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Ausgabe 2/2010

Folter: Hören mit Schmerzen

Von Tobias Rapp

In Guantanamo und anderen Gefängnissen wurden im "Krieg gegen den Terror" muslimische Häftlinge systematisch auch mit Musik gefoltert. Musiker und Bürgerrechtsgruppen fordern nun Aufklärung.

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Brutale Praxis: Folter mit Metallica und Britney Spears
Im Mai 2003 wird Ruhal Ahmed aus seiner Zelle im Camp Delta des Militärgefängnisses von Guantanamo geholt und in eine Verhörzelle gebracht. Er muss sich hinhocken, der Militärpolizist, der ihn geholt hat, fesselt seine Fußschellen an einen Ring im Boden, seine Arme müssen die Beine von hinten umfassen, dann werden seine Handschellen ebenfalls am Bodenring befestigt. Eine sogenannte "stress position": Der Gefangene kann nicht sitzen, nicht stehen, nicht knien. Er kann nur in einer Zwischenposition kauern, rasch bekommt er Krämpfe. Ahmed kennt das, es ist Teil der "standard operating procedure", um sie auf das Verhör vorzubereiten.

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Seit mehr als einem Jahr ist Ahmed in Guantanamo, über Wochen hat er immer wieder die gleiche Frage beantworten müssen: Warum waren er und seine zwei Freunde, die mit ihm gefangen genommen worden sind, im Herbst 2001 in Afghanistan? Alle drei sind Engländer muslimischen Glaubens, Ahmeds Familie stammt aus dem heutigen Bangladesch. Die "Tipton Three" werden sie genannt, nach ihrem Herkunftsstädtchen in den Midlands. An diesem Tag allerdings steht eine Boombox, eine kleine Musikanlage, in der knapp acht Quadratmeter großen Zelle. Der Soldat legt eine CD des Rappers Eminem ein und dreht die Lautstärke hoch. Dann geht er.

"Ich dachte, was ist denn jetzt los? Hat der seine Boombox vergessen?", sagt Ahmed. "Als er zurückkam, fragte ich ihn: ,Was soll das? Warum spielt ihr Eminem?' Er schaute mich nur an und sagte nichts."

Das nächste Mal, als er in die Verhörzelle kommt, läuft Heavy Metal statt Eminem. Stundenlang, auch tagelang. In ohrenbetäubender Lautstärke. Manchmal stellen sie ihm noch ein Stroboskop vor das Gesicht. Die Zelle ist dunkel, der Apparat schießt ihm Blitze in die Augen. Zusätzlich regeln die Verhörspezialisten die Klimaanlage nach unten. Über Stunden muss Ahmed in eisiger Kälte ausharren. Auf die Toilette lassen sie ihn auch nicht, er muss es einfach laufen lassen. Die Fesseln lassen die Beine anschwellen. Während die Musik ihn anbrüllt.

Ruhal Ahmed ist heute 28 Jahre alt und lebt wieder in Tipton, einer Kleinstadt in der Nähe von Birmingham. Er hat einen kurzgeschnittenen Bart, trägt einen Trainingsanzug, spricht mit nordenglischem Akzent. Seine Frau macht die Tür auf, sie ist schwanger, das Paar wohnt in einer Arbeitersiedlung. Ihre zweijährige Tochter läuft herum, zwei jüngere Brüder Ahmeds wohnen auch in dem Reihenhaus.

Mehr als zwei Jahre lang war er in Gefangenschaft der Amerikaner, im März 2004 wurde er wieder freigelassen. Der Regisseur Michael Winterbottom hat aus den Erlebnissen der Tipton Three einen preisgekrönten Film gemacht: "Road to Guantanamo". Es ist die Geschichte einer Reise, die unglaublich schiefgeht.

