AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 53/2009

Visionen Sehnsucht nach Größe

Bizarre Technikpropheten haben in Russland Konjunktur: Im Bündnis mit Politikern wollen sie Tunnel nach Alaska graben oder radioaktives Abwasser trinkbar machen.

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Russlands Technikprojekte: Visionär und größenwahnsinnig

Der Mann, der sich gern einen "modernen Leonardo da Vinci" nennt, will seinem Volk reinstes Wasser einschenken, endlich. Wiktor Petrik, 65, schwere Brille und schüttere Locken, steht in seinem winzigen Labor nahe St. Petersburg. "Schauen Sie nur", schwärmt der Forscher, "meine Filter reinigen Wasser von jedem Schadstoff." Sogar von Radioaktivität.

Bald schon will Petrik die verseuchten Abwässer von Kernreaktoren in Trinkwasser verwandeln. Einen einflussreichen Förderer hat er bereits gewonnen: Boris Gryslow, Parlamentschef und Putin-Vertrauter. Die Russische Akademie der Wissenschaften mag Petrik einen Scharlatan schimpfen, auf dem renommierten Petersburger Wirtschaftsforum durfte der schrullige Gelehrte seine Ideen trotzdem vor Wirtschaftsführern und Spitzenpolitikern präsentieren. Hauptsache seine Filter sind Kreml-geprüft: Sie tragen das Bärenlogo der Putin-Partei "Einiges Russland". Nun hofft Petrik, auch mit anderen Geniestreichen zu reüssieren.

Den Krebs zum Beispiel will er besiegen - und Juwelen billig rein synthetisch herstellen.

Sehnsucht nach Größe gepaart mit kommunistischem Machbarkeitsmantra

Kaum irgendwo auf der Welt fallen Versprechungen bizarrer Technikpropheten auf so fruchtbaren Boden wie in Russland. Hingebungsvoll verschreiben sich hochrangige Politiker hier Projekten, die ebenso absurd wie größenwahnsinnig sind.

Das hat Tradition: Unter Zar Fjodor I. wurde im 16. Jahrhundert die größte Kanone der Welt gebaut, zum Einsatz kam sie nie. Dafür ist sie heute als Denkmal der Großmannssucht im Kreml zu besichtigen, ebenso wie eine sechs Meter hohe Rekordglocke. Schade nur, dass diese mit 200 Tonnen so schwer ist, dass man sie nach einem Brand nicht mehr aus der Mulde hieven konnte, in der sie gegossen worden war. Erst hundert Jahre später wurde sie geborgen.

Zu Sowjetzeiten paarte sich die russische Sehnsucht nach Größe mit dem kommunistischen Machbarkeitsmantra, gewürzt noch mit volkstümlichem Wunderglauben, der etwa die Wahrsagerin Dschuna zur Vertrauten von Generalsekretär Leonid Breschnew aufsteigen ließ. Sein Vorgänger Nikita Chruschtschow mühte sich um reale wissenschaftliche Großtaten. Er wollte den Mais in der Sowjetunion heimisch machen - und zwang Kolchosbauern im kalten Karelien, die ursprünglich aus Mexiko stammende Pflanze anzubauen.

Moskaus Oberbürgermeister gibt sich gerne visionär

Noch heute weckt die schiere Größe eines Vorhabens zuverlässig das Interesse russischer Spitzenpolitiker. Die Regierung unter Wladimir Putin etwa brachte den Bau eines Megatunnels zwischen Russland und den USA ins Gespräch: Die Röhre solle Alaska mit Russlands fernem Osten verbinden. Dass keine dieser Regionen sich durch besonders reges Verkehrsaufkommen auszeichnet, schien niemanden zu stören. An der Küste vor der Olympia-Stadt Sotschi plante Putin gar, ein Mini-Russland aufzuschütten. Die Ufer der "Föderationsinsel" sollten den Grenzen des Vaterlands nachempfunden sein.

Auch Moskaus Oberbürgermeister Jurij Luschkow gibt sich gern visionär. Mal träumte er von einer neuartigen Anlage, die wie von Zauberhand Moskaus Müll trenne - per Wasserkraft. Dann wieder wollte er die Hausmeister der Hauptstadt mit Laserkanonen bewaffnen, um Eiszapfen von Dachrinnen zu schießen.

Auch für Russlands Zukunft schmiedet Luschkow Pläne: Zwei der großen Ströme Sibiriens, den Tobol und den Irtysch, will der Stadtvater zu

m Teil von Norden nach Süden umleiten. Der Mensch, schreibt er in seinem Buch "Wasser und Frieden", solle die Schöpfung nicht nur bewahren. Seine Aufgabe sei es auch, sie zu vollenden.

"Unserem Transnet aber gehört die Zukunft"

In der Realität nehmen sich die Erfolge russischer Forscher und Entwickler freilich bescheiden aus. Ende November las der mächtige Chef der Präsidialverwaltung, Sergej Naryschkin, der Forschungselite seines Landes die Leviten. Man beschäftige zwar ähnlich viele Wissenschaftler wie westliche Länder, die Zahl bedeutsamer Innovationen aber sei "winzig", klagte er im futuristischen Gebäude der Akademie der Wissenschaften.

