AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2010

Olympia Die versteckten Spiele

Von Andreas Meyhoff und

2. Teil: Hetze im Alpenidyll


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Winterspiele 1936: Wettkämpfe unterm Hakenkreuz
Schon kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurde Juden der Zuzug erschwert, Zettel und Tafeln mit der Aufschrift "Juden sind hier nicht erwünscht" wurden aufgehängt. 1934 wurde "das Handeln in jüdischer Sprache verboten" und Juden untersagt, im Ort eine Wohnung zu mieten oder zu kaufen.

Neun Monate vor Beginn der Spiele hatte die Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung ein solches Ausmaß angenommen, dass der Chef des Organisationskomitees, Karl Ritter von Halt, im Innenministerium in Berlin Alarm schlug. Er wolle nicht missverstanden werden, schrieb Halt, "ich äußere meine Sorge nicht deshalb, um den Juden zu helfen". Aber "wenn die Propaganda in dieser Form weitergeführt wird, dann wird die Bevölkerung von Garmisch-Partenkirchen so aufgeputscht sein, dass sie wahllos jeden jüdisch Aussehenden angreift und verletzt".

Die Hetze im Alpenidyll blieb dem Ausland nicht verborgen. Ein englischer Reporter, der im Vorfeld der Spiele ins Werdenfelser Land gereist war, hatte das Vereinshaus des "Ski-Clubs Partenkirchen" fotografiert, an der Wand ein Plakat mit der Aufschrift: "Juden Zutritt verboten!" Das Bild ging um die Welt. In den USA war bereits eine Boykottbewegung entstanden. Halt fürchtete nun um das gesamte deutsche Olympia-Projekt: "Wenn in Garmisch-Partenkirchen die geringste Störung passiert - darüber sind wir uns doch alle im Klaren -, können die Olympischen Spiele in Berlin nicht durchgeführt werden, da auch alle übrigen Nationen ihre Meldung zurückziehen werden."

Berlin reagierte. Der NSDAP-Gauleiter Adolf Wagner sorgte dafür, dass alle antisemitischen Schilder und Plakate entfernt wurden. Olympia konnte beginnen.

Kurz vor der Eröffnungsfeier herrschte mildes Föhnwetter, doch rechtzeitig fielen die Temperaturen, und als Hitler am 6. Februar 1936 um 10.55 Uhr mit dem Regierungssonderzug am Bahnhof Kainzenbad direkt am Skistadion eintraf, lag der Schnee 20 Zentimeter hoch. "Jubelnde Heilrufe steigerten sich zum Orkan", als Hitler auf dem Balkon im Skistadion erschien, so hieß es später im offiziellen Olympia-Bericht. 1100 Sportler und Funktionäre aus 28 Nationen marschierten ins Stadion ein. Viele reckten vor der Ehrentribüne ihren rechten Arm. Den olympischen Eid sprach Willy Bogner, dessen Sohn heute der Chef der Bewerberorganisation "München 2018" ist.

Das Sportfest lieferte die von den Nazis gewünschten Bilder. In den Hauptstraßen waren Hakenkreuzfahnen geflaggt. Das Publikum bejubelte großen Sport. Die Goldmedaille in der Alpinen Kombination holte der Berchtesgadener Franz Pfnür, abgeschlagen auf Platz 20 landete der polnische Meister Bronislaw Czech. Pfnür wurde später zur Belohnung zum Kaffee beim "Führer" auf den Obersalzberg eingeladen; außerdem trat er der SS bei. Czech schloss sich nach dem deutschen Überfall auf Polen einer Widerstandsgruppe in seiner Heimat an und arbeitete als Kurier. Über das Tatragebirge schmuggelte er Menschen und wichtige Dokumente nach Ungarn, bis ihn sein ehemaliger Trainer, ein Österreicher, an die Deutschen verriet. Als Häftling Nummer 349 kam Czech ins KZ Auschwitz. Dort starb er am 5. Juni 1944, mit 35 Jahren.

