Von Britta Sandberg
Es ist ein Abend im November des vergangenen Jahres, der Abend, an dem La Mamounia wiedereröffnet wird, das große alte Hotel von Marrakesch. Salma Hayek, die mexikanische Schauspielerin, ist dafür aus Paris eingeflogen. Juliette Binoche, Jennifer Aniston und Paloma Picasso sind auch da.
Unten in der holzvertäfelten Bar sitzt Adrien Brody am Klavier, draußen am Pool küsst Orlando Bloom seine Freundin. Sarah Jessica Parker soll noch kommen, das "Sex and the City"-Team dreht gerade in der Stadt, José Carreras wird gleich singen.
Marrakesch, die alte Wüstenstadt, der Sehnsuchtsort der Hippies und des Jetsets der Sechziger, feiert seine Wiederauferstehung.
Wie aus dem Coffeetable-Book
Seit dem 11. September 2001 gehört Marokko eigentlich zu einer Welt, von der sich Amerika und der Westen bedroht fühlen. Sieben Monate nach dem Angriff auf das World Trade Center, am 11. April 2002, jagte ein Selbstmordattentäter in Tunesien, auf der Ferieninsel Djerba, eine Synagoge in die Luft. Im Mai 2003 zündeten Salafisten in Casablanca mehrere Bomben und töteten dabei 33 Zivilisten. Seit Januar 2007 gibt es die nordafrikanische Terrorgruppe "AlQaida des islamischen Maghreb", vor der auch der Bundesnachrichtendienst warnt.
Aber irgendetwas hier setzt die Angst und das diffuse Misstrauen gegenüber der muslimischen Welt außer Kraft, die reichen Westler suchen in Marrakesch, was sie zu Hause nicht finden: das Echte, das Gelebte, als wollten sie Leerstellen in ihrem Leben füllen.
Im Mamounia sieht Marrakesch tatsächlich so aus wie in den Coffeetable-Books, die schon seit Jahren auf europäischen Wohnzimmertischen liegen. Das Hotel, in dem schon Winston Churchill wohnte, in dem Alfred Hitchcock vor mehr als 50 Jahren "Der Mann, der zu viel wusste" drehte. Rita Hayworth und die Rolling Stones stiegen im Mamounia ab, und einmal zertrümmerte ein französischer Außenminister im Liebeswahn die halbe Zimmereinrichtung.
Sinnlichkeit und Authentizität
Heute besitzen Stars wie Madonna, Kate Moss, Gérard Depardieu und Richard Branson Villen in der alten Königsstadt. Tom Cruise und Katie Holmes suchen angeblich noch. Sie kommen mit leeren Koffern nach Marrakesch, um in den Souks einzukaufen, und schwärmen beim Frühstück am Pool von der Sinnlichkeit und Authentizität dieses Ortes. Naomi Campbell feierte vor kurzem mit 5000 Rosen, Bauchtänzerinnen und Folklore-Berbern ihren Geburtstag in der Stadt, die inzwischen aussieht, als hätte der Art-Director von "Elle Decoration" die arabische Welt neu erfunden.
Erdacht aber wurde sie in einem Business-Plan von Mohammed VI., dem König Marokkos. Er ist einer der reichsten Männer der Welt, auch am Mamounia hält er über Zwischenfirmen mehrheitlich die Anteile, wie er überhaupt mit seinen Unternehmen sechs Prozent des marokkanischen Bruttoinlandsprodukts bestreitet - das ist ungefähr 15-mal so viel wie Berlusconis BIP-Anteil in Italien. Als privater Unternehmer beschäftigt der König mehr als 30.000 Angestellte, und je stärker die marokkanische Wirtschaft wächst, desto reicher wird er.
Der König fährt Jet-Ski, liebt Ferraris und trägt Anzüge von Gianfranco Ferré. Anfang 2001 hatte er eine Idee: Marrakesch sollte zur neuen Hauptstadt der Celebrities werden, zur europäischen Luxus-Destination. All diese Reichen, die er jedes Jahr beim Winterurlaub in Courchevel sah, sollten auch in seine Stadt kommen.
"Plan Azur" kurbelt den Tourismus an
Außerdem wollte er in ganz Marokko den Tourismus ausbauen, die Besucherzahlen verdoppeln, Investoren ins Land bringen. Der König nannte das Projekt "Plan Azur", bis 2010 sollte es umgesetzt werden. Mohammed VI. hat in Südfrankreich Jura studiert und in Internationalem Recht promoviert, er regiert gern mit Plänen: Aus dem Königspalast in Rabat kommen Pläne zum Wirtschaftswachstum, zur Verbesserung der Außenhandelsbeziehungen des Landes und Pläne für eine neue Strategie in der Fischerei.
Der "Plan Azur" war ein nahezu unmögliches Unterfangen, im Jahr 2000 besuchten gut vier Millionen Touristen jährlich das Maghreb-Land, es gab kaum Infrastruktur, wenige gute Straßen, wenige Flugverbindungen. Ein Jahr später krachten Flugzeuge ins World Trade Center in New York und schürten weltweit eine neue Furcht vor allem Arabischen.
Doch die Strategie von Mohammed VI. ging auf. Die Stadt bekam einen neuen Flughafen, Marrakesch wurde durch eine Autobahn mit Casablanca verbunden. Ausländische Investoren bekamen günstige Grundstücke zugeteilt und müssen in den ersten drei Jahren keine Steuern auf ihre Gewinne zahlen.
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© DER SPIEGEL 4/2010
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