AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2010

Wechselkurse Auf Kosten der anderen

Um die Wirtschaft anzukurbeln, koppelt China seine Währung wieder an den Dollar. Diese Politik verschärft die globalen Ungleichgewichte - sie schadet aber auch dem Land selbst.

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Exportweltmeister China: Auf Kosten der anderen
Es ist gerade mal gut ein Jahr her, da kämpfte Huang Fajing, 55, gegen die Pleite. Seine rund 500 Arbeiter hatte der Chef des Feuerzeugherstellers Rifeng Lighter wegen der globalen Krise in den vorzeitigen Heimaturlaub geschickt, er selbst hockte ratlos vor dem Fernseher in seinem Luxusapartment in der ostchinesischen Industriestadt Wenzhou.

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Heft 2/2010
Der Konzern, der mehr über Sie weiß als Sie selbst

Inzwischen wird längst wieder eifrig gehämmert und gelötet in Wenzhou, das die Welt mit Billigware beliefert - von Hosenknöpfen über Elektrokabel bis eben zu Feuerzeugen: Bei Rifeng pressen grauuniformierte Arbeiter winzige Metallteile in die Gehäuse, die dann an Raucher in Europa, den USA oder Japan verkauft werden.

Jeden Handgriff, den die jungen Frauen und Männer hier verrichten, hat Huang knallhart kalkuliert, denn pro Feuerzeug macht er im günstigsten Fall fünf Prozent Gewinn. Dass er die Krise überhaupt überlebte, verdankt er seiner Regierung. Die nämlich koppelt den Wechselkurs des Yuan seit Sommer 2008 praktisch wieder an den US-Dollar.

Auf diese Weise sorgt Peking dafür, dass die Weltfabrik immer billiger exportiert. Weil der Kurs des Dollar stark gesunken ist, fällt auch der Yuan automatisch - gegen den Euro verlor er 2009 bis zu 17 Prozent an Wert. Der künstlich niedrige Wechselkurs ist gleichsam die Krücke, mit der der chinesische Staat viele seiner Exportunternehmen vor dem Absturz bewahrt. Nur ihm ist es zu verdanken, dass die Ausfuhren im November 2009 nur noch um 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat fielen - und China Deutschland als Exportweltmeister ablöste.

Viele im Westen sehen die aufsteigende Wirtschaftsmacht als riesigen Wachstumsmotor, der die übrige Welt aus der Krise befreit. Die Regierung in Peking hat die heimische Wirtschaft mit einem gigantischen Konjunkturpaket von vier Billionen Yuan, das entspricht 400 Milliarden Euro, angekurbelt, im ganzen Land werden neue Straßen, Eisenbahnen und Flughäfen gebaut, der Konsum, etwa der Kauf eines Autos, wird großzügig mit Steuernachlässen gefördert.

Tatsächlich aber vergrößert der Exportriese mit seiner aggressiven Wechselkursstrategie die globalen Ungleichgewichte, die gerade auch die jüngste Finanzkrise mit verursachten - und die deshalb eigentlich verringert werden müssten.

Zugleich riskiert China langfristig neue Handelskonflikte, zunächst einmal mit den Nachbarn. Auf deren Märkte lenkt es einen Teil der Ausfuhren um, welche es in Europa und den USA seit Ausbruch der Krise schlechter absetzen kann.

Vietnam wertete seine Währung Dong kürzlich bereits um fünf Prozent ab, das verteuert die Importe und schützt die heimische Industrie vor der Flut chinesischer Waren. Indien reichte bei der Welthandelsorganisation WTO eine ganze Serie von Dumping-Klagen ein, etwa gegen billiges Import-Papier aus dem Nachbarland, und Indonesien wehrt sich mit Schutzzöllen etwa gegen chinesische Nägel.

Westliche Konzerne dagegen blicken derzeit noch relativ gelassen auf Pekings Wechselkurspolitik: Hersteller, die von China aus billig Schuhe, Elektrobohrer oder Computer in ihre Heimatmärkte liefern, haben kaum Grund zum Klagen. Und viele deutsche Unternehmen, besonders Maschinenbauer, können ihre Produkte noch immer in das Reich des billigen Yuan liefern, weil ihre chinesischen Kunden häufig durchaus bereit sind, für deutsche Wertarbeit höhere Preise zu zahlen.

Gleichwohl wächst auch in Europa und den USA der Widerstand gegen eine Politik, mit der China sich praktisch auf Kosten der übrigen Welt gesundzuexportieren versucht. Denn überall im Land wetteifern chinesische Provinzkader geradezu darum, lokale staatliche Fabriken auszubauen und neue zu errichten. Allein die Stahlbranche erhöhte ihre Kapazitäten innerhalb von nur zwei Jahren um rund ein Drittel.

