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Ausgabe 2/2010

Brauereien: Eine Kiste Bier für 2,99 Euro

Von Nils Klawitter

Die Preisdrückerei der Discounter nimmt groteske Züge an: Bier ist mitunter schon billiger zu haben als Mineralwasser. Wie kommen solche Preise zustande?

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Brauereien: Eine Kiste Bier für 2,99 Euro
Das neue Jahr beginnt, wie das alte endete: Die Discounter unterbieten sich gegenseitig, in grellbunten Anzeigen verkünden sie immer neue Tiefstpreise - nie war der Wettbewerb im deutschen Einzelhandel härter.

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Es geht offenbar immer noch billiger. Eine Kiste Bier gibt es beim Edeka-Ableger Netto mittlerweile zum Aktionspreis von 3,77 Euro pro Kiste. 20 Halbliter-Flaschen sind da drin. Die Flasche kostet also knapp 19, ein ganzer Liter 38 Cent. Viele Mineralwässer sind teurer.

"Keine Brauerei kann für diesen Preis Bier produzieren", sagt Lars Seyfrid von der Kampagne für gutes Bier. Seyfrid kommt selbst aus der Branche. Um kostendeckend zu arbeiten, brauche man "mindestens 28 Cent pro Flasche". Verkauft der Einzelhandel also unter Einstandspreis, was nach dem Wettbewerbsrecht verboten ist?

Nein, sagt eine Sprecherin von Netto zum Vorwurf von Dumpingpreisen. Der Einkaufspreis liege "selbstverständlich unter dem Verkaufspreis". Sie spricht von Grenzkosteneffekten. Der Einzelhandel sorgt für die Auslastung der Brauereien und lässt das Bier teilweise direkt dort abholen.

Das Problem: Seit Jahren schwächelt der Bier-Absatz. Im Jahr 1990 trank jeder Deutsche noch im Schnitt 143 Liter im Jahr, heute sind es nur noch 111. Da die Zahl der Brauereien aber seit Jahren konstant bleibt, ist tendenziell zu viel Bier auf dem Markt.

Um ihre Anlagen auszulasten, fahren selbst bekannte Brauereien inzwischen mehrgleisig: Ins eine Fass kommt die Marke, ins andere das No-Name-Bier für ein Drittel des Preises. Zwar kann das Netto-Gebräu "Grafensteiner" in Online-Biertests nicht immer überzeugen ("Beigeschmack nach ranzigen Erdnüssen") - in der Flasche ist allerdings Qualitätsbier, etwa "Beste Badische Braukunst" aus der Brauerei Moninger in Karlsruhe.

Im Osten setzt der Einzelhändler auf Meisterbräu - meist verkapptes Freiberger Pils, das zur Radeberger Gruppe gehört. Eine Unternehmenssprecherin deutet vorsichtig an, dass solche Preise nicht der "Preisempfehlung" von Radeberger entsprächen. Doch ein Nachschubproblem an billigem Bier ist nicht in Sicht: Zehn regionale Brauereien beliefern den Discounter Netto.

In Zwickau beispielsweise sitzen Werner Weinschenk und Rainer Otto, die es vor einigen Jahren wagten, die dortige Mauritius-Brauerei aus dem Inbev-Konzern herauszukaufen. Muldenwasser nannte man das Pils zu DDR-Zeiten, die Trübung ähnelte der des nahen Flusses.

Von 170.000 Hektolitern zu Wendezeiten wuchs die Produktion auf rund 400.000 Hektoliter, doch große Sprünge erlaubt das nicht. "Wir finanzieren hier mal ein paar Trikots oder da mal ein paar Sonnenschirme", sagt Weinschenk, "das ist unser Guerilla-Marketing." Die Marke Mauritius macht inzwischen nur noch 25 Prozent der Produktion aus, der Großteil geht in die eigene Billigmarke Sachsengold, das mitunter für 3,99 Euro pro Kiste verscherbelt wird - Aktionen, die der Handel "aus seiner Kasse bezahlt", so Weinschenk.

Er und Otto wursteln sich trotz Einbußen irgendwie durch, die Löhne in Sachsen sind relativ niedrig. Und qualitativ, glaubt Otto, "unterscheidet uns eigentlich nichts von Fernsehbieren wie Warsteiner und Bitburger". Genau das könnte aber sein Problem werden.

Wenn ein regionales Bier sich in nichts mehr von den Industriebieren der Konzerne unterscheidet, weshalb sollte der Kunde dann zugreifen? Wie die Großen ersetzen die Zwickauer die rohen Hopfendolden etwa durch günstigere Hopfenpellets. Auch Hopfenpulver und -extrakte sind in der Industrie sehr beliebt, weil bequem, billig und gleichförmig im Geschmack.

Dem deutschen Reinheitsgebot - einem der größten PR-Mythen in der Lebensmittelbranche - widersprechen solche Praktiken nicht. Diverse Bierverordnungen haben das Gebot von 1516 ohnehin völlig aufgeweicht. Neben Wasser, Malz, Hopfen und Hefe sind heute chemische Hilfsstoffe beim Brauen zugelassen. Aus Gründen der Farbe darf manchem Bier auch Zuckercouleur zugesetzt werden. Zwar sind andere Konservierungsmittel, Farbstoffe und billige Ersatzgetreide wie Mais hierzulande noch tabu. Doch wirklich traditionell mit eigener Mälzerei und Naturhopfen arbeiten nur noch wenige Brauereien wie etwa Augustiner oder die Bio-Pioniere Neumarkter Lammsbräu.

