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Ausgabe 4/2010

Klima: Schmelzendes Vertrauen

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Peinliche Panne beim Weltklimarat: Die Vorhersage, wonach schon 2035 fast alle Himalaja-Gletscher verschwunden sein sollen, ist wissenschaftlicher Unsinn. Auch andere Prognosen beruhen auf fragwürdigen Quellen. Muss IPCC-Chef und Nobelpreisträger Rajendra Pachauri abtreten?

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Weltklimarat: Streit über Rajendra Pachauri
Das höchste Krisengebiet der Welt liegt am Siachen-Gletscher. In 6000 Meter Höhe stehen sich indische und pakistanische Soldaten in schwerbewaffneten Stellungen gegenüber. 4000 Männer sind im ewigen Grenzstreit der beiden Atommächte bereits gestorben - die meisten an der Kälte.

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Nun steht der Himalaja-Gletscher auch im Zentrum einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung. In seinem aktuellen Bericht sagt der Weltklimarat der Uno (IPCC) voraus: Schon 2035 werde die 71 Kilometer lange Eiszunge weggeschmolzen sein. Auch die übrigen 45.000 Eispanzer im höchsten Gebirge der Welt würden bis dahin fast vollständig verschwunden sein - mit drastischen Folgen für Milliarden Asiaten, deren Leben vom Wasser des Hochgebirges abhängt. Ökoaktivisten warnten vor einem Drama am "dritten Pol der Erde".

"Diese Prognose ist natürlich kompletter Unsinn", widerspricht der Gletscherforscher John Shroder von der University of Nebraska in Omaha. Seine Untersuchungen ergeben ein ganz anderes Bild.

Seit drei Jahrzehnten bereist der US-Glaziologe mit seinen Messinstrumenten die majestätischen Massive, besonders das des Karakorum. Was er dabei herausgefunden hat, deckt sich nicht mit der Einschätzung, die der Weltklimarat lange vertreten hat. Shroder: "Während etliche Gletscher schrumpfen, sind andere stabil; manche wachsen sogar."

Die Aufregung um die Himalaja-Gletscher ist groß in der Gemeinde der Klimaforscher. "Glaciergate" nennen einige bereits die Affäre, in der es um eine wissenschaftlich unhaltbare Behauptung in dem aktuellen, bereits 2007 erschienenen IPCC-Bericht geht. Vorige Woche hat der Weltklimarat die falsche Prognose zurückgezogen und sich für die Blamage entschuldigt.

Auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) ist verärgert. "Der Fehler im IPCC-Bericht ist gravierend und hätte nicht vorkommen dürfen", so Röttgen gegenüber dem SPIEGEL. "Wissenschaftliche Genauigkeit ist unabdingbare Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der politischen Schlussfolgerungen, die wir daraus ziehen." Der Minister glaubt zwar dennoch weiter an die generelle Beweiskraft des IPCC-Berichts. Doch zugleich fordert er: "Die Entstehung und die Kommunikation des Fehlers müssen grundlegend aufgearbeitet werden."

Warum aber ist der offensichtliche Unsinn nicht längst irgendeinem der 3000 Wissenschaftler aufgefallen, die am IPCC-Bericht mitgewirkt haben? "Das eigentliche Wunder ist, dass solch ein Schnitzer so lange unkorrigiert blieb", so Shroder.

Irren ist menschlich, verteidigen sich IPCC-Funktionäre wie Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: "Wegen eines Fehlers dürfen wir doch nicht die Glaubwürdigkeit eines fast 3000 Seiten langen Berichts in Frage stellen."

Andere Klimaforscher aber fordern Konsequenzen. Der IPCC-Chef und Nobelpreisträger Rajendra Pachauri sei untragbar geworden - vor allem auch wegen seiner persönlichen Verwicklung in die Affäre. "Pachauri sollte zurücktreten, um weiteren Schaden vom IPCC abzuwenden", verlangt etwa der deutsche Klimaforscher Hans von Storch. "Denn mit der angeblichen Gefährdung der Himalaja-Gletscher hat er persönlich Forschungsgelder eingetrieben." Die Rücknahme der falschen Prognose habe der Inder erst angeordnet, als der öffentliche Druck zu groß geworden sei.

Pachauri hingegen weist Rücktrittsforderungen zurück: "Ich habe den Auftrag, den fünften Sachstandsbericht zu leiten, und den werde ich sicher nicht aufgeben."