Olympia '36 hat Garmisch-Partenkirchen geprägt. Die Spiele bedeuteten für den Ort den Start in den Massentourismus. Dieses Jahr feiert die Marktgemeinde 75jähriges Bestehen.

Zum 60-jährigen Jubiläum der Winterspiele ließ man eine Festschrift drucken. Sie liegt auf dem Tisch im Büro von Bürgermeister Thomas Schmid. Er hat sie bringen lassen. Als Beweis.

Schmid, 48, ist seit 2002 im Amt, gilt als Modernisierer. Er hofft auf Olympia 2018, wodurch neue Luxushotels, ein neues Kongresszentrum, eine bessere Bahnanbindung an München entstehen würden.

Olympia '36? Alles bestens aufgearbeitet, sagt Schmid, "wir beschönigen nichts, wir gehen mit der Sache offensiv um". Ein Beispiel sei die Festschrift.

Auf dem Cover ist ein Skispringer in der Luft zu sehen. "Weltweit Bekanntheit und Anerkennung" habe Garmisch-Partenkirchen durch die Spiele 1936 erlangt, schreibt Schmids Vorgänger Toni Neidlinger im Vorwort, dann fügt er an, dass "die damaligen politischen Umstände keinen unbeschwerten Rückblick erlauben".

Es folgen Berichte über die sportlichen Ereignisse, Texte über deutsche Sieger wie Christl Cranz, Goldmedaillengewinnerin in der Alpinen Kombination. Die politischen Verhältnisse werden ausgeblendet.

Was kaum verwundert. Herausgeber der Schrift ist der Historiker Gert Sudholt, 66, ein Stiefsohn des einstigen stellvertretenden NSDAP-Reichspressechefs Helmut Sündermann. Sudholt leitet die Verlagsgesellschaft Berg, die seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird, er veröffentlicht Bücher, in denen die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg abgestritten wird. Sudholt ist Referent der "Gesellschaft für freie Publizistik", der größten rechtsextremistischen Kulturvereinigung in Deutschland. Er hatte den Text eines Holocaust-Leugners verbreitet und dafür 1993 einige Monate im Gefängnis gesessen, drei Jahre bevor er im Auftrag der Gemeinde Garmisch-Partenkirchen jene Festschrift herausgab, die jetzt von Bürgermeister Schmid als Beleg für vorbildliche Aufarbeitung präsentiert wird.

Schmid sagt, er habe bislang nichts von diesen Hintergründen gewusst. Er wirkt peinlich berührt, als er davon erfährt.

Natürlich steht in der Festschrift auch nichts darüber, was nach Olympia in Garmisch-Partenkirchen geschah. Die antijüdischen Schilder wurden wieder aufgestellt. Ab 1937 legte die Kurverwaltung allen Prospekten, die innerhalb Deutschlands verschickt wurden, Zettel bei, auf denen zu lesen war, dass "Juden unerwünscht" seien. Am 10. November 1938 mussten die letzten etwa 50 Juden, die noch in Garmisch-Partenkirchen lebten, innerhalb weniger Stunden den Ort verlassen. Einige von ihnen nahmen sich aus Verzweiflung das Leben. Das örtliche "Tagblatt" schrieb: "Nun sind wir wieder unter Deutschen!"

Im Juni 1939 vergab das IOC die Winterspiele 1940 trotzdem nochmals an Garmisch-Partenkirchen. Aber es kam nicht so weit. Wenige Monate nach dem IOC-Beschluss überfiel die Wehrmacht Polen, der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.

Eines der antijüdischen Schilder, die in Garmisch-Partenkirchen aufgestellt waren, hat Alois Schwarzmüller bei sich zu Hause aufbewahrt. Eine Bekannte, die es auf einem Dachboden gefunden hatte, überließ es ihm. Das kreisrunde Schild, mit Hakenkreuz auf gelbem Grund und der Aufschrift "Juden unerwünscht", wäre ein gutes Dokument für eine offizielle Ausstellung.

