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Ausgabe 2/2010

Archäologie: Raubzug ins Allerheiligste

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War der britische Entdecker des Tutanchamun-Grabs ein Trickser und Dieb? In Museen sind heimlich entwendete Objekte aus der berühmten Pharaonengruft aufgetaucht. Dokumente beweisen: Im Tal der Könige entbrannte einst ein rücksichtsloser Verteilungskampf um die goldene Beute.

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Archäologie: Raubzug ins Allerheiligste
Es dämmerte bereits, als Howard Carter im ägyptischen Tal der Könige mit einer Brechstange eine versiegelte Grufttür aufstemmte. Mit zittrigen Händen hielt er eine Kerze in den Mauerspalt, aus dem über 3300 Jahre alte Luft entwich. Was er sehe, drängten die Leute hinter ihm. Der Ausgräber stammelte nur: "Wunderbare Dinge!"

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Die Szene aus Theben im November 1922 gilt als die Sternstunde der Archäologie. Howard Carter, gerühmt als "letzter und größter Schatzgräber der Moderne", war am Ziel.

Gut 5000 Objekte holte er aus den vier Totenkammern: Möbel, Parfumdosen, Fliegenklatschen und Straußenfedern - ein einziger Traum aus Jaspis, Lapislazuli und Türkis. Selbst ein Zeremonienstab, verziert mit Käferflügeln, kam zum Vorschein.

Jäh hoben die "unerhörten Reichtümer" (Carter) einen bis dahin nahezu unbekannten König ans Licht: Tutanchamun, um 1340 vor Christus geboren, bestieg bereits als Kind den Thron. Eine Statue zeigt ihn mit Pausbacken und zartem Gesicht. Später heiratete er seine ältere Schwester und zeugte mit ihr zwei Kinder - beides Frühgeburten. Die Föten fand man verstaut in prachtvollen Särglein.

Schon mit etwa 18 Jahren starb der Monarch. Als passionierter Rennfahrer (im Grab lagen sechs seiner Streitwagen), der oft in der Ostwüste mit seinem Hund Strauße jagte, war er womöglich mit der Jagd-Kalesche gestürzt und an einer nachfolgenden Blutvergiftung verendet.

Bis heute ist die Neugierde an dem Herrscher mit der Kobra-Krone ungebrochen. In Hamburg läuft gerade eine Repliken-Ausstellung, die bereits 150 000 Menschen anzog. Nichts auch nur annähernd Vergleichbares ist je aus den Zeiten kulturellen Anbeginns hinübergerettet worden: 27 Handschuhe, 427 Pfeile, 12 Hocker, 69 Truhen, 34 Wurfhölzer - schon die schiere Menge an Beigaben ist atemberaubend.

Als Carter in die Kaverne eindrang, duftete sie noch nach Salböl. Auf den Särgen lagen Blaue Lotosblumen und Beeren des Nachtschattens.

Derlei Glanz strahlte auf den Entdecker ab. Carter wurde zum Ehrendoktor ernannt. US-Präsident Calvin Coolidge empfing ihn zum Tee. Horst Beinlich, Ägyptologe an der Universität Würzburg, hält ihn für einen "grundehrlichen Mann voller Idealismus".

Doch das stimmt offenbar nicht. Dokumente belegen, dass der Scherbenheld schummelte: Er manipulierte Fotos, fälschte die Funddokumentation und betrog die ägyptische Antikenbehörde.

Erst in Ansätzen ist der Machtkampf enthüllt, der sich nach der Entdeckung in der mit Pilzsporen belasteten Gruft zu entspinnen begann. Carter wollte möglichst viel an goldener Beute nach England und in die USA schieben. Dagegen regte sich bald Widerstand. Zwar war Ägypten seit 1914 britisches Protektorat. Doch die Antikenverwaltung des Landes lag in der Hand eines störrischen Franzosen.

Zugleich drängte der Staat nach nationaler Freiheit. Er stelle sich auf einen "höllischen Kampf" ein, notierte der Ausgräber 1923, als er mit dem sperrigen Minister Morcos Bey Hanna in Streit geriet.

Am Ende schlug der ganze Plan fehl: Das Erbe des goldenen Pharaos blieb in Kairo - Ende einer Ära rücksichtslosen Kulturgütertransfers. Carter und seine Leute gingen leer aus.

Aber nur offiziell. Unter der Hand griff das Team unerlaubt zu. In mehreren Museen sind jetzt Objekte enttarnt worden, die zum Schatz Tutanchamuns gehören.

Neuestes Beispiel ist ein kleiner Totendiener ("Uschebti") aus weißer Fayence, der im Louvre steht. Als der Ägyptologe Christian Loeben jüngst das Museum an der Seine besuchte, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen: "Auf der Statuette steht der Thronname Tutanchamuns", erklärt er, "sie kann nur aus seinem Grab stammen."