Ihren Anfang nahm die Prognose-Panne im Jahr 1999. In einem Artikel in dem populärwissenschaftlichen britischen Magazin "New Scientist", für den der indische Glaziologe Syed Hasnain interviewt wurde, tauchte die These vom Verschwinden der Himalaja-Gletscher bis 2035 auf.

Tatsächlich ist die konkrete Jahreszahl auf einen simplen Zahlendreher zurückzuführen: Der russische Eisforscher Wladimir Kotljakow hatte in einer drei Jahre zuvor publizierten Abschätzung tatsächlich von einem massiven Rückgang der Gletscherfläche geschrieben - allerdings bis zum Jahr 2350. "Alle Kontrollinstanzen des IPCC haben versagt", kritisiert der kanadische Geograf Graham Cogley.

Die Person Hasnain bringt den IPCC-Chef nun in Erklärungsnot. Denn der Glaziologe arbeitet mittlerweile am The Energy and Resources Institute (Teri) in Neu-Delhi, dessen Direktor wiederum Rajendra Pachauri ist. Hat Pachauri den Fehler in der Himalaja-Passage des IPCC-Berichts deshalb so lange verschwiegen?

Denn schon im November wurde die Fama vom jähen Ende der Himalaja-Gletscher ruchbar. Im Auftrag des indischen Umweltministeriums präsentierte ein Eisforscher eine Himalaja-Gletscher-Studie, die zu ganz anderen Ergebnissen kommt als der IPCC-Bericht. Pachauri verurteilte die neue Studie als "Voodoo-Wissenschaft".

Mitte Januar dann machte der "New Scientist" die Schludrigkeit in eigener Sache öffentlich - genau einen Tag nachdem IPCC-Chef Pachauri und sein Gletscher-Experte Hasnain eine Kooperation von Teri mit Island und den USA zur Erforschung der Himalaja-Gletscher bekanntgegeben hatten, die von der Stiftung Carnegie Corporation aus New York mit einer halben Million Dollar gefördert wird. "So wollte Pachauri möglicherweise mit seiner zögerlichen Aufklärung die Forschungsprojekte seines eigenen Instituts schützen", sagt Klimastatistiker Storch. Pachauri verteidigt sich hingegen mit Zeitmangel: "Alle im IPCC waren damals mit den Vorbereitungen für den Klimagipfel in Kopenhagen beschäftigt."

