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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2010

Internet: "Dynamik der Meute"

Computerpionier Jaron Lanier über die entwürdigenden Folgen von Internetwerbung, Mobbing im Netz und die Geburt einer unmenschlichen Digital-Religion

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ddp

"Wer anonym ist, muss keine Konsequenzen fürchten"

SPIEGEL: Herr Lanier, Sie behaupten, im Internet verwandelten sich normale, vernünftige Menschen in einen Mob. Meinen Sie das wirklich ernst?

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Lanier: O ja, erst heute habe ich ein anonymes Forum gelesen, in dem die Leute das Ansinnen der "New York Times" kommentierten, künftig Geld für Online-Artikel zu verlangen. Die ersten Kommentare waren noch in Ordnung. Doch bald wuchs sich das Ganze zu einem teuflischen Gemetzel aus. Das ist keine Ausnahme, sondern ein typisches Muster im Netz.

SPIEGEL: Wie kommt es dazu?

Lanier: Die Anonymität spielt eine große Rolle. Wer anonym ist, muss keine Konsequenzen fürchten und erhält dennoch unmittelbare Genugtuung. Da wird ein biologischer Schalter umgelegt, und es entsteht eine richtige Meute. Das lässt sich auch in anderen Lebensbereichen beobachten. Wann immer sich Menschen mit einem starken gemeinsamen Glaubenssystem zusammenschließen, tritt meistens das Schlechteste zutage.

SPIEGEL: Auch das Internet ist für Sie eine Art Religion?

Lanier: Ich spreche von einer neuen, auf Technologie basierenden Religion. Das Internet ist zu einem singulären, antiindividualistischen Apparat geworden, der mit einer Art kollektivem Verstand arbeitet - ähnlich wie ein Bienenstaat.

SPIEGEL: Früher bewerteten Sie das Internet viel positiver. Was ist schiefgelaufen?

Lanier: Der Niedergang begann mit dem Versuch, im Netz Geld zu verdienen. Bislang ist dabei leider nur ein einziges erfolgreiches Geschäftsmodell herausgekommen: das der Werbung, wie Google sie betreibt. Soziale Netzwerke wie Facebook versuchen, diesen Erfolg nachzuahmen. Das Problem ist nur, dass sie dabei soziale Strukturen im Netz zerstören, die anfangs ziemlich gut funktionierten. Die Leute haben ja auch schon vor Facebook über das Internet miteinander kommuniziert.

SPIEGEL: Facebook macht es Nutzern wirklich leicht, mit alten Freunden Kontakt zu halten oder diese wiederzufinden.

Lanier: Aber zu welchem Preis! Machen Sie sich klar: Ihre gesamte Kommunikation mit Ihren Freunden gehört einem Unternehmen. Facebook presst die Nutzer in vorgestanzte Kategorien und reduziert sie zu Multiple-Choice-Identitäten, die an Marketing-Datenbanken verkauft werden können. Für mich ist es offensichtlich, dass, wer Web-2.0-Angebote wie Facebook nutzt, sich der Maschinerie unterwirft und es noch nicht einmal merkt.

SPIEGEL: Übertreiben Sie da nicht? Die Nutzer unterscheiden doch zwischen ihrem Facebook-Account und ihrem richtigen Leben.

Lanier: Ältere Leute nutzen Facebook tatsächlich, um wieder Kontakt zu alten Freunden aufzunehmen. Diese Beziehungen sind zuvor in der realen Welt entstanden. Ihnen ist bewusst, was echt ist und was nicht. Das Problem haben eher die Jungen. Auf sie kann das Facebook-Modell, was ein Freund ist und worum es im Leben geht, einen großen Einfluss haben.

SPIEGEL: Sie halten die jugendliche Begeisterung für derlei Kollektivismus sogar für angstgesteuert.

Lanier: Ja, die Dynamik der Internet-Meute bedingt, dass man am Ende mitmachen muss, um nicht selbst Opfer zu werden. Facebook-Accounts werden irgendwann verpflichtend. Die Teenager kommen nicht mehr darum herum, ihr Profil zu pflegen, weil es Teil ihres Lebens wird.

SPIEGEL: Kann sich denn nicht jeder im Internet so darstellen, wie er es gern hätte?

Lanier: Nein, das Netz lässt nur Konformismus zu. Es belohnt Leute, die in soziale Normen passen. Wer sich außerhalb der Norm bewegt, kann schnell zum Opfer werden. Wir haben inzwischen ein riesiges Problem mit Cyber- Mobbing. Hinzu kommt, dass es das Netz nicht erlaubt, sich selbst neu zu erfinden. Es vergisst nichts.

SPIEGEL: Zur Netzkultur gehört es auch, dass Software, Lieder, Filme oder Texte kostenlos zu haben sind. Sie selbst forderten von den Musikern früher, ihre Songs gratis zu verteilen. Geld sollten diese zum Beispiel mit dem Verkauf von T-Shirts verdienen. Heute kritisieren Sie diese Selbstbedienungskultur. Woher der Sinneswandel?

Lanier: Wenn das Kostenlosmodell funktionieren würde, hätten wir inzwischen Tausende Musiker, die ihre Musik kostenlos anbieten und trotzdem gut leben würden. Das ist nicht der Fall. Inzwischen glaube ich, dass es langfristig für alle besser wäre, wenn geistige Erfindungen bezahlt würden. Wenn alles Immaterielle gratis ist, werden wir alle zu digitalen Bauern, die für Lords der digitalen Wolken wie Google oder YouTube kostenlose Inhalte bereitstellen. Wenn man aber eine dynamische Welt will, in der jeder noch selbst erfinden, denken und seinen eigenen Weg suchen darf, brauchen wir Kapitalismus - gerade auch für den Geist. Intellektuelle Leistung muss wieder belohnt werden, und zwar individuell. Ein weiterer zentraler Fehler der derzeitigen digitalen Kultur ist es, Information aus verschiedensten Quellen so fein zu zerhacken, dass man am Ende nur noch einen einzigen globalen Brei hat.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Zwei Dinge...
jdm11000 26.01.2010
Zitat von sysopComputerpionier Jaron Lanier über die entwürdigenden Folgen von Internetwerbung, Mobbing im Netz und die Geburt einer unmenschlichen Digital-Religion http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,674057,00.html
...sind doch wirklich interessant und sollten weiter bedacht werden. 1. Die Reaktion der Nutzer, die in einem anonymen Kreis wirken. Das erinnert an die Diskussion bei uns bzgl der Voratsdatenspeicherung. In dieser Datensammlung ist jeder, zumindestens zeitlich begrenzt, tatsächlich ermittelbar. Sprich, es ist niemand anonym - wenn man von ein paar Ausnahmen absieht. Aber wer kennt schon alle Möglichkeitken sich zu verschleiern? Eben - nicht alle. 2. Die Frage eines Bezahlsysystems und der Frage, wie jemand mit seinem geistigem Eigentum umgehen kann. Die Abkehr vom Glauben der absoluten Billigkeit (Wertlosikgiet) eines Gedankens. Eines Gutes, was man ansonsten teuer bezahlen muss, ist beachtlich. Schließlich ist genau dies eine Frage, weshalb viele wirklich gute Erfinder, Künstler usw eben in Armut (auch) leben müssen. Allerdings war dies schon immer so - selten wurde ein Erfinder oder Künstler wirklich reich. Ich denke an Mozart, der starb auch verarmt und einsam - wie so viele.
2. re: Internet: "Dynamik der Meute"
Adnimistrator 26.01.2010
erstmal sacken lassen... aber wo er Recht hat, hat er Recht.
3. Interessant doch widerspruechlich
Andreas.Martin, 26.01.2010
Interessantes Interview, allerdings widerspricht sich Lanier: Er gib vor, dass "verquirlte Informationen" (z.B. Wikipedia), geschaffen aus einer Mehrzahl von Quellen und geschrieben von vielen Autoren irgendwann bedeutungslos werden. Er erwaehnt daraufhin die Bibel als Beispiel eines solchen Prozesses. Die juedisch-christliche Bibel in diesem Zusammenhang als einen Text "ohne Bedeutung" darzustellen ist eine voellig ignorante Unterstellung, die dem "digitalen Mobbing" gleichkommt, das er selber am Anfang des Interviews kritisiert hat.
4. Keine Zombies
Cooro 26.01.2010
Der erste Teil des Interviews war noch interessant und lesenswert. Aber im 2. Teil häufen sich ersponnene Horrorprophezeiungen und er fordert mehr Kapitalismus, um anschließend die Werbung, das Kapitalistischste, zu verdammen. Das Fernsehen hat die Menschen im grundsätzlichen Denken wenig verändert, also wird das Internet auch keine Zombies aus uns machen.
5. Gääääääääääähhhhhnnnnn
serdna 26.01.2010
Auch bei diesem Beitrag, Interview, Artikel bin ich nur mit Mühen über die ersten zwanzig Zeilen gekommen. Ich weiß, das gefällt der Journaille, das Internet Bashing, der Spiegel hatte sich ja mal seinen Frust von der Leber geschrieben, dann wurde es besser, aber jetzt geht`s wieder los. Umsatzprobleme, wegbrechende Anzeigenmärkte? Nein, man will über die 1000 von hochqualifizierten Foren zu allen möglichen Themen, z.B. www.wordreference.com, www.perlboard.de wo sachlich auf höchstem Niveau diskutiert wird, nicht reden. Man will nicht darüber reden, was das Internet im Bereich an Informatik und Didaktik derselben gebracht hat, wieviele Leute auf einmal hochkomplexe Programme schreiben können, man will über hochseriöse Ansätze wie www.abgeordnetenwatch.de, die Transparenz in das politische Geschehen bringen wollen, nicht reden, man will nicht darüber reden, was das Internet für die Wissensvermittlung leisten kann, man will nicht darüber reden, wie das Internet die Kreativität ankurbelt, auch im Bereich Musik. Man will ewig über den gleichen Scheiß reden, Facebook, der böse google etc. Wie wäre es mal mit Journalistenbashing? Über den Textbrei Quark, der sich allmorgendlich über die Gesellschaft ergießt mit abgeschriebenen DPA Artikeln und IQ im Gleichklang zur momentantanen Außentemperatur?
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Zur Person
Andy Freeberg
Lanier, 49, ist einer der profiliertesten Denker der digitalen Welt. Anfangs pries der Computerwissenschaftler das Internet noch als ideales Experimentierfeld menschlicher Kooperation. In seinem jüngst erschienenen Buch kritisiert er nun die Schattenseiten des Netzes.

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