Im September 2001 waren sie zu einer Hochzeit nach Pakistan gereist, 20 Jahre alt war Ruhal Ahmed damals. Sie waren abenteuerlustig und auch naiv, sie gingen über die Grenze nach Afghanistan, obwohl der "Krieg gegen den Terror" schon drohte. Mit einer Gruppe Taliban wollten sie zurück nach Pakistan, als Kämpfer der Nordallianz sie gefangen nahmen. Sie wurden schließlich den Amerikanern übergeben. Anfang 2002 waren sie in Guantanamo.

"Wenn ich Leuten erzähle, dass Musik Folter sein kann, schauen sie mich an und denken, ich hätte nicht alle Tassen im Schrank. Wie kann eine Kunst, die so viel Freude macht, Folter sein? Aber so ist das: Normale Folter kann man aushalten. Musik

nicht. Ich habe alles gestanden, was von mir verlangt wurde. Dass ich Bin Laden und Mullah Omar kenne. Dass ich weiß, was ihre Pläne sind. Alles. Nur damit es aufhört."

In Guantanamo, in Afghanistan, im Irak und in anderen amerikanischen Geheimgefängnissen haben Soldaten der Armee und Geheimdienstleute Terrorverdächtige gefoltert, Waterboarding und Schlafentzug gehörten zu ihren Methoden und auch laute Musik. Gefangene wurden tagelang an den Handgelenken aufgehängt und danach mit den Beats von Dr. Dre beschallt. Sie wurden gefesselt und bekamen Kopfhörer aufgesetzt, über die Meat Loaf lief, stundenlang. Sie wurden in Holzkisten gesteckt und mussten nächtelang "Saturday Night Fever" von den Bee Gees ertragen. Ausgerechnet Musik, die Kunstform, die die Welt verändern wollte und es wohl auch manchmal geschafft hat, in Woodstock, bei "Rock gegen Rechts", bei Live Aid, ist eine Waffe im Krieg gegen den Terror geworden.

Es gibt Musiker, die sich dagegen wehren. Die britischen TripHopper Massive Attack gehören genauso dazu wie der amerikanische Industrial-Musiker Trent Reznor und der Country-Star Rosanne Cash. Sie fordern, dass Pop keine Waffe mehr sein darf. Sie wollen wissen, was mit ihrer Musik in den amerikanischen Gefängnissen geschehen ist.

Unterstützt werden sie von britischen und amerikanischen Organisationen. Das National Security Archive, eine amerikanische Bürgerrechtsorganisation, die die Geheimhaltungspolitik der US-Regierung bekämpft, hat auf Freigabe der Akten geklagt. Sie berufen sich auf den Freedom of Information Act. Bei elf staatlichen Institutionen wurden Anträge auf Herausgabe aller Akten gestellt, in denen "AC/DC, Aerosmith, der ,Barney & Friends'-Song, The Bee Gees, Britney Spears, Bruce Springsteen, Christina Aguilera, David Gray, Deicide, Don McLean, Dope, Dr. Dre, Drowning Pool, Eminem, Hed P. E., James Taylor, Limp Bizkit, Marilyn Manson, Matchbox Twenty, Meat Loaf, ,Meow Mix'-Jingle (eine Katzenfutterwerbung), Metallica, Neil Diamond, Nine Inch Nails, Pink, Prince, Queen, Rage Against the Machine, Red Hot Chili Peppers, Redman, Saliva, die ,Sesamstraße'-Musik, Stanley Brothers, The Star Spangled Banner, Tupac Shakur" vorkommen.