Die Welt muss sich daher auf eine neue Flut billiger Waren "made in China" gefasst machen: "In der zweiten Hälfte 2010 wird es leider viel mehr Dumping-Klagen gegen China geben", prophezeit Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking.

Ende Dezember verhängte die EU bereits einen Anti-Dumping-Zoll von 64,3 Prozent auf chinesischen Metalldraht für die Autoindustrie, die USA schützen sich mit Zollaufschlägen vor billigen Reifen oder Stahlrohren. Peking droht mit symbolischer Vergeltung gegen amerikanische Hühnchen oder Autos.

Dabei schadet sich die Volksrepublik mit ihrer Politik des künstlich niedrigen Yuan langfristig vor allem selbst - wie ein Entzugspatient, der verzweifelt wieder zur Droge greift. Denn um den Yuan unbedingt niedrig zu halten, muss die chinesische Zentralbank ständig Dollar aufkaufen. Auf diese Weise häufte sie mit 2,3 Billionen Dollar die höchsten Devisenreserven der Welt an. Rund zwei Drittel seiner Reserven investierte China in amerikanische Währung, vor allem in US-Staatsanleihen, doch da der Dollar-Kurs nachgibt, fällt zugleich auch der Wert dieser Anlage.

Eine Debatte über die chronische Abhängigkeit der chinesischen Wirtschaft von manipulierten Wechselkursen findet jedoch nicht statt. Bei einem Treffen mit EU-Abgesandten in Nanjing schmetterte Premier Wen Jiabao das höflich vorgebrachte Ansinnen, den Wert seiner Währung gegenüber dem Dollar heraufzusetzen, um die Exportflut einzudämmen, gereizt als "unfair" ab. Selbst US-Präsident Barack Obama scheute sich bei seinem jüngsten Besuch des Landes, das politische Tabuthema mit gebotenem Nachdruck anzusprechen.

Pekings Machthabern ist das Thema offensichtlich peinlich - immerhin war es ihr erklärtes Ziel, zu einer ausgeglichenen Leistungsbilanz mit dem Ausland zu gelangen - und zwar Ende 2010.

Dieses Ansinnen war das Werk von Männern wie Yu Yongding, 61. Der frühere Berater der chinesischen Zentralbank empfängt im 15. Stock in der Akademie für Sozialwissenschaften in Peking, der ehrwürdigen staatlichen Denkfabrik. Früher war er der Vordenker einer Weltmacht, heute muss er um sein Lebenswerk bangen.

Seinen größten Triumph feierte Yu am 21. Juli 2005. Damals wertete die Volksbank, wie die Zentralbank sich offiziell nennt, den Yuan leicht gegenüber der amerikanischen Währung auf. Zugleich hob sie den sogenannten Dollar-Peg auf: Statt den Yuan weiter fest an den Dollar zu koppeln, sollte er fortan in festgelegter Bandbreite zu einem Korb aus mehreren Währungen schwanken.

Auf diese Weise erhöhte sich der Wert des Yuan gegenüber dem Dollar bis November 2008 immerhin um 22 Prozent. Reformer wie Yu feierten die Kurskorrektur als symbolischen Anfang, sie wähnten China auf dem Weg, sich aus der Abhängigkeit von Malocher-Industrien zu befreien. Der höhere Yuan sollte auch die Importe nach China verbilligen, den privaten Konsum ankurbeln und die Volksrepublik langfristig auf das Niveau einer Hightech-Nation hieven. "Wir können uns doch nicht ewig von den USA als Billiglohnland ausbeuten lassen", sagt Yu.

Doch im Zuge der globalen Krise gerieten die Reformer in die Defensive. Das gilt auch für Zhou Xiaochuan, den Gouverneur der Notenbank. Zhou setzt den Yuan-Kurs praktisch auf Weisung des Kabinetts fest, und das will den Export mit allen Mitteln stützen, um das Wachstumsziel des Bruttoinlandsprodukts von acht Prozent zu erreichen - tatsächlich dürfte der Anstieg 2009 mit rund neun Prozent noch höher liegen.

Mit seinem starren Wechselkursregime facht Zhou aber auch Chinas gewaltige Wirtschaftsblase an. Denn einen Teil der Devisen, die er unaufhörlich vom Markt saugen muss, um den Yuan-Kurs zu stützen, pumpt er anschließend in Form erhöhter Liquidität zurück in den Geldkreislauf. Und die Banken befeuern mit günstigen Krediten indirekt massiv die Spekulation mit Aktien und Immobilien.

Die Blase könnte platzen, wenn die USA plötzlich ihre Zinsen erhöhen. Denn mit dem festgezurrten Yuan macht sich China letztlich abhängig von der amerikanischen Geldpolitik. "Niemand weiß, wie tief der Dollar noch fällt", sagt Ökonom Lin Jiang von der Sun-Yat-sen-Universität in Guangzhou, "oder wann die USA plötzlich ihre Politik des lockeren Geldes beenden."

