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Ausgabe 4/2010

Mineralogie: Schleifstein der Schande

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Nach einem halben Jahrhundert wird das Kronjuwel des Königreichs Bayern erstmals wieder öffentlich gezeigt. Doch die Fachwelt ist empört: Der blaue Diamant wurde umgeschliffen.

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Diamanten: Die berühmtesten Juwelen der Welt
Im feinen Anzug durchschritten zwei Herren die videoüberwachte Sicherheitsschleuse und betraten den Laden des Juweliers Laurence Graff in London. Zu den Kunden des "Diamantenkönigs" gehören Victoria Beckham, Naomi Campbell und der Sultan von Brunei.

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Kaum im Verkaufsraum, zogen die Männer Handfeuerwaffen und räumten Armbänder und Ohrringe im Wert von rund 47 Millionen Euro ab. Ihr wahres Antlitz hatten sie unter täuschend echten Gesichtsmasken aus Latex versteckt.

"Großbritanniens größter Juwelenraub" (so der "Guardian") vom August vergangenen Jahres gibt der Polizei bis heute Rätsel auf. Die Beute ist noch immer verschwunden.

Dabei hatte der Geschädigte noch Glück. Sein größter Schatz, der "Blaue Wittelsbacher", lagerte zum Zeitpunkt des Überfalls in einem Sonderdepot. Manche glauben, die Diebe hätten es einzig auf ihn abgesehen gehabt.

Erst im Dezember 2008 wurde der Riesenstein nach einem Bietergefecht bei Christie's für den Rekordpreis von 18,7 Millionen Euro an Graff verkauft. Seit 1807 hatte er die goldene Bügelkrone Bayerns geschmückt. Später geriet er in Privathand und verschwand.

Angeschrägte Facetten - 4,5 Karat weniger

Ab diesem Donnerstag wird das Kleinod nun wieder öffentlich zu sehen sein. Das Naturkundemuseum in Washington (das bereits den angeblich verfluchten, 45-karätigen "Hope"-Diamanten beherbergt) hat eine Sonderschau angekündigt.

Doch die geplante Ausstellung löste schon im Vorfeld Empörung aus. Laurence Graff hat den "Wittelsbacher" umarbeiten lassen. Der sanfte, über 300 Jahre alte Rosenschliff wurde modern angesteilt und erhielt mehr Facetten.

Dadurch glänzt das Artefakt jetzt zwar noch blauer, sein "Feuer" hat sich verstärkt. Aber auch seine geschichtliche Gestalt ging verloren.

"Zum Lutschbonbon entwertet" sei der alte 35-Karäter, meint Hans Ottomeyer, Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin. "Es ist, als hätte man ein Rembrandt-Bild übermalt." Der Chemieprofessor Jürgen Evers von der Universität München nennt den Eingriff schlicht eine "Barbarei".

Selbst die Händlerszene ist böse. "Eine Schande ist das!", schimpft der Schatzmeister des Weltverbands der Diamantbörsen, Dieter Hahn aus Idar-Oberstein. Der derzeit beste Brillantschleifer des Erdenrunds - Gabriel Tolkowsky aus Antwerpen - sieht sogar das "Ende der Kultur" herannahen.

Etwa 4,5 Karat hat der neue Eigner von dem bläulichen Oval abwetzen lassen (ein Karat entspricht 0,2 Gramm). Sein Durchmesser wurde verkleinert, die Facetten sind angeschrägt, um eine höhere Lichtreflexion zu erzielen. "Graff wollte rücksichtslos den Marktwert steigern", klagt Ottomeyer.

Farbe im Diamanten: der schönste Makel der Welt

Offiziell heißt das Stück jetzt "Wittelsbach-Graff". "Diese Umbenennung", ärgert sich ein Fachmann, sei die "größte Frechheit".

Das Volk der Bayern ist damit seines alten Leitjuwels beraubt. Schon wegen seiner Stellung in der Farbskala ("deep blue") haftet dem Schmuck eine "stratosphärische" Seltenheit an, wie es in der Zunft überschwänglich heißt.

Nur unter Tausenden Diamanten ist statistisch gesehen einer richtig bunt. Die meisten davon sind gelb oder braun - wenig beliebte Tönungen.

Der "Wittelsbacher" aber strahlt in Azur, er glitzert wie der Himmel. Zudem stammt er aus den sagenhaften Kollur-Minen, einem Schluchtengebiet im altindischen Königreich Golkonda (in der Umgebung des heutigen Haiderabad).