Die Liste ist in wochenlanger Recherche von Mitarbeitern des National Security Archive recherchiert worden. Es kann noch Wochen dauern, bis über die Anträge entschieden wird. Und bis die Akten geöffnet werden, sogar Monate, vielleicht Jahre.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 117 Beiträge
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1. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll...
Thomas Bitschnau 13.01.2010
"Oder "Born in the U.S.A.", ein Song von Bruce Springsteen, der immer noch als Feier amerikanischer Größe und Selbstgewissheit missverstanden wird." Danke, dass das wenigstens im Ansatz einmal zurechtgerückt wird. Beim eigentlichen Thema bin ich mir sehr unsicher, wie ich darüber denken soll. Wenn man auf die Kritiker hört, hat man bald nur noch die Möglichkeit einen Gefangenen höflich zu bitten, doch die Wahrheit zu sagen. Getrieben werden diese Forderungen immer durch ein Totschlagbeispiel, dem man als vermeintlicher Befürworter harten Umgangs mit Terroristen nichts entgegenzusetzen hat. Es reduziert sich schlussendlich immer auf die gleiche Frage: Unter 100 Gefangenen sind 50 Unschuldige, die nichts getan haben, und 50 Mörder, die wieder Menschen töten werden, wenn man sie frei lässt. Du hast keine Möglichkeit sie zu unterscheiden. Was tust du?
2. -
shareman 13.01.2010
Zitat von Thomas Bitschnau"Oder "Born in the U.S.A.", ein Song von Bruce Springsteen, der immer noch als Feier amerikanischer Größe und Selbstgewissheit missverstanden wird." Danke, dass das wenigstens im Ansatz einmal zurechtgerückt wird. Beim .....
in Guantanamo scheint das Verhältnis aber nicht 50:50 zu sein; dort sind die Bösen deutlich in der Überzahl
3. ...
aubrac 13.01.2010
Zitat von sysopIn Guantanamo und anderen Gefängnissen wurden im "Krieg gegen den Terror" muslimische Häftlinge systematisch auch mit Musik gefoltert. Musiker und Bürgerrechtsgruppen fordern nun Aufklärung. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,671000,00.html
Gibt es bald eine Bürgerrechtsgruppe, die sich dem Leid vieler Eltern, die oft stundenlang mit Hipphopp oder Metal von ihren Sprößlingen gequält werden, widmet? Ich halte die Behauptung des 'gequälten Musikhassers' er wäre aus 'Abenteuerlust' nach Afghanistan und dann irgendwie zufällig mit einer Gruppe Taliban zurück, für eine glatte Lüge. Wenn mir nun so ein zumindest für den Taliban Terror Sympathie aufbringender 'Gefolterter' erzählt, er wäre gar schrecklich gequält worden, da er Musik von Pink und Christina Auillera hören musste, kratze ich mich am Kopf: Gut. Ich soll also Mitleid mit einem Talibansymphatisanten aufbringen, da dieser 'gefoltert' wurde durch den Umstand,dass hier eine Frau, also Musikerin die unverschämte Frechheit aufbringt, freimütig über Sex zu singen. Das nennt der Muslim dann 'sexuelle Demütigung'. Tut mir leid, kein Mitleid.
4. Eminem ist übelste Folter
Michael KaiRo 13.01.2010
*SPON: Musikfolter von Guantanamo-Häftlingen Wenn Eminem zur Waffe wird* (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,671000,00.html) Jou, Eminem ist übelste Folter und dessen Musik sollte gemäß Genfer Konvention sofort verboten werden ;-) P.S.: ... zumindest als Folterwerkzeug ;-)
5. Kommt Zeit, ...
irgendwer_bln 13.01.2010
Die armen Häftlinge! Statt Schlägen, Elektroschocks, Wasserfolter usw wird ihnen nun Musik vorgespielt. Die Menschenrechtler sollten lieber die Klappe halten... Die Form der Folter ist keine neue. Die Anwendung von Musik als Druckmittel ist ebenfalls kaum jünger als die Musik selber (kennen wir teilweise schon aus dem Kinderzimmer (Einzelkinder mal ausgenommen)). Das Recht auf Information, welches die Bands nun teilweise verlangen steht ihnen zu. Ein Unterlassungsrecht können sie dennoch nicht verlangen. Die CIA wird die Aufklärung hinauszögern, bis man eine neue Form der Folter gefunden hat. Andernfalls würde man Gefahr laufen, diese Form nicht mehr einsetzen zu dürfen. Kommt Zeit, kommt...
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US-Internierungslager Guantanamo: Im Schattenreich der Folterknechte
"An den Rand des Todes und zurück" - Folterberichte
Abu Subeida
AP
Abu Subeida, ein mutmaßlich enger Vertrauer von Osama Bin Laden, wurde im März 2002 in Pakistan gefasst und dabei schwer verletzt. Die CIA sorgte dem Bericht zufolge ausdrücklich dafür, dass er gesundgepflegt wurde - nur um ihn dann foltern zu können. Dazu sei er zwischen mehreren CIA-Lagern hin- und hertransportiert worden.