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Forum - Wie glaubwürdig sind die Prognosen des Uno-Weltklimarates?
insgesamt 2424 Beiträge
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1. Schau nach bei Climategate
besso 23.01.2010
allein die Tatsache, daß hier im AGW-lastigen SPON die Frage gestellt wird, beantwortet sie auch schon: Die Prognosen sind nicht glaubwürdig und waren es für denkende Menschen auch noch nie. Der UNO-Weltklimarat ist eine Institution, geschaffen für die Verkündung des drohenden Weltunterganges und gleichzeitiger Promotion des möglichen Ablasses: dem CO2-Zertifikatehandel
2. Na dann ....
ZWV@SPON 23.01.2010
Zitat von bessoallein die Tatsache, daß hier im AGW-lastigen SPON die Frage gestellt wird, beantwortet sie auch schon: Die Prognosen sind nicht glaubwürdig und waren es für denkende Menschen auch noch nie.
verweisen sie bitte auf die peer-reviewed Arbeiten, die ihre Aussage unterstützen. Wenn sie diese beisammen haben setzten sie dies den peer-reviewed Arbeiten gegenüber, die den vom Menschen mit verursachten Klimawandel bestätigen. Gruß Oli
3.
Petra 23.01.2010
Zitat von sysopDas Uno-Wissenschaftlergremium IPCC ist wegen angeblich fehlerhafter Prognosen zum Verschwinden der Himalaja-Gletscher ins Gerede gekommen - Forscher werfen dem Gremium falschen Umgang mit Daten vor. Wie glaubwürdig sind Prognosen des Uno-Weltklimarates noch?
Die Himalaya-Pleite an sich ist im Grunde ein nicht sonderlich wichtiger Fehler - gemessen am Ganzen. Ein Zahlendreher, Unachtsamkeit und schlampige Recherche, das kann immer mal vorkommen. Massiver aber ist das, was - wie bei den CRU-Emails - wieder einmal als Grundmuster deutlich wird und den eigentlichen Schaden stiftet: Eigene Qualitätsstandards werden läppisch unterlaufen (nur Peer-Review-Artikel, heißt es, aber dann stützt man sich auf populärwissenschaftliche Horror-Meldungen aus Öko-Aktivisten-Schriften, die auf Hörensagen beruhen). Eine angebliche IPCC-Erkenntnis wird lange auch dort noch verteidigt, wo es nichts zu verteidigen gibt. Pachauri sprach von den Vorwürfen als "Voodoo-Science", selbst Hinweise anderer Wissenschaftler aus dem eigenen Verein wurden ignoriert und abgebürstet. Gate-Keeping erster Güte "wir haben einfach recht auch wenn wir unrecht haben" funktioniert auf Dauer nicht. Mit falschen Zahlen eine Horrorbotschaft aufbauen, die zum Abzocken von Fördergeld verwendet wird, um damit den Urheber der Horrorbotschaft in Lohn und Brot zu setzen - das stinkt gewaltig. Seriosität ist eben ein flüchtiges Reh. Und selbstredend wirft das Schatten auf die Glaubwürdigkeit - wo hat man denn sonst noch im IPCC-Report Erkenntnisse aus der Bäckerzeitung als wissenschaftliche Forschungsergebnisse verkauft? Das andere ist die mediale Ausstrahlung: Ein im Grunde nicht so wahnsinnig erschütternder Fehler kann zum entscheidenden Tipping-Point der Akzeptanz werden. Das Grummeln im Redaktions-Untergrund, das sich bislang nicht traute laut zu werden, weil der politisch korrekte Mainstream dagegensteht, kann sich aus einem eigentlich eher kleinen, aber nachweisbaren Fehler die Berechtigung ziehen, nun mal richtig "IPCC-kritisch" zu werden. Und wie die Dynamiken solcher Prozesse nun eben sind - wenn erst mal das neue Themenfeld "IPCC-Kritik" gesellschaftsfähig wurde, gibt es kein Halten mehr... schließlich will man als Redaktion nicht zurückbleiben, wenn der Wind sich eventuell dreht in der Klimawelt, und eben haben die andern schon wieder einen Fehler gefunden... Auch bei SPON wird ja gerade in diesem Thread die Farge aufgeworfen: "Wie glaubwürdig sind Prognosen des Uno-Weltklimarates noch?" In der suggestiven Formulierung steckt kaum verhüllt eine andere Frage: Wie glaubwürdig sind Prognosen des Uno-Weltklimarates überhaupt?
4. Groteske Frage
Andreas2 23.01.2010
Im aktuellen IPCC Sachstandsbericht wird ein Abtauen der Himalayagletscher von 500.000 auf 100.000 Quadratkilometer prognostiziert. Hoffentlich weiß das der Himalaya, der nur rund 33.000 Quadratkilometer Gletscher besitzt, wie eine neue „Science“-Analyse zeigt. Das Malbuch meiner 5-jährigen Tochter ist ein ernstzunehmenderes Dokument als diese IPCC Lügengeschichten, die sich hauptsächlich auf WWF, Greenpeace und andere Lobbyisten stützen. Zumindest ist es mit mehr Sorgfalt erstellt.
5. .
shokaku 23.01.2010
Zitat von sysopWie glaubwürdig sind Prognosen des Uno-Weltklimarates noch?
Wie bei allen Religionen hängt die Glaubwürdigkeit einzig von der Stärke des Glaubens ab.
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IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen
Ziele
ESA 2004
Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...
Arbeitsgruppen
Der IPCC hat bisher 1990, 1995, 2001 und 2007 Berichte über den Stand der Klimaforschung abgegeben. An dem Bericht sind drei Arbeitsgruppen beteiligt: Arbeitsgruppe I stellt den Stand der Klimaforschung dar, fasst Daten und Computersimulationen zusammen und trifft Aussagen über die künftige Entwicklung. Arbeitsgruppe II berichtet über die möglichen Folgen der Erwärmung für Mensch und Umwelt, Arbeitsgruppe III über mögliche Gegenmaßnahmen.
Ergebnisse bisher
Im ersten Klimareport des IPCC von 1990 war noch von einem natürlichen Treibhauseffekt die Rede, der von Emissionen des Menschen verstärkt werde. Der Bericht von 2007 aber gab die Verantwortung eindeutig dem Menschen - und sorgte so weltweit für Schlagzeilen.

Der Report basiert auf Hunderten Modellrechnungen, ausgefeilten Computermodellen, zahllosen Studien und Messreihen. 450 Hauptautoren liefern die bisher genaueste Beschreibung dessen, was die Temperatur der Atmosphäre etwa seit dem Jahr 1800 in die Höhe treibt. Am letzten Bericht des IPCC haben 2500 Experten sechs Jahre lang gearbeitet.