Russlands Anteil am Weltmarkt für forschungsintensive Produkte betrage nur ein Prozent - der Deutschlands dagegen das 17fache.

"Wenn wir heute keine ernsthaften Schritte unternehmen", mahnt auch Wirtschaftswissenschaftler Sergej Sibirjakow, "werden wir von der weltweiten Entwicklung abgekoppelt." Und dann breitet Sibirjakow, "Berater der Russischen Föderation dritter Klasse", seinen eigenen Entwurf einer wahrhaft wegweisenden Technologie aus. Der Ökonom, der einen Lehrstuhl an Moskaus Hoher Verwaltungsschule, einer Kaderschmiede der Kreml-Jugend "Naschi - Die Unsrigen", innehat, will Chinas Fabriken und Europas Metropolen verbinden, quer durch Sibirien. Dazu schwebe ihm ein neues Verkehrsmittel vor: schnell wie ein Flugzeug, bequem wie ein Auto und billig wie die Eisenbahn.

Seine Skizzen erinnern an ein altes deutsches Technologieprojekt mit eher düsteren Aussichten: den Transrapid. "Unserem Transnet aber gehört die Zukunft", schwärmt Sibirjakow. Morgen schon könne man mit dem Megaprojekt starten, gern auch gleich heute.

Nötig sei dafür nur eines: "der politische Wille".



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
urlaubsabgeltung, 02.01.2010
1. Russischer Erfindergeist
als junger Ingenieur hatte ich einmal die Aufgabe, einen sowjetischen Linsenfräsautomaten in die Fertigungabteilung eines damals volkseigenen Betriebes zu integrieren. Neben arbeitsschutztechnisch haarstäubenden technischen Lösungen versagte das System kläglich aufgrund primitivster Technik. Ein halbjährlicher Komplettumbau machte die Maschine dann tauglich für das Fräsen optischer Linsen. Mir war es damals unverständlich, wie die gleiche Volkswirtschaft ein einigermaßen funktionierendes Weltraumprogramm unterhalten kann und gleichzeitig auf einem Niveau sich bewegt, das einer engagierten Schülerarbeitsgemeinschaft entspricht. Mein Fazit--leider etwas größenwahnsinnig und nicht in der Lage, die eigene Arbeit kritisch zu betrachten.
averell 02.01.2010
2. ...
so ganz schlecht können die Russen auch wieder nicht sein, siehe Raumfahrtprogramm oder Flugzeuge wie Antonov AN 124 oder AN 225. Vielleicht mag die Technik manchmal etwas primitiver sein, dafür aber unkaputtbar oder zumindest mit Hammer und Schraubendreher zu reparieren. ich denke, mit ausreichend Geld, weniger Korruption und weniger Einfluss durch politische Interessen könnte Russland da noch deutlich mehr leisten.
schockkierter ! 02.01.2010
3. Ach Gottchen,
man kann sich sicher vortrefflich lustig machen über russische Technik - zumindest haben die Russen Eisenbahnen die unter 0 Grad Celsius fahren, im Weltraum rum düsen usw. Und besonders als Deutscher heutiger Zeit sollte man mal, technologisch gesehen, sich etwas zurückhalten. Die Knallerzeit wo "Made in Germany" in der Welt was galt ist ja nun (sehr lange) vorbei. Und außerdem find ich es durchaus von Vorteil wenn Staatsführungen Visionen haben, egal wie lächerlich sie einem (unbedarften ?) Journalisten erstmal erscheinen mögen. Unsere Staatsführung, in ihrer jetzigen, voriger, nachfolgender Konstellation, hat als einzige Vision nur die nochmals gewählt werden zu wollen. Und das ist ja nun mal gar nicht visionär. Noch so ein Gedanke; schätz mal so in 10 - 12 Jahren wird China mal ein flächendeckendes Transrapidnetz in der EU hinbauen. Als Gegenleistung dafür die letzten brauchbaren Facharbeiter und Ingenieure in´s Reich der Mitte importieren zu können. Die chinesische Führung hat auch Visionen, kontinurlich. Heut früh grad eine Doku gesehen über den Bau der Tibet-Eisenbahn. Genial, 1800km in 6 Jahren Und die Bundesbahn bekommt in Berlin nicht mal hin den Flughafen Schönefeld an´s städtische Netz zu friemeln ! Und wir machen uns über andere lustig. Wie war das mit dem Hochmut der vor dem Fall kommt ? Wir fallen schon lange, sind kurz vor dem aufklatschen
marvinw 02.01.2010
4. Und was ist noch schlecht an Rußland?
---Zitat--- Russlands bizarre Technikvisionen ---Zitatende--- Aha, die "freie" und "unabhängige" Presse Deutschlands meldet sich wieder mal. Mit kommt es vor dass jemand der solche Artikel schreibt einen Clown zum Frühstück verspeist hat.
marvinw 02.01.2010
5. Rußland
---Zitat--- Russlands bizarre Technikvisionen ---Zitatende--- Was mich dabei jedes Mal wundert sind enge Grenzen solcher Superdenker. Demnach sollte man gleichermaßen auch Iran und Armenien und Georgien und jedes andere Land hassen wo es anders läuft als in Deutschland. Was für ein Quark.
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