"Ich erwachte, nackt, an ein Bett gefesselt, in einem sehr weißen Raum. Der Raum maß ungefähr vier mal vier Meter. (...) Nach einiger Zeit, ich glaube, dass es mehrere Tage waren, wurde ich zu einem Stuhl gebracht, an den ich an Händen und Füßen gekettet wurde, für die nächsten zwei bis drei Wochen, glaube ich. In der Zeit bekam ich durch das dauerhafte Sitzen Blasen an der Unterseite meiner Beine. (...) In den ersten zwei oder drei Wochen bekam ich, während ich auf dem Stuhl saß, keine feste Nahrung. Mir wurde nur Ensure (ein Proteingetränk, Anm.d.Red.) und Wasser zu trinken gegeben. Anfangs musste ich mich von dem Ensure übergeben, aber das wurde mit der Zeit besser. (...) Die Zelle und der Raum waren klimatisiert und sehr kalt. Die ganze Zeit spielte sehr laute Brüllmusik. Sie wiederholte sich alle 15 Minuten, 24 Stunden am Tag. Manchmal stoppte die Musik und wurde von lautem Zischen oder Knattern abgelöst. (...) Zwei schwarze Holzkisten wurden in den Raum außerhalb meiner Zelle gebracht. Eine war hoch, etwas größer als ich und schmal. (...) Die andere war kleiner. (...) Ich wurde aus meiner Zelle geholt, und einer der Vernehmenden wickelte ein Handtuch um meinen Hals, und dann benutzten sie das, um mich herumzuschleudern und mich wiederholt gegen die harte Wand des Raums zu schmettern. Auch wurde ich wiederholt ins Gesicht geschlagen. (...) Dann wurde ich in die große Kiste gesteckt, ich glaube für rund eine bis eineinhalb Stunden. Die Kiste war innen und außen total schwarz. (...) Sie bedeckten die Außenseite der Kiste mit einem schwarzen Tuch, um das Licht zu verdunkeln und meine Luftzufuhr zu drosseln. Es war schwer zu atmen. (...) Nach dem Verprügeln wurde ich in die kleine Kiste gesteckt. (...) Da sie nicht hoch genug war, um aufrecht zu sitzen, musste ich mich zusammenkrümmen. Wegen meiner Wunden war das sehr schwer. (...) Die Wunde an meinem Bein öffnete sich und begann zu bluten. Ich weiß nicht, wie lange ich in der kleinen Kiste blieb, ich bin vielleicht eingeschlafen oder ohnmächtig geworden. (...) Dann wurde ich aus der kleinen Kiste gezerrt, ohne dass ich ordentlich laufen konnte, und auf etwas geschnallt, was wie ein Krankenhausbett aussah, und mit engen Gurten sehr eng daran gefesselt. Ein schwarzes Tuch wurde über mein Gesicht gepresst, und die Vernehmer nahmen eine Mineralwasserflasche, um Wasser auf das Tuch zu kippen, so dass ich nicht atmen konnte. Nach ein paar Minuten wurde das Tuch weggenommen und das Bett in eine aufrechte Position gedreht. Der Druck der Gurte auf meine Wunden tat sehr weh. Ich erbrach mich. Dann wurde das Bett wieder in eine horizontale Position gedreht und die gleiche Folter wiederholt, mit dem schwarzen Tuch über meinem Gesicht und dem Wasser aus der Flasche. Diesmal hing mein Kopf mehr in einer rückwärtigen, nach unten gerichteten Position, und das Wasser wurde länger ausgeschüttet. Ich kämpfte mit den Gurten, versuchte zu atmen, doch es war hoffnungslos. Ich dachte, ich würde sterben. Ich verlor die Kontrolle über mein Urin. Seitdem verliere ich auch heute noch die Kontrolle über mein Urin, wenn ich unter Stress stehe. (...) Das dauerte etwa eine Woche. In der Zeit wurde die ganze Prozedur fünfmal wiederholt. (...) Einmal wurde das Ersticken dreimal hintereinander wiederholt. (...) Mehrmals brach ich dabei zusammen und verlor das Bewusstsein. Dann wurde die Folter durch die Intervention eines Arztes gestoppt."