Auch in Kansas City wurde Verbotenes aufgespürt. Es handelt sich um zwei goldene Falkenköpfe. Eine Prüfung ergab, dass sie zu einem Halskragen gehören, der direkt auf der mit 20 Liter Salböl verklebten Haut der Mumie lag. Beim Abnehmen zerriss das Geschmeide. Carter sammelte den Bruch ein und schenkte ihn seinem Zahnarzt.

In Deutschland sind ebenfalls Tutanchamun-Objekte gestrandet. Ein sächsischer Museumsdirektor (der anonym bleiben will) gab dem SPIEGEL gegenüber zu, Besitzer von blauen Fayenceperlen zu sein: "Carter hatte sie beim Ausfegen der Grabräume eingesteckt und später seiner Sekretärin geschenkt."

Über ein Auktionshaus geriet er an die dubiose Ware.

Derlei Umgang mit fremdem Eigentum bestärkt einen Verdacht, den bereits in den siebziger Jahren der ehemalige Direktor des Metropolitan Museum of Art in New York, Thomas Hoving, erhob. Anhand interner Aktennotizen belegte er, dass Carter und sein Kompagnon - der englische Earl of Carnarvon - ungeniert lange Finger machten:

  • Dem ägyptischen König Fuad I. schenkten sie eine Spange, die den Pharao auf einem Kriegswagen zeigt.

  • Der US-Ölbaron Edward Harkness erhielt einen Ring aus Gold.

Auch Carnarvon selbst gierte nach Nachschub. Er wolle "ungestempeltes Zeug", also schwer identifizierbare Fundstücke ohne Namenskartuschen - das schrieb der Adlige am 22. Dezember 1922 von seinem Schloss Highclere in Richtung Theben.

Einmal wurde Carter beim Mogeln erwischt. Er hatte eine bemalte Büste des jungen Pharao ohne Registriernummer in einem Seitengelass verschwinden lassen. Kontrolleure entdeckten das "Meisterstück antiker Bildhauerkunst" (Hoving) in einer Weinkiste.

Der Brite redete sich heraus, der Skandal wurde nie publik.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. u
Klo, 13.01.2010
Zitat von sysopWar der britische Entdecker des Tutanchamun-Grabs ein Trickser und Dieb? In Museen sind heimlich entwendete Objekte aus der berühmten Pharaonengruft aufgetaucht. Dokumente beweisen: Im Tal der Könige entbrannte einst ein rücksichtsloser Verteilungskampf um die goldene Beute. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,671001,00.html
Ich persönlich habe keinerlei Zweifel, dass dort damals geklaut wurde. Aber wenn das Zeug heute in Museen gelandet ist, dann ist das Problem, dessen juristischer Nachweis ja wohl sehr schwierig sein dürfte, kaum mehr behandelbar. Im Grunde ist alles gut. Fast.
2. ....
retmar 13.01.2010
Zitat von KloIch persönlich habe keinerlei Zweifel, dass dort damals geklaut wurde. Aber wenn das Zeug heute in Museen gelandet ist, dann ist das Problem, dessen juristischer Nachweis ja wohl sehr schwierig sein dürfte, kaum mehr behandelbar. Im Grunde ist alles gut. Fast.
Speziell bei dem "Zeug" aus dem Tutanchamungrab ist die Rechtslage eindeutig. Wenn sich irgendwo in der Welt, ohne Genehmigung des Eigentümers Ägypten, Gegenstände befinden, die dem besagten Grab zuzuordnen sind, dann ab nach Hause damit. Ohne weitere Diskussion.
3. Diebesgut zurückgeben
Holperik, 16.01.2010
Zitat von retmarSpeziell bei dem "Zeug" aus dem Tutanchamungrab ist die Rechtslage eindeutig. Wenn sich irgendwo in der Welt, ohne Genehmigung des Eigentümers Ägypten, Gegenstände befinden, die dem besagten Grab zuzuordnen sind, dann ab nach Hause damit. Ohne weitere Diskussion.
Dann aber auch die Büste der Nofretete, die ja auch falsch deklariert aus Ägypten entwendet wurde.
4. oh je
Meckerliese 16.01.2010
Dann müsste mal zuerst die Räuberhöhle Britisches Museum ausgeräumt werden. Die wäre dann leer.
5. ?
compiz.real 16.01.2010
Was ich als nichtmal Hobby-Archäologe nicht verstehe ... War es auch schon damals nicht völlig abwägig anzunehmen, dass ein Grab nur zum Teil geplündert wurde? Welcher "ehrenhafte" Grabräuber würde wohl 40% der wertvollen Gegenstände zurücklassen? Mir als Laie hätte sich sofort die Vermutung aufgedrängt, dass Carter & Konsorten schwindeln. Etwas off topic: Gibt es eigentlich genauere Untersuchungen / Aufzeichnungen bzgl. der Auswirkungen der Inzest unter den Herrschenden Familien? Politische Strategie zur Machtfestigung ist ja das eine. Aber es handelte sich um eine sehr fortschritt- liche Zivilisation zu dieser Zeit. Und die Folgen der Inzest muss doch den Herrschenden bewusst gewesen sein?! Grüße
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