Doch viele Landsleute sehen ausgerechnet in der Dollar-Bindung ein Symbol der nationalen Souveränität: "Je mehr der Westen China zur Aufwertung des Yuan drängt, desto weniger wird die Regierung sich bewegen", sagt der frühere Zentralbank-Berater Yu.

Huang, der Feuerzeugfabrikant, hofft auf jeden Fall weiter auf den niedrigen Yuan. "Wertet Peking um mehr als 1,5 Prozent auf", sagt er, "gehe ich pleite."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 131 Beiträge
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Seite 1
jan delta 12.01.2010
1. -
Zitat von sysopUm die Wirtschaft anzukurbeln, koppelt China seine Währung wieder an den Dollar. Diese Politik verschärft die globalen Ungleichgewichte - sie schadet aber auch dem Land selbst. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,671432,00.html
Zum Glück agieren die USA auf dem Weltmarkt ja bis zur Selbstaufgabe zum Wohle der restlichen Welt!
mbberlin, 12.01.2010
2. ...
Bevor wir unsere eigene Wirtschaft nicht im Griff haben und, wie jüngst, von deren Risiken nicht mal ansatzweise geahnt haben, sollten wir uns hüten, andere zu analysieren, liebe SPON-Redaktion.
laosichuan 12.01.2010
3. Schlechter Verlierer
Zitat von sysopUm die Wirtschaft anzukurbeln, koppelt China seine Währung wieder an den Dollar. Diese Politik verschärft die globalen Ungleichgewichte - sie schadet aber auch dem Land selbst. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,671432,00.html
Chinas Wirtschaftswachstum beruht auf 1. Bildung, Bildung und noch mal Bildung. Keine 1/2-Tagsschulen, keine "Volks-" Schulen 2. Sehr vielen Menschen, die unglaublich motiviert und fleißig arbeiten 3. Eine Regierung die langfristig und strategisch denkt und dabei universelle Prinzipien wie "spare in der Zeit, dann hast Du in der Not" beherzigt. Also wenn ich Merkel wäre, würde ich den ehemaligen Ministerpräsidenten Zhu Rongji als Wirtschaftsberater der Bundesregierung einstellen, und ihm alle denkbaren Kompentenzen geben. Nörgeln tun nur schlechte Verlierer.
brux 12.01.2010
4. Sehr wahr
Zitat von sysopUm die Wirtschaft anzukurbeln, koppelt China seine Währung wieder an den Dollar. Diese Politik verschärft die globalen Ungleichgewichte - sie schadet aber auch dem Land selbst. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,671432,00.html
China ist schon ein merkwürdiges Land. Natürlich haben die Kommunisten noch immer keine Ahnung, wie man (sozial und ökologisch) nachhaltig wirtschaftet. Aber sie haben sich eine simplistische Version des Kapitalismus zu eigen gemacht, die erstaunlich gut funktioniert. Aber eben nur so lange, wie die Amerikaner und Europäer das know-how und das Design liefern und die fertigen Produkte abnehmen. Und nur so lange, wie das chinesische Proletariat und die aufsteigende Mittelklasse stillhalten. Das know-how kann so schnell abgezogen werden, wie es gekommen ist. Die Innovationskraft asiatischer Gesellschaften selbst ist recht mickrig, da Kreativität nicht hoch angesehen und nicht gefördert wird. Das Proletariat kann man auch nur eine Zeit unterdrücken. Wirklich gefährlich wird es, wenn die Mittelklasse den Zukunftsglauben verliert und sozial wieder absteigt. Dann hat China genau die Bedingungen, die der Marxismus-Leninismus am Vorabend der Revolution sieht. Genau deshalb muss sich Europa auf die eigenen Stärken besinnen und den naiven Popanz der Globalisierung beerdigen. Leider hat die grösste Wirtschaftsmacht der EU derzeit eine Regierung, in der die weltfremden Liberalen mit ihrer Marktideologie die Wirtschaftspolitik bestimmen. Wir haben eben zu viele Betriebswirte und zu wenige echte Denker.
Tommi16 12.01.2010
5. Gut das es China gibt
Zitat von sysopUm die Wirtschaft anzukurbeln, koppelt China seine Währung wieder an den Dollar. Diese Politik verschärft die globalen Ungleichgewichte - sie schadet aber auch dem Land selbst. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,671432,00.html
Machen es die Chinesen nicht so wie wir, meckern wir. Machen es die Chinesen so wie wir, meckern wir. Bloß gut das es China gibt, da haben wir immer was zu meckern.
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