Quelle: ICRC/Mark Danner/"New York Review of Books"
Walid bin Attasch
AP
Dem Jemeniten Walid bin Attasch wird vorgeworfen, in die Terroranschläge auf zwei US-Botschaften in Afrika 1998 und den US-Zerstörer "USS Cole" (2000) verwickelt und Osama Bin Ladens Leibwächter gewesen zu sein. Auch soll er mehrere der 9/11-Terroristen trainiert haben. Er wurde 2003 in Karachi gefasst. Attasch verlor 1997 das rechte Bein und trägt eine Prothese. Sein erstes Folterlager befand sich dem ICRC zufolge in Afghanisten.

"Die nächsten zwei Wochen war ich nackt. (...) Ich wurde in einer stehenden Position gehalten, Füße flach am Boden, aber mit meinen Armen über meinem Kopf und mit Handschellen und einer Kette an einer Metallstange befestigt, die quer durch die Zelle lief. Die Zelle war dunkel, ohne künstliches oder natürliches Licht. (...) In den ersten zwei Wochen bekam ich nichts zu essen. Ich bekam nur Ensure (ein Proteingetränk, Anm.d.Red.) und Wasser zu trinken. Ein Wärter kam jedesmal und hielt die Flasche, während ich trank. (...) Die Toilette bestand aus einem Eimer in der Zelle. (...) Mir war nicht erlaubt, mich zu säubern, nachdem ich den Eimer benutzt hatte. Während der drei Wochen, die ich dort verbrachte, spielte 24 Stunden am Tag laute Musik. (...) Nachdem ich einige Tage in dieser Position verbracht hatte, begann mein Beinstumpf zu schmerzen, weshalb ich meine Prothese entfernte, um die Schmerzen zu lindern. Daraufhin begann natürlich mein gutes Bein wehzutun und bald einzuknicken, so dass ich mit meinem ganzen Gewicht an meinen Handgelenken hing. Ich rief um Hilfe, aber anfangs kam keiner. Schließlich, nach einer Stunde, kam ein Wärter, und mir wurde meine Prothese zurückgegeben, und ich wurde abermals in die stehende Position gebracht, mit meinen Händen über meinem Kopf. Danach nahmen mir die Vernehmer manchmal absichtlich mein künstliches Bein ab, um der Position noch mehr Stress zu verleihen. (...) Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie lange sie mich so stehen ließen, aber ich glaube, es waren etwa zehn Tage. (...) Während ich so stand, musste ich eine Windel tragen. Manchmal wurde die Windel aber nicht erneuert, weshalb ich mich dann selbst beschmutzte, wenn ich urinierte oder Stuhlgang hatte. Jeden Tag wurde ich mit kaltem Wasser abgespritzt. (...) In den ersten zwei Wochen wurde mir auch jeden Tag eine Schlinge um den Hals gelegt und dann dazu beutzt, um mich gegen die Wände des Verhörraums zu schmettern. (...) In den ersten zwei Wochen wurde ich ebenfalls jeden Tag auf auf eine Plastikplane auf den Boden gelegt, die dann an den Rändern hochgehoben wurde. Kaltes Wasser wurde mit Eimern über meinen Körper geschüttet. (...) Dann wurde ich mit dem kalten Wasser für mehrere Minuten in die Plane gewickelt. Danach wurde ich zum Verhör gebracht."

