Von Tobias Rapp
"Ich dachte, was ist denn jetzt los? Hat der seine Boombox vergessen?", sagt Ahmed. "Als er zurückkam, fragte ich ihn: ,Was soll das? Warum spielt ihr Eminem?' Er schaute mich nur an und sagte nichts."
Das nächste Mal, als er in die Verhörzelle kommt, läuft Heavy Metal statt Eminem. Stundenlang, auch tagelang. In ohrenbetäubender Lautstärke. Manchmal stellen sie ihm noch ein Stroboskop vor das Gesicht. Die Zelle ist dunkel, der Apparat schießt ihm Blitze in die Augen. Zusätzlich regeln die Verhörspezialisten die Klimaanlage nach unten. Über Stunden muss Ahmed in eisiger Kälte ausharren. Auf die Toilette lassen sie ihn auch nicht, er muss es einfach laufen lassen. Die Fesseln lassen die Beine anschwellen. Während die Musik ihn anbrüllt.
Ruhal Ahmed ist heute 28 Jahre alt und lebt wieder in Tipton, einer Kleinstadt in der Nähe von Birmingham. Er hat einen kurzgeschnittenen Bart, trägt einen Trainingsanzug, spricht mit nordenglischem Akzent. Seine Frau macht die Tür auf, sie ist schwanger, das Paar wohnt in einer Arbeitersiedlung. Ihre zweijährige Tochter läuft herum, zwei jüngere Brüder Ahmeds wohnen auch in dem Reihenhaus.
Mehr als zwei Jahre lang war er in Gefangenschaft der Amerikaner, im März 2004 wurde er wieder freigelassen. Der Regisseur Michael Winterbottom hat aus den Erlebnissen der Tipton Three einen preisgekrönten Film gemacht: "Road to Guantanamo". Es ist die Geschichte einer Reise, die unglaublich schiefgeht.
Im September 2001 waren sie zu einer Hochzeit nach Pakistan gereist, 20 Jahre alt war Ruhal Ahmed damals. Sie waren abenteuerlustig und auch naiv, sie gingen über die Grenze nach Afghanistan, obwohl der "Krieg gegen den Terror" schon drohte. Mit einer Gruppe Taliban wollten sie zurück nach Pakistan, als Kämpfer der Nordallianz sie gefangen nahmen. Sie wurden schließlich den Amerikanern übergeben. Anfang 2002 waren sie in Guantanamo.
"Wenn ich Leuten erzähle, dass Musik Folter sein kann, schauen sie mich an und denken, ich hätte nicht alle Tassen im Schrank. Wie kann eine Kunst, die so viel Freude macht, Folter sein? Aber so ist das: Normale Folter kann man aushalten. Musik
nicht. Ich habe alles gestanden, was von mir verlangt wurde. Dass ich Bin Laden und Mullah Omar kenne. Dass ich weiß, was ihre Pläne sind. Alles. Nur damit es aufhört."
In Guantanamo, in Afghanistan, im Irak und in anderen amerikanischen Geheimgefängnissen haben Soldaten der Armee und Geheimdienstleute Terrorverdächtige gefoltert, Waterboarding und Schlafentzug gehörten zu ihren Methoden und auch laute Musik. Gefangene wurden tagelang an den Handgelenken aufgehängt und danach mit den Beats von Dr. Dre beschallt. Sie wurden gefesselt und bekamen Kopfhörer aufgesetzt, über die Meat Loaf lief, stundenlang. Sie wurden in Holzkisten gesteckt und mussten nächtelang "Saturday Night Fever" von den Bee Gees ertragen. Ausgerechnet Musik, die Kunstform, die die Welt verändern wollte und es wohl auch manchmal geschafft hat, in Woodstock, bei "Rock gegen Rechts", bei Live Aid, ist eine Waffe im Krieg gegen den Terror geworden.
Es gibt Musiker, die sich dagegen wehren. Die britischen TripHopper Massive Attack gehören genauso dazu wie der amerikanische Industrial-Musiker Trent Reznor und der Country-Star Rosanne Cash. Sie fordern, dass Pop keine Waffe mehr sein darf. Sie wollen wissen, was mit ihrer Musik in den amerikanischen Gefängnissen geschehen ist.
Unterstützt werden sie von britischen und amerikanischen Organisationen. Das National Security Archive, eine amerikanische Bürgerrechtsorganisation, die die Geheimhaltungspolitik der US-Regierung bekämpft, hat auf Freigabe der Akten geklagt. Sie berufen sich auf den Freedom of Information Act. Bei elf staatlichen Institutionen wurden Anträge auf Herausgabe aller Akten gestellt, in denen "AC/DC, Aerosmith, der ,Barney & Friends'-Song, The Bee Gees, Britney Spears, Bruce Springsteen, Christina Aguilera, David Gray, Deicide, Don McLean, Dope, Dr. Dre, Drowning Pool, Eminem, Hed P. E., James Taylor, Limp Bizkit, Marilyn Manson, Matchbox Twenty, Meat Loaf, ,Meow Mix'-Jingle (eine Katzenfutterwerbung), Metallica, Neil Diamond, Nine Inch Nails, Pink, Prince, Queen, Rage Against the Machine, Red Hot Chili Peppers, Redman, Saliva, die ,Sesamstraße'-Musik, Stanley Brothers, The Star Spangled Banner, Tupac Shakur" vorkommen.
Die Liste ist in wochenlanger Recherche von Mitarbeitern des National Security Archive recherchiert worden. Es kann noch Wochen dauern, bis über die Anträge entschieden wird. Und bis die Akten geöffnet werden, sogar Monate, vielleicht Jahre.
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© DER SPIEGEL 2/2010
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