"Diese Prognose ist natürlich kompletter Unsinn", widerspricht der Gletscherforscher John Shroder von der University of Nebraska in Omaha. Seine Untersuchungen ergeben ein ganz anderes Bild.
Seit drei Jahrzehnten bereist der US-Glaziologe mit seinen Messinstrumenten die majestätischen Massive, besonders das des Karakorum. Was er dabei herausgefunden hat, deckt sich nicht mit der Einschätzung, die der Weltklimarat lange vertreten hat. Shroder: "Während etliche Gletscher schrumpfen, sind andere stabil; manche wachsen sogar."
Die Aufregung um die Himalaja-Gletscher ist groß in der Gemeinde der Klimaforscher. "Glaciergate" nennen einige bereits die Affäre, in der es um eine wissenschaftlich unhaltbare Behauptung in dem aktuellen, bereits 2007 erschienenen IPCC-Bericht geht. Vorige Woche hat der Weltklimarat die falsche Prognose zurückgezogen und sich für die Blamage entschuldigt.
Auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) ist verärgert. "Der Fehler im IPCC-Bericht ist gravierend und hätte nicht vorkommen dürfen", so Röttgen gegenüber dem SPIEGEL. "Wissenschaftliche Genauigkeit ist unabdingbare Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der politischen Schlussfolgerungen, die wir daraus ziehen." Der Minister glaubt zwar dennoch weiter an die generelle Beweiskraft des IPCC-Berichts. Doch zugleich fordert er: "Die Entstehung und die Kommunikation des Fehlers müssen grundlegend aufgearbeitet werden."
Warum aber ist der offensichtliche Unsinn nicht längst irgendeinem der 3000 Wissenschaftler aufgefallen, die am IPCC-Bericht mitgewirkt haben? "Das eigentliche Wunder ist, dass solch ein Schnitzer so lange unkorrigiert blieb", so Shroder.
Irren ist menschlich, verteidigen sich IPCC-Funktionäre wie Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: "Wegen eines Fehlers dürfen wir doch nicht die Glaubwürdigkeit eines fast 3000 Seiten langen Berichts in Frage stellen."
Andere Klimaforscher aber fordern Konsequenzen. Der IPCC-Chef und Nobelpreisträger Rajendra Pachauri sei untragbar geworden - vor allem auch wegen seiner persönlichen Verwicklung in die Affäre. "Pachauri sollte zurücktreten, um weiteren Schaden vom IPCC abzuwenden", verlangt etwa der deutsche Klimaforscher Hans von Storch. "Denn mit der angeblichen Gefährdung der Himalaja-Gletscher hat er persönlich Forschungsgelder eingetrieben." Die Rücknahme der falschen Prognose habe der Inder erst angeordnet, als der öffentliche Druck zu groß geworden sei.
Pachauri hingegen weist Rücktrittsforderungen zurück: "Ich habe den Auftrag, den fünften Sachstandsbericht zu leiten, und den werde ich sicher nicht aufgeben."
Ihren Anfang nahm die Prognose-Panne im Jahr 1999. In einem Artikel in dem populärwissenschaftlichen britischen Magazin "New Scientist", für den der indische Glaziologe Syed Hasnain interviewt wurde, tauchte die These vom Verschwinden der Himalaja-Gletscher bis 2035 auf.
Tatsächlich ist die konkrete Jahreszahl auf einen simplen Zahlendreher zurückzuführen: Der russische Eisforscher Wladimir Kotljakow hatte in einer drei Jahre zuvor publizierten Abschätzung tatsächlich von einem massiven Rückgang der Gletscherfläche geschrieben - allerdings bis zum Jahr 2350. "Alle Kontrollinstanzen des IPCC haben versagt", kritisiert der kanadische Geograf Graham Cogley.
Die Person Hasnain bringt den IPCC-Chef nun in Erklärungsnot. Denn der Glaziologe arbeitet mittlerweile am The Energy and Resources Institute (Teri) in Neu-Delhi, dessen Direktor wiederum Rajendra Pachauri ist. Hat Pachauri den Fehler in der Himalaja-Passage des IPCC-Berichts deshalb so lange verschwiegen?
Denn schon im November wurde die Fama vom jähen Ende der Himalaja-Gletscher ruchbar. Im Auftrag des indischen Umweltministeriums präsentierte ein Eisforscher eine Himalaja-Gletscher-Studie, die zu ganz anderen Ergebnissen kommt als der IPCC-Bericht. Pachauri verurteilte die neue Studie als "Voodoo-Wissenschaft".
Mitte Januar dann machte der "New Scientist" die Schludrigkeit in eigener Sache öffentlich - genau einen Tag nachdem IPCC-Chef Pachauri und sein Gletscher-Experte Hasnain eine Kooperation von Teri mit Island und den USA zur Erforschung der Himalaja-Gletscher bekanntgegeben hatten, die von der Stiftung Carnegie Corporation aus New York mit einer halben Million Dollar gefördert wird. "So wollte Pachauri möglicherweise mit seiner zögerlichen Aufklärung die Forschungsprojekte seines eigenen Instituts schützen", sagt Klimastatistiker Storch. Pachauri verteidigt sich hingegen mit Zeitmangel: "Alle im IPCC waren damals mit den Vorbereitungen für den Klimagipfel in Kopenhagen beschäftigt."
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© DER SPIEGEL 4/2010
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