Quelle: ICRC/Mark Danner/"New York Review of Books"
Chalid Scheich Mohammed
DPA
Chalid Scheich Mohammed gilt als Chefplaner der 9/11-Anschläge. Er wurde im März 2003 im pakistanischen Rawalpindi gefasst. Von dort aus wurde er dem ICRC zufolge erst nach Afghanistan gebracht und später womöglich auch nach Polen. Seine Folter erbrachte nach Angaben des damaligen Präsidenten George W. Bush wichtige Informationen über geplante Terrorakte - eine Behauptung, die jedoch von Experten bezweifelt wird.

"Ich wurde in einen anderen Raum gebracht, wo ich gezwungen wurde, während der Befragung etwa zwei Stunden lang auf Zehenspitzen zu stehen. Etwa 13 Personen waren in dem Raum. Darunter befanden sich der Chef-Vernehmer (ein Mann) und zwei weibliche Vernehmer, außerdem rund zehn Muskelmänner, die Masken trugen. Ich glaube, dass alle Amerikaner waren. Ab und zu schlug mich einer der Muskelmänner in den Brustkorb und in den Magen. (...) Für etwa 40 Minuten wurde ich mit kaltem Wasser aus Eimern überschüttet. Nicht durchgehend, da es Zeit kostete, die Eimer neu zu füllen. Danach wurde ich in den Verhörraum zurückgebracht. Einmal wurde mir während des Verhörs Wasser zum Trinken angeboten, als ich es verweigerte, wurde ich erneut in einen anderen Raum gebracht, wo ich auf den Boden gezwungen wurde, während mich drei Personen festhielten. Ein Schlauch wurde in meinen Anus eingeführt und Wasser hineingeleitet. Danach wollte ich die Toilette benutzen, weil ich das Gefühl hatte, ich hätte Durchfall. Zugang zur Toilette wurde aber erst vier Stunden später gewährt, als sie mir einen Eimer gaben. Jedesmal, wenn ich in meine Zelle zurückgebracht wurde, wurde ich in der Stehposition gehalten, mit meinen Händen in Handschellen und an die Stange über meinem Kopf gekettet. (...) Wenn sie den Eindruck hatten, dass ich nicht kooperiere, wurde ich an eine Wand gestellt und in Oberkörper, Kopf und Gesicht geboxt und geschlagen. (...) Die Prügel und der Einsatz des kalten Wassers geschah im ersten Monat jeden Tag. (...) Ich wurde an ein spezielles Bett gefesselt, das in eine vertikale Position gedreht werden konnte. Ein Tuch wurde auf mein Gesicht gelegt. Kaltes Wasser aus einer Flasche, die in einem Kühlschrank aufbewahrt worden war, wurde dann von einem Wärter auf das Tuch gegossen, so dass ich nicht atmen konnte. (...) Die Prügel wurden schlimmer, und die Wachen richteten kaltes Wasser aus einem Schlauch auf mich, während ich noch in meiner Zelle war. Der schlimmste Tag war, als ich von einem der Vernehmer rund eineinhalb Stunden lang zusammengeschlagen wurde. Mein Kopf wurde so hart gegen die Wand geschleudert, dass er zu bluten begann. (...) Die Folter an dem Tag wurde schließlich durch die Intervention eines Arztes gestoppt. (...) Sie benutzen nie das Wort 'Folter' und sprachen nie von 'physischem Druck', nur davon, es mir 'schwerzumachen'. Ich wurde nie mit dem Tod bedroht, vielmehr wurde mir gesagt, dass sie nicht erlauben würden, dass ich sterbe, sondern dass sie mich 'an den Rand des Todes und wieder zurück' bringen würden."

Quelle: ICRC/Mark Danner/"New York Review of Books"