Alois Schwarzmüller glaubt nicht mehr daran. Er hat im Rathaus einen "verdrucksten, verklemmten" Umgang mit der NS-Geschichte ausgemacht. "Man fürchtet einen Imageschaden für den Ort", sagt Schwarzmüller.

So war es auch im Fall des Garmischer Fußball- und Leichtathletikstadions. Bis vor vier Jahren trug die Arena noch den Namen des Präsidenten vom Organisationskomitee der Winterspiele von 1936, Karl Ritter von Halt. Das damalige IOC-Mitglied war drei Monate nach Hitlers Machtübernahme der NSDAP und der SA beigetreten, später avancierte Halt als Vorstandsmitglied der Deutschen Bank zum Geldboten für den "Freundeskreis Heinrich Himmler". Der SS-Chef berief Halt noch kurz vor Kriegsende zum "Reichssportführer".

Nachdem sich ein Tourist darüber beschwert hatte, dass das Stadion nach einem hochrangigen Nazi benannt ist, wurde es im Sommer 2006 umgewidmet. Es heißt jetzt "Stadion am Gröben".

In einer E-Mail wurden Gemeinderatsmitglieder über die in aller Stille vollzogene Umbenennung informiert - mit der Bitte, "auf eine Behandlung dieses Themas in der Öffentlichkeit zu verzichten".



insgesamt 42 Beiträge
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Brand-Redner 22.01.2010
1. "Im Westen nichts Neues"
Zitat von sysopGarmisch-Partenkirchen bewirbt sich an der Seite von München um die Winterspiele 2018. Bereits 1936 war der berühmteste Skiort Deutschlands Olympia-Schauplatz. An die sportlichen Ereignisse von damals erinnert man sich im Alpenidyll gern - die politischen Umstände werden verdrängt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,672727,00.html
Das ist alles andere als neu. Die NS-Vergangenheit wird seit 65 Jahren immer wieder gern verdrängt - zum Erinnern haben wir doch die 40 Jahre DDR...
charliehotel 22.01.2010
2. Unfassbar...
..mit welchem Kleingeist diese Bewerbung einher geht. Ein offensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird (wie so oft in Deutschland) nicht als Chance, sondern als Makel verstanden. Es scheint sicher, als würde niemand etwas lernen wollen. Dieser Gemeinde sei - in dem oben genannten Sinne - ein Scheitern ihrer Bewerbung gewünscht. Und das wünsche ich nicht mit Missgunst, sondern aus Ehrlichkeit.
royal_rumble 22.01.2010
3. Sport
Es geht um Sport und nicht um Politik. Ereignis XYZ fand zwischen 1933 und 1945 in Deutschland statt - Da kann man schnell eine schöne Geschichte mit Nazis schreiben. Die Personen die damals dafür verantwortlich waren sind wahrscheinlich tot oder dement, und eine Ortschaft kann keine Schuld auf sich laden. Die endlose Politisierung von allem, was damals statt fand, nervt. Was will der Artikel uns denn überhaupt sagen? Der hat die inhaltliche Tiefe einer Staubsaugergebrauchsanleitung.
N-Dur 22.01.2010
4. Genau
Uneingeschränkte Zustimmung. Ich hatte ebenfalls einen netten, eigentlich kultiviert formulierten Kommentar gesendet. Leider sieht der sysop davon ab, ihn ebenfalls zu veröffentlichen...
edelmetall 22.01.2010
5. Pamphlete und ein Museum!!!
Sie können sich sicher sein, dass die Olympischen Winterspiele, sollte Garmisch den Zuschlag erhalten, nicht ohne ein Museum auskommen werden in dem jedem einzelnen Besucher klargemacht wird, dass Hitler von seinem `Führerbalkon` heruntergewinkt hat. Unter diesem Balkon lassen sich dann alle möglichen Leute photographieren. Aber eigentlich bin ich eh dafür, dass jeder nach Deutschland Einreisende sofort von der Gangway in einem 3. Reich Gedächtnissaal eine Schweigeminute einlegen muss...
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