Während das teure Marktsegment solcher Handwerksbiere relativ krisenresistent ist, brechen die mittleren Preisklassen völlig weg. Davon profitieren Unternehmen wie die bayrische Oettinger-Brauerei, mit 6,6 Millionen Hektolitern der größte Produzent Deutschlands - und der billigste.

Geschäftsführer Dirk Kollmar sieht sein Bier lieber als "Premiumprodukt in der Preiseingangsstufe". Er dirigiert die Firma vom Standort Gotha, wo er gern sein Strategiepapier "Verzicht auf W-G-KT" präsentiert. W steht für Werbung, G für Gastronomiesponsoring und KT für Kostentreiber wie Berater und Media-Agenturen.

Etwa 5,90 Euro koste eine Kiste Oettinger, sagt Kollmar. Billiger, heißt es in der Branche, könne auf Dauer keiner. Alle Preise darunter seien "Zugpferde des Handels, eine Aktionitis, mit der wir nichts zu tun haben". Dennoch gingen weder bei der Wettbewerbszentrale noch beim Kartellamt bisher Beschwerden über Preisdumping ein.

Vor ein paar Wochen bot eine Globus-Filiale in Neutraubling bei Regensburg die Oettinger-Kiste sogar für 2,99 Euro an. Das war, "wenn Sie so wollen, ein Druckfehler", sagt der Leiter der dortigen Getränkeabteilung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 297 Beiträge
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1. Titel
Olaf 14.01.2010
Zitat von sysopDie Preisdrückerei der Discounter nimmt groteske Züge an: Bier ist mitunter schon billiger zu haben als Mineralwasser. Wie kommen solche Preise zustande? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,671651,00.html
Keine Ahnung warum Mineralwasser so teuer ist.
2. Bier statt Opium fürs Volk?
Brand-Redner 14.01.2010
Zitat von sysopDie Preisdrückerei der Discounter nimmt groteske Züge an: Bier ist mitunter schon billiger zu haben als Mineralwasser. Wie kommen solche Preise zustande? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,671651,00.html
Vielleicht sind das die Vorboten der neuen CDU - Strategie, die angeblich gerade erarbeitet wird: Nicht mehr Freiheit, sondern "Freibier statt Sozialismus"?
3. Billiges Bier
Peter Sonntag 14.01.2010
Geht doch ! Aber beim Oktoberfest ist es etwas teurer, und trotzdem wird es gekauft. Die Leute haben immer noch viel zuviel Geld.
4. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Mulharste, 14.01.2010
Zitat von sysopDie Preisdrückerei der Discounter nimmt groteske Züge an: Bier ist mitunter schon billiger zu haben als Mineralwasser. Wie kommen solche Preise zustande? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,671651,00.html
Wollen wir diese Kaltgetränke einfach nicht Bier nennen. Oettinger ist ungenießbar. Sachsengold ist ungenießbar. Das hat mit Bier soviel zu tun , wie ien Trabbi mit nem Auto. Man kommt zwar von A nach B (man wird also dicht), aber mehr auch nicht.
5. ...
Trotz.Kopf 14.01.2010
Zitat von MulharsteWollen wir diese Kaltgetränke einfach nicht Bier nennen. Oettinger ist ungenießbar. Sachsengold ist ungenießbar. Das hat mit Bier soviel zu tun , wie ien Trabbi mit nem Auto. Man kommt zwar von A nach B (man wird also dicht), aber mehr auch nicht.
Also schmeckt Bier nur dann gut wenn es aus der richtigen Flasche kommt. Inhalt ist das gleiche, nur der Name ändert sich...
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Die Discounter in Deutschland
Aldi
Die unangefochtene Nummer eins der Lebensmittel-Discounter in Deutschland, Aldi , ist ebenso erfolgreich wie verschwiegen. Branchenexperten schätzen, dass Aldi 2011 weltweit rund 57 Milliarden Euro Umsatz gemacht hat. Der Gewinn wird auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzt. Insgesamt betreibt der Marktführer in Deutschland etwa 4300 Filialen.
Lidl
Auch der zweitplatzierte Lidl lässt sich nicht gerne in die Zahlen schauen. Für 2011 wird der weltweite Umsatz auf 50,4 Milliarden Euro geschätzt. Das Flaggschiff der Schwarz-Gruppe betreibt bundesweit rund 3100 Filialen. Lidl verkauft - anders als Aldi - auch viele Markenartikel.
Netto
Nach dem Zusammenschluss mit Plus ist Netto der drittgrößte Discounter Deutschlands. Die Edeka-Tochter hat in Deutschland rund 4000 Filialen. Der Umsatz lag 2011 bei etwa 13,7 Milliarden Euro.
Penny
Der Discounter Penny des Rewe-Konzerns erwirtschaftete 2011 mit seinen bundesweit 2400 Filialen rund zwölf Milliarden Euro Umsatz. Rewe hatte sich 2007 mit Edeka eine Bieterschlacht um den Discounter Plus geliefert, unterlag jedoch.
Norma
Der Discounter hat in Deutschland rund 1300 Filialen und erwirtschaftet einen Umsatz von schätzungsweise 2,7 Milliarden Euro. Der Schwerpunkt des Filialnetzes liegt in Süddeutschland, aber auch in Frankreich, Tschechien und Österreich gibt es Norma-Märkte.