AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2010

Orient Tausendundein Plan

Lange galt Marrakesch als großer Sehnsuchtsort der europäischen Boheme. Seit seiner Inthronisierung hat Marokkos König Mohammed VI. seinem Land eine milliardenteure Modernisierung verordnet - und die mythische Königsstadt wird zu einer Luxus-Enklave umgebaut.

Von Britta Sandberg


Fotostrecke

13  Bilder
Marrakesch: Wiederauferstehung einer Jetset-Legende
Salma Hayek kommt als eine der Ersten, auf schwarzen Sling-Pumps und im schulterfreien Gucci-Kleid geht sie die Marmorstufen zur Lobby hoch, vorbei an Kübeln mit weißen Rosen, an einer Nordafrika-Karte von 1923 und an Séparées mit tiefen Samtsofas. Unter einer handbemalten Holzdecke bleibt sie stehen.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 4/2010
Afghanistan - der 200-jährige Krieg

"Wunderbar", sagt Hayek, sie breitet die Arme aus, "überall so viel Geschichte." In einem ihrer Häuser, erzählt sie, habe sie jetzt sogar einen marokkanischen Salon eingerichtet.

Es ist ein Abend im November des vergangenen Jahres, der Abend, an dem La Mamounia wiedereröffnet wird, das große alte Hotel von Marrakesch. Salma Hayek, die mexikanische Schauspielerin, ist dafür aus Paris eingeflogen. Juliette Binoche, Jennifer Aniston und Paloma Picasso sind auch da.

Unten in der holzvertäfelten Bar sitzt Adrien Brody am Klavier, draußen am Pool küsst Orlando Bloom seine Freundin. Sarah Jessica Parker soll noch kommen, das "Sex and the City"-Team dreht gerade in der Stadt, José Carreras wird gleich singen.

Marrakesch, die alte Wüstenstadt, der Sehnsuchtsort der Hippies und des Jetsets der Sechziger, feiert seine Wiederauferstehung.

Wie aus dem Coffeetable-Book

Seit dem 11. September 2001 gehört Marokko eigentlich zu einer Welt, von der sich Amerika und der Westen bedroht fühlen. Sieben Monate nach dem Angriff auf das World Trade Center, am 11. April 2002, jagte ein Selbstmordattentäter in Tunesien, auf der Ferieninsel Djerba, eine Synagoge in die Luft. Im Mai 2003 zündeten Salafisten in Casablanca mehrere Bomben und töteten dabei 33 Zivilisten. Seit Januar 2007 gibt es die nordafrikanische Terrorgruppe "AlQaida des islamischen Maghreb", vor der auch der Bundesnachrichtendienst warnt.

Aber irgendetwas hier setzt die Angst und das diffuse Misstrauen gegenüber der muslimischen Welt außer Kraft, die reichen Westler suchen in Marrakesch, was sie zu Hause nicht finden: das Echte, das Gelebte, als wollten sie Leerstellen in ihrem Leben füllen.

Im Mamounia sieht Marrakesch tatsächlich so aus wie in den Coffeetable-Books, die schon seit Jahren auf europäischen Wohnzimmertischen liegen. Das Hotel, in dem schon Winston Churchill wohnte, in dem Alfred Hitchcock vor mehr als 50 Jahren "Der Mann, der zu viel wusste" drehte. Rita Hayworth und die Rolling Stones stiegen im Mamounia ab, und einmal zertrümmerte ein französischer Außenminister im Liebeswahn die halbe Zimmereinrichtung.

Sinnlichkeit und Authentizität

Heute besitzen Stars wie Madonna, Kate Moss, Gérard Depardieu und Richard Branson Villen in der alten Königsstadt. Tom Cruise und Katie Holmes suchen angeblich noch. Sie kommen mit leeren Koffern nach Marrakesch, um in den Souks einzukaufen, und schwärmen beim Frühstück am Pool von der Sinnlichkeit und Authentizität dieses Ortes. Naomi Campbell feierte vor kurzem mit 5000 Rosen, Bauchtänzerinnen und Folklore-Berbern ihren Geburtstag in der Stadt, die inzwischen aussieht, als hätte der Art-Director von "Elle Decoration" die arabische Welt neu erfunden.

Erdacht aber wurde sie in einem Business-Plan von Mohammed VI., dem König Marokkos. Er ist einer der reichsten Männer der Welt, auch am Mamounia hält er über Zwischenfirmen mehrheitlich die Anteile, wie er überhaupt mit seinen Unternehmen sechs Prozent des marokkanischen Bruttoinlandsprodukts bestreitet - das ist ungefähr 15-mal so viel wie Berlusconis BIP-Anteil in Italien. Als privater Unternehmer beschäftigt der König mehr als 30.000 Angestellte, und je stärker die marokkanische Wirtschaft wächst, desto reicher wird er.

Der König fährt Jet-Ski, liebt Ferraris und trägt Anzüge von Gianfranco Ferré. Anfang 2001 hatte er eine Idee: Marrakesch sollte zur neuen Hauptstadt der Celebrities werden, zur europäischen Luxus-Destination. All diese Reichen, die er jedes Jahr beim Winterurlaub in Courchevel sah, sollten auch in seine Stadt kommen.

"Plan Azur" kurbelt den Tourismus an

Außerdem wollte er in ganz Marokko den Tourismus ausbauen, die Besucherzahlen verdoppeln, Investoren ins Land bringen. Der König nannte das Projekt "Plan Azur", bis 2010 sollte es umgesetzt werden. Mohammed VI. hat in Südfrankreich Jura studiert und in Internationalem Recht promoviert, er regiert gern mit Plänen: Aus dem Königspalast in Rabat kommen Pläne zum Wirtschaftswachstum, zur Verbesserung der Außenhandelsbeziehungen des Landes und Pläne für eine neue Strategie in der Fischerei.

Der "Plan Azur" war ein nahezu unmögliches Unterfangen, im Jahr 2000 besuchten gut vier Millionen Touristen jährlich das Maghreb-Land, es gab kaum Infrastruktur, wenige gute Straßen, wenige Flugverbindungen. Ein Jahr später krachten Flugzeuge ins World Trade Center in New York und schürten weltweit eine neue Furcht vor allem Arabischen.

Doch die Strategie von Mohammed VI. ging auf. Die Stadt bekam einen neuen Flughafen, Marrakesch wurde durch eine Autobahn mit Casablanca verbunden. Ausländische Investoren bekamen günstige Grundstücke zugeteilt und müssen in den ersten drei Jahren keine Steuern auf ihre Gewinne zahlen.

insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Websingularität 28.01.2010
1. Geteilter Meinung
Naja, ich bin da etwas zwiegespalten. Das mit dem Sehnsuchtsort stimmt eigentlich schon, denn die Reichen suchen sich die ganzen Perlen heraus uns setzen sich breitärschig hinein. Andererseit muss man die Reichen und Wohlhabenden an ihrer Eitelkeit packen, denn wenn es mittlerweile "cool" ist, in einer armen Region eine Villa zu haben, ist das die beste Entwicklungshilfe. Das wünsche ich mir auch für ärmere afrikanische Staaten. Das erhöht bestimmt den Wohlstand (nach westlichen Maßstäben). Stellt sich nur die Frage, ob die Einheimischen diesen Lebensstil wollen (sofern sie daran teilhaben dürfen). Oft sind die Vorstellungen der Regierung nicht die des Volkes. Es ist gut möglich, dass die zunehmende Verwestlichung gewaltbereite Traditionalisten auf den Plan ruft. Marokko wird wieder zur Kolonie. Nur nennen sich die Kolonialherren diesesmal "Investoren". Trotzdem, Marrakech ist eine schöne Stadt. War selber schonmal dort. Einfach toll.
Grämlich 28.01.2010
2. Sehnsuchtsort?
Ein Blick auf das Klima in Marrakesch, und meine (sowieso nicht vorhandene) Sehnsucht ist beendet. 38° im Juli als Höchsttemperatur, kaum Niederschläge und entsprechend eine dürre Vegetation. Vielleicht ist dieser Ort eine kurze Urlaubsreise wert, das kann ich nicht beurteilen, weil ich selbst noch nicht da gewesen bin. Aber ein Sehnsuchtsort - der sollte ein schönes Klima haben und eine Kultur (Rechtsstaat und Religion), in der man sich aufgehoben fühlt.
bürgerschreck 28.01.2010
3. Und die Moral von der Geschicht....
Zitat von sysopLange galt Marrakesch als großer Sehnsuchtsort der europäischen Boheme. Seit seiner Inthronisierung hat Marokkos König Mohammed VI. seinem Land eine milliardenteure Modernisierung verordnet - und die mythische Königsstadt wird zu einer Luxus-Enklave umgebaut. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,673637,00.html
... ist, daß wir es niemandem außer uns gönnen in vernünftigen Verhältnissen zu leben. Das was in Marokko passiert, ist die Globalisierung! Und wenn sie dazu beiträgt, daß sich Marokko von Mittelalter in die Gegenward begibt, dann ist das ein guter Weg. Warum jammern? Nur weil einige überversorgte Mittelschichts-Spinner die "alte" Lebensweise in Marokko so niedlich fand?
juergw. 28.01.2010
4. Sehsuchtsort ?
Nun ja ,wenn die Fundamentalisten den König hinweg gefegt haben und mit ihrer Kalaschnikow an die Tür meiner Luxus Villa klopfen und mich auffordern als Ungläubiger schnellstens das Land zu verlassen-dann ist es mit der Sehnsucht schnell vorbei. Hätte man sein Palais doch lieber in der Schweiz gebaut...
salamalaikum 28.01.2010
5. Sex in Marrakesch
Es freut mich, dass meiner Heimatstadt so ein gründlicher Artikel gewidmet wird. Ich finde es allerdings schade, wenn immer nur Sexthemen distilliert werden (kürzlich stand auch in der WELT ein gänzlich irreführender Artikel zum Thema). Natürlich geht die Stadt ein, wenn man ihr den Sex verbietet, aber gilt das nicht auch für Berlin, Paris oder Barcelona? Lassen Sie mich feststellen: * ich schätze die Anzahl junger Frauen in Marrakesch auf eine viertel Million - davon haben 245000 abends ab 20 Uhr Ausgehverbot * die Mädchen, welche man abends antrifft, arbeiten auf eigne Rechnung oder wollen Spass haben; Zuhälterei bestaft Marokko brutalst * Hotels weisen gemischte Paare ohne Trauschein ab * es gibt keine ausgewiesenen Treffpunkte für Schwule, weder hammams, noch Discos, noch Bars. Zum Thema Pädophilie las ich von einem Fall in 5 Jahren - ich glaube, Pädopphile wissen, dass sie woanders weniger hart bestraft werden, vom Staat, von der Bevölkerung und von den eventuellen Mitinsassen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 4/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.