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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2010

Autoren: Das Wunderkind der Boheme

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Die Schülerin Helene Hegemann ist erst 17 und lebt in Berlin. In ihrem ersten Roman erzählt sie, wie schwer jungen Menschen die Rebellion fällt, wenn schon die Eltern Rebellen sind.

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Wunderkind Hegemann: Mit 17 auf der großen Bühne
Aus der Ferne kann einem Helene Hegemann ganz schön Angst machen. Wofür andere ein halbes Leben brauchen, das hat sie in etwas mehr als drei Jahren geschafft. Sie hat einen Kinofilm gedreht, ein Theaterstück geschrieben und als Schauspielerin gearbeitet. Nun erscheint ihr erster Roman: "Axolotl Roadkill"*. Er handelt von harten Drogen, anonymem Sex und exzessivem Ausgehen. Helene Hegemann ist 17 Jahre alt.

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Aus der Nähe ist aber alles nur halb so wild. Sie kommt durch den Schnee ins Schoenbrunn gestapft, ein Restaurant im Volkspark Friedrichshain an der Grenze zu Prenzlauer Berg, das eine Geschichte hat wie der Stadtteil: Zu DDR-Zeiten schon offen, war es in den Neunzigern spektakulär heruntergekommen und wurde für sporadische Partys zweckentfremdet. Um die Jahrtausendwende herum wurde es mit viel Marmor und geschickter Beleuchtung renoviert. Jetzt ist es voll mit glücklich lärmenden Jungfamilien und schwulen Paaren. Hegemann wohnt in der Nähe.

Sie hat dunkelblonde Haare, unter denen ihr Gesicht hervorschaut, einen bunten Kopfhörer um den Hals, und sie kann reden, reden, reden. Über die falsche Kapitalismuskritik der Berliner Theater und ihre verlogenen Versuche, die Finanzkrise zur Aktualisierung ihrer verstaubten Inszenierungen zu benutzen. Über die Geschlechterbilder im US-amerikanischen Rock der frühen Siebziger, über das Luxusbiotop Prenzlauer Berg, über Kinder und darüber, wie schwer es ist, das Leben zu leben, das man wirklich will.

"Wir Kinder vom Café Schoenbrunn" hätte sie ihren Roman auch betiteln können. Denn der plakative Exzess ist nur die eine Seite. Das Buch erzählt auch davon, wie schwierig es ist, im bunten Berliner Themenpark der alternativen Lebensstile einen Ort für die Rebellion zu finden. Wie es ist, Jugendlicher in einer Umgebung zu sein, die für die Elterngeneration ein großer Abenteuerspielplatz war und in der es nun keine Freiräume mehr zu erkämpfen gibt, weil die Eltern das schon erledigt haben.

"Ich fühle mich ja wohl hier", sagt sie. "Aber viele weigern sich anzuerkennen, dass wir nicht mehr 1994 haben, als hier alles noch umkämpft war. Das ist jetzt ein Erlebnispark. Und eben nicht mehr Punkrock und Revolution."

Als sie 1992 auf die Welt kam, war es noch so. Helene ist die Tochter von Carl Hegemann, dem legendären ehemaligen Chefdramaturgen der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wo seit 1992 unter dem Intendanten Frank Castorf all die Strategien ausgeheckt wurden, wie man einem Stadttheater neue Relevanz geben kann. Sie haben die Türen weit aufgerissen, das Haus für den Stadtteil geöffnet, die Subkulturen und den Pop hereingelassen. Neben Castorfs eigenen Inszenierungen waren die großen Christoph-Schlingensief-Spektakel die größten Erfolge dieser Freunde des erweiterten Theaterbegriffs. 2006 verließ Hegemann die Volksbühne, um eine Professur in Leipzig anzunehmen. Er pendelt von Berlin aus.

Auch Carl Hegemann kann reden, reden, reden. Als er einmal eine Diskussionsveranstaltung mit Michel Houellebecq moderieren sollte und dieser nicht auftauchte, redete Hegemann einfach anderthalb Stunden mehr oder weniger allein von der Bühne herunter. Es war wahrscheinlich besser, als jedes Gespräch mit dem Schriftsteller hätte sein können.

Das war im Jahr 2000, da war Helene in Bochum. Als Kleinkind war sie oft mitten drin gewesen im Volksbühnen-Wahnsinn, manchmal schlief sie während einer Premierenfeier hinter der Bühne. Dann trennten sich ihre Eltern, sie ging mit ihrer Mutter weg. Mit 14 kehrte Helene, nach dem Tod ihrer Mutter, zurück nach Berlin. Zu einem Vater, der, wie sie sagt, "Angst hatte, ich könnte sein Leben zerstören". Auch das ist Teil des Lebens der Boheme: Die Selbstverwirklichung verträgt sich schlecht mit der Verantwortung für andere.

Helene fing an, die Schule zu schwänzen, und zwar so richtig. "Ich hatte 160 Fehltage pro Jahr", sagt sie. Morgens verließ sie das Haus, fuhr ein wenig mit dem Bus herum, bis um zehn Uhr morgens das Kulturkaufhaus Dussmann aufmachte. Dort setzte sie sich hin und las, bis die ersten Filmvorführungen in einem der Berliner Kinos begannen. Die Folgen waren ernst. Die Polizei stand vor der Tür, Helene war kurz davor, in die Psychiatrie eingewiesen zu werden. "Es war asozial", fasst sie diese Zeit zusammen. "Beinahe hätte ich meinen Film nicht machen dürfen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
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1. Gut!
Ein netter Netter 21.01.2010
Ich habe ihr Buch gelesen. Wirklich beachtlich, dieses Talent zur Reflektion und Beobachtungsgabe, nicht nur "für eine 17-jährige". Ich hoffe, Sie kann das noch steigern. Was das Schreiben über Berlin-Mitte angeht, würde ich allerdings immer noch vorziehen, wenn der Autor von http://www.ichwerdeeinberliner.com noch mehr Beachtung fände. Was auf diesem Blog alles an scharfen, sezierenden Beobachtungen über das "hippe" Zentrum Deutschlands geleistet wird, wäre ebenfalls Wert, ein großes Publikum zu finden. Leider ist der Autor, "Wash Echte" nur zu sehr auf Geheimhaltung seiner Identität aus.
2. Super -neue Feuchtgebiete ?
juergw. 21.01.2010
Neues Wunderkind .......streckenweise schlicht unlesbar! Neues Qualitätsmerkmal in der Schriftstellerei ?? Hilfe ,Dankeschön ,brauche ich nicht .
3. Wunderkind? Roman?
kunstdirektor 21.01.2010
Danke für die Warnung.
4. über den begriff
propaganda, 21.01.2010
linksresignativ habe ich mich gerade gefreut. für 17 ganz schön abgeklärt.
5. Gähhn...
fatherted98 21.01.2010
Zitat von sysopDie Schülerin Helene Hegemann ist erst 17 und lebt in Berlin. In ihrem ersten Roman erzählt sie, wie schwer jungen Menschen die Rebellion fällt, wenn schon die Eltern Rebellen sind. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,672725,00.html
Es muss schon eine rechte Qual sein heutzutage als Jugendlicher aufzuwachsen...gähn...trotdem hört sich das unheimlich...uninteressant an. Tut mir leid, aber das werde ich sicher nicht zur Hand nehmen...
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