energiereichen Zucker und Alkohol in sich hineinlaufen zu lassen war eine fabelhafte Lösung, um in einer feindlichen und rohstoffarmen Umgebung zu überleben."

Die neuesten Funde aus China fügen sich lückenlos in seine Beweiskette: Rasch verbreitete sich in der Jungsteinzeit demnach das Handwerk der Alkoholmischer an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt. Schamanen und Dorfalchimisten verquirlten Obst, Kräuter, Gewürze und Getreide so lange in Kübeln, bis daraus ein süffiges Gebräu entstand.

Damit jedoch begnügt sich McGovern nicht. Er geht noch viel weiter und versucht sich gar an einer Neudeutung der Menschheitsgeschichte (siehe Buchkasten links). Seine kühne These: Der Ackerbau und mithin die gesamte Neolithische Revolution, die vor rund 11.000 Jahren einsetzte, ist letztlich das Ergebnis des kaum hemmbaren Drangs nach Trunk und Rausch.

"Die vorhandenen Indizien deuten darauf hin, dass unsere Vorfahren in Asien, Mexiko und in Afrika Weizen, Reis, Mais, Gerste und Hirse vor allem kultivierten, um alkoholische Getränke zu produzieren", glaubt McGovern. Auf diese Weise habe sich Homo saufaus die nackte Existenz gesichert.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. -
Gegengleich 22.12.2009
Zitat von sysopErfanden die Urzeitbewohner den Ackerbau, um sich mit alkoholischen Getränken versorgen zu können? Ein US-Forscher glaubt: Die Neigung zum Trunk sicherte dem Menschen das Überleben. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,668293,00.html
Auf unsere Vorfahren! PROST!
2. nunja
germanski 22.12.2009
Dass die Sumerer ein bernsteinfarbenes Pils gebraut haben sollen, wage ich zu bezweifeln. Soweit ich informiert bin, war es bei denen dann doch etwas wärmer, zu warm zumindest für untergärige Biere, auch im Winter.
3. Und
saul7 22.12.2009
Zitat von sysopErfanden die Urzeitbewohner den Ackerbau, um sich mit alkoholischen Getränken versorgen zu können? Ein US-Forscher glaubt: Die Neigung zum Trunk sicherte dem Menschen das Überleben. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,668293,00.html
einige tausend Jahre später kam es dann im Jahre 1516 zu einer geradezu sensationellen Neuerung, auf die wir in Deutschland besonders stolz sein können und die wir nie aufgeben sollten: Der Einführung des "Deutschen Reinheitsgebotes für Bier".
4. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Rainer Helmbrecht 22.12.2009
Zitat von sysopErfanden die Urzeitbewohner den Ackerbau, um sich mit alkoholischen Getränken versorgen zu können? Ein US-Forscher glaubt: Die Neigung zum Trunk sicherte dem Menschen das Überleben. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,668293,00.html
Ich war schon immer Misstrauisch wenn Erfinder und Forscher immer so hehre Gründe Ziele benennen können. Bei den meisten Erfindungen steht für mich z.B. Faulheit im Vordergrund. Aber der Wunsch Alkohol in Strömen fließen zu lassen, klingt für mich sehr nachvollziehbar;o). MfG. Rainer
5. Ora et labora
specchio, 22.12.2009
Ein beglückender körpereigener Chemiecocktail ist von Vorteil. Schwangerschaft, Jagderfolg, Religion, Sport und Spießertum helfen zwar, sind aber nicht immer erhältlich. Warum so viele Leute wohl ohne Alkohol auskommen?
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Wie viele Alkoholabhängige gibt es?
Im Jahre 2006 gab es in Deutschland rund 1,2 Millionen Alkoholabhängige und 1,9 Millionen Alkoholmissbraucher (Epidemiologischer Suchtsurvey).
Ab wann gilt Konsum als riskant?
Ein riskanter Alkoholkonsum liegt vor, wenn mehr als 20 Gramm Alkohol (Frauen) bzw. 30 bis 40 Gramm (Männer) pro Tag konsumiert werden. In Deutschland ist das bei 21,5 Prozent der Männer und 10,9 Prozent der Frauen der Fall.
Wie viele Todesopfer gibt es pro Jahr?
Jedes Jahr sterben in Deutschland gut 40.000 Menschen an den Folgen von Alkoholmissbrauch.
Welcher volkswirtschaftliche Schaden entsteht?
Der volkswirtschaftliche Schaden durch Alkoholkonsum (Behandlungskosten, Autounfälle, etc.) wird jährlich auf 24,4 Milliarden Euro geschätzt.

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