Von Tobias Rapp
Sie hat dunkelblonde Haare, unter denen ihr Gesicht hervorschaut, einen bunten Kopfhörer um den Hals, und sie kann reden, reden, reden. Über die falsche Kapitalismuskritik der Berliner Theater und ihre verlogenen Versuche, die Finanzkrise zur Aktualisierung ihrer verstaubten Inszenierungen zu benutzen. Über die Geschlechterbilder im US-amerikanischen Rock der frühen Siebziger, über das Luxusbiotop Prenzlauer Berg, über Kinder und darüber, wie schwer es ist, das Leben zu leben, das man wirklich will.
"Wir Kinder vom Café Schoenbrunn" hätte sie ihren Roman auch betiteln können. Denn der plakative Exzess ist nur die eine Seite. Das Buch erzählt auch davon, wie schwierig es ist, im bunten Berliner Themenpark der alternativen Lebensstile einen Ort für die Rebellion zu finden. Wie es ist, Jugendlicher in einer Umgebung zu sein, die für die Elterngeneration ein großer Abenteuerspielplatz war und in der es nun keine Freiräume mehr zu erkämpfen gibt, weil die Eltern das schon erledigt haben.
"Ich fühle mich ja wohl hier", sagt sie. "Aber viele weigern sich anzuerkennen, dass wir nicht mehr 1994 haben, als hier alles noch umkämpft war. Das ist jetzt ein Erlebnispark. Und eben nicht mehr Punkrock und Revolution."
Als sie 1992 auf die Welt kam, war es noch so. Helene ist die Tochter von Carl Hegemann, dem legendären ehemaligen Chefdramaturgen der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wo seit 1992 unter dem Intendanten Frank Castorf all die Strategien ausgeheckt wurden, wie man einem Stadttheater neue Relevanz geben kann. Sie haben die Türen weit aufgerissen, das Haus für den Stadtteil geöffnet, die Subkulturen und den Pop hereingelassen. Neben Castorfs eigenen Inszenierungen waren die großen Christoph-Schlingensief-Spektakel die größten Erfolge dieser Freunde des erweiterten Theaterbegriffs. 2006 verließ Hegemann die Volksbühne, um eine Professur in Leipzig anzunehmen. Er pendelt von Berlin aus.
Auch Carl Hegemann kann reden, reden, reden. Als er einmal eine Diskussionsveranstaltung mit Michel Houellebecq moderieren sollte und dieser nicht auftauchte, redete Hegemann einfach anderthalb Stunden mehr oder weniger allein von der Bühne herunter. Es war wahrscheinlich besser, als jedes Gespräch mit dem Schriftsteller hätte sein können.
Das war im Jahr 2000, da war Helene in Bochum. Als Kleinkind war sie oft mitten drin gewesen im Volksbühnen-Wahnsinn, manchmal schlief sie während einer Premierenfeier hinter der Bühne. Dann trennten sich ihre Eltern, sie ging mit ihrer Mutter weg. Mit 14 kehrte Helene, nach dem Tod ihrer Mutter, zurück nach Berlin. Zu einem Vater, der, wie sie sagt, "Angst hatte, ich könnte sein Leben zerstören". Auch das ist Teil des Lebens der Boheme: Die Selbstverwirklichung verträgt sich schlecht mit der Verantwortung für andere.
Helene fing an, die Schule zu schwänzen, und zwar so richtig. "Ich hatte 160 Fehltage pro Jahr", sagt sie. Morgens verließ sie das Haus, fuhr ein wenig mit dem Bus herum, bis um zehn Uhr morgens das Kulturkaufhaus Dussmann aufmachte. Dort setzte sie sich hin und las, bis die ersten Filmvorführungen in einem der Berliner Kinos begannen. Die Folgen waren ernst. Die Polizei stand vor der Tür, Helene war kurz davor, in die Psychiatrie eingewiesen zu werden. "Es war asozial", fasst sie diese Zeit zusammen. "Beinahe hätte ich meinen Film nicht machen dürfen."
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