Unter enormen Drücken wuchsen die Kohlenstoffkristalle dort in 150 Kilometer Tiefe heran. Vulkanisches Gebrodel drückte sie Richtung Oberfläche. Spuren von Bor färbten sie blau, durch Uranstrahlung wurden sie grün.

Alexander der Große, dessen Feldzug bis zum Indus reichte, ließ der Sage nach blutige Fleischbrocken in eine "Diamantenschlucht" werfen, an denen sich die Edelsteine anhafteten.

Auch Sindbad der Seefahrer erreichte im Märchen diesen Zauberort.

Inzwischen sind Golkondas Lager erschöpft; doch mineralogisch gesehen steht die Gegend immer noch einzigartig da. Einzig in dieser Fundstätte, wo einst Sklaven schufteten, kamen bis zu walnussgroße "Blaue" zutage. Nur vier sind insgesamt bekannt. Einer davon ist der "Wittelsbacher".

Sanft und behutsam war der Stein poliert worden, nach alter Technik. Erst später entwickelten Handwerker im Abendland immer härtere Schliffe - bis hin zum Brillanten, der das Licht über symmetrische Felder einfängt und glitzernd wieder auswirft.

So erhält der Stein Leben.

Vor allem Europas Hochadel gierte bald nach den funkelnden Symbolen der Ewigkeit. Vom Sonnenkönig Ludwig XIV. bis zum Zaren schmückten sich die Regenten mit Farbdiamanten vom fernen Subkontinent.

Als "Leitsteine" in den Kronen und Zeptern der Könige standen sie für den legitimen Anspruch auf Herrschaft, Macht und Besitz.

Beim Beschaffen der Luxusware ging es nicht selten ruppig zu. Der berühmte "Koh-i-Noor" ("Berg des Lichts"), strahlend hell und 105 Karat schwer, soll bereits 56 vor Christus einem indischen Helden gehört haben. Mogule und Maharadschas stritten sich um ihn.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 66 Beiträge
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1. ....
retmar 30.01.2010
Zitat von sysopNach einem halben Jahrhundert wird das Kronjuwel des Königreichs Bayern erstmals wieder öffentlich gezeigt. Doch die Fachwelt ist empört: Der blaue Diamant wurde umgeschliffen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,674059,00.html
Ich empfinde es als Barbarei, wenn die "Fachwelt" schon auf dem ersten Bild der Fotostrecke des Artikels von einer "Barberei" spricht. Ansonsten hat sich wieder einmal gezeigt was passieren kann, wenn Unikate in die Hände von Krämern und Banausen geraten, nur weil diese das nötige Kleingeld haben.
2. Na und
jgb 30.01.2010
Da wurde an einem Stück Kohle herumgefeilt und weiter. Wenn die Menschheit keine anderen Probleme hat. In Haiti wird auf offener Straße, ohne Narkose amputiert und hier regen sich ein paar künstlich auf, weil an einem Stück Kohle, nichts anderes ist ein Diamant, ein Gramm abgefeilt wurde. Und das im 21 Jahrhundert.
3. Historisch bedeutend?
mariusb7 30.01.2010
Ist der Kronjuwel irgendwie bedeutend? Dass das Ding um geschliffen wurde interessiert mich so wie ein Reissack in China, der umfällt.
4. Eigentum ist Eigentum...
chocochip, 30.01.2010
und der Eigentümer kann damit machen was er will und wenn der den Diamten in den Atlantik schmeisst oder verbrennt... Wenn die Öffentlichkeit und die Gilde der Schleifer soviel Interesse an dem Stein hat, hätte sie ihn kaufen sollen. Als Fasseratelier können wir die Aufregung nicht ganz nachvollziehen.
5. b
Klo, 30.01.2010
Zitat von mariusb7Ist der Kronjuwel irgendwie bedeutend? Dass das Ding um geschliffen wurde interessiert mich so wie ein Reissack in China, der umfällt.
Eben. Verkaufen den Klunker und rein in die Steuerkasse damit. Man könnte schön in Bildung investieren, anstatt einen nutzlosen Stein über Jahrhunderte in einen Safe einzuschließen und dann auch noch teuer vom Steuerzahler bewachen zu lassen. Es gibt keinen Nutzen mehr für Kronjuwelen und wird auch nie wieder einen geben. Also, weg damit